9.

Das Vater-Unser (VU) – ein rein jüdisches Gebet, das nichts spezifisch Christliches enthält





I. Das VU als jüdisches Gebet
K. Müller


1. Die ältest-erreichbare Überlieferung des VU


„Vater,
geheiligt werde dein Name,
es komme deine Herrschaft!
Unser Brot ton epiousion gib uns heute
und erlass uns unsere Schulden
und bring uns nicht in Versuchung“
!


a. Die Anrede

Es kann keine Rede davon sein, dass man mit der Vater-Anrede in der ältest-erreichbaren Traditionsschicht des VU dem 'Urgestein der Jesusüberlieferung' begegnet, wie Joachim Jeremias es hoffte. Stattdessen bringt die Anrede 'Pater' die maßgebliche Institution des frühjüdischen Gemeinschaftslebens in Erinnerung: die Familie näherhin. Gott wird höflich und achtungsvoll auf seine familiäre Verantwortung hin angesprochen. Es ist die soziale Treue, die diese Anrede Gottes bestimmt und ausfüllt – ganz entsprechend dem Vaterbild im Frühjudentum (166).

So wenig die Gebetsanrede 'Vater' eine exklusive Beziehung des historischen Jesus zu Gott signalisieren kann, so wenig lässt sich mit ihrer Hilfe eine Art Trennungsprozess vom zeitgleichen Judentum begründen. Schon der Vokativ pater im Kopfstück der ältest-erreichbaren Überlieferung des VU bewegt sich innerhalb der Sprach- und Sachmöglichkeiten des Frühjudentums (166f).

Es ist durch nichts beweisbar und bewiesen, dass hinter dem Vokativ pater die aramäische Anrede abba stehen muss (Anm. 147).

H. Schwier: Die Vateranrede 'Abba' ist weder von der Kindersprache her zu deuten noch als Hinweis auf ein exklusives Gottesverständnis Jesu zu verstehen (gegen Jeremias), sondern im Rahmen jüdischer Traditionen als Gottestitulatur (Ps 89,27; 1Q 9,29b-36) und Gebetsanrede (Sir 51,20) (894).

K. Berger: Die Anrede 'unser Vater' findet sich in jüdischen Gebetsformeln. Vorbild im AT sind Jes 63,16; 64,7; 1Chr 29,10; Weish 14,3 im Apokryphon Ezechiel, in TestIsaak 8,10, in rabbinischen Gebeten/im Schemone Esre und im Neujahrsgebet Albinu Malkenu. Die Anrede 'unser Vater im Himmel' findet sich im Seder Elijahu 7 (33) und in Tama debe Elijahu 21 (1148).

J. Oesterreicher: Die Verniedlichung des Vaterglaubens ist nicht das einzige Mißverständnis, das abgewehrt werden muss. Ebenso irreführend ist der Versuch, die Vaterbotschaft Jesu in falschem Kontrast zum Vaterglauben Israels zu sehen (216).

“Kein anderer Titel scheint so geeignet zu sein, das innerste Wesen Gottes auszudrücken wie der Vatername. Er ist der menschlichste von allen Titeln und bezeichnet Gott einfach als den, der das Opfer seines eigenen Sohnes bringt” (217).

Der Vatertitel ist in der jüdischen Tradition nur einer der Namen, die Gott als den Liebhaber der Menschen bezeugen (Oe. 227f).

David Flusser erlaubt sich im Hinblick auf die bekannte Überlieferung über Hanan die rhetorische Frage: Kann es anders gewesen sein, als dass solche heiligen Männer (wie Honi, Hanina bar Dossa, Hanan), die zu Gott wie ein Sohn zum Vater standen, auch Gott mit ‘Vater’ (Abba) angesprochen haben (Fl. 102)?

E. Haenchen: Kittel verwies darauf, dass die kleinen Kinder ihren Vater mit ‘abba’ ‘Papa’ anzureden pflegen. Es ist absurd, wollte man Jesus eine solche Redeweise zumuten; das hohepriestliche Gebet (Joh 17,1ff) kann nicht beginnen: “Papa, die Stunde ist gekommen”! Zwar war abba ursprünglich ein ‘Lallwort’, aber dieses Wort für Vater hat schon in vorchristlicher Zeit seinen Bedeutungsbereich im palästinischen Aramäisch weit ausgedehnt und wurde von Erwachsenen und Kindern gebraucht. Wenn Jesus von Gott als Vater sprechen wollte, blieb ihm gar kein anderes Wort als abba.

Dass Jesus beim Beten immer (außer beim Kreuzesruf Mk 15,34) Gott mit abba angeredet habe, ist in den synoptischen Evangelien nicht belegt. Diese Anrede wird ihm vielmehr nur in Mk 14,36 zugeschrieben. Dort aber, wie in den beiden pln Stellen (Röm 8,15; Gal 4,6), folgt auf die aramäische Form abba die griechische Übersetzung. Dass der betende Jesus nicht auf die aramäische Anrede die griechische Übersetzung folgen liess, versteht sich von selbst. Abba mit nachfolgender griechischer Übersetzung ist eine Formel, die bei der hellenistischen Gemeinde in Gebrauch war. Diese griechisch sprechende Gemeinde behielt das aramäische Wort bei, fügte aber die griechische Übersetzung hinzu. Mk hat also in 14,36 diese in der hellenistischen Gemeinde übliche Form der Gottesanrede Jesus in den Mund gelegt, und zwar in einer Darstellung einer Szene, bei der keine Ohrenzeugen vorhanden waren.

Es ist nicht gesagt, dass Jesus Gott nicht mit abba angeredet hat: Aber welchen genauen Sinn es dabei hatte, ob es z.B. ‘mein Vater’, ‘Vater’ oder ‘unser Vater’ besagte, das lässt sich nicht feststellen. Wenn z.B. der Rabbi Cardock um 70 n. Chr. im zerstörten jerusalemer Tempel gebetet hat: “Mein Vater, der du bist im Himmel”! oder wenn es im 18-Bitten-Gebet heißt: “Verzeihe uns, unser Vater”, so lässt sich kein grundsätzlicher Unterschied vom Sprachgebrauch Jesu erkennen (Hae 492, Anm. 7a).


b. Die Du-Bitten

„Geheiligt werde dein Name,
es komme deine Herrschaft“!
!

K. Müller: Es handelt sich um eine Doppelbitte, die sich in der Überzeugung festmacht, dass es einen Zusammenhang von Namensheiligung und der erwarteten Gottesherrschaft gibt. Der Imperativ 'geheiligt werde' ist zu verstehen als passivum divinum. Er entspricht dem Stil griechischer Gebete und stellt eine im Hofstil beheimatete Höflichkeitsform dar. Um als Bittsteller den Eindruck zu vermeiden, man wolle Gott in eigener Sache Vorschriften machen, entscheidet man sich für das passivum divinum „Geheiligt werde dein Name“ steht für: heilige deinen Namen! Seine eigene Ehre soll Gott unter Zugzwang setzen, seine Herrschaft kommen zu lassen (167f).

Die Zusammengehörigkeit von Selbstheiligung des göttlichen Namens und Hoffnung auf die kommende basileia wird in Kaddischgebet expressis verbis ausgesprochen:

„Großgemacht und geheiligt werde sein großer Name in der Welt.
Er lasse seine Königsherrschaft herrschen
in eurem Leben und in euren Tagen
und im Leben des ganzen Hauses Israel,
in Eile und in naher Zeit“
.

