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Forts. Der Zwischenfall in Antiochien und seine Folgen (Gal 2,11-14)
III. Konflikte und Konfliktlösungen nach der Apg
IV. Der Zwischenfall in Antiochien und seine Folgen (Gal 2,11-14) 1. Die Vertreibung der Hellenisten aus Jerusalem 2. Der Zwischenfall 3. Die Folgen: a. Die Kephas-Partei, pro Petrus - contra Paulus b. Paulus in Jerusalem (Apg 21,15-23,22) c. Paulus in Rom (28,16ff) 4. Lukas Beitrag zur Einheit der Kirche Anmerkungen
III. Konflikte und Konfliktlösungen nach der Apg
1. Apg 6,1-7; 8,1 Der Auszug der Hellenisten aus Jerusalem Hier geht es wohl um die einschneidendste Krise in der Anfangsgeschichte der Kirche. Es geht um das Auseinandertreten von zwei Gemeinden: der aramäischsprachigen judenchristlichen Gemeinde, die weiterhin unter der Leitung der Zwölf stand, und der von einem Sieben-Männer-Gremium geleiteten hellenistisch-judenchristlichen Gruppe. Die Gründe für diese Spaltung sind nicht nur in Unzulänglichkeiten der Versorgung der hellenistischen Witwen zu suchen. Vielmehr dürften Differenzen hinsichtlich des Inhalts und der Trägerschaft der Verkündigung ursächlich für die Spaltung gewesen sein: Ersteres ergibt sich aus den Vorwürfen gegen Stephanus (6,14), letzteres aus dessen Schilderung als geistesmächtiger Prediger und Missionar (6,6-8). Lukas teilt seinen Lesern über den Konflikt nur das Minimum dessen mit, was zum Verständnis der im Folgenden erzählten Stephanus-Verfolgung und zur Herkunft der nunmehr auf der Bildfläche erscheinenden Hellenisten erforderlich ist. Soweit 6,1-7 auf Tradition fußt, ist diese durch Lukas bis zur Unkenntlichkeit überformt worden (117). Dass Lukas auch von anderen Konfliktfeldern zwischen ‚Hebräern’ und ‚Hellenisten’ gewusst hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Jedenfalls legt der Umstand, dass er auch sonst jede Erwähnung von Lehrdifferenzen innerhalb der christlichen Gemeinde vermeidet, einen solchen Schluss nahe. Alles Gewicht liegt auf der Konfliktbewältigung (117). 2. Apg 11,1-18 Petrus erfährt Widerspruch durch die Urgemeinde Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer von Lukas völlig frei und ohne Traditionsgrundlage gestalteten Szene zu tun. Es handelt sich um die Darstellung einer innerkirchlichen Kontroverse: Petrus, die herausragende Gestalt in der ersten Hälfte der Apg, erfährt schroffen Widerspruch durch die übrigen Glieder der Jerusalemer Urgemeinde. Lukas vermeidet, die Apostel selbst als Kontrahenten des Petrus direkt zu benennen, indirekt sind sie jedoch in den Leuten mit enthalten. Diese werfen ihm den Kontakt und die Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen vor, was letztlich auf eine Infragestellung der Legitimität seiner missionarischen Zuwendung zu nichtjüdischen Menschen überhaupt hinausläuft (V3) (118f). Dass die Öffnung der Kirche für die Heiden ein schwieriger und umstrittener Prozess war, der gegen starke Opposition durchgesetzt werden musste, kann er nicht verschweigen. Hier veranschaulicht er die Schwierigkeit der Mission an ‚Gottesfürchtigen’, an Menschen, die bereits in einer relativen Nähe zum Judentum standen. Er tut dies in einer konstruierten Szene (119). Lukas berichtet diesen Konflikt so, dass er für den Leser bereits vorentschieden ist. Dieser kennt die vorhergegangene Erzählung von Kp 10. So bleibt für Lukas angesichts der Konfliktschilderung von 11,2f lediglich die Frage, wann und wie sich die Jerusalemer Judenchristen der unumgänglichen Einsicht in den bereits bekundeten Willen Gottes öffnen werden. In 11,4-11 wird er zum Zeugen dieser Öffnung gemacht: „Als sie das hörten, beruhigten sie sich und priesen Gott, indem sie sagten: Also auch den Heiden hat Gott die Umkehr zum Leben gegeben“ (V18). Die Funktion des Konflikts besteht darin, den Beteiligten die Augen zu öffnen für das, was jetzt nach dem Willen Gottes an der Zeit ist. Denn die Lösung des Konflikts besteht weder in der Durchsetzung einer Position gegen eine andere, noch in einem Ausgleich der Interessen auf mittlerer Ebene, sondern in der Erkenntnis des Weges, den Gott selbst seiner Gemeinde vorgezeichnet hat (119f). 