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Forts. Zur Deutung des Todes Jesu
III. Die Bedeutung des Todes Jesu im Joh-Ev
1. Jesu Tod als Erhöhung 2. Weder Sühnetord noch stellvertretender Tod IV. Deutungen des Todes Jesu im NT 1. Traditionskreis: frühchristliche Traditionen ohne Deutung des Todes Jesu a. Die Logienquelle, eine Spruchsammlung (Q) b. Fragmente anderer Traditionskreise 2. Traditionskreis: theologische und eschatologische Deutung des Todes Jesu a. Die vormarkinische Kreuzigungstradition b. Die Leidensvorhersagen 3. Traditionskreis: soteriologische Deutung des Todes Jesu Die Anwendung von Sühne- und Opfermotiven auf den Tod Jesu a. Röm 3,25-26a b. Röm 4,25 c. 1Kor 15,3-5a d. Die sog. Deuteworte in der Abendmahlstradition e. Mk 10,45b: "und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele" f. Die Konzeption des Hebräerbriefes III. Die Bedeutung des Todes Jesu im Joh-Ev
1. Jesu Tod als Erhöhung
a. Jesu Rückkehr zum Vater Jesus ist von Gott ausgegangen und kehrt wieder zu ihm zurück (13,3; 8,14). Leiden und Sterben am Kreuz sind nicht erwähnt. Das Thema der Passion steht unter dem Vorzeichen der Heimkehr zu Gott - oder wie es 6,62 heißt: “Der Menschensohn steigt dort hinauf, wo er vorher war“. Das Ende der Wirksamkeit Jesu liegt im Hingang, in der erfolgreichen Rückkehr zu Gott: “Ich gehe hin zu dem, der mich gesandt hat“ (7,33), “ich gehe zum Vater“ (14,2f.12.28.28) (53f). “Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch, dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen“ (7,37f). Wenn Jesus sagt, dass die Juden ihn suchen, jedoch nicht finden werden, so deutet er seinen Hingang zum Vater mit Begriffen, die auf eine Entrückung hinzielen. Wenn das Ende der irdischen Wirksamkeit Jesu mit Hilfe der Entrückungsterminologie beschrieben wird, so spricht sich darin eine Sicht dieses Endes aus, die den Tod Jesu abblendet. Der Weggang Jesu kommt in 7,31-35 allein als hoheitsvolles Geschehen in den Blick (54). Für die Jünger erweist sich Jesu Hingang zum Vater als ein Geschehen, bei dem sie ihm nicht folgen können (13,33.36). Wieder ist mit dem Gebrauch der Entrückungsterminologie das Unvergleichliche des Endes Jesu hervorgehoben. Erst nach Ostern wird der Zugang zu Jesus für die Jünger neu eröffnet (14,19) und zwar durch den Geist (14,16f.26). Johannes konnte die Entrückungsterminologie übernehmen, weil sein christologisches Interesse nicht am Tod Jesu orientiert ist, sondern am Gedanken der Rückkehr zu dem, der ihn gesandt hat (7,33) (55). Die unvergleichliche Sendung Jesu wird mit den Worten begründet: “Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem Menschensohn, der vom Himmel herabstieg“ (3,13). Der Evangelist blickt hier auf den Gesamtzusammenhang des Jesusgeschehens zurück, wobei nur die Rückkehr in den Himmel als Endpunkt der irdischen Wirksamkeit erscheint. Der Evangelist greift zum Ausdruck “Hinaufsteigen des Menschensohnes“, wenn er den Abschluss der Sendung Jesu charakterisieren will. Der Glaube an den Hingang Jesu zu Gott, an seine siegreiche Rückkehr zum Vater kennzeichnet den Abschluss der john Passion (55f). b. Die heilsentscheidende Notwendigkeit der Erhöhung Jesu “Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben habe“ (3,14f). Hier wie später (12,34) spricht der Evangelist nicht vom Leidenmüssen des Menschensohnes, sondern von der Notwendigkeit der Erhöhung. Gerade die Erhöhung Jesu ermöglicht es, dass jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben gewinnt (3,15) (56). Der Evangelist gibt sich hier als geistbegabter Interpret des AT zu erkennen, der