Die Doppelbitte des Kaddisch ist von einer drängenden Naherwartung getragen. Die Zeitbestimmungen: „in eurem Leben und in euren Tagen“ sowie „in Eile und in naher Zeit“ lassen keinen Zweifel daran, dass das Kaddisch den Einbruch der künftigen basileia in dichter Nähe erbittet. Ganz anders die ältest-erreichbare Fassung des VU. Ihr fehlen solche ausdrücklichen Signale einer akuten Naherwartung völlig. Die beiden Du-Bitten enthalten gerade nicht solche oder ähnliche Worte, die die Dringlichkeit der Endzeiterwartung anzuzeigen vermöchten (169).

Jesus von Nazareth erwartete nicht nur Gottes endzeitliche Herrschaft in nächster Zukunft, sondern er war davon überzeugt, diese Gottesherrschaft habe schon begonnen, sich in seiner Gegenwart durchzusetzen (abgesehen von den umstrittenen termingebundenen Logien Jesu: Mk 9,1 parr; 13,30 parr sowie Mt 10,23) (170).

Eine derart ausgeprägte, die Gegenwart bereits einbeziehende Naherwartung passt eindeutig nicht zum Wortlaut der Du-Bitten im VU. In der gesamten Jesusüberlieferung spielt der in der Doppelbitte des VU sowie im Kaddisch feststehende Zusammenhang von Namensheiligung Gottes und Gottesherrschaft nirgendwo eine Rolle. Für den Nazarener war die Heiligkeit Gottes kein Thema (171).

U. Mell: Eschatologische Hoffnung nach dem VU heißt:
- Gott ist ausschließliches Subjekt zukünftiger Heilsfülle.
- Das Ziel der Geschichte ereignet sich innerweltlich.
Die Diesseits-Eschatologie der Doppelbitte, die Sammlung der Gola unter Gottes Königtum im Stammland Israel, ist der ortsunabhängig formulierten, personal ausgerichteten Basileia-Verkündigung Jesu fremd (173).
- Eschatologische Hoffnung ist rein zukünftig.

Durch Jesus ist die Gottesherrschaft schon in die Gegenwart vorgedrungen, sie lebt bereits unter Menschen. In seinem (Jesu) Zuversicht stiftenden Wort, durch seine befreienden Exorzismen-Wunder (Lk 11, 20 par) wird der Mensch mit ihrem Heil konfrontiert. Würde Jesus sich mit seinen Jüngern zur Bitte des VU um Gottes zukünftige Königsherrschaft finden, so müsste er die Spitze eigener Verkündigungen, die gegenwärtige Ereigniswerdung der nahen Basileia verleugnen, genauso wie seine Jünger vor Gott in Frage stellen würden, was ihnen in Jesu personaler Mittlerschaft der Basileia bereits geschenkt ist (Me 174)


c. Die Wir-Bitten

(1) "Unser Brot ton epiousion gib uns heute"!

K. Müller: Es ist der elende Hunger, der hier beten lernt. Das Land Israel ist auch Hungerland. So wie für Israel die tägliche Nahrung Ausdruck eines intakten Gottesverhältnisses ist, so steht Hunger für Gottverlassenheit. Hinter diesem Vorzeichen erfleht die Brotbitte des VU von Gott die Verschonung vor Hunger (173).

Wie immer man die Brotbitte ton epiousion verstehen mag, auch sie wird man kaum auf den historischen Jesus zurückführen dürfen. Denn das sich in ihr aussprechende Sich-Kümmern um das „notwendige Quantum Brot für heute“ stimmt gerade nicht zur Rede des Nazareners gegen jegliches Sorgen um Essen und Trinken (Lk 12,22-34 par Mt 6,25-33) und schon gar nicht zu seinem Ruf als „Fresser und Weinsäufer“ (Q 7,34) (174).

(2) „und erlass uns unsere Schulden“!

Dieser Satz bedient sich der Erfahrung einer Geschäftsbeziehung zwischen einem Gläubiger und seinen Schuldnern, um das anhaltende Verwiesensein der Beter auf die Barmherzigkeit Gottes schon vor dem endzeitlichen Gericht zu verdeutlichen. Gott stellt dem Menschen das Kapital für sein Leben zur Verfügung – also die Gebote und Verbote seiner Tora – und der Mensch ist angewiesen, mit diesem Kapital zu arbeiten. Kommt er dabei seinen Verpflichtungen nicht nach, so verschuldet er sich und ist auf einen Erlass seiner Schulden angewiesen. Er hat allen Anlass, um eine bereits hier und jetzt erfolgende barmherzige Entschuldigung zu flehen (174f).

Auch die zweite Wir-Bitte passt nicht zu Jesus von Nazareth. Was Jesus über die Bedingungen für die Erlangung des Heils in seinen Gleichnissen sagt, klingt anders. In dem Gleichnis vom verirrten Schaf (Lk 15,4-7 par Mt 18,12-14) ergreift Gott selbst die Initiative, ohne dass die Vergangenheit des Sünders irgendwie zu Buch schlägt. Dasselbe geschieht im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32). Jesus spricht von der Freude des Landarbeiters über den Schatz im Acker, den dieser plötzlich ohne Vorarbeit findet (Mt 13,44). Schließlich vergleicht er den Umgang Gottes mit seinem kommenden Heil dem Verhalten eines wahnwitzigen Bauern, der gegen alle Regeln den Samen wahllos auswirft, so dass er auf den Weg, unter Dornen und Disteln, auf Felsboden, aber auch auf fruchtbares Land fällt, wo er dann dreißig-, sechzig- und hundertfache Frucht bringt (Mk 4,3-8). Der Nazarener spricht von dem Landwirt, der das Seine tut – voller Vertrauen, dass auch die Erde das Ihre tun wird, der zu warten versteht, bis der Zeitpunkt der Ernte da ist, ohne irgendetwas zu unternehmen (Mk 4,26-29) (175).

E. Schweizer fasst das Problem der Herkunft der zweiten Wir-Bitte in die Frage: Kann nicht nur der Jesus noch fern Stehende so beten (s. Text 15)? Die zweite Wir-Bitte verweigert sich dem Sachverhalt, der die Botschaft des Nazareners unverkennbar prägt, dass nämlich die Schuldvergangenheit des Sünders apriori irrelevant ist (176).

(3) „und bring uns nicht in Versuchung“!

Die dritte Wir-Bitte beendet abrupt und auch inhaltlich sonderbar das VU auf der ältest-erreichbaren Ebene seiner Überlieferung: es existiert kein weiteres Gebet, das so schließt. Hinzu kommt, dass diese Bitte als einzige negativ formuliert ist (176).

Peirasmos kommt 21mal im NT vor, aber nur in Apk 3,10 geht es um den peirasmos am Ende der Tage. An allen anderen Stellen ist damit das Jetzt der Situation der Gläubigen in der Welt gemeint, die durch teuflische Anfechtung, durch die Gefahr des Sündigens und des Abfalls charakterisiert ist. Die endzeitliche Anfechtung am Ende der Tage pflegt mit plane oder thlipsis bezeichnet zu werden (177).