3. Apg 15,1-35 das Apostelkonzil Lukas hat das vorgegebene Material stark durch seine eigenen Intentionen überformt. Der Konflikt entsteht dadurch, dass „einige, die von Judäa herabgekommen waren“, mit ihrer Forderung nach Beschneidung der Heidenchristen in Antiochien auftraten (V 1). Diese ‚einige’ sind in Jerusalem zum Glauben gekommene Pharisäer, von deren Zugehörigkeit zur Urgemeinde wir hier erstmals erfahren (V 5). Lukas setzt hier 11,1-18 voraus. Für ihn ist der anfängliche Widerstand der Urgemeinde gegen die Heidenmission seit der Petrus-Kornelius-Episode bereits ein für allemal überwunden. Da der das Apostelkonzil auslösende Streitpunkt nach Meinung des Lukas mit dem von 11,3 identisch war, mussten diejenigen, die jetzt widersprachen, deutlich von den damals Widersprechenden abgesetzt werden. Dies geschieht durch die Kennzeichnung als „Pharisäer, die zum Glauben gekommen waren“. Es handelt sich um einen Kreis, der an dem damaligen Lernprozess noch keinen Anteil haben konnte (120). In der Kontroverse zwischen Petrus und der Urgemeinde war es um die Möglichkeit der Aufnahme einzelner Gottesfürchtiger in die Gemeinde gegangen. Jetzt dagegen stand die volle Integration gesetzesfreier Heiden ohne Beschneidung zur Debatte (Anm. 25). Der Konflikt ist kein Konflikt mehr zwischen der Urgemeinde bzw. ihren maßgeblichen Gestalten und den Vertretern Antiochiens, sondern nur noch eine Kontroverse innerhalb der Jerusalemer Gemeinde, in der sich Befürworter und Gegner der Heidenmission gegenüberstehen, wobei die ersteren sich auf die bereits längst erfolgte Entscheidung des Streitfalls durch Gott berufen können (120f). Paulus (Gal 2) lässt erkennen, dass diese ‚Falschbrüder’ in ihrer Position von den ‚Geltenden’ keineswegs grundsätzlich getrennt waren. Wenn er von deren Verzicht auf die Beschneidung des Titus spricht (Gal 2,3), so tut er dies im Sinn einer Konzession, die er ihnen abgerungen hat (Anm. 26). Die Kornelius-Episode dient, wie schon in Kp 11, als Erweis für eine längst von Gott her erfolgte Richtungsbestimmung für die Kirche. Petrus und Jakobus machen sich zu Interpreten der von Gott bekundeten Heilsabsichten und seines bereits eingeleiteten Handelns. Damit bringen sie den Widerspruch der christlichen Pharisäer zum Schweigen. Der Missionsbericht des Paulus und Barnabas fällt ausgesprochen karg aus (V 4b) und die Petrusrede nimmt auf ihn keinen Bezug (121). Dass diese Richtung nun endgültig und von allen Gliedern der Kirche einmütig erkannt wird, ist der Skopus der lkn Darstellung des Jerusalem-Konflikts (121). 4. Gal 2,11-20 der Zwischenfall in Antiochien Das Aposteldekret ist erst nach dem Apostelkonzil entstanden und zwar als Kompromiss zur Schlichtung des in Antiochien aufgebrochenen Konflikts (122). Lukas berichtet von einer „heftigen Auseinandersetzung“ zwischen Paulus und Barnabas, die zur endgültigen Trennung zwischen beiden und zur Auflösung der missionarischen Partnerschaft führte (Apg 15,36-41). Die hierfür angeführte Ursache, nämlich das Bestehen des Barnabas auf der Mitnahme des von Paulus als Mitarbeiter abgelehnten Johannes Markus dürfte nur einen Teil des Konfliktpotentials benennen. Barnabas hatte sich theologisch auf die Seite der antiochenischen Mehrheit und damit gegen Paulus gestellt (Gal 2,13). Der Bruch mit Barnabas war zugleich der Bruch mit Antiochien. Dass Lukas das wusste, geht aus der weiteren Darstellung seines Weges in der Apg deutlich hervor. Er mildert die Härte des Konflikts, indem er, analog seinem Verfahren in Apg 6,1f, dessen theologische Komponenten ausklammert, ihn auf vordergründige Vorgänge reduziert und personalisiert (122). 5. Apg 21,17-26 Paulus dritter und letzter Jerusalembesuch Dieser Besuch diente der Überbringung der Kollekte, die Paulus als Zeichen kirchlicher Gemeinschaft galt (2Kor 9,10-14), deren mögliche Ablehnung er bang befürchtete (Röm 15, 30-32). Dass Lukas die Kollekte bewusst verschweigt, verrät sein Wissen von der Kollekte in 24,17. Die von ihm benutzte Quelle berichtete vom Scheitern des pln Vorhabens. Anscheinend hat Paulus, dem bei seinem Besuch der feindselige Widerstand der Mehrheit der Urgemeinde entgegenschlug, einen Kompromissvorschlag des Jakobus akzeptiert, seine Gesetzestreue dadurch zu beweisen, dass er einen Teil der Kollektensumme für die Ausweihung des Nasiräatsgelübdes einiger armer Judenchristen verwendete. Als er zu diesem Zweck in den Tempel ging, wurde er festgenommen. Die Gemeinde tat nichts zu seiner Befreiung