in souveräner Weise mit den betreffenden Texten umgeht. Er benutzt Num 21,8f, um zu zeigen, dass die besondere Erhöhung Jesu, die auf dem Weg über die Kreuzigung erfolgt, schriftgemäß ist. Damit ist ein möglicher Anstoß, der von dem Faktum seiner Kreuzigung ausgeht, widerlegt. Die Kreuzigung setzt die Wirklichkeit der Erhöhung Jesu nicht außer Kraft. Sie erscheint als gottgewolltes Geschehen, die die Realität der Erhöhung nicht tangiert. Die Debatten um die Messianität Jesu spiegeln Angriffe des zeitgenössischen Judentums gegenüber dem Glauben an Jesus als Messias wider, besonders 7,27.41f; 12,34. In 12,34 scheint der Tod Jesu am Kreuz als Einwand vorausgesetzt zu sein: “Wir haben gehört aus dem Gesetz, dass der Christus für immer bleibt, wie sagst du, der Menschensohn muss erhöht werden“? (57). Der Evangelist nimmt solche Gegenargumente auf, indem er auf die gottgewollte Notwendigkeit der Beendigung des irdischen Wirkens des Menschensohnes verweist. Das eigentliche Interesse des Evangelisten haftet in 12,34 wie in 3,14 nicht am Kreuz, sondern an der Erhöhung als der siegreichen Rückkehr zu Gott (58). Die Kreuzigung erhält kein besonderes theologisches Gewicht. Der Gedanke an die heilsentscheidende Erhöhung soll nur von einem möglichen Einwand entlastet werden. Das Kreuz ist kein Anstoß, sondern schriftgemäßes Ereignis. Das Kreuz stellt kein theologisches Problem mehr dar, der Evangelist kann sich unangefochten dem Gedanken der Erhöhung Jesu widmen. In 3,14 ist allein die Erhöhung genannt, sie ist die Vollendung der Sendung, durch die diese erst wirksam wird (13,31f). Auf den Erhöhten, Verherrlichten richtet sich der christliche Glaube (58). In 3,16 sagt Johannes nicht: Gott hat den Sohn 'dahingegeben', sondern er gibt ihn, wie er auch den Geist gibt, d.h. sendet (14,16). Der Sprachgebrauch von 3,16 ist nur durch die Tradition der sog. Dahingabe-Formel bedingt, die von der Hingabe des Sohnes in den Tod redet. Der Kontext von 3,17 zeigt, dass auch in 3,16 ganz allgemein von der Sendung in die Welt die Rede ist, ohne dass die Hingabe in den Tod das eigentliche Thema darstellt. Auch vom Zusammenhang her legt sich für den fraglichen Sinn von 3,14 und die dortige Aussage von der Erhöhung Jesu keine heilskonstitutive Bedeutung des Todes Jesu nahe (58f). Die Wendung “wenn ich erhöht werde von der Erde“ (12,33) lässt den Gedanken der Erhöhung ans Kreuz bereits anklingen, vorherrschend aber ist die Vorbereitung der Aussage, die der Hauptsatz intendiert: Jesus wird alle zu sich aus dem irdischen in den himmlischen Bereich der Herrlichkeit ziehen (vgl. 12,26; 14,3), nachdem er selbst erhöht ist. Die Erhöhung “von der Erde“ stellt den Bezug zur Kreuzigung noch nicht eindeutig her (59). In 12,33 soll Jesus durch die interpretierende Bemerkung als derjenige gezeigt werden, der in souveräner Weise sogar die Art der Todesstrafe vorherweiß. Er deutet sein genaues Todesschicksal an: die römische Strafe der Kreuzigung (18,31f). Der Evangelist wendet sich mit dieser Zeichnung Jesu an den gläubigen Leser, der durch diese Darstellung in der Überzeugung von der souveränen Art Jesu, in den Tod zu gehen, bestärkt werden soll. Der Leser soll wissen: Jesus sah sein genaues Todesschicksal voraus. Er nahm es bewusst auf sich. Seine Hoheit zeigt sich auch, wie er dem Tod entgegensieht. Jesus redet wie einer, der alles kennt und den der kommende Tod in seinem Sendungsbewusstsein nicht erschüttert. Der Evangelist spielt in 12,32f mit der Doppeldeutigkeit von 'erhöhen', denn für ihn ergibt sich bei der Ankündigung der Erhöhung Jesu gleichzeitig die Andeutung