Den übrigen Jesusüberlieferungen ist der Begriff und die Sache des peirasmos fremd (Sonderfall Mk 14,38). Peirasmos und peirazestai erreicht nirgendwo den historischen Jesus. Für ihn spielten die mit diesem Begriff verbundenen Vorstellungen keine Rolle (178).

Die Einsicht lässt sich kaum noch umgehen, dass die ältest-erreichbare Überlieferung des VU keinesfalls wie selbstverständlich dem historischen Jesus zugewiesen werden darf.


Wer ist der Autor des VU, wenn Jesus von Nazareth es nicht sein kann?

a. Das VU stammt aus der Zeit nach Jesus, es ist Gemeindebildung:
B. Heininger: Das Gebet zum Vater ist eine Bildung der frühen Gemeinde bzw. deren Wanderprediger. W. Popkes: Lässt sich das VU wirklich auf den irdischen Jesus zurückführen, oder wurde es erst durch die Gemeinde zusammengestellt? S. Schulz: Das VU ist das Gebetsformular der ältesten Judenchristenheit Palästinas, entstanden in Anlehnung an spätjüdische Gebetsformeln.
U. Mell schließt eine jesuanische Verfasserschaft aus: Das VU ist das die Religionsparteien übergreifende Minimalgebet der palästinischen Synagoge.

Gegen die Zuschreibung an die frühe Gemeinde spricht, dass das VU auf christologische Elemente verzichtet.


b. Das VU stammt aus der Zeit vor Jesus, es stammt von Johannes dem Täufer:
J. K. Elliott (1973); H. Taussig (1988); B. Lang (1997, 1998; 2003); K. Müller (2003).


2. Das VU - ein Gebet des Täufers?


K. Müller: Das älteste VU weist nicht die geringste Spur einer christologischen Reflexion auf – es ist nicht daran interessiert, irgendwelche christlichen Inhalte weiterzugeben. Es rechnet nicht mit einer Unterscheidung des Jüdischen vom Christlichen. Und die Endzeit-Bezüge der beiden Du-Bitten haben auch nicht ansatzweise den Auferstandenen im Programm: seine spätere Rolle als Wiederkommender und Richter wird nicht einmal angedacht. Christlicher Glaube wird nirgendwo vorausgesetzt (181).

Da sich in Lk 11,1 die Nachricht erhalten hat, dass Jesus seinen Jüngern das VU empfahl, als diese von ihm verlangten, „sie beten zu lehren, gleich wie auch Johannes seine Jünger [beten] lehrte“, drängt sich die Annahme auf, dass das VU auf Johannes den Täufer zurückgeht. Dessen akute, aber rein futurische Naherwartung passt perfekt zu den beiden Du-Bitten. So wie die Brotbitte mit seiner asketischen Lebenseinstellung zusammenstimmt. Die Bitten um Schuldenerlass und um Verschonung vor Versuchung können ein Reflex des geschärften Sündenbewusstseins des Täufers sein (181f).

Das Logion in Lk 11,1b verfolgt keinerlei christliches Interesse. Es zeigt keine Spur einer Auseinandersetzung. Es setzt voraus, dass sich das Täufergebet im VU widerspiegelt (Anm. 177).

J. K. Elliott: Did the Lord's prayer originate with John the Baptist? Why is the name of John the Baptist associated with this set prayer? It must be that this was a prayer which John himself used. We know that John's movement was more ascetic than Jesus', so it is therefore not surprising to find that it was John and not Jesus who set the pace in the teaching of prayers. There is nothing impossible in the suggestion that it was John the Baptist who introduced the Paternoster. It is a typical Jewish prayer and has nothing uniquely Christian in it.


3. Das VU in der Logienquelle


K. Müller: Eine erste Erweiterung wuchs dem ältesten VU durch einen Nachsatz zu, der beiden ntl Fassungen gemeinsam ist, der also aus der Logienquelle stammt und sich unverkennbar sekundär an die zweite Wir-Bitte anhängte (185):

„wie auch wir unseren Schuldigern erlassen haben“ (Mt 6,12b)

„denn auch wir erlassen jedem, der unser Schuldner ist“ (Lk 11,4b)

Diese Selbsterinnerung an das Vergeben der Beter fällt gänzlich aus dem Rahmen des VU heraus. Eine solche Bezugnahme auf das menschliche Tun wirkt wie ein Fremdkörper, da das übrige VU ausschließlich mit einem Handeln Gottes rechnet. Der Nachsatz durchbricht die Struktur der ursprünglichen Aufzählung der Gebetsanliegen – und wird deshalb aus Q stammen. Das umso mehr, als die Q-Gruppe auch sonst Wert auf eine grenzenlose Vergebungsbereitschaft legt. Das zeigt u.a. der Satz aus einer ihrer Geimeinderegeln, der sich in Lk 17,4 (par Mt 18,22) erhalten hat: „Und wenn er [dein Bruder] sich siebenmal am Tag gegen dich verfehlt und siebenmal wieder zu dir kommt und spricht: ich bereue – so vergib ihm“ (186)!

Der Sirazide (28, 2-4) macht auf den gleichen Sachverhalt aufmerksam: „Vergib deinem Nächsten das Unrecht. Dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. (3) Der Mensch verharrt im Zorn gegen den anderen, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen? (4) Mit seinesgleichen hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner eigenen Sünden bittet er um Gnade“?

Der Q-Zusatz enthält sich jeglichen Hinweises auf naheliegende christologische Vorgaben: nicht einmal andeutungsweise kommt die Überzeugung des Urchristentums vom Sühnetod Jesu zur Sprache. Das VU bleibt auch auf seiner Q-Stufe ein uneingeschränkt jüdisches Gebet (186).


4. Das VU nach der Bearbeitung durch den Evangelisten Matthäus


„Unser Vater, der in den Himmeln ist“,

„es geschehe dein Wille, wie im Himmel [so] auch auf Erden“,

„sondern rette uns vor dem Bösen“.

Alle drei Ergänzungen lassen sich der Redaktion des Matthäus zuordnen. Der Evangelist hat sie selbst formuliert (187f).

Die von Matthäus vermehrte Anrede: „unser Vater, der in den Himmeln ist“ verrät ebenso wenig wie die ältere und kürzere Q-Anrede pater ein exklusives Sohnesbewusstsein Jesu, sondern bewegt sich innerhalb eines Sprachgebrauchs, der sich damals in den jüdischen Überlieferungen zu etablieren begann. Die Bedeutung „Vater in den Himmeln“ soll Gott von allen irdischen Vätern unterscheiden. Auch das Pronomen der ersten Person Plural hinter pater das Vater-Unser schließt mit anderen jüdischen Gebeten zusammen (188).

„es geschehe dein Wille, wie im Himmel [so] auch auf Erden“.

Hinter dieser Bitte steht eine jüdische Totalitätsformel, die mit Himmel und Erde die Grundmarkierungen des dualen antiken Weltbildes angibt. Im Einzelnen fasst Matthäus mit ihrer Hilfe jene andere Auffassung frühjüdischer Theologie ins Auge, derzufolge der gesamte Geschichtsverlauf schon vor der Erschaffung der Welt als Gottes Wille vorausformuliert wurde (Weish 9,13-18). Wie der Wille Gottes 'im Himmel' geschieht, genau so möge er 'auf Erden' geschehen! Matthäus zielt mit seiner dritten Du-Bitte auf ein aktives Verhalten der Menschen angesichts des alles übergreifenden Gesamtwillens Gottes: er legt Gott das Tun des Menschen in Gestalt einer Bitte zu Füßen – mit derselben Zurückhaltung, mit der die zeitgenössische jüdische Theologie das freie Handeln des Menschen an den vorausentschiedenen Willen Gottes heranführte (188).

