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Diesseitseschatologie - Jenseitsschatologie
I. Diesseitseschatlogie ?
Wiederkunft Jesu? 1. Der Glaube an die sichtbare Wiederkunft Christi kann "nicht mehr als gewiß gelehrt werden" 2. Endgeschichtliche Eschatologie? 3. Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik 4. Christlicher Glaube und apokalyptische Welterfahrung 5. Exkurs: Die apokalyptische Vorstellung von einem tausendjährigen Reich (Offb 20) II. Jenseitseschatlogie 1. Hellenistische Eschatologie im NT 2. Individuelle Eschatologie im Lk-Ev und in der Apg a. Ein “unvergänglicher Schatz in den Himmeln” (Lk 12,33) b. Die “Freunde”, die euch “in die ewigen Zelte aufnehmen” (Lk 16,9) c. “Heute wirst du mit mir im Paradies sein” (Lk 23,43) 3. Jesus als König im Joh-Ev
I. Diesseitseschatlogie?
1. Der Glaube an die sichtbare Wiederkunft Christi kann "nicht mehr als gewiß gelehrt werden"
‘Un décret du Saint-Office’
Über die Lehre, nach welcher der Christus am Ende der Zeiten sich von neuem in sichtbarer Gestalt unter den Menschen offenbaren wird, wird nun entschieden, dass sie „nicht als gewiss gelehrt werden könne“. Was auch unter der endzeitlichen Wiederkunft Christi zu verstehen sein mag - jedenfalls kann nach päpstlicher Entscheidung nicht mehr als sicher gelehrt werden, dass es sich um ein sichtbares Wiedererscheinen Christi handeln soll. Nicht irgendeine traditionelle Auffassung, sondern gerade die biblische Lehre selbst ist in diesem Fall der päpstlichen Glaubensbehörde zweifelhaft geworden. Mit dem neuzeitlich-wissenschaftlichen Weltbild hat sich als unvereinbar erwiesen: himmlische Wolken, auf denen man durch den Weltraum fahren kann, gibt es in und an dem wirklichen Himmel, mit dem es die Meteorologie und Astronomie zu tun haben, nirgends, ebenso wenig einen himmlischen Thron, auf dem man ‘zur Rechten Gottes sitzen’ und den man zur Erdenfahrt durch das Universum der Fixsterne und Planeten wieder verlassen kann. "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi" (2Kor 5,10) Die künftige Offenbarung der Herrschaft Christi Das Ostergeschehen erlebten die Jünger als die Aufstellung ihres Herrn im Himmel. Gott hatte sich zu Jesu Messianität bekannt: Gott hatte Jesus “von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles” (Eph 1,20-22). Der Erniedrigte ist der erhöhte Herr. Die Herrschaft Christi ist gegenwärtig verborgen und deshalb nur dem Glauben offenbar. Auch die wahre Kirche ist verborgen, obgleich sie schon hier auf Erden Christi Leib ist. Denn wo das Evangelium gepredigt wird, ist Christus selbst mit allen seinen Gütern und Gaben da. Christus herrscht durch sein Wort und durch seinen Geist. Jesus wird in Herrlichkeit allen Menschen in ihrem Tod erscheinen zum Gericht und zur Heilsvollendung. 2. Endgeschichtliche Eschatologie?