seiner Erhöhung ans Kreuz. Letztere interessiert hier nicht als Heilsereignis, vielmehr liegt in 12,33 nur geisterfüllte Andeutung der Haltung vor, wie Jesus bewusst in den Tod geht. Jesus kündigt in souveräner Weise seine eigene Todesart an. Die Erfüllung seines Wortes wird dann in 18,31f festgestellt. Das Faktum des Todes Jesu besitzt keine Anstößigkeit mehr (60). Auch in 8,28 dokumentiert Jesus seine Herrlichkeit, indem er sein irdisches Schicksal vorherkennt. Der gläubige Leser erfasst in der Erhöhung des Menschensohnes die endgültige Erhöhung zur Herrlichkeit, die auf dem Weg über die Erhöhung ans Kreuz geschieht. Die Juden bringen es mit ihrer Erhöhung des Menschensohnes ans Kreuz dahin, dass der Menschensohn gegen ihren Willen zu Gott erhöht wird und sie darin ihr eigenes Gerichtetsein erkennen müssen (60). c. Der Tod Jesu als seine Verherrlichung “Gekommen ist die Stunde, dass der Menschensohn verherrlicht wird“ (12,23). “Vater, verherrliche deinen Namen“. Eine Himmelsstimme antwortet darauf: “Ich habe ihn verherrlicht und will ihn wiederum verherrlichen“ (12,28). Im Wirken des irdischen Jesus hat Gott sich schon verherrlicht, weil durch Jesus die Werke Gottes offenbar werden (9,4; 11,4). Gott wird sich aber noch einmal in seinem Sohn verherrlichen, nämlich angesichts seines Todes. Wenn aber Gott sich im Blick auf den Tod Jesu verherrlicht, so bedeutet das für Johannes, dass auch Jesus verherrlicht wird (11,4; 13,32). Die ganze Sendung Jesu vom Beginn seines irdischen Wirkens bis hin zum Tode ist unter den Oberbegriff 'Verherrlichung' gestellt. Der Vater hat ihm auf Erden Hoheit verliehen. Er wird ihm im Tode die Hoheit nicht nehmen. Der “Fürst dieser Welt“ kann Jesu Herrlichkeit und damit sein Heilshandeln nicht antasten (14,30). Deshalb deutet Jesus den Inhalt der Himmelsstimme (12,28b) in ihrer Relevanz für die Glaubenden (12,30f): “Nicht um meinetwillen ist diese Himmelsstimme geschehen, sondern um euretwillen. Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt. Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden“. Wie der “Fürst dieser Welt“ Jesu Verherrlichung nicht verhindern kann, so kann er auch Jesu Heilshandeln an den Gläubigen nicht gefährden (12,32) (61f). Der Prozess, den die Welt Jesus macht, ist ein Prozess, der der Welt gemacht wird. Jesus tritt in der Passion als der “Zeuge für die Wahrheit“ auf (18.37). Er dokumentiert damit, dass die Welt, die ihn als die Wahrheit (14,6) vernichten will, nicht aus der Wahrheit sein kann. Die Welt empfängt auf diese Weise ihre Verurteilung. Sie ist gerichtet (12,31). Das Sterben Jesu bedroht letztlich nicht ihn, sondern die Welt, die in ihrem Unglauben ihn nicht erkennt und sich damit selbst richtet. Die Darstellung der Passion Jesu steht unter dem Aspekt der Verherrlichung des Sohnes. In dieser Hinsicht ist der Tod Jesu notwendig und von Gott gewollt. Er gehört zu den Werken, die der Vater ihm gegeben hat, dass er sie vollende (4,34; 5,36; 19,30) (62). Die Szene der Fußwaschung symbolisiert Jesu bereitwillige Übernahme der Sendung bis hin zum Tod und stellt in einem besonderen Jesuswort die Notwendigkeit seines Dienstes heraus: “Wenn ich dich (Petrus) nicht wasche, hast du kein Teil an mir (an der Doxa)“ (13,8b). D.h. die Übernahme der Sendung bis in den Tod, dargestellt durch den Dienst der Fußwaschung, ermöglicht den Erwerb der Doxa auch durch die Jünger. Der Gläubige hat ein Interesse daran, dass er an Jesus das ewige Leben habe (13,8b; 3,15f; 11,25). An Jesu Tod interessiert nur die Ermöglichung des Zugangs zur Doxa für den Jünger, nachdem Jesus selbst