„sondern rette uns vor dem Bösen“

Der Genitiv ponerou kann nur neutrisch interpretiert werden, da auch die dritte Wir-Bitte von einer Alleinverursachung Gottes ausgeht und derart den Satan als Mitspieler förmlich ausschließt. Der Begriff 'der Böse' für den Satan ist in (früh) jüdischen Texten nicht belegbar. Gerade die frühjüdischenn Texte legen es deshalb nahe, die vierte Wir-Bitte des Matthäus an Alltagserfahrungen heranzuführen und dabei an Krankheit, böse Menschen oder ähnliche Drangsale zu denken, vor denen die Beter bewahrt werden wollen. Die vierte Wir-Bitte konkretisiert die voranstehende Bitte um Verschonung vor dem peirasmos (189).

Mätthäus greift in 6,2-6 und 6,16-18 einen älteren jüdischen Text auf und legt ihn um seine Version des VU herum. Dieser jüdische Textzusammenhang bietet eine Art Frömmigkeitslehre an und beschäftigt sich mit den drei zentralen Ausdrucksformen jüdischer Alltagsfrömmigkeit: mit dem Almosen-Geben (1-4), mit dem Beten (5f) und mit dem Fasten (16-18). Matthäus geht es um das richtige Beten sowie um die Gefährdung des Gebets durch Selbstdarstellung (190).

Matthäus schickt dem VU die sprachlich völlig eigenständigen Vv 7f voraus. Durch diesen Vorspruch wird das VU der Gebetspraxis der 'Heidnischen' entgegengesetzt. Die Gemeinde weiß, dass Gott ihre Bedürfnisse kennt, bevor sie darum bittet. Nirgendwo hat Matthäus jenen älteren jüdischen Text christologisch oder christlich korrigiert (191).


5. Das VU nach der Bearbeitung durch den Evangelisten Lukas


Auch Lukas ändert den Wortlaut des VU, den er in der Logienquelle vorfand. Lukas zeigt sich daran interessiert, die beiden ersten Wir-Bitten auf die Gegenwart der Betenden zu beziehen. In 11,4 ersetzt er die 'Schulden' durch 'Sünden'. Er verwendet den im Zusammenhang von Vergebungsaussagen geläufigen Begriff, um die Zuwendung Gottes auch und gerade zu den 'Sündern' herauszuheben. Für Lukas geht es dabei um die 'täglichen Sünden', die Christen vor Gott immer wieder aufs Neue schuldig werden lassen. Ihr Nachlass wird deshalb nicht nur einmal erbeten, sondern ständig und anhaltend (191f).

Auch Lukas setzt das VU in einen neuen Kontext. Lk 11,1-13 steht unter der Überschrift 'Gebetsunterweisung'. Dieser Abschnitt führt drei Einzelüberlieferungen zusammen: Das VU (2-4) mit dem Gleichnis vom bittenden Freund (5-8) und mit den Sprüchen über Gebetserhörung (9-13 par Mt 7, 7-11). Die ganze Gebetslehre gibt sich als eine durchdachte Komposition zu erkennen, die Lukas selbst zusammengestellt hat (192f).

Lukas tauscht in 11,13 'das Gute' (Mt 7,11), von dem er in der Logienquelle gelesen hatte, gegen das pneuma hagion aus. Er meint, dass das Beten des VU Gott veranlassen wird, den heiligen Geist zu geben, um den sich die Bitten des VU sonst gar nicht bemühen. Dieser heilige Geist ist im lkn Doppelwerk das vorrangige Merkmal der Zeit der Kirche (193).

Der Wortlaut des VU hat sich immer noch ohne christliche Obertöne und gänzlich ohne christologische Zuwächse erhalten (194).


6. Das VU in der Didache


Der Autor bedient sich in Did 8,2 eines VU-Textes aus der Überlieferung des Mt-Ev. Noch in der Didache wird dem Wortlaut des VU nicht mit christologischen oder sonst wie christlichen Zusätzen aufgeholfen. Das VU bleibt jüdisch und wird nicht zum christlichen Trennungstext (194).

Daran ändert auch die Hinzufügung einer zweigliedrigen Doxologie nichts: „denn dein ist die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit“. Sie macht das VU zu einem feststehenden, abgeschlossenen und zeitlosen Gebetsformular, aber sie rührt seine jüdische Identität nicht an. Der Rahmen schreibt die jüdische Gebetssitte vor: man solle das VU dreimal am Tag beten (Did 8,3) (194f).

Die Didache rüstet das VU mit einer Einführung aus, nach der es 'der Herr' ist, der das Gebet zu sprechen befiehlt. 'Der Herr' ist ein christologischer Hoheitstitel, der das VU christlich vereinnahmt. Dazu kommt, das der Vf. die 'Heuchler' aus seiner Mt-Vorlage unzweideutig mit den Juden identifiziert, von denen er in Did 8,1 sagt, dass sie am zweiten und am fünften Tag der Woche fasten (195).

II. Das VU – ein politisches Gebet?
B. Lang (1998)


1. Das VU - ein jüdisches Gebet um nationale Befreiung?


Das VU ist vor dem Hintergrund des jüdischen Gebets im 1. Jh. n. Chr. zu sehen. Mindestens zwei Gebete lassen die typischen Anliegen der damaligen Zeit erkennen: das sog. Achtzehngebet und die 'Große Liebe'.

Das Gebet der Synagoge bittet um die Wiederherstellung des jüdischen Staates oder, in der Sprache der 'Großen Liebe', um das Ende der Diaspora durch die Rückführung aller Juden in ihre Heimat (was die Wiedererrichtung des Staates voraussetzt) (92f).

Das zentrale Anliegen des Achtzehngebets war die Wiederherstellung Israels als Staat. Eine alte Fassung gibt der 11. Bitte folgende Gestalt: „Bring wieder unsere Richter wie vordem und unsere Ratsherren wie zu Anfang. Und sei allein du König über uns. Gelobt seist du, Ewiger, der Gerechtigkeit liebt“. Etwa die Hälfte der Bitten sind staatspolitischer Natur. Auf den Zusammenbruch der römischen Herrschaft, so glaubt man, werde die Errichtung des Gottesreiches folgen, und eben darum bittet das Achtzehngebet (93).

Das älteste Gebet, das die in der frühen Synagoge vorgebrachten Anliegen widerspiegelt, ist das VU. Es handelt sich hierbei um ein rein jüdisches Gebet, das nichts spezifisch Christliches enthält. Fast jede im VU enthaltene Wendung begegnet auch in der Gebetssprache der Synagoge. In diesem Kontext gesehen, erscheint das VU als ein für den öffentlichen Gottesdienst der Synagoge bestimmtes Gebet, das Gott um die Befreiung Israels von seinen Feinden und die Wiederherstellung des jüdischen Staates – des 'Reiches Gottes' – bittet (93f).