und sie wies die Kollekte zurück (122f). Dies zu berichten, hätte für Lukas eine unerträgliche Infragestellung der ihn leitenden Vorstellung der von Gott über und durch alle Konflikte gewirkten Einmütigkeit der Kirche bedeutet. Den verfänglichen Kern der Konfliktszene bricht Lukas heraus, um den verbleibenden Rest so zu erzählen, dass er sich dem Einmütigkeitsprinzip notdürftig einordnen lässt. So betont Lukas zunächst die positive Aufnahme des Paulus durch die Jerusalemer Christen (Vv 17-20). Er vermeidet es, Jakobus eine kritische Äußerung gegen Paulus und sein Wirken in den Mund zu legen, denn dies wäre seinem Verständnis nach ein Rückfall hinter den durch frühere Konflikte durch Gott selbst dem Jakobus aufgenötigten Lernprozess (11,1-18). Diejenigen, die sich kritisch gegen Paulus wenden, sind zwar, wie in 15,5, streng gesetzestreue Judenchristen, aber sie kommen nicht direkt zu Wort. Ihre Meinung wird durch die Ältesten lediglich referiert. Diese referierte Kritik spart die gesetzesfreie Heidenmission aus, um sich ganz einem bislang in der Apg noch nicht diskutierten Thema, der vermuteten Apostasie des Paulus vom Judentum zuzuwenden (V21). Es besteht unter den strengen Judenchristen der Gemeinde der Verdacht, Paulus sei ein Apostat vom Judentum, der unter Juden den Abfall vom Gesetz lehre (123f). Die Konfliktlösung besteht in dem Vorschlag der Nasiräatslösung. Indem Paulus bereit ist, ihm zu folgen, demonstriert er seinen judenchristlichen Kritikern die Haltlosigkeit ihres Verdachts und erweist damit den Konflikt als Scheinkonflikt (124). 6. Die Ablösung des Petrus durch Jakobus in der Leitung der Urgemeinde Lukas weiß von ihr, erwähnt sie jedoch nirgends. Er überbrückt die Lücke durch die eindrucksvolle Legende von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (12,6-17), die er beziehungsvoll mit dem Abschied des Petrus aus Jerusalem und seiner Bitte, das Geschehene „Jakobus und den Brüdern“ zu berichten (12,17), beschließt. Dass es Auseinandersetzungen um Petrus aufgrund von dessen zu weitgehender Offenheit gegenüber Heiden (Apg 10) gegeben haben dürfte, die es der Gemeinde geraten sein ließen, ihn durch den in seiner jüdischen Haltung unverdächtigen Jakobus zu ersetzen, und dass die Gefangensetzung des Petrus durch Herodes Agrippa im Zusammenhang damit zu sehen sein könnte, liegt nahe, bleibt jedoch ungesagt (124). 7. Lukas Schweigen über den Tod des Paulus und über die Existenz einer christlichen Gemeinde in Rom Warum bricht Lukas seinen Bericht vor dem Tode des Paulus ab (28,30f), obwohl er von diesem Tode weiß (21,13)? Warum verschweigt er, von Andeutungen abgesehen (28,15), die Existenz einer römischen Christengemeinde und deren Verhältnis zu Paulus? Man wird die Möglichkeit, dass er auf diese Weise sich bemüht, Kontroversen der römischen Gemeinde um und mit Paulus, schwierige und belastende Vorgänge um seinen Tod, mit dem Vorhang des Vergessens zu verhüllen, ernstlich in Betracht zu ziehen haben (125). J. Roloff (1981): Einige Forscher haben vermutet, Lukas lasse die römische Gemeinde unerwähnt, weil er den Eindruck erwecken wolle, dass erst Paulus in Rom das Evangelium verkündet habe. In diesem Fall hätte er die Existenz römischer Christen in 28,15 ebenfalls verschweigen müssen. Ungleich mehr hat die Vermutung für sich, dass Lukas über die Gemeinde schweigt, weil er weiß, dass ihr Verhältnis zu Paulus nicht eindeutig war. So wird man die Bemerkung in 1Clem 5,5-7, wonach Petrus und Paulus in Rom „wegen Eifersucht und Neid“ zu Tode gekommen sind, dahingehend verstehen müssen, dass innergemeindliche Kontroversen und Parteiungen zumindest zu den indirekten Ursachen für den Lebensausgang der beiden Apostel gezählt haben. Es ist nicht undenkbar, dass aus Gruppenrivalitäten gespeiste Intrigen mit Schuld getragen haben an der schlimmen Wendung, die sein Prozess genommen hatte. Lukas hat diese Vorgänge verschwiegen, um das von ihm durchweg programmatisch gezeichnete Bild einer von Konflikten freien kirchlichen Harmonie nicht zu beeinträchtigen (372). F. Mußner: Zwischen Petrus und Paulus gab es Spannungen heftigster Art. Nach dem Tod der beiden zeigen sich bedeutende Versuche zu einer ‚Versöhnung’ der beiden Gestalten. Der beachtlichste unter ihnen findet sich im NT in der Apg. Petrus wird in ihr zum Vertreter