durch den Tod hindurch verherrlicht wurde (62f). Jesus muss in den Tod gehen, um zu erweisen, dass der “Fürst dieser Welt“ keine Macht über ihn hat (14,30). Denn trotz des zugefügten Todes kann dieser den Hingang zur Herrlichkeit nicht verhindern. Der “Fürst dieser Welt“ zeigt sich als der Entmachtete (12,31). Jesus bleibt durch den Tod hindurch unangefochten derjenige, der wie der Vater das Leben in sich selber hat (5,26). Deshalb ist er die Auferstehung und das Leben und jeder, der an ihn glaubt, hat seinerseits das ewige Leben (11,25f). Der Tod Jesu interessiert nur als überwundener Tod. Der Tod Jesu erscheint als ein notwendiges Geschehen auf dem Weg zum Leben, das im Schatten der Verherrlichung steht, die der Vater dem Sohn in dessen irdischem Wirken sowie durch den Tod hindurch schenkt (12,28) (63). Johannes sagt, dass Jesus als Lamm Gottes die Sünde der Welt wegschafft (1,29), dass er als der gute Hirte sein Leben für die Schafe lässt (10,11.15). In 1,29 hat der Evangelist auf vorgegebene Weise Jesu Funktion als “Retter der Welt“ (4,42) ausdrücken wollen. Auch an den anderen Stellen, die die Heilsbedeutung des Todes Jesu erwähnen (10,11.15) liegt nur vorgeprägte Rede vor, die nicht das Eigentliche der john Theologie umgreift. Jesu Lebenshingabe ist Ausdruck seines Gehorsams gegenüber dem Vater (10,17f), denn im Tode erfüllt er dessen Auftrag (10,18b). Entscheidend ist Jesu Gehorsam und seine besondere Hoheit: Jesus gibt sein Leben, damit er es wieder nehme (10,17). Er hat die Vollmacht, es zu geben, aber auch die Vollmacht, es wieder zu nehmen (10,18). Vorherrschend ist der Gedanke der freien Selbstverfügung des Sohnes. Sein Gehorsam ist ein freiwilliger. Sein Sterben erscheint wie eine souveräne Geste (19,30), die aus der Macht kommt, sein Leben hinzugeben, um es alsbald wieder zu nehmen. Der Kreuzestod hat für Johannes nichts entehrend Anstößiges mehr. Er gehört zu dem vom Vater aufgetragenen Werk, dessen entscheidender Aspekt die Verherrlichung des Vaters und des Sohnes ist (63f). d. Der Standort des Evangelisten Johannes schreibt als Glaubender, für den der Anstoß, den der Tod Jesu bieten konnte, erledigt ist und darin will er seine Gemeinde bestärken. Es ist die Sicht dessen, der den Geist empfangen hat und der, angeleitet vom Geist, die Geschichte Jesu sieht. Das Joh-Ev ist eine Schau der Geschichte Jesu nicht kata sarka (8,15), sondern dessen, der aus Gott gezeugt (1,13), der aus dem Geist geboren ist (3,6). Johannes sieht nicht auf das Kreuz als innerweltliches Geschehen, sondern auf die eigentliche Erhöhung, jene Heimkehr in den Himmel. Er schreibt als Pneumatiker, der den Geist erhalten hat, der an Jesus erinnert und damit das Jesusgeschehen deutet (14,26). Die Juden als die Ungläubigen sehen die Erhöhung ans Kreuz nur als schmachvollen Vorgang, der Pneumatiker als der wahre Gläubige erkennt, wozu diese innerweltliche Erhöhung führt, nämlich zur Erhöhung zum Vater (64f). In der Verspottungsszene erkennen die Soldaten nicht, dass Jesus der wahre König ist (19,1-3). Ihr Unglaube hindert sie daran, da er neben dem bloß äußeren Geschehen des Leidens Jesu die Hoheit des Gottessohnes nicht zu erfassen vermag. Jeder aber, der aus der Wahrheit ist, hört Jesu Stimme und sieht trotz der äußeren Niedrigkeit den “Zeugen für die Wahrheit“ (18,37). Der Glaubende sieht über alle Niedrigkeitszüge hinweg. Sie werden irrelevant angesichts der Erkenntnis der “Herrschaft des Christus“, die nicht von dieser Welt ist (18,36). Das Fleisch nützt nichts, der Geist allein ist lebenschaffend (6,63). Es ist der Geist, der das Geschehen des