2. These: Das VU stammt von Johannes dem Täufer und war mit der Taufe verbunden


Die Täuferbewegung sah in Johannes einen neuen Propheten Elija, von dem erwartet wurde, er werde „alles wiederherstellen“ (Mk 9,12), das meint die Wiederherstellung des jüdischen Staates (Sir 48,10). In Vorwegnahme dieses Ereignisses sang die Bewegung bereits ein Siegeslied: Gott stößt die Hohen – die Römer und die Herodianer – vom Thron und erhöht die Niedrigen, nämlich das jüdische Volk. Das ursprünglich von Elisabeth, der Mutter des Täufers (nicht von Maria) gesungene Magnificat lässt sich besser verstehen, wenn wir es dem Kreis um Johannes den Täufer zuschreiben. Genau diese politische Erwartung bildet den Schlüssel zum Verständnis des VU (94).

Johannes scharte Menschen um sich und lud sie zum Vollzug eines besonderen religiösen Rituals ein, der Taufe. Es handelt sich um eine rituelle Reinigung, um eine innere, geistige Erneuerung, die in einer äußeren Waschung sichtbar gemacht wurde. Ein Wort des Propheten Ezechiel bot die Anregung zur Schaffung der Taufe. Ezechiel lebte im 6. Jh. v. Chr. und wirkte unter den Verbannten in Babylonien. Er verkündete ihnen Jahwes Heilsansage (94): „Meinen großen, bei den Völkern entweihten Namen, den ihr mitten unter ihnen entweiht habt, werde ich wieder heiligen. Und die Völker – Spruch des Herrn Jahwe – werden erkennen, dass ich Jahwe bin, wenn ich mich an euch als heilig erweise … Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit … Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meine Gesetze befolgt“ (Ez 36, 23-27).

Um seines Rufes, seines heiligen Namens, willen wird Jahwe sein Volk erlösen. Er wird es aus der Babylonischen Gefangenschaft in seine Heimat in Palästina zurückführen. Sobald dies geschehen ist, haben die Völker keinen Grund mehr, über einen zweitrangigen Gott zu spotten, dem es nicht einmal gelingen will, sein zweitrangiges Volk zu beschützen. Der Prophet ist der Meinung, dass die Judäer die Verschleppung ins Babylonische Exil verdient haben. Das ist die Strafe für die Sünde der Götzenverehrung und des Abfalls von seinem Gott. Jahwe lässt nun seinen Propheten die große Wende ankündigen. Jahwe wird eingreifen und sein Volk zurückführen. Aber der bevorstehenden Wende muss eine Reinigung des Volkes vorausgehen, eine kultische Reinigung mit Wasser (95).

Von der Notwendigkeit einer kultischen Reinigung war Sacharja überzeugt: „An jenem Tag [der Erlösung] wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit“ (Sach 13,1).

Bei Ezechiel und Sacharja ist die mit Wasser erfolgende Reinigung nur ein Bild für Gottes unsichtbares Handeln. Sie bezeichnen damit nichts anderes als das Geben eines 'neuen Herzens' und einer lauteren Gesinnung (Ez 36,26). Johannes aber las die Prophetenschriften anders. Seiner Meinung nach muss es wirklich zu einer Reinigung mit Wasser kommen. Diese Lesart war im frühen Judentum durchaus verbreitet. In der Taufpraxis des Johannes gilt Gott selbst als der Handelnde: Er besprengt sein Volk mit Wasser und reinigt es so von seinen Sünden. Es handelt sich um einen Akt der 'Vorahmung' eines nachfolgenden göttlichen Tuns. Die Taufe des Johannes 'zur Vergebung der Sünden' lädt Gott ein, die von Johannes vorbereiteten Sünder nun auch seinerseits zu reinigen (95).

Johannes hat sich als Vorläufer von Gott selbst verstanden, der das von Johannes begonnene Werk vollenden wird. „Es kommt einer, der stärker ist als ich“, verkündet er. Der Stärkere ist kein anderer als ein König, der mit göttlicher Hilfe Israel wieder zu einem selbständigen Staat verhilft (Lk 3,16). Daher die Ankündigung: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2). Die Johannestaufe ist der erste Akt im großen Drama der Erlösung, in dem Gott die Heiligkeit und den Ruf seines Namens dadurch verteidigt, dass er die politische Freiheit und Ehre seines Volkes wiederherstellt. Wie bei Ezechiel, so ist auch für Johannes die Heiligung des göttlichen Namens mit der Heiligung Israels eng verknüpft (95f).

Bei der Johannestaufe wurde vermutlich der Name Gottes angerufen, d. h., dass Johannes 'im Namen Gottes' taufte. Er versah seine Anhänger mit einem unsichtbaren Zeichen, das sie als Mitglieder des wahren Israel kenntlich machte, sobald der jüdische Staat wiederhergestellt war. Er weihte sie zu Bürgern des neuen Reiches. Der Errichtung des Reiches Gottes wird ein großer Umsturz vorausgehen, bei dem alle heidnischen Reiche (nicht nur das römische) zusammen mit den untreuen Juden vernichtet werden. „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen“ (Mt 3,2.7.10). In den Wirren des Kriegs wird das bei der Taufe empfangene unsichtbare Zeichen als Schutzzeichen dienen, denn wenn die Engel Gottes das Römische Reich zerstören, werden die Getauften erkannt und verschont. Auch Ezechiel kennt ein solches Schutzzeichen (Ez 9, 4) (96).


3. Das VU beinhaltet die wesentlichen Anliegen des Täufers


(1) „Unser Vater … dein Name werde geheiligt“

In den ersten drei Bitten des VU sind Gottes Name, sein Reich und sein Wille Subjekt von Handlungen, ohne dass der Handelnde selbst genannt wird. Gott wird gebeten, seinen Namen zu heiligen, sein Reich zu gründen und seinen Willen zu verwirklichen. Eine Paraphrase kann lauten: 'Stelle die Heiligkeit deines Namens wieder her, indem du den Ruf derer wiederherstellst, die durch die Taufe des Johannes deinen Namen tragen'. So verstehen wir auch, warum manche Handschriften die Bitte „dein Reich komme“ durch die Bitte „dein heiliger Geist komme auf uns und reinige uns“ (Lk 11, 2) ergänzen. Die Bitte um den Geist erläutert die Bitte um das Reich: Gott wird sein Reich aufrichten, indem er seinen reinigenden Geist sendet. Ezechiel spricht sowohl von der Sendung des Geistes als auch von der Reinigung, ohne die beiden Handlungen miteinander zu verknüpfen. Die Verknüpfung mag sich einem Jesajawort verdanken: Jahwe wird durch „den Geist des Gerichts und den Geist der Läuterung“ Jerusalem reinigen (Jes 4, 4) (97).

Die Anrede Gottes

Die jüdische Gebetssprache kennt mehrere Möglichkeiten der Anrede Gottes; neben Vater auch Jahwe, Gott, König und Herr. Die Vateranrede wird in lebensbedrohenden Lagen bevorzugt. Im Hebräischen verbindet sich das Wort Vater mit dem Wort 'Erlöser', einem Ausdruck, der den zur Hilfe verpflichteten männlichen Verwandten bezeichnet: „Du, Jahwe, bist unser Vater. Unser Erlöser von jeher wirst du genannt … Uns geht es, als wärest du nie unser Herrscher gewesen, als wären wir nicht nach deinem Namen benannt“ (Jes 63,16.19). Im VU verleiht die Vateranrede dem Flehen um nationale Befreiung besondere Dringlichkeit (97).