a. Barths Desinteresse an einer endgeschichtlichen Eschatologie
In seiner Auslegung von 1Kor 15 spricht Barth sein völliges Desinteresse an einer endgeschichtlichen Eschatologie aus. Das Ende ist jeder Zeit nahe, und die größten, auch ‘supranaturalen’ Katastrophen würden kein Mehr oder Weniger bedeuten gegenüber anderen Zeiten (Kr. 42f). Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Dass auch die Gegenstände der biblischen Anschauungswelt zum Vergänglichen gehören, dass sie dienen und nicht herrschen, bedeuten und nicht sein wollen, darüber lässt uns die Bibel selbst jedenfalls nicht im Zweifel. Von letzten Dingen würde nur reden, wer vom Ende aller Dinge reden würde, vom Ende der Geschichte, vom Ende der Zeit (B. 59). In seiner Auslegung von Röm 13,11ff sagt Barth: “Unvergleichlich steht der ewige Augenblick allen Augenblicken gegenüber, gerade weil er aller Augenblicke transzendentaler Sinn ist”. Barth redet von diesem ewigen Augenblick als der qualifizierten Zeit, die mit keiner Stunde an sich zusammenfällt, aber doch immer da Ereignis wird, wo Gottes Wort uns aus dem Schlaf aufweckt. Die Ewigkeit von der hier die Rede ist, ist die Aufhebung aller Zeit. Darum ruft er uns zu: “Will das unnütze Gerede von der ‘ausgebliebenen’ Parusie denn gar nicht aufhören? Wie soll denn ‘ausbleiben’ was seinem Begriff nach überhaupt nicht ‘eintreten’ kann? Denn kein zeitliches Ereignis, kein fabelhafter ‘Weltuntergang’ ist das im NT verkündigte Ende, sondern wirklich das Ende, so sehr das Ende, dass die neunzehnhundert Jahre nichts zu bedeuten haben, was seine Nähe oder Ferne betrifft (Kr. 43). Wer heißt uns diese ewige Wahrheit abzuschwächen zu einer zeitlichen Wirklichkeit? Wer heißt uns die Erwartung des Endes zur Erwartung eines groben, brutalen, theatralischen Spektakels zu machen und, wenn dieses mit Recht ‘ausbleibt’, uns getrost wieder schlafen zu legen? Nicht die Parusie ‘verzögert’ sich, wohl aber unser Erwachen. Erwachten wir, erschräken wir vor der Tatsache, dass wir in jedem zeitlichen Augenblick tatsächlich an der Grenze aller Zeit stehen. Wir würden darin, dass der ewige Augenblick nicht ‘eintritt’ (nie eingetreten ist und nie eintreten wird) die Würde und die Bedeutung des uns gegebenen zeitlichen Augenblicks, seine Qualifizierung und sein ethisches Gebot erkennen” (B. 484f).
b. Die Vollendung und das Ende der Geschichte
Der Ertrag der Geschichte liegt nicht in ihrem zeitlichen Endzustand vor, sondern wird in dem Jenseits der Geschichte erhoben. Und die Vollendung der Geschichte ist weder als ein geschichtlicher Endzustand zu denken noch in besondere Beziehung zu diesem zu setzen. Die ‘letzten Dinge’ haben mit der letzten Periode der Geschichte nichts zu tun. Die Eschatologie ist an der Frage nach einem geschichtlichen Endzustand nicht interessiert. Sie hat daher auch nicht die Aufgabe, Aussagen über eine zu erwartende Entwicklung oder über eine Abfolge von Perioden der Geschichte zu machen (64). Die Eschatologie ist von Haus aus als Lehre von einem geschichtlichen Idealzustand aufgetreten. Das Zukunftsbild der israelitischen Propheten ist, trotz übergeschichtlicher Züge, zunächst endgeschichtlich-realistisch, also diesseits gedacht. Als dann später die personalistische Eschatologie mit ihrer notwendig übergeschichtlichen Art in den Gesichtskreis tritt, bedeutet der Chiliasmus, als Annahme eines Zwischenreiches auf Erden, eine Verbindung beider Gedankenreihen: er bietet die Möglichkeit, die übergeschichtlich-jenseitige Form der Hoffnung und die endgeschichtlich-diesseitige durch Verteilung auf zwei Stadien gleichzeitig zu behaupten. Das ist der Sinn des Chiliasmus. Das Urchristentum erwartet eine geschichtliche Periode der vollkommenen Herrschaft Christi auf Erden, ist also chiliastisch