in den Himmel hinaufsteigenden Menschensohnes akzeptiert. Nur wem es vom Vater gegeben (6,65), wer aus dem Geist wiedergeboren ist (3,6), sieht jenseits des äußeren Passionsgeschehens die Herrlichkeit des Gottessohnes (65). e. Die Doxa des Logos im Hymnus und die des Sohnes im Evangelium (1,14): “Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (16) Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“. Die Gemeinde (wir) kann vorbehaltlos von der Doxa des fleischgewordenen Logos sprechen. Sie schaute im irdischen Jesus die Herrlichkeit des himmlischen Logos und empfing darin die Gnade als das Heil. Der Blick auf die Welt ist hier ausgeblendet und damit auch das Problem der Anstößigkeit von Jesu irdischer Existenz, die in der Ablehnung durch die Welt ihren Ausdruck fand. Seit der Menschwerdung gibt es die christliche Gemeinde, die sich rühmt, in der Schau des Logos aus seiner Fülle “Gnade um Gnade“ empfangen zu haben. Für den Evangelisten war der irdische Jesus bereits im Besitz der Doxa. Der Vater verherrlicht den Sohn schon in seinen irdischen Tagen (11,4; 12,28; 2,11), er hat ihm als dem Irdischen gegeben, Leben in sich selber zu haben (5,26) (66f). Für den Hymnus bleibt der Tod Jesu völlig außer Betracht. Die Gemeinde hat nur die Doxa Jesu im Blick, um durch die Schau derselben Anteil an der Fülle Jesu zu gewinnen (1,16). Der Evangelist will deutlich machen, inwiefern der Sohn Gottes trotz des Todes derjenige blieb, der auch durch den Tod der Doxa nicht verlustig ging, sondern gerade durch den Tod hindurch von Gott verherrlicht wurde. Zweifel mussten aufgekommen sein angesichts der Feindschaft 'der Juden', die jeden verfolgten und ausschlossen, der bekannte, dass Jesus der Christus sei (9,22; 12,42). Angesichts der gefährdeten Lage der Gemeinde und angesichts der Ablehnung, die der Sohn selbst als der Urheber ihres Heils erfuhr, musste es die Aufgabe des Evangelisten sein, den Anstoß, den der Kreuzestod Jesu in der Auseinandersetzung mit dem Judentum bereitete, zu überwinden. Dies erfolgte, indem er auf die Schriftgemäßheit und Gottgewolltheit des Kreuzes verwies (3,14; 12,34b). Dies geschah aber insbesondere durch die Herausstellung der Doxa des Sohnes, die sich als eine Größe zeigte, die sich unangefochten durch den “Fürsten dieser Welt“, ungeschmälert durch den Tod, als Eigenschaft des Sohnes durchhielt (67f). Nicht der Gekreuzigte wird der Gemeinde proklamiert, sondern der Verherrlichte. Das Joh-Ev, das das Heil jetzt schon im Glauben verwirklicht sieht, erkennt zwar die Realität des Kreuzes Jesu an, ignoriert aber seine bleibende theologische Bedeutung (69). 2. Weder Sühnetord noch stellvertretender Tod 1. Der Kreuzestod a. Jesu Tod als Sieg Das Joh-Ev kennt weder die Vorstellung eines Sühne- oder Opfertodes Jesu noch einen stellvertretenden Tod Jesu, mit dem die Sündenschuld der Menschen in der Welt ausgeglichen würde, noch überhaupt einen stellvertretenden Tod Jesu, mit dem dieser in irgendeinem Sinn Erlösung der Menschen vor Gott bewirkte (227). Das Lamm Gottes (Joh 1,29.36) “Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde hinwegträgt“! Die Wendung 'Gottes Lamm' und 'Gottes Heiliger' (6,62) sind inhaltlich weitgehend deckungsgleich. Der Ausdruck “Heiliger Gottes“ bezeichnet die kultisch begründete Reinheit und Erwähltheit. Der Ausdruck “Lamm Gottes“ bezeichnet Jesus als den Gerechten. In Jes 53,7 steht das Lamm für den Verzicht des leidenden Gerechten auf Widerstand. Das Lamm wird stumm zur Schlachtbank geführt und tut seinen Mund vor dem Scherer nicht auf (227f). Ob in 19,14.36f auf das Passalamm