des Paulinismus und Paulus in die Kirche der ‚Apostel’ eingebunden als ‚der dreizehnte Zeuge’. Die koinonia (Gemeinschaft), zu der es nach Gal 2,9 zwischen Paulus und den ‚Säulen’ der Urgemeinde gekommen war, wird in der Apg zum bewussten Programm erhoben. Die Apg (Kp. 10, 11, 15) lässt deutlich erkennen, dass Lukas um die alten Kämpfe einschließlich des Streits um die Tischgemeinschaft weiß. Lukas denkt ökumenisch. Er denkt Petrus und Paulus zu einem ökumenischen Zweigespann zusammen (125f). IV. Der Zwischenfall in Antiochien und seine Folgen (Gal 2,11-14) 1. Die Vertreibung der Hellenisten aus Jerusalem ”Es erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung” (Apg 6,1). L.M.: Das Übersehen hatte System. Es ging um ein Problem zwischen Hebräern und Hellenisten, das Lukas auf ein Übersehen der griechischen Witwen reduzierte. ”Es erhob sich eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem; da zerstreuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien, außer den Aposteln” (Apg 8,1). Es ist unwahrscheinlich, dass eine ganze Gemeinde verfolgt wurde, die Führer der Gemeinde aber, die Zwölf Apostel, unbehelligt blieben. Wahrscheinlich betraf die Verfolgung nur die 'Hellenisten' (griechisch sprechende Judenchristen), denn ihre Gesetzeskritik provozierte einen Streit mit den gesetzestreuen 'Hebräern' (aramäisch sprechende Judenchristen). Zu den Hellenisten gehörten die Diasporajuden, für die die Gesetzesfreiheit eine enorme Erleichterung für ihr Leben in einer nichtjüdischen Umgebung bedeutete. Durch die Vertreibung der Hellenisten aus Jerusalem entstanden zwei Zentren christlicher Gemeindebildung: Jerusalem und Antiochien, die jeweils ganz verschieden ausgerichtet waren. Jerusalems Christengemeinde war nach der Vertreibung der Hellenisten eine gesetzestreue Gruppe aramäisch sprechender Christen, eine Sonderrichtung innerhalb des Judentums. Die Gemeinde in Antiochien bestand zunächst aus hellenistischen Judenchristen, später zum großen Teil aus unbeschnittenen Heidenchristen; das Gesetz war für sie nicht verbindlich. (Viele Gottesfürchtige konnten jetzt Mitglied der Gemeinde werden, ohne sich dem mosaischen Gesetz verpflichten zu müssen). Griechisch war die Sprache dieser Gemeinde. (Vielleicht waren ähnliche Unruhen zwischen Hebräern und Hellenisten in der römischen Synagoge Anlass für Kaiser Claudius, 49 n. Chr. das Judenedikt zu erlassen!) Judenchristen betrieben gegen die Gesetzesfreiheit der Heidenchristen Agitation und bereiteten der antiochenischen Mission ernsthafte Schwierigkeiten. Auf dem Apostelkonzil in Jerusalem (s.Anm.) erkannten die Führer der Jerusalemer Gemeinde, Jakobus, Kephas und Johannes, die Selbstständigkeit der gesetzesfreien Heidenmission an. ”Bevor einige von Jakobus kamen, aß er (Petrus) mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete” (Gal 2,12). Weil Petrus angeblich die aus dem Judentum fürchtete und heuchelte, stellte Paulus Petrus öffentlich zur Rede: ”Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben” (Gal 2,14) Warum hatte Paulus Petrus falsche Motive unterstellt? Petrus fürchtete keineswegs die aus dem Judentum, noch hatte er geheuchelt, er hatte lediglich gemäß dem Jerusalemer Abkommen gehandelt. Der Vorwurf, ”er zwinge die Heiden jüdisch zu leben” widersprach seiner liberalen Haltung. Die Liberalität des Petrus hatte sich in seiner selbstverständlichen Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen gezeigt und auf dem Apostelkonzil, wo er mit Jakobus und Johannes die Selbstständigkeit der gesetzesfreien Heidenmission problemlos anerkannte (Gal 2, 3-10). Petrus war Fischer und deshalb wahrscheinlich kein Gesetzeseiferer. Als Privatperson hatte Petrus mit den Heidenchristen Tischgemeinschaft gehalten. Als Amtsperson, als ehemaliger Leiter der Urgemeinde, war er auf das Jerusalemer Abkommen verpflichtet, an dessen Zustandekommen er wesentlich beteiligt war. Mit dem durch Paulus verursachten Zwischenfall hatte Paulus das Jerusalemer Übereinkommen gebrochen. Dort war nur vereinbart, dass Heidenchristen gesetzesfrei leben durften. Für Judenchristen hatte sich nichts geändert, d. h. es war ihr gutes Recht, die Gesetzeserfüllung ernst zu nehmen.
Der Zwischenfall war Wasser auf die Mühlen der Paulusgegner,
der Judaisten, der 'Eiferer' für das Gesetz (Apg 21,20).