bestimmt. Für Jesus ist das Nebeneinander des Realistischdiesseitigen und des Übergeschichtlichen bezeichnend und gibt einen Eindruck von seiner untheoretischen, ‘undogmatischen’ Gesammeltheit auf die Gotteserwartung selber nach ihrem zentralen Inhalt (65). Kritik an den Formen endgeschichtlicher Eschtalogie: die weltliche sucht ihre Begründung in dem Begriff des Fortschritts in der Geschichte, die biblizistische in einem besonderen Begriff der Heilsgeschichte (69). Der realistische Biblizismus hob hervor, dass viele der herrlichsten, Israel betreffenden Weissagungen noch nicht erfüllt sind. Das Zukunftsbild bekam sehr konkrete und realistische Züge: die Erwartung von Israels herrlicher Zukunft und Bedeutung in dem irdischen Reich Christi (75). Urstand und Sündenfall sind nicht ein Mythos, den wir um der ersten Blätter der Bibel willen übernähmen, sondern Tatbestände, deren Wirklichkeit in dem Schuldbewusstsein, da, ganz individuell, uns doch mit aller Menschheit zusammenschließt, verbürgt ist. Gerade das Schuldbewusstsein führt zu der Gewissheit, dass wir alle den Urstand erlebt und die Urtat vollzogen haben bzw. den Urstand erleben und die Urtat vollziehen. Der Gedanke des Urstandes ist ein Ausdruck für die jedem lebendigen Gewissen eigene Gewissheit, dass wir in der Sünde in jedem Momente nicht einer Naturnotwendigkeit unterliegen, sondern gegen unsere schöpfungsmäßige Bestimmung streiten und unser Wesen zerstören. Urstand und Sündenfall sind als überzeitliche Tatbestände zu denken, die eben damit allgegenwärtig sind (83). Entsprechend ist über das ‘Ende’ der Geschichte der Menschheit mit Gott zu urteilen. Die Heilsgeschichte hat in jedem Geschlecht ihren Anfang und will in jedem Geschlecht, nachdem es vor Christus stand, vollendet werden. Wie wir den Urstand und Sündenfall nicht in der Geschichte hinter uns suchen, so auch die Vollendung nicht am zeitlichen Ende der Geschichte. Auch hier sprechen wir von etwas Überzeitlichem. Wir erreichen die Vollendung nicht, indem wir die Längslinie der Geschichte bis zum Ende durchziehen, sondern indem wir überall Senkrechte auf ihr errichten. D.h. wie jede Zeit dem Urstand und Sündenfall gleich nahe ist, so ist auch jede gleich unmittelbar zur Vollendung. Jede Zeit ist in diesem Sinne letzte Zeit. Letzte Zeit ist offenbar erst dagegeben, wo die Höhe der Heilsgeschichte in Christus erlebt wurde. In diesem Sinne kann es letzte Zeit erst seit Christus geben, nur für ein Geschlecht, das vor ihm stand (84). Gott handelt mit uns, das begründet Universalität und überzeitliche Gegenwart seiner Geschichte. Gott handelt mit uns in der zeitlichen Geschichte, das begründet Ungleichmäßigkeit, Partikularität und Periodizität seiner Geschichte. Es bleibt das Problem, wie sich die Vollendung des ganzen zur Vollendung aller einzelnen verhalte. Jedes Geschlecht muss die Geschichte von Anfang bis zu Ende durchleben. Jedes Geschlecht ist unmittelbar zur Vollendung. Man kann nicht behaupten, dass die Weltgeschichte seit Christus im ganzen fortschreitende Heilsgeschichte sei. Sie ist Heilsgeschichte, aber sie schreitet nicht zeitlich, daher auch nicht in Richtung auf eine zeitliche Vollendung voran. Sie will sich in jedem Geschlecht vollenden. Auch insofern können wir von einem Fortschritt im Kommen des Reiches nicht reden, dass etwa der Ernst der religiösen Hingabe an Gott, die Tiefe des Glaubens, die Glut der Liebe, die Bereitschaft zum Dienst von Geschlecht zu Geschlecht wüchse (85-87). Nie kommt innerhalb der Geschichte die Stunde der Herrschaft Christi in dem Sinne einer christlichen Welt. Wo Gottes Reich kommt, erhebt sich zugleich der Widerstand der Welt und der in ihr wirksamen satanischen Macht. Die Herrschaft Christi kann auf Erden nur als kämpfende sein; jeder