angespielt wird, ist sehr umstritten. Die Stelle “ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen“ kann man auf das Passalamm (Ex 12,46; Num 9,12) beziehen, genausogut aber auf den leidenden Gerechten nach Ps 34,21: “Der Gerechte muss leiden, doch der Herr trägt Sorge, dass seine Gebeine nicht zerbrochen werden“ (229). Der Ausdruck “die Sünde wegtragen“ findet sich im zeitgenössischen Judentum in einer Aussage über die Fürsprecher-Rolle des gerechten Henoch (slav) 64,5: “Du wirst verherrlicht vor dem Angesicht des Herrn in Ewigkeit, weil dich der Herr erwählt hat mehr als alle Menschen auf der Erde. Und er hat dich zum Schreiber seiner sichtbaren und unsichtbaren Geschöpfe eingesetzt und zum Wegnehmer der Sünden der Menschen und zum Helfer deiner Hausgenossen“. Die Ausdrücke “Wegnehmer der Sünden“ und “Helfer“ interpretieren sich gegenseitig. In 53,1-3 sagen die Kinder Henochs: “Unser Vater Henoch ist mit Gott und er wird für uns eintreten und uns herausbitten aus den Sünden“. In 53,2 ist vom “Helfer für einen Menschen, der gesündigt hat“ die Rede. Es handelt sich nicht um einen stellvertretenden Tod, sondern um die Rolle Jesu, der nach Joh 14,16 sich selbst als Helfer (“einen anderen Helfer wird er euch geben“) bezeichnet und nach 1Joh 2,1 vor Gott die Rolle des Fürsprechers einnimmt, die die Henochliteratur ähnlich Henoch zuschreibt. Das Wegnehmen der Sünden bezieht sich in Hen (slav) wie im Joh-Ev und 1Joh auf den zu Gott Erhöhten. Dieser beseitigt durch seine Fürbitte die Sünden der Menschen (229f). Damit aber steht bei dem Satz “Lamm Gottes, das die Sünden der Welt wegträgt“ nicht der Tod Jesu zur Diskussion sondern seine Rolle als Erhöhter bei Gott. Durch diese kann er die “Sünde der Welt“ aufheben (Hbr 7,25; 9,24; 1Ptr 3,21). Nicht Jesu Tod sondern Jesu Eintreten bei Gott ist entscheidend. Joh 1,29 setzt damit de facto das in 1Joh 2,1 Beschriebene voraus. In Joh 14,16 spricht Jesus von dem 'anderen' Parakleten. D.h. Jesus ist der eine, der Geist der andere. In diesem Sinne nennt 1Joh 2,1 Jesus einen Parakleten. Joh 1,29 bezieht sich nicht auf den Tod Jesu, sondern auf seine interzessorische Funktion bei Gott oder auf seine grundsätzliche Bedeutung als Gerechter überhaupt (230f). Fleisch für das Leben der Welt (Joh 6,51) “Das Brot, das ich euch geben will, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“. Beim Abendmahl ist nicht vom 'Fleisch' Jesu die Rede. Fleisch meint die gesamte sterbliche Existenz während des Erdendaseins Jesu: Jesus schenkt seinen Jüngern sein irdisches Dasein. Die Aussage 'für das Leben der Welt' gibt den Zweck dieses Schenkens an. Jegliche Sühneaussage ist von diesem Ausdruck strikt fernzuhalten. Der Satz 6,51 bezieht sich weder auf das Abendmahl noch auf den Tod Jesu noch auf eine stellvertretende Leistung Jesu angesichts der Sünden der Menschen. Jesus spricht über Sinn und Ziel seines Erdendaseins, seiner Sendung. Sie lässt sich vergleichen mit Brotausteilen. Dessen Ziel ist Leben für alle, die dieses Brot empfangen. So gibt Jesus Leben (232). Sein Leben einsetzen (Joh 10,11.15.17; 15,13) Der 'gute Hirte' (Joh 10) setzt sein Leben für seine Schafe ein. Der Ausdruck tithenai psychen bedeutet nicht, sich in den Tod geben, sich opfern. Von einer 'heilswirksamen Stellvertretung' oder gar von einer stellvertretenden Sühne ist keine Rede. Petrus sagt: ich will mein Leben für dich riskieren (13,37f). Jede Art von Stellvertretung im Sinne des Heilserwerbs ist diesem john Ausdruck fremd. Es handelt sich hier um Märtyrersprache. Juden sind 'für das Gesetz' (2Makk 6,28; 7,9; 8,21) gestorben. Dem