(2) „Dein Reich komme“

'Komm und richte deine Herrschaft auf! Stelle den unabhängigen jüdischen Staat wieder her'! Das neue, bereits von Ezechiel angekündigte jüdische Gemeinwesen wird das Reich Gottes sein: „Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein“ (Ez 36,28). Gottes Königsherrschaft wird von seinem menschlichen Stellvertreter, einem König aus dem Geschlecht Davids, ausgeübt werden Ez 37,22-24. In Verkennung des ursprünglichen Sinns wurde das Reich Gottes oft als ein weltumspannender Staat vorgestellt, der erst nach dem Ende der menschlichen Geschichte errichtet wird, als ein von Gott oder Christus auf wunderbare Weise selbst regiertes Gemeinwesen, das nicht von dieser Welt ist. An einen solchen Staat dachten Johannes der Täufer und sein Kreis gewiss nicht. Für sie war das Reich Gottes ein verhältnismäßig kleiner, von einem Menschen regierter Staat in Palästina. Die zweite Bitte verrät den politischen Charakter der Predigt und der Hoffnung des Johannes (97f).

Eine Eigenart des VU ist die konzentrierte sprachliche Gestalt, die sich kurzer formelhafter Ausdrücke bedient. Es handelt sich um ein bewusst eingesetztes Stilmittel, denn jüdische Gebete konnten auch auf die wortreiche Sprache zurückgreifen: VU: „Unser Vater – dein Reich komme“. dagegen Jesus Sirach: „Rette uns, du Gott des Alls, und wirf deinen Schrecken auf alle Völker! Schwinge deine Hand gegen das fremde Volk, damit es deine mächtigen Taten sieht... Beuge den Gegner, wirf den Feind zu Boden! … Sammle alle Stämme Jakobs, verteil den Erbbesitz wie in den Tagen der Vorzeit“! (Sir 36,1-3.13.16).

VU: „Dein Name werde geheiligt“. Jesus Sirach: „Hab Erbarmen mit dem Volk, das deinen Namen trägt“ (36,17).

(3) „Dein Wille geschehe“

Lass uns deinen Willen tun, denn das ist das einzige Gesetz deines Reiches'! Im wiederhergestellten Gottesreich werden die Juden Gottes Willen erfüllen, wie Ezechiel angekündigt hat: „Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt“ (Ez 36,27). In dieser Bitte kann man das Echo eines alten Gebets des Synagoge sehen, der 'Großen Liebe': „Unser Vater, unser König!... Gib in unser Herz zu begreifen und zu verstehen, zu hören, zu lernen, zu hüten, zu erfüllen und zu erhalten alle Worte des Forschens in deiner Lehre“.

(4) „Gib uns heute [täglich] das Brot, das wir brauchen“

Schenke uns eine reiche Ernte'! Ezechiels Verheißung lautet: „Ich rufe dem Getreide zu [sagt Jahwe] und befehle ihm zu wachsen. Ich verhänge über euch keine Hungersnot mehr. Ich vermehre die Früchte der Bäume und den Ertrag des Feldes, damit ihr nicht mehr unter den Völkern die Schande einer Hungersnot ertragen müsst“ (Ez 36,29f). Das Land wird dabei zu einem 'Garten Eden' (V 35). Die Erwähnung des täglichen Brotes spielt auf eine Geschichte im Pentateuch an. Auf seinen Wanderungen durch die Wüste ernährte Gott sein Volk mit täglichen Rationen von Manna, dem 'Brot vom Himmel' (Ex 16,4). Wie im AT ist das himmlische Brot reales Brot. „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,53). Für die Hungernden wird es eine reiche Ernte geben (99f).

(5) „Und erlass uns unsere Schulden [Sünden], wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben“

Vergib uns die Sünde des Götzendienstes und des Abfalls, wie auch wir denen vergeben, die uns besiegten und die uns auch jetzt noch bedrücken! Die Bedeutung dieser Bitte ist unklar, solange die zu verzeihende Sünde nicht genau bestimmt ist. Stimmt unsere Annahme, dass das VU ein politisches Gebet ist, dann kann es sich bei der Sünde nur um eine politische, nationale Sünde oder vielmehr um eine Anhäufung solcher Vergehen handeln. Die Sünden müssen jene sein, die zur Bestrafung mit der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung ins Babylonische Exil führten. Sobald Gott vergeben hat, kann die Rückkehr der Verbannten in ihre Heimat erfolgen. Salomo betet: „Wenn dein Volk Israel von einem Feind geschlagen wird, weil es gegen dich gesündet hat, und dann wieder zu dir umkehrt, deinen Namen preist und in diesem Haus [dem Jerusalemer Tempel] zu dir betet und fleht, so höre du es im Himmel! Vergib deinem Volk Israel seine Sünde; lass sie in das Land zurückkommen, das du ihren Vätern gegeben hast“ (1Kön 8,33f). In ähnlicher Weise fleht Daniel, nachdem er die zur Verbannung führenden Sünden aufgezählt hat, Gott um kollektive Vergebung an: „Herr, erhöre! Herr, verzeih! Herr, vernimm das Gebet und handle! Mein Gott, auch um deiner selbst willen zögere nicht! Dein Name ist doch über deiner Stadt und deinem Volk ausgerufen“ (Dan 9,19). Daniels Gebet bittet wie das VU um Vergebung und bezieht sich auf den Namen Gottes; beides gehört zur Sprache des politischen Gebets im Frühjudentum (100).

Als Gott Israels Nachbarn aufgeboten hatte, sein Volk zu bestrafen und dessen Staat zu zerstören, kam es im 6. Jh v. Chr. zu Hass und Feindschaft zwischen Israel und seinen Gegnern, besonders den Babyloniern, Edomitern und Ammonitern. Wenn Gott seinem Volk wieder verzeiht und dessen Unabhängigkeit wiederherstellt, muss auch die Feindschaft zwischen Israel und seinen Nachbarvölkern enden. Dass ein solcher Zustand vorstellbar war, zeigt das prophetische Wort: „An jenem Tag wird Israel als drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten zum Segen für die ganze Erde. Denn Jahwe der Heerscharen wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19,24f). Israel muss dem Wunsch entsagen, „Vergeltung zu vollziehen an den Völkern, an den Nationen das Strafgericht“ (Ps 149, 7f). Die Wendung „wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen“ enthält demzufolge eine wichtige politische Vision (100f).

Die vergebende Haltung gegenüber Israels traditionellen Feinden scheint der göttlichen Verzeihung vorauszugehen und diese vielleicht sogar 'vorzuahmen', in ähnlicher Weise wie die Johannestaufe Gottes eigene Reinigung des Volkes 'vorahmt'. Hat Israel seinen Feinden vergeben, dann 'muss' Gott auch seinem Volk verzeihen – und dessen einstigen glorreichen Zustand wiederherstellen! Zuerst kommt die symbolische Reinigung, dann folgt Gottes Vergebung der nationalen Sünden (die Beseitigung gewisser Verfehlungen), wobei der letztgenannte Akt mit der Wiederherstellung des jüdischen Staates zusammenfällt. Johannes vergibt keine Sünden, sondern bereitet das Volk auf ein göttliches Eingreifen vor (101).