Vergegenwärtigung Christi wird der Gegenstoß antworten; allgegenwärtig ringt der widergöttliche dämonische Wille zur Weltherrschaft, in Menschen und Systemen verkörpert, mit Gott um den Sieg. Der Kampf bleibt schwer und hart, solange die Geschichte währt, erst die Aufhebung der Geschichte in der letzten Offenbarung Gottes setzt der Macht des Bösen ein Ende (89f). Jesus wird sich jedem Volk und jedem Geschlecht neu offenbaren, und gewiss bedeutet es einen Zuwachs an Herrlichkeit Jesu für das Auge seiner Gemeinde, wenn er immer neue Menschen- und Völkerindividualitäten überwindet. Aber damit ist eine tiefere, völligere Offenbarung seines Wesens, an der sich der Widerstand stärker entzünden könnte, nicht gegeben. Dann aber verliert die Erwartung einer fortgehend wachsenden Macht des Antichristlichen allen Grund. Wie kommt man dazu, die notwendige Enthüllung der Herrschaft der Sünde in die Endgeschichte zu legen? Sie würde dann ja nur von einer Generation erlebt. Für die Gemeinde ist das Kreuz völlige Offenbarung des Wesens der Sünde, für die ganze Menschheit muss sie von dem überzeitlichen einen Gericht Gottes, in das die Menschheit als Einheit eintritt, erwartet werden. Der Antichristgedanke bringt das Gesetz ständiger Polarisation des Gottesreiches und der widergöttlichen Macht zum Ausdruck. Er bezeichnet einen im ganzen Verlauf der Geschichte gegenwärtigen Tatbestand (91f). Die Eschatologie hat es nicht mit der Endgeschichte oder mit dem Geschichtsende, sondern mit dem Jenseits der Geschichte zu tun. Mit diesen Erkenntnissen ist dem Chiliasmus das Urteil gesprochen. Alle erleben die Parusie; auch damit ist ihr überzeitlicher Charakter erwiesen, denn die Geschichte ist der Ort nur partikularer Offenbarung. Die Vollendung steht in keiner näheren Beziehung zu der Endgeschichte als zu jeder anderen Geschichtsperiode. Die Menschheit erlebt das Gericht als ganze in der Gleichzeitigkeit, die im Jenseits der Geschichte gegeben ist. Der Ertrag jeder Lebens-, Generations-, Volksgeschichte ist unmittelbar zur Ewigkeit, die Parusie ist als überzeitliches Ereignis jedem Geschlecht gleich nahe und wird nicht durch eine Endperiode im besonderen vorbereitet, sondern durch jede Periode (95f). Wachen heißt für die Gemeinde: damit Ernst zu machen, dass jede Zeit letzte Zeit ist, unmittelbar zum Gericht und zur Vollendung; bereit zu sein, offenen Auges den Widerstreit zwischen Gottesreich und Welt zu durchleben und besondere Entscheidungsstunden als solche zu erkennen (97). Die Parusie ist kein endzeitliches, sondern ein überzeitliches Ereignis. Alle Senkrechten, die wir auf der Zeitlinie errichten, um auf die Ewigkeit, die Parusie, die Vollendung zu stoßen, treffen sich im Überzeitlichen in einem Punkt. Was sich uns in ein Nacheinander menschlicher Tode, des Endes von Geschlechtern, von Völkern, Zeiträumen zerlegt, das ist von dort aus gesehen, der gleiche Akt und das eine, ‘gleichzeitige’ Erlebnis der Aufhebung der Geschichte, des Eintritts der Geschichte in die Ewigkeit. Die Väter sind schon bei Christus, haben Parusie und Gericht erlebt, wir werden das erst erleben und nach uns die anderen Generationen bis hin zur letzten (98). Die Parusie besteht darin, dass Gottes Selbsterschliessung in Christus, die als werbende Wirklichkeit durch die Geschichte gegangen ist, nunmehr als überführende Wirklichkeit vor allen steht. Wir können nicht von einer ‘sinnlichen’, ‘sichtbaren’ Erscheinung für ‘diese sichtbare Welt’ sprechen. Die verborgene Welt Gottes, die sich bisher nur dem Ja der Hingabe als letzte, einzige Wirklichkeit inmitten aller Scheinwirklichkeiten erschloß, tritt als solche nunmehr unwidersprechlich, zwingend wie eine sinnliche Naturtatsache heraus. Die Zeit für die Tat des Glaubens oder Unglaubens ist zu Ende (99f).