Aber auch diejenigen unter den Christen, die Paulus zunächst gewogen waren,
die Liberalen, mußten ihn jetzt als Abtrünnigen sehen. Nachwirkungen des Zwischenfalls sind Paulus Briefen nach Galatien, Philippi, Thessalonich und Korinth zu entnehmen. a. Pro Petrus - contra Paulus In Korinth hatte es eine Kephaspartei gegeben. Das legt für H. Lietzmann den Schluss nahe, dass sie ebenso wie die beiden anderen Parteien, die des Apollos und die des Paulus (1Kor 1,10-17), von ihrem Namenshelden gegründet ist, dass also Petrus in Korinth gewesen ist. Dann spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass er es gewesen ist, der das Aposteldekret dorthin gebracht und es in Jerusalemer gesetzlichem Sinne interpretiert hat. Über die Forderungen hat es lebhafte Diskussionen in der Gemeinde gegeben. Auf eine briefliche Anfrage (1Kor 8,1) hat Paulus eingehend dazu Stellung genommen in den Kp 8 – 10 (298). Man hatte Paulus falsche Aussagen unterstellt: „Ist es so, wie wir verlästert werden und einige behaupten, dass wir sagen: „Laßt uns Böses tun, damit Gutes daraus komme“ (Röm 3,8)? „Sollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade um so mächtiger werde“?, „Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind“ (Röm 6,1.15)? L. Wehr schreibt: Man forderte, die Verkündigung des Paulus einer Untersuchung zu unterziehen. Paulus reagiert: „mir ist es ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde...“ (1Kor 4,3); Paulus musste um seine Anerkennung als gleichberechtigter Apostel ringen: „Bin ich für andere kein Apostel, so bin ich es doch für euch; denn das Siegel meines Apostelamtes seid ihr in dem Herrn“ (1Kor 9,2): „Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben... ihr seid ein Brief Christi durch unseren Dienst zubereitet ...“ (2Kor 3,2f). „Ich bin nicht weniger als die ‘Überapostel’, obwohl ich nichts bin“ (2Kor 12,11). Sie „sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi“ (2Kor 11,13). Paulus hat „viel mehr gearbeitet als sie alle“ (1Kor 15,10; 2Kor 11,23). Paulus hat mit seiner ganzen Existenz dem Evangelium gedient. Auf den Vorwurf, er verkünde etwas anderes als die anderen Apostel betont Paulus die Gemeinsamkeiten mit den übrigen Aposteln: „es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt“ (1Kor 15,11). Hatte die Kephas-Partei Paulus vorgeworfen, dass er sich selbst in die Reihe der Auferstehungszeugen einreihte (1Kor 15,8), obwohl er nicht dazugehörte, denn die Auferstehungserscheinungen galten als zeitlich begrenzt? Paulus begründet seinen Apostolat mit seiner besonderen Berufung und mit der Gnade Gottes, die ihn trotz seiner ehemaligen Verfolgertätigkeit zum Apostel eingesetzt hatte. Er setzt sein Damaskuserlebnis den Ostererscheinungen gleich. Damit sagt er, wie er diese versteht. Wahrscheinlich war die Debatte um das Götzenopferfleisch (1Kor 8) durch die Kephas-Partei verursacht. Die ‘Schwachen’, die das Fleisch wie Götzenopferfleisch essen und deren Gewissen befleckt wird, weil es schwach ist, haben mit dem pln Freiheitsverständnis ihre Schwierigkeiten. Hatte die Kephas-Partei sich auf das Aposteldekret (s. Anm.) berufen und damit auf einer grundsätzlichen Enthaltung von Götzenopferfleisch bestanden (122ff)? In Jerusalem und in den mit ihr verbundenen Gemeinden Judäas mußten die Auswirkungen sehr viel intensiver gewesen sein, weil ihr ehemaliger Leiter, Petrus, von Paulus öffentlich zur Rede gestellt worden war und weil diese Gemeinden im Synagogenverband bzw. in der Tempelgemeinschaft unter orthodoxen Juden lebten, die ihren Glauben an Jesus von Nazareth tolerierten, nur weil sie das Gesetz und die jüdischen Ordnungen beachteten.
Seit dem Apostelkonzil mußten die Leiter der Jerusalemer Gemeinde,
Jakobus und die Ältesten, die Gesetzesfreiheit der
heidenschristlichen Gemeinden anerkennen und gleichzeitig die eigene Existenz
in der Tempel-/Synagogengemeinschaft durch Gesetzestreue sichern.
Mit dem Zwischenfall in Antiochien hatte Paulus Jakobus und den Ältesten
erhebliche Schwierigkeiten bereitet.