(6) „Führe uns nicht in Versuchung“

Unter 'Versuchung' versteht man die Verlockung zum Bösen und zur Sünde. Die Bitte ist daher gleichbedeutend mit der Formulierung 'stell uns nicht auf die Probe'. Im Pentateuch wird mehrfach davon berichtet, wie Gott sein Volk auf die Probe stellt. Er setzt Israel bestimmten Gefahren und Herausforderungen aus, um seine Treue zu prüfen. Eine solche Prüfung betrifft das Volk als ganzes. Es herrscht große Not, so dass das Volk versucht ist, Gott untreu zu werden und anderen Göttern zu dienen oder, mit der kargen Nahrung der Wüste unzufrieden, zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren. Die jedem Juden bekannte göttliche Prüfung ist die Babylonische Gefangenschaft. Durch die ausbleibende göttliche Hilfe enttäuscht, waren die Juden versucht, den Glauben an ihren Nationalgott aufzugeben und sich anderen Göttern zuzuwenden, von denen sie mehr Hilfe erwarteten. Die dauernde Fremdherrschaft im eigenen Land ist eine weitere, lang anhaltende Prüfung. Demnach bedeutet die VU-Bitte: 'Schicke uns keine weitere Notzeit, denn wir haben schon viele schwere Prüfungen erlebt' (101f).

(7) „Rette uns vor dem Bösen“

Mach unserem Elend ein Ende! „Du rettest Israel aus aller Not“, d. h. Du allein kannst uns aus der Not der Fremdherrschaft retten (2Makk 1,25). „O Gott, erlöse Israel aus all seinen Nöten“ (Ps 25, 22). Diese Nöte sind politischer Natur, und so bezieht sich auch die das VU abschließende Bitte auf die Befreiung von der Fremdherrschaft. Ähnliche Bitten stehen am Ende von Psalmen: „Hilf deinem Volk, und segne dein Erbe, führe und trage es in Ewigkeit“ (Ps 28,9). „Jahwe, Gott der Heerscharen, richte uns wieder auf! Lass dein Angesicht leuchten, dann ist uns geholfen“ (Ps 80,20). „Ach käme doch vom Zion Hilfe für Israel! Wenn Gott einst das Geschick seines Volkes wendet, dann jubelt Jakob, dann freut sich Israel“ (Ps 53,6) (102).


4. Der rituelle Gebrauch des VU


„Die Jünger des Johannes fasten und beten viel“ (Lk 5,33). Fasten und Beten gehören zusammen und bilden die öffentliche rituelle Reaktion auf eine Krise, sei sie von der Natur (Dürre) oder von Menschen (Fremdherrschaft / Verfolgung) verursacht. Vermutlich haben Johannes und sein Kreis in Erwartung des Gottesreiches das Fastenritual gepflegt. Wie die Taufe, so sollen auch VU-Gebet und Fasten das Kommen des großen Umschwungs in der politischen Geschichte des Judentums beschleunigen. Vermutlich hat Johannes das Fasten, an dem sich eigentlich alle Juden beteiligen sollten, als Teil einer kollektiven Kulthandlung verstanden. Die vielen individuellen Frömmigkeitsübungen schließen sich zu einem kollektiven Akt zusammen und lassen dieselbe Wirkung wie der öffentliche Gottesdienst erwarten: die Befreiung aus der Gewalt der Fremdherrscher und das Kommen des Gottesreiches (102f).

Taufe und Gebet bilden eine Einheit. Die Taufe reinigt und bereitet den einzelnen auf die Teilnahme am Gottesreich vor. Danach schließt sich der Neugetaufte den anderen in ihrem Gebet um das Kommen des Reiches an. Origines meint, Johannes habe das Gebet 'im Geheimen' gelehrt, und nicht allen, die sich taufen ließen, sondern nur jenen, die zusätzlich zur Taufe auch noch unterrichtet wurden. Offenbar gab es einen größeren Kreis der Getauften und einen engeren, exklusiven Kreis der eigentlichen, vom Meister belehrten Jünger. Diese Jünger praktizierten das vollständige Ritual mit der Abfolge von Fasten, Taufe und Gebet um das Kommen des Gottesreiches. Das VU ist kein Gebet für die Massen, sondern eines für die wenigen (103).

Die von Johannes dem Täufer abgehaltenen Gottesdienste enthielten offenbar drei wichtige Bestandteile: die Ankündigung der Wiederherstellung des jüdischen Staates, der als 'Gottesreich' bezeichnet wurde, die Taufe als Vorbereitung jener, die Bürger dieses Reiches werden sollten und die Rezitation des VU als Bitte an Gott, das Reich bald kommen zu lassen. Taufe und VU wollten Gott dazu bewegen, eine große Schicksalswende für das jüdische Volk herbeizuführen. Dem VU fiel es zu, den himmlischen Vater zu bitten, die alten prophetischen Verheißungen zu verwirklichen: 'Unser Vater im Himmel, erfülle für dein Volk Israel alles, was du durch deine Propheten verheißen hast' (103f).


Anhang 1: Hat Jesus seinen Jüngern das VU gegeben?

An die Stelle der Taufveranstaltung des Täufers tritt bei Jesus die Basileia und das ihr gemäße Verhalten. Nicht die Sünden sind Gerichtsursache, sondern die Entscheidung für oder gegen Jesus.

H. Taussig: Is it historically plausible to feature Jesus teaching a clearly structured prayer to anyone? The text has a clear literary/liturgical structure and it is preceded by a sentence characterizing it as something that people should repeat. The question of whether Jesus prayed this text as a unit is also the question of whether he wanted it to be institutionalized (28f).

Jesus was not an institutionalizer. He was not interested in religious exercises nor involved in setting up codes of behaviour or speech. On the basis of textual data alone, we would assign the Q text of the prayer to the very earliest layer of the tradition. It would be as close to Jesus as anything we have seen. But the portrait of Jesus as someone not interested in and perhaps antagonistic to institutionalization, especially religious, calls such a conclusion into question (29).

Ich (L.M.) nehme an,

1. dass das VU durch Johannes-Jünger, die sich bekehrt hatten, in die palästinensische Gemeinde gelangt war.
Man hatte die Taufe des Johannes übernommen, warum sollte man nicht auch sein Gebet übernehmen?

2. dass das VU in den pln Gemeinde nicht gesprochen wurde.
H. Taussig: in both passages from Paul (Röm 8,15; Gal 4,6) the cry of 'Abba, Father' is associated with the Spirit testifying to the status of those praying as children of God. There is no evidence that Paul knows the prayer text of Q (31).

3. dass das VU in den john Gemeinden nicht gesprochen wurde. Es ist mit der Jenseitseschatologie des Joh-Ev (und der des Hebr) unvereinbar.

4. dass das VU in der Gemeinde des Markus nicht gesprochen wurde. Warum sollte Markus es in seinem Evangelium verschwiegen haben?


Anhang 2: Mit Paulus beten
(Eph 1,17-23; Kol 1,9-14; Eph 3,15-21)


Vater unseres Herrn Jesus Christus, Vater der Herrlichkeit,
gib uns den Geist der Weisheit und der Offenbarung, dich zu erkennen.

Erleuchte die Augen unseres Herzens, damit wir erkennen zu welcher Hoffnung wir von dir berufen sind und wie reich die Herrlichkeit deines Erbes für die Heiligen ist.

Laß uns erkennen, wie übergroß deine Kraft an uns ist, weil die Macht deiner Stärke bei uns wirksam wurde, mit der du in Christus gewirkt hast.