c. Zusammenfassung
Die biblische Ausdrucksweise, nach der die Heilsgeschichte von einem zeitlichen Anfang des Menschengeschlechts herkommt und auf ein endzeitliches Ziel hin fortschreitet, ist keine angemessene Vorstellung. Hier wird eine Geschichte, die ihrem Wesen nach nicht in der Zeit fortschreiten und sich vollenden kann, auf die Zeitlinie gestellt. Denn die Geschichte mit Gott, wo es um Hingabe und Selbstbehauptung, um Schuld und Vergebung, um Tod und Leben, um Lüge und Wahrheit geht, ist allgegenwärtig und wird von jedem durchlebt. So wie Urstand und Fall nicht als geschichtliche Ereignisse am Anfang der Menschheit gedacht werden können, sondern Ausdruck lebendiger Gewissenserfahrung und darum überzeitliche und allgegenwärtige Tatbestände sind, so auch das Ende. Die Weltgeschichte tendiert nicht auf zeitliche Vollendung, sondern will sich in jedem Geschlecht vollenden. Die Parusie ist eine universale, gemeinsame und ‘gleichzeitige’ Erfahrung aller, obwohl wir nacheinander als einzelne sterben. “Alle Senkrechten, die wir auf der Zeitlinie errichten um auf die Ewigkeit, die Parusie, die Vollendung zu stoßen, treffen sich im Überzeitlichen in einem Punkt. Was sich uns in ein Nacheinander menschlicher Tode, des Endes von Geschlechtern, Völkern, Zeiträumen zerlegt, das ist, von dort aus gesehen, der gleiche Akt und das eine, ‘gleichzeitige’ Erlebnis der Aufhebung der Geschichte, des Eintritts der Geschichte in die Ewigkeit”. Kann man von Parusie nicht mehr als einer sinnlichen Erscheinung für diese sichtbare Welt reden, so doch als von einer übergeschichtlichen Offenbarung im Unterschied zu der Offenbarung jetzt in der Geschichte (Kr. 40-42). Die Offenbarung Christi in Herrlichkeit am Ende der Geschichte käme nur einer Generation, eben der letzten, zugute, nicht aber allen vorigen. Der Jüngste Tag ist kein geschichtlicher Tag! “Geschichte und Parusie ist eine contradictio in adjecto. Das Wesen und der Gehalt der Parusie - überführende Offenbarung der Herrlichkeit Christi - machen sie als geschichtliches Ereignis unmöglich. Nirgends kann die Geschichte der Ort einer unmittelbaren, überführenden Gegenwart des Göttlichen sein, nirgends Stätte des Schauens der doxa. Das gilt auch von der letzten Epoche der Geschichte”. Das Sehen des Menschensohnes ist als solches kein endgeschichtliches, sondern das geschichtsendende Ereignis. Für das letzte Geschlecht ist die Parusie der Tod, das Ende allen geschichtlichen Lebens. Die Parusie, der Jüngste Tag liegt über und jenseits dieser Geschichte. Auch die Auferstehung Jesu Christi als Vorwegnahme des Endes ist in ein Jenseits der Geschichte zu verlegen, als es sich in der Tat bei den Ostererscheinungen um Vorgänge handelt, welche geschichtlichen Menschen in Raum und Zeit widerfuhren, aber selbst kein geschichtliches Erleben mehr waren, sondern jenseits aller Möglichkeiten menschlich-irdischen Sehens und Hörens lagen. “Die Augen und Ohren, denen der Herr sich zeigte, waren andere als die Augen und Ohren, mit denen wir Geschichte erleben”. Die Offenbarung des Herrn in Herrlichkeit kann kein geschichtlicher Tag mehr sein (Kr. 186).
3. Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik
Unaufgebbare Elemente an der Reich-Gottes-Predigt Jesu:
Das Kommen Gottes war nicht anders vorstellbar, als dass er im Raum und in der Zeit erscheint. Und das Ende der Geschichte war nicht anders vorstellbar, als dass die Geschichte auf der irdischen Zeitlinie zu Ende geht. Und das Ende der Welt war nicht anders vorstellbar, als dass der Weltbestand mit einem Schlag zerstört bzw. verwandelt wird. Man nahm an, dass es am Ende ein göttliches Spektakulum, nämlich Weltuntergang mit Parusie geben werde. Dieses nur grob skizzierte Weltbild der Apokalyptik floss in die christliche Eschtalogie ein und bildete jahrhundertelang den undiskutierten Hintergrund der Lehre von den letzten Dingen. Erst im letzten Jahrhundert begann die Scheidung zwischen apokalyptischem Weltbild und christlicher