Vor dem Zwischenfall konnten die Ältesten der Urgemeinde die Judaisten
in Schach halten, indem sie auf das Abkommen verwiesen. Nach dem Zwischenfall war das nicht
mehr möglich. Die Judaisten konnten jetzt ungehindert aktiv werden. In Philippi gab es Prediger, die Christus „aus Neid und Streitsucht“ predigten, „aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir (Paulus) Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft“ (Phil 1,15.17). In Antiochien stand die Gemeinde wahrscheinlich auf Petrus Seite (Gal 2,13). Hatte Paulus deshalb Antiochien verlassen? Fortan trug er alleinige Verantwortung für das Fortbestehen der von ihm gegründeten Gemeinden. Mit dem Galaterbrief hatte Paulus die Situation weiter verschärft. Selbst von liberalen Judenchristen musste er als Kampfansage verstanden worden sein. Paulus schreibt, dass es gerade für Juden darauf ankommt, zu erkennen, dass niemand aus Gesetzeswerken gerecht wird (Gal 2,16) und “In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur” (6,15). “Wenn ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, habt ihr Christus verloren und seid aus der Gnade gefallen” (5,4). “Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus” (3,28). Damit hatte Paulus die Sonderstellung der Urgemeinde in Frage gestellt: 'In Christus' waren alle hergebrachten religiösen, kulturellen und sozialen Besonderheiten und die sich darauf gründenden Ansprüche aufgehoben. Der Zwischenfall in Antiochien bedeutete Streit um das Bekenntnis, Streit um die Vorrangstellung Jerusalems, Streit um den Primat (Paulus-Petrus). b. Paulus in Jerusalem (Apg 21,15-23,22) Lange Zeit hatte Paulus in der Illusion gelebt, die Urgemeinde stünde hinter ihm. Seit dem Röm (15,30f) weiß er um die erheblichen Spannungen zwischen ihm und der Urgemeinde. In Judäa hatte Paulus zwei Gegner: die Ungläubigen, das sind orthodoxe Juden, und die Heiligen, das sind Judenchristen. Die Spannungen zwischen Paulus und der Urgemeinde waren so groß, dass er eine fremde Gemeinde, die römische, um Gebetsunterstützung bat: “Ich ermahne euch, liebe Brüder..., dass ihr mir kämpfen helft durch eure Gebete für mich zu Gott, damit ich errettet werde von den Ungläubigen in Judäa und mein Dienst, den ich für Jerusalem tue, den Heiligen willkommen sei” (Röm 15,30 f). Trotz der konträren Bekenntnisse (das Bekenntnis der Urgemeinde lautete: Christus und das Gesetz) war Paulus äußerst bestrebt, wenigstens einen Minimalkonsenz der Einheit, die Fürsorge für einander aufrecht zu erhalten. Paulus selbst fuhr nach Jerusalem, um die Kollekte zu übergeben. Paulus Einheitsbemühungen scheiterten. Seine Kollekte wurde nicht angenommen, wie wir aus seiner Verteidigungsrede in Cäsarea vor dem Statthalter Felix hören: „Nach mehreren Jahren bin ich gekommen, um Almosen für mein Volk (nicht für die Glaubensbrüder) zu überbringen und zu opfern“ (Apg 24,17). Paulus war gescheitert. War all seine Arbeit und Mühe umsonst? Er hatte mehr gearbeitet als alle anderen (1Kor 15,10; 2Kor 11,23). Das, was er vermeiden wollte, war eingetreten. 48 n. Chr. war er zum Apostelkonzil nach Jerusalem hinaufgezogen, um sich mit den ‘Säulen’ Jakobus, Petrus und Johannes, über sein Evangelium zu besprechen, „damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre“ (Gal 2,2). Was haben die Vertreter der Gemeinden, die Paulus für die Kollektenübergabe begleiteten, ihren Gemeinden berichtet? Paulus wusste, welche verheerenden Folgen die jerusalemer Ereignisse für seine Gemeinden haben würden. Seine Gegner, die Judaisten in Philippi und in den galatischen Gemeinden und die Kephaspartei in Korinth hatten jetzt mächtig Auftrieb bekommen. Ihr Urteil über Paulus, dass er ein Abtrünniger war, hatte sich bestätigt. In Jerusalem war es wegen Paulus zum Aufruhr gekommen, man wollte ihn töten. Römische Soldaten retteten ihn, indem sie ihn verhafteten und ins Gefängnis nach Cäsarea brachten. Nach einer zweijährigen Haft dort (Apg 23,23 - 26,32) wurde er nach Rom gebracht. Die verheerenden Folgen der jerusalemer Ereignisse nahmen ihren Lauf. c. Paulus in Rom (Apg 28,16ff) (s. Text 15) Paulus schweigt über die römische Gemeinde. Er erwähnt lediglich vier römische Christen: Eubulus, Pudens, Linus und Klaudia (2Tim 4,21).
Auch in der Apostelgeschichte kommt die römische Gemeinde nicht in den
Blick. In Apg 28,15 schreibt Lukas nur:
”Dort [in Rom] hatten die Brüder
von uns gehört und kamen uns entgegen... Als Paulus sie sah, dankte er
Gott und gewann Zuversicht”.