Märtyrer ist das Gesetz so viel wert, dass er eher sterben will als dieses aufgeben. Das Sterben 'für' ist ein Ausdruck der Treue, mit der der Märtyrer zu etwas hält (232f). Joh 15,13: “Eine größere Liebe hat niemand, als der, der sein Leben riskiert für seine Freunde“. Hier steht derselbe Ausdruck 'das Leben setzen' wie in 13,37f, wo Petrus 'für' Jesus sterben will. Wie in der traditionellen Märtyrersprache ist das 'für' verwendet, um die Treue zu beschreiben, mit der jemand zu dem steht, an das oder an den er sich gebunden hat. Auch die verwandten griechischen Belege über den Tod des einen Freundes 'für' den anderen stehen unter dem Vorzeichen der sich bewährenden Freundestreue. Nirgends stirbt jemand, um die Sünden seines Freundes vor Gott oder Göttern zu sühnen. Die Liebe Jesu zu seinen Freunden lässt ihn sein Leben riskieren, indem er treu zu ihnen hält (233). Nach Joh 15,12 (“Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe“) ist Jesu Liebe Urbild und Vorbild, sie kann weitergeben werden. Sie ist nicht Sündensühne, denn in dieser Hinsicht könnte Jesus sie nicht weitergeben und könnten die Jünger Jesus nicht 'nachahmen'. Im Verhältnis von 15,12 zu 15,13 geht es nicht um den einmaligen Charakter der Liebe Jesu, sondern darum, dass sie nachgeahmt werden kann. Von daher wird 15,14 verständlich: “ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch sage“. Die Jünger folgen der Liebe Jesu, wenn sie seinem Gebot folgen, nämlich einander zu lieben (234). Judas ist das Gegenbild des treuen Freundes, er übergibt den Freund. Petrus verspricht, sein Leben in Treue für seinen Meister zu riskieren, kann aber genau das nicht leisten, was Jesus tut. Als er eine zweite Chance bekommt, fragt Jesus ihn nach seiner (Freundes-)Liebe (Joh 21). Petrus gelangt erst auf dem Umweg über seine Verleugnung zur wahren Freundesliebe, wie Jesus sie fordert. Wenn Petrus Jesus liebt, wie Jesus die Seinen geliebt hat, dann kann er Hirte sein wie Jesus. Dann kann er sein Leben für seinen Herrn riskieren, wie es in Joh 21 angedeutet wird (234). Für einen Hirten ist es charakteristisch, dass er sein Leben für die Schafe riskiert, nicht aber, dass er es für sie opfert (A 193). Es geht nicht speziell um Jesu Tod, sondern darum, dass Jesus sein Leben für die Jünger einsetzt und in dieser Hinsicht auch riskiert. Auch beim Geben und Wieder-an-sich-Nehmen des Lebens (10,18) geht es um die göttliche Hoheit des Sohnes, nicht aber um die Heilsbedeutung des Todes. Damit steht die Sendung Jesu im Vordergrund. Ihr bleibt er treu (234f). Jesu ganze Existenz, besonders aber sein Tod, wird Ausdruck seiner Liebe und Treue und gerade darin gemeindegründend. Jesu Liebe zu den Freunden ist kein Einzelfall, sondern genau das Grundgesetz seiner Jüngergemeinde. Er hat das vorgelebt, von dem und wodurch auch die Jüngergemeinde leben kann. Der Tod Jesu bedeutet den Sieg über die 'Welt' und ihren Herrscher. Das gilt, weil Jesu Treue und liebevolle Existenz bis in die letzte Konsequenz dem Grundgesetz der Welt und ihres Herrschers entgegensteht, nämlich dem Hass (235). Jesu Tod kann deshalb im Joh-Ev nicht als stellvertretende Sühne der Sünden verstanden werden, weil es Sünde im eigentlichen Sinn erst seit dem Widerspruch gegen Jesus gibt. Wenn Jesus als Lamm Gottes dennoch die “Sünde der Welt aufhebt“, dann geht es nicht um die Sünden seit Urzeit, sondern um die Sünde im Widerspruch und Widerstand gegen Jesus und die Jünger. 