Eschatologie. Seitdem gleicht die Eschatologie einer Großbaustelle. Die so dringend notwendige Neuinterpretation der Eschatologie kann nur dann gelingen, wenn dabei nicht mehr von dem Zeit- und Geschichtsschema der Apokalyptik ausgegangen wird. Das heißt: Es geht nicht an, das Kommen Gottes lediglich an einem postulierten Endpunkt unseres Geschichtsverlaufs anzusetzen. Gott ist jedem Punkt irdischer Geschichte gleich nah. Und wenn Gott kommt, dann kommt er gleichzeitig an jeden Punkt menschlicher Geschichte. Genauso ereignet sich die Vollendung der Geschichte, nicht an einem hypothetischen Endpunkt der irdischen Zeitlinie, sondern an jedem Punkt menschlicher Geschichte (60f). Wenn Gott selbst kommt und seine Herrschaft aufrichtet, dann erscheint er nicht in unserem Raum und in unserer Zeit. Eine solche Aussage ist Mythologie. Unverhüllte Begegnung mit Gott setzt immer den Tod voraus. Parusie kann es nicht in dem Sinne geben, dass Gott bzw. Christus einer am Ende noch lebenden letzten Generation erscheinen wird, wie dies in 1Thess 4,15 vorausgesetzt ist. Parusie gibt es nur in dem Sinne, dass derjenige, der durch den Tod hindurchgegangen ist, vor Gott erscheint, bzw. dass Gott vor ihm erscheint. Das Kommen Gottes ist beim Tod aller Menschen anzusetzen, gleichgültig, an welchem Punkt der Geschichte sie gelebt haben oder noch leben werden (61f). Das Todesdatum ist für jeden ein verschiedenes; denn der Todestag gehört zu dieser Welt. Die Todesdaten der einzelnen Menschen können Jahrtausende weit auseinander liegen. Ihre Auferstehung von den Toten geschieht dennoch ‘gleichzeitig’, denn in der Ewigkeit gibt es keine zeitlichen Intervalle mehr. Mit Hilfe der Polarität von Zeit und Ewigkeit gelingt es, das Ende der Geschichte im Tod des je einzelnen anzusetzen und so den Tod an die Stelle des Jüngsten Tages treten zu lassen (62f). Die universale Geschichte und ihre Vollendung Der Mensch, der im Tode vor Gott erscheint, ist kein welt- und geschichtsloses Abstraktum, sondern konkrete, individuell geprägte Person. In jedem Menschen ist ein Stück der Geschichte der Welt Fleisch geworden. Der Mensch, der sein Leben vor Gott hinträgt, ist von der Welt und der Geschichte geprägt, und er hat selbst die Welt und die Geschichte geprägt. Jeder Mensch trägt ein Stück Welt und ein Stück Geschichte vor Gott hin, und mit jedem Menschen, der stirbt, versammelt sich immer mehr Welt und immer mehr Geschichte vor Gott (70f). Das ständige Hineingezeitigtwerden des unendlichen Geflechts der Gesamtgeschichte in die Vollendung geschieht nicht mehr in unserem Früher und Später, nicht mehr verteilt über Jahrtausende, sondern in einem analogen, für uns nicht mehr vorstellbaren ‘Gleichzeitig’. Für den einzelnen Mensch bedeutet das, dass er im Tod nicht nur sein eigenes Ende erfährt, sondern zugleich das Ende der Welt und der gesamten Geschichte. Indem ein Mensch stirbt und dadurch die Zeit hinter sich läßt, gelangt er an einen ‘Punkt’, an dem die gesamte übrige Geschichte ‘gleichzeitig’ mit ihm an ihr Ende kommt, mag sie auch ‘inzwischen’ in der Dimension irdischer Zeit noch unendlich weite Wegstrecken zurückgelegt haben (72). Das Handeln Gottes ist nur dann universal, wenn es die gesamte Geschichte der Welt erfasst, wenn es alle Menschen und Völker, die leben und gelebt haben, erreicht. Und das Handeln Gottes ist nur dann endgültig, wenn alle Geschichte der Welt vor dem dabei offenbar werdenden Gott an ihr Ende kommt. Die offene Begegnung mit Gott schließt ein Weiterlaufen der Geschichte radikal aus. Das Kommen der Herrschaft Gottes ist ein absolut universales Geschehen, das alle Geschichte erfasst, und es ist ein absolut endgültiges Geschehen, das alle Geschichte an ihr Ende bringt. In dem ‘Augenblick’, in dem alle Geschichte vor Gott erscheint und Gott vor ihr erscheint, macht Gott seine ewige Herrschaft der ganzen Welt offenbar und richtet in diesem ‘Augenblick’ seine Herrschaft endgültig auf (76). Wie die Universalität