Paulus mußte Mut fassen, weil er wusste, dass er den römischen Christen
nicht willkommen war. Von ungläubigen römischen Juden hörte Paulus: “Wir haben deinetwegen weder Briefe aus Judäa empfangen noch ist ein Bruder gekommen, der über dich etwas Schlechtes berichtet oder gesagt hätte” (Apg 28,21). Diese Auskunft suggeriert, dass Paulus in der römischen Gemeinde keine Gegner hatte, denn Lukas verschweigt die Aussagen der römischen Christen – und nur diese sind entscheidend. Dieser Text ist ein indirekter Beweis dafür, dass es in der römischen Gemeinde Briefe und Boten der Urgemeinde gab, die schlecht über Paulus sprachen. Im 2Tim nennt Paulus viele Namen, aber darunter sind keine römischen Christen. Wenn seine vielen Freunde und Mitarbeiter aus Röm 16 (s. Anm.) in Rom gewesen wären, hätte Paulus in der römischen Gemeinde eine starke Lobby gehabt; sie hätten ihn besucht und Paulus hätte den einen oder anderen Namen im 2Tim erwähnt. In Cäsarea hatte Paulus nur noch drei judenchristliche Mitarbeiter: Aristarch, Markus und Jesus Justus. Sie sind ihm zum Trost geworden: “Von den Juden sind diese allein meine Mitarbeiter am Reich Gottes, und sie sind mir ein Trost geworden” (Kol 4,10f). Die römische Gemeinde hatte zum gefangenen Paulus keinerlei Kontakt. Onesiphorus mußte “eifrig suchen”, bis er Paulus fand (2Tim 1,17). (Petrus soll seit ca. 59 bis zu seinem Tod in Rom gewesen sein.) Paulus hatte bittere Enttäuschungen durch Mitarbeiter erlebt: ”Das weißt du, dass sich von mir abgewandt haben alle, die in der Provinz Asien sind” (2Tim 1,15) (alle, nicht nur einige). Phygelus und Hermogenes müssen bekannte Gemeindeleiter gewesen sein, deren Frontwechsel von Bedeutung war. Dass die Galater sich von Paulus abgewandt hatten, kann man Röm 15,26 entnehmen, wo Paulus schreibt: "(nur) die in Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Gabe zusammengelegt für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem." D.h. die Geldsammlung, die Paulus in den galatischen Gemeinden angeordnet hatte (1Kor 16,1), war nicht zu Stande gekommen. Paulus gab nicht auf: "Ich bin eingesetzt als Apostel für das Evangelium. Deshalb leide ich dies alles; aber ich lasse mich nicht unsicher machen, denn ich weiß, an wen ich glaube, und ich bin gewiß, er (Gott) kann mir bewahren, was mir anvertraut ist, bis an jenen Tag" (2Tim 1,11f). Gott wird ihm sein Werk, seinen Einsatz für das Evangelium bewahren. Paulus hat den guten Kampf des Glaubens gekämpft, er hat den Glauben bewahrt (2Tim 4,7). Paulus ist gewiß: "sterben wir mit, so werden wir mit leben; dulden wir mit, so werden wir mit herrschen" (2Tim 2,11f). 4. Lukas Beitrag zur Einheit der Kirche - Paulus - Petrus Um der Einheit willen setzt Lukas eine klare Hierarchie. Paulus wird Petrus untergeordnet. Petrus ist der erste Missionar der Heiden (Apg 10). Er ist der Gründer der Heidenmission und damit der Gründer der Kirche. Petrus ist der Anwalt des Paulus und seiner Mission (Apg 15). Paulus führt das Werk des Petrus lediglich weiter. Apostel sind nur die Augenzeugen. Der Aposteltitel wird Paulus konstant verweigert. Paulus wird den Zwölf Aposteln sekundär zugeordnet. Sein Evangelium und den Geist empfängt er aus der kirchlichen Tradition der Zwölf Apostel (gegen Gal 1,12). - Paulus und die Urgemeinde Lukas zeichnet ein Bild der Einmütigkeit (Apg 21,17-20a): Paulus wird von den Brüdern mit Freude aufgenommen. Er erstattet gegenüber Jakobus und den Ältesten Bericht. Sie anerkennen seinen Dienst, den er unter den Heiden ausgeübt hat, als Werk Gottes und preisen Gott dafür. Das Problem (20b,21): Unvorstellbar viele Juden waren gläubig geworden und sie alle waren “Eiferer für das Gesetz”. Die Kennzeichnung “Eiferer für das Gesetz” lässt den Widerstand gegen Paulus erkennen; “zig tausend” Judenchristen wollten das Gesetz gegen den “Gesetzesfeind” Paulus verteidigen. Sie haben Pauschalurteile über Paulus: er lehne das Gesetz des Mose, die Beschneidung und die jüdischen Ordnungen ab. Die Lösung (22,24.26): Nachdem Paulus seine Gesetzestreue unter Beweis gestellt hat, sind nach Lukas die Probleme zwischen Paulus und den “zig tausend” Judenchristen überholt. Die Judenchristen sind für das weitere Geschehen nicht verantwortlich. Juden aus Asien – nicht Judenchristen aus Jerusalem noch Ungläubige aus Judäa – sind für den Aufruhr und die Verhaftung des Paulus verantwortlich (Apg 21,27ff). Die zusammengelaufene Volksmenge lauscht gespannt der Evangeliumspredigt des Paulus (Apg 21,40). - Paulus und die römische Gemeinde Lukas beendet die Apg ohne die römische Gemeinde und ihre Gleichgültigkeit gegenüber Paulus zu erwähnen. Stattdessen läßt er die Angesehendsten