Durch deine große Kraft hast du Christus von den Toten auferweckt und ihn eingesetzt zu deiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und über alles, was sonst einen Namen hat. Alles hast Du unter Jesu Füße getan und hast ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles.

Gib uns die Erkenntnis deines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, dass wir unserer Berufung würdig leben, dir in allen Stücken gefallen und Frucht bringen in jedem guten Werk.

Stärke uns durch deine herrliche Macht zu aller Geduld und Langmut.

Wir sagen dir mit Freuden Dank, dass du uns tüchtig gemacht hast zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.

Du hast uns von der Macht der Finsternis errettet und uns in das Reich deines Sohnes versetzt. In ihm haben wir die Erlösung, nämlich die Vergebung der Sünden.

Du bist der rechte Vater über alles, was da Kinder heißt auf Erden.

Gib uns Kraft nach dem Reichtum, deiner Herrlichkeit, stark zu werden durch deinen Geist am inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne und wir in der Liebe eingewurzelt und gegründet seien.

Mach uns fähig, mit allen Heiligen die Liebe Christi zu erfassen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit wir erfüllt werden mit der ganzen Gottesfülle.

Dir, Vater, der du überschwenglich tun kannst über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dir sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


Anhang


L.M.: Seit meinem ersten Gemeindetag wurde das VU regelmäßig gemeinsam gesprochen. Durch diese Praxis wurde der Wortlaut des VU für mich so vertraut, dass ich es über Jahrzente als das vermeintlich eigene Gebet mitgesprochen hatte. Ohne die kritischen Äußerungen eines Mitchristen zum VU würde ich es immer noch mitsprechen. Ich würde nicht wahrnehmen, wie sehr ich durch die Praxis des regelmäßigen chorischen Sprechens verführt wurde, Jahrzente lang ein Gebet mitzusprechen, das weder meiner Sprache, meinem Denken noch meinem Glauben entspricht.

Die Kritik an dem 'Herrengebet', an dem Gebet der weltweiten Christenheit, war die Erlaubnis, mir die Frage zu stellen: Was spreche ich da eigentlich? Nicht, was haben fromme Menschen sich alles dazu gedacht und was soll ich mir deshalb auch alles dazu denken, sondern was fange ich (L.M.) mit dem VU an?


„Vater unser im Himmel“

(1) „geheiligt werde dein Name“

(2) „dein Reich komme“

Diese beiden Bitten sind unverständlich.

(3) „dein Wille geschehe,...“

(4) „unser tägliches Brot gib uns heute“

Wenn reiche Christen der ersten Welt ständig betteln: “unser tägliches Brot gib uns heute”, ist das m.E. eine Beleidigung des Gottes, den Jesus im Gleichnis von dem verlorenen Sohn als liebenden Vater zeigt, der dem jüngeren Sohn bedingungslos sein Erbe vorzeitig austeilt und der dem älteren Sohn sagt: “alles, was mein ist, ist dein” (Lk 15,31). Dieser Vater läuft dem heimkehrenden Sohn entgegen, fällt ihm um den Hals, küßt ihn, zieht ihm das beste Gewand an, gibt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße, läßt das gemästete Kalb schlachten und feiert ein großes Freudenmahl.

Welche Kinder bitten ständig ihren irdischen Vater, ihnen das Existensminimum für jeden Tag zu geben?

“Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter den Himmel ...” (Mt 6,25ff). Gott ernährt die Vögel und kleidet die Lilien auf dem Felde, kein Sperling fällt vom Himmel ohne den Willen des Vaters, selbst die Haare auf dem Haupte sind gezählt, keines geht verloren. Es gilt lediglich die Herrschaft Gottes zu suchen, alles andere wird dazu gegeben: “Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes ... so wird euch das alles zufallen” (Mt 6,33 = Lk 12,31). “Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft” (Mt 6,32). “Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken” (Röm 8,32)?

(5) „und vergib uns unsere Schuld,...“
Um welche kollektive Schuld geht es hier? 'Vergib mir meine Schuld' - wer skrupellos ist, spricht diese Bitte häufiger, wer ein robustes Selbstbewusstsein hat, spricht sie seltener. Warum sollen alle diese Bitte regelmäßig sonntags um 11 Uhr chorisch aufsagen?

Jesu Einkehr und Tischgemeinschaft im Haus des Zachäus wird zum Heil für Zachäus (Lk 19,8). Wie will man in einer christlichen Gemeinde 'Zachäus' verständlich machen, warum er ständig um Vergebung bitten soll? Paulus ermahnt die Gläubigen, das zu werden, was sie seit ihrer Bekehrung/Wiedergeburt sind. Ihr gültiger Status – dass sie als rein gelten trotz ihrer Sünden, dass sie als gerecht gelten trotz ihres Versagens (Röm 5,1) – ist ein typisches Paradox pln Lehre. „Der ungläubige Mann ist geheiligt durch die [gläubige] Frau, und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den [gläubigen] Mann. Sonst wären eure Kinder unrein; nun aber sind sie heilig“ (1Kor 7,14).

Das in Beziehung zu Jesus gelebte Leben ist mit allen Unvollkommenheiten in Jesu Herrlichkeit hinein genommen. Was soll das ständige Aufsagen der 5. VU-Bitte daran verbessern?
„Fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott“ (Röm 8,7).
Das Aufsagen des VU ändert daran nichts.

(6) „und führe uns nicht in Versuchung“
Ein Vater, der seine Kinder in Versuchung führt, ist kein Vater.

(7) „sondern erlöse uns von dem Bösen“
War Jesu Erlösungswerk unvollständig, müssen wir ständig um Nachbesserung bitten?

Kol 1,13f: "Gott hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes, in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden".

Wie echt, wie authentisch ist ein verordnetes Gebet, das so unverständlich ist wie das VU und das dennoch gemeinsam gesprochen (gebetet) werden soll?




Berger, Klaus, Art. Vaterunser, in: Sacramentum Mundi IV 1969, 1147


Elliott, James Keith, Did the Lord's Prayer originate with John the Baptist? In: ThZ 29, 1973, 215


Flusser, David, Jesus, 32002, 102, zitiert in A. Vögtle, Das Vaterunser, in: M.Brocke u.a. (Hg.), Das Vaterunser 1974, 183


Haenchen, Ernst, Der Weg Jesu, 1966


Lang, Bernhard, Das Vaterunser: Ursprung und Wandel eines politischen Gebets, in: ders.
— Heiliges Spiel: eine Geschichte des christlichen Gottesdienstes, 1998, 91- 119 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Mell, Ulrich, Gehört das Vater-Unser zur authentischen Jesus-Tradition? (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4), in: BThZ 11.Jg.Heft 2, 1994,171


Müller, Karlheinz, Das Vater-Unser als jüdisches Gebet, in: Identität durch Gebet, Albert Gerhards u.a. (Hg.), 2003 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Oesterreicher, Johannes, “Abba”! in: M.Brocke u.a. (Hg), Das Vaterunser 1974, 217, 228


Schulz, Siegfried, Die Mitte der Schrift, 1976, 150f (referiert in wörtl. Anlehnung)


Schwier, Helmut, Art. vaterunser, in: RGG, Bd8, 2005


Taussig, Hall, The Lord's Prayer, Foundations and Facets, in: Forum 4/4, 1988, 25-41