und die Endgültigkeit, so gehört auch die Nähe der Gottesherrschaft integral zur eschatologischen Botschaft Jesu: Gott handelt jetzt. Wenn wir die Eschata (‘die letzten Dinge’) im Tode selbst ansetzen, dann sind uns die Eschata unendlich nahe gekommen. Jeder Mensch lebt dann in der ‘letzten Zeit’, denn er wird schon in seinem Tode am Ende aller Zeit und damit am Ende aller Geschichte ankommen. Jeder wird in seinem Tod nicht nur sein eigenes Gericht und seine Auferstehung, sondern das Gericht über die Welt und die Auferstehung aller Toten und damit das endgültige Kommen der Herrschaft Gottes erfahren. Gott kommt ‘ständig’ im Sterben der unzählig vielen Menschen richtend und verwandelnd auf die Geschichte als ganze zu und holt sie dabei zu sich ein. Die gelebte Gegenwart enthält erst im Tod ihre letzte Endgültigkeit, aber der Tod wird dann auch enthüllen, wie sehr jeder Augenblick unserer Gegenwart schon immer in das Ende hineinstand (77f). Auferweckung Jesu hieß: Gott hat bereits gehandelt. Er hat seine Herrschaft bereits aufgerichtet. Er hat in dem Menschen Jesus die allgemeine Totenauferweckung bereits begonnen. In dem auferweckten Jesus hat die neue Schöpfung bereits ihren Anfang genommen. Das endzeitliche Handeln Gottes ist schon geschehen; es ist jetzt absolute Realität und bleibende Gegenwart. Die Zukunft kann nur noch enthüllen, was Gott schon getan hat und was er schon ständig tut. In dem Realmodell christlicher Eschatologie, das Jesus selber ist, folgt auf den Tod unmittelbar die Auferweckung von den Toten. Im Tode Jesu wird die neue Schöpfung und das eschatologische Handeln Gottes angesetzt. Das, was an Jesus geschah, wird an uns allen geschehen: Gott wird uns aus dem Tode unmittelbar in die Vollendung aller Geschichte befreien. Wir dürfen das unmittelbar bevorstehende Eingreifen Gottes erwarten (Lo 79-81). Der Jüngste Tag ist der individuelle Todestag. Die Zukunft der Erde ist ein rein naturwissenschaftliches Thema.
4. Christlicher Glaube und apokalyptische Welterfahrung
Die Aufhebung der Apokalyptik Ist der Tod Jesu als Einbruch des Heils zu verstehen, dann ist die Geschichte nicht länger ein in sich geschlossenes Unheilskontinuum, sondern neben aller Erfahrung von Heillosigkeit der Ort einer Heilserfahrung. Indem der christliche Glaube in erinnernder Weise von der Wirklichkeit des Heils sprechen kann, anstatt das Heil ausschließlich als Möglichkeit antizipieren zu können, ist das apokalyptische Denken an entscheidender Stelle durchbrochen. Christlicher Glaube bestreitet nicht die Unheilserfahrung der Apokalyptik, sondern besteht gerade darin, die Spannung zwischen dem Bekenntnis zum Geschick Jesu als Heilsgeschehen und der apokalyptischen Welterfahrung auszuhalten. Der Glaube erinnert das Geschick Jesu als heilschaffenden Eingriff Gottes. Inmitten der äußersten Ohnmacht und Gottesferne bricht sich die lebenschaffende Macht Gottes Bahn und durchbricht die Ausweglosigkeit einer Welt, die sich selbst überlassen dem Untergang preisgegeben ist. Inmitten der Katastrophalität der Wirklichkeit gibt es die Erfahrung einer Gegenwelt der Liebe, der Gerechtigkeit und des Lebens. Jesu eigentliches Geheimnis ist dies, dass er offen ist, wo alles um ihn Offenheit verbaut. Die Offenheit, die das Leben Jesu bestimmt, resultiert aus dem Einbruch von Zukunft in eine Welt der Ausweglosigkeit und Geschlossenheit. Es ist der von Jesus bezeugte nahe Gott, der solche Zukunft gewährt (368f). In der Erinnerung des Geschicks Jesu als Heilsgeschehen macht der Glaube seinerseits die Erfahrung der Nähe Gottes. Auf diese Weise erfährt er je neu inmitten der Katastrophalität der Wirklichkeit, dass ihm Zukunft gewährt wird. Die eigene Erfahrung der Nähe Gottes ist ihm Grund zur Hoffnung auf eine Gegenwelt der Liebe, der Gerechtigkeit und des Lebens (370). Das Kreuz ist Gottes Gericht über eine Welt der Gottesferne, die auf ihren Untergang zusteuert. Es ist damit Inbegriff einer gänzlichen Weltverneinung. Indem das