1Joh 1 erörtert, inwiefern es auch in der Gemeinde noch Sünde gibt: wegen der falschen Einstellung zu Jesus als dem Messias, der “im Fleisch“ erschienen ist und wegen der mangelnden Weitergabe seiner Liebe. Das aber sind erst christliche Sünden (236). Jesu Treue bis zum Tod ist relevant für das Heil, weil 'Bleiben' und 'in Treue Bleiben' Merkmale Gottes sind. Jesus ist die Gegenwart Gottes auf der Erde und zwar als Leben und Liebe. Würde Jesus seiner Sendung und seinen Jüngern untreu, so wäre seine Liebe nicht von Gott. Insofern ist Jesu Ausharren der notwendige Erweis, dass es sich bei der Botschaft und den Gaben Jesu um Gottes eigenste Gaben handelt. Jedes Abbrechen wäre Entlarvung von bloßer Kreatürlichkeit. Merkmal Gottes in der Welt ist die Treue. In Joh 13,1 heißt es, dass Jesus “die Seinen bis in den Tod liebte“. Eben darin erweist sich der Ursprung in Gott (236f). Das Martyrium Jesu als Sieg Nach Joh 12,31 wird mit Jesu Todesbereitschaft “der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen“. Siegen im Kampf: Nach Joh 16,33 hat Jesus die Welt besiegt. Auch hier ist die Terminologie durch Martyrien vorgeprägt. In Offb 5,5; 17,14 wird der Märtyrer als der Sieger dargestellt (ebenso 4Makk 1,11) (237). Der Herrscher 'dieser Welt' hat deshalb verloren, weil Jesus standhaft geblieben ist. Er hat zum einen seinen Auftrag als Gottes Gesandter erfüllt, indem er gegen Mißverstehen und Ärgernisnehmen Gottes lebenstiftende Wirklichkeit unter die Menschen gebracht hat. Zum anderen hat er gegenüber allem Hass der Welt seine Jünger geliebt und damit Gottes Ziel und Sein geoffenbart (237). Weil selbst die Jünger Jesus missverstehen (6,66f), gilt, dass Jesu gesamtes Auftreten eine einzige Versuchung zum Abfall von Gott war. Weil Jesus seiner Botschaft treu war und sich mutig durch die Proklamation von Gottes Gegenwart in ihm selbst allen Hass der Welt zugezogen hat, kann er seinen Weg am Kreuz beenden mit dem Wort: “Es ist vollbracht“ (19,30) (238). Indem die 'Welt' Jesus nicht annimmt, nimmt sie Gott selbst nicht an. Bei Jesus hat man es mit Gott zu tun. Die Situation von Hass und Verfolgung polarisiert die Fronten und profiliert die Christologie. Das Joh-Ev greift auf jüdische Märtyrertheologie zurück. Das gilt für den Sieg des Märtyrers wie für den Ausdruck 'sterben für jemanden/eine Sache'. Jesus ist in seinem Sterben der standhafte Märtyrer (238). Die starke Polarisierung zwischen Jesus und Gott auf der einen, der 'Welt' auf der anderen Seite weist auf ein Milieu hitziger Auseinandersetzung zwischen Judenchristen und Juden. Die provozierenden 'hohen' christologischen Aussagen sind nicht Produkt immanenter Gemeindefrömmigkeit, sondern von außen her verursacht worden (238f). Jesu Tod wird nachahmbar sein. Er wird ein Muster sein für alle Jünger. Der Paraklet erhält wesentlich seine Funktion im vor der Welt fortgesetzten Prozessverfahren. Die john Abschiedsreden sind auf die Nachahmung der Passion Jesu angelegt (239). b. Soteriologische Fragen Nach Joh 9,39ff besteht Sünde nur noch in der Ablehnung Jesu. Alles andere ist wesenlos geworden angesichts dessen, der das Leben und die Auferstehung ist. Ähnlich wie bei Paulus ist 'Sünde' im Singular der Gegenbegriff zum christologisch vermittelten Heil (241). In 1,29 heißt Jesus 'Lamm' als der Heilige und Gerechte. Jesus beseitigt die Sünde der Welt, die in Gottferne und Tod besteht, indem er den Vater darum bittet, sie vor dem Bösen zu bewahren (17,15) und sie zu heiligen (17,17). Nach 17,19 sieht Jesus seine gesamte Wirksamkeit in diesem Sinne: “Für sie heilige ich mich, damit auch sie geheiligt sind in der Wahrheit“. 'In der Wahrheit' heißt 'in der Kraft und im Raum von Gottes Wirklichkeit'. 'Heiligen' heißt, dem profanen Gebrauch