der Juden zu Paulus kommen, um zu hören, was er denkt (Apg 28,17.22). Noch einmal zeigt Lukas, dass die Juden das ihnen angebotene Heil ausschlagen. Gleichzeitig weckt Lukas mit diesen Versen und mit 30f die Illusion, daß man in Rom an Paulus interessiert sei, daß man hören möchte, was er zu sagen hat. Genau das Gegenteil ist der Fall. "Paulus blieb zwei volle Jahre in seiner eigenen Wohnung und nahm alle auf, die zu ihm kamen, predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert" (Apg 28,30f). Lukas schönes Szenario steht im Kontrast zu Paulus wahrer Situation. Lukas verkündet: die Zeit der frühen Kirche war eine Zeit völliger Eintracht und inneren Friedens. Folgende Probleme werden verschwiegen: Der Zwischenfall in Antiochien, die erheblichen Schwierigkeiten in der korinthischen Gemeinde und Titus, der die Gemeinde für Paulus wieder zurückgewann, das Scheitern des Einheitswerks des Paulus, die Ablehnung der Kollekte. Lukas hat Paulus zentrales Anliegen, die Einheit der Kirche, auf seine Weise umgesetzt. Ist er der Verfasser der Apg (s. Anm)? Das Apostelkonzil 48 n. Chr. (Apg 15) Nach Paulus gab es auf dem Apostelkonzil nur eine mündliche Vereinbarung, die mit einem Handschlag bestätigt wurde (Gal 2,9). Die 'Säulen' der Urgemeinde, Jakobus, Kephas und Johannes, hatten die Gesetzesfreiheit der Heidenchristen anerkannt. Sie hatten Paulus keinerlei Auflagen gemacht, nur, dass er an die verarmte Gemeinde in Jerusalem dächte (Gal 2,6.10). Das Aposteldekret (Apg 15,20.29; 21,25)
Nach dem Zwischenfall in Antiochien war eine Regelung des praktischen
Zusammenlebens, nämlich der Mahlgemeinschaft zwischen Juden- und
Heidenchristen notwendig geworden. Eine Trennung von Abendmahl und
Sättigungsmahl war noch nicht erfolgt (1Kor 11,25; 2Ptr 2,13; Jud 12). Röm 16 war wahrscheinlich als Brief nach Ephesus gesandt mit einer Kopie von Röm 1-15. Es ist unwahrscheinlich, dass Paulus in einer ihm unbekannten Gemeinde so viele Freunde und Mitarbeiter hatte, mit denen er innig verbunden war, wie die vielen Namenszusätze in Röm 16 zeigen: “Grüßt Epänetus, meinen Lieben, der aus der Provinz Asien der Erstling für Christus ist” (5). “Grüßt Andronikus und Junia, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln und schon vor mir in Christus gewesen sind” (7). “Grüßt Rufus, den Auserwählten in dem Herrn, und seine Mutter, die auch mir eine Mutter geworden ist” (13) usw.
Unter den Gegrüßten befinden sich einige, die man in Ephesus
lokalisieren würde wie z. B. Priska und Aquila (2Tim 4,19),
Epänetus, Andronikus und Junia, Paulus Mitgefangene (in Ephesus?),
"who have been in prison with me" (Röm 16,7 NIV).
Man nimmt deshalb an, dass Röm 16 nach Ephesus gesandt worden war.
Wenn die vielen Mitarbeiter und Freunde aus Röm 16 in Rom gewesen wären,
wäre Paulus in der römische Gemeinde bekannt,
d.h er müßte den Römerbrief nicht so ausführlich schreiben. Mit der Gemeinde in Ephesus war Paulus eng verbunden. Dort hatter er drei Jahre gearbeitet und viele Freunde und Mitarbeiter gewonnen. Es ist verständlich, dass Paulus auch ihnen einen Brief sandte: nämlich Röm 16 mit einer Kopie seines wichtigsten Briefes (Röm 1-15), zumal er nicht sicher war, ob sein Brief in der römischen Gemeinde angenommen und verlesen werden würde. Seit dem Röm wusste Paulus, wie umstritten seine Stellung in der Urgemeinde war (Röm 15,31) und mit welchen Schwierigkeiten er deshalb rechnen mußte. Der Verfasser der Apg Die Apg wurde ca. 25 Jahre nach dem Tod des Paulus geschrieben. Trotz seiner eigenständigen Theologie könnte Lukas, ein zeitweiliger Reisebegleiter des Paulus, der Verfasser der Apg sein: Lukas hatte Paulus Isolierung miterlebt und miterlitten. Als alle Paulus verlassen hatten, war er als einziger noch bei ihm (2Tim 4,11). Er wusste, dass Briefe und Boten der Urgemeinde in der römischen Gemeinde schlecht über Paulus gesprochen hatten (Apg 28,21). Er hatte erfahren, wie sehr Paulus Mut fassen musste (Apg 28,15). Diese Notiz kann nicht erfunden worden sein. Lukas hatte ein anderes Verhältnis zur Geschichte als wir es heute haben. Unsere historische Frage kannte er nicht. Seine Unbekümmertheit gegenüber einer historischen Genauigkeit ist uns seit der Aufklärung verloren gegangen. Hunziger, Claus Hunno, NT-Einführungsvorlesung, Universität Hamburg Jeremias, Joachim, Die Briefe an Timotheus und Titus, NTD 9, 1975 Lietzmann, Hans, Kleine Schriften II, 1958 Lüdemann, Gerd, Paulus, der Heidenapostel, Bd II, 1983 Mußner, Franz, Petrus und Paulus – Pole der Einheit, 1976
Roloff, Jürgen, Die Apostelgeschichte, 1981
Wehr, Lothar, Petrus und Paulus, Kontrahenten und Partner, 1996 (referiert in wörtl. Anlehnung) |