Geschick Jesu aber der Einbruch Gottes in diese Welt ist, ist das Kreuz zugleich Ausdruck dessen, dass Gott die Welt bejaht. Durch das Leiden und die Liebe Gottes, die Jesus verkörpert, wird die apokalyptische Fixierung der Welt durchbrochen. Der Glaube kann die Welt trotz ihrer Verlorenheit und Katastrophalität bejahen, weil eben diese Welt des Unheils in Gestalt des Kreuzes zum Ort des Heils geworden ist. So konnte das Christentum im Laufe seiner historischen Entwicklung zur Weltbejahung finden, weil diese in der Botschaft vom Kreuz selbst bereits angelegt war (376f). Glaube als Mut zum fraglichen Sein Der Glaube hofft nicht auf das Weltende als Vernichtung der vorfindlichen Welt, sondern hofft auf den je neuen Einbruch des in Jesus von Nazareth erschienenen Gottes (383). Der Glaube ist Mut zum fraglichen Sein. Fraglich ist unser Sein weil es vom Nichtsein bedroht und wie dasjenige der Welt durch das denkbare Ende in Frage gestellt ist. Zu den Erfahrungen des Absurden gehört, dass der Menschheit der Untergang droht, der jeglichen Sinn zerstören würde. Auch das Geschick Jesu als Heilsereignis bedeutet keine Überlebensgarantie für Mensch und Natur. Deshalb sieht sich der Glaubende ebenso wie der nicht Glaubende vor das drohende Ende gestellt. Die Struktur des Universums weist daraufhin, dass die Lebensbedingungen auf der Erde zeitlich begrenzt sind und die menschlichen Lebensbedingungen erst recht (384f). Der Glaube starrt nicht auf das Weltende, noch gibt er sich der apokalyptischen Lust am Untergang hin, sondern bejaht das von Gott bejahte Leben und die von Gott bejahte Welt durch seinen tätigen Einsatz für beide. Es ist das Leiden an den Unheilszusammenhängen der Welt, deren Geschlossenheit im Geschick Jesu prinzipiell durchbrochen zu sein scheint und dennoch immer wieder übermächtig erfahren wird und den Glauben anficht (Kö 391f). Acta Apostolicae Sedis, Commentarium Officiale, Annus XXXVI - Series II - Vol.XI Decretum Althaus, Paul, Die letzten Dinge, 1922, 64ff (referiert in wörtl. Anlehnung)
Barth, Karl, Die Auferstehung der Toten, 41953, 58f
Denzinger, Heinrich, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, 2005 Dupont, Jacques, Die individuelle Eschatologie im Lk-Ev und in der Apg, in: Orientierung an Jesus. Zur Theologie der Synoptiker. FS für J. Schmid, 1973, 37-47 (referiert in wörtl. Anlehnung) Körtner, Ulrich H.J., Weltangst und Weltende, 1988, 368ff (referiert in wörtl. Anlehnung) Kreck, Walter, Die Zukunft des Gekommenen, 1966 Kuhn, Karl Georg, maranatha, in: G.Kittel (Hg), ThWNT IV, 1942, 473ff
Lohfink, Gerhard, Das Zeitproblem und die Vollendung der Welt,
in: G. Greshake / G. Lohfink, Naherwartung, Auferstehung, Unsterblichkeit, 31978
Luther, Martin, Von der Wiederkunft Christi zum Gericht, in: Bekenntnisschriften der ev.-luth. Kirche, Confessio Augustana, Art. XVII, 1912,43 und 1930,69 Mezger, Manfred, Kommt Jesus wieder?, Radius-Verlag, März 1966
Periodica, De re morali canonica liturgica, Tom.XXXI/Fasc. 1 15. Febr. 1942
Schulz, Siegfried, Maranatha und Kyrios Jesus, ZNW 53, 1962, 144 Stegemann, Ekkehard und Stegemann, Wolfgang, König Israels, nicht König der Juden? Jesus als König im Joh-Ev, in: E. Stegemann (Hg), Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen, 1993, 41-56 (referiert in wörtl. Anlehnung) Vielhauer, Philipp, Geschichte der urchristlichen Literatur, 1978, 506 Vögtle, Anton, , Das Buch mit den sieben Siegeln, 1981, 153 Walter, Nikolaus, “Hellenistische Eschatologie” im NT, in: Glaube und Eschatologie, FS W.G. Kümmel, (Hg) Erich Gräßer, 1985 (referiert in wörtl. Anlehnung) Werner, Martin, Ein neuer Vatikanischer Entscheid über die Lehre von der Wiederkunft Christi, in: Schweizerische Theologische Umschau, 1944, 117ff, aufgrund einer Mitteilung des ‘Echo Fribourgeois’, einer Freiburger Zeitung, vom 29.7.1944 unter dem Titel: ‘Un décret du Saint Office’ Wikenhauser, Alfred, Die Offenbarung des Johannes, 1959, 146ff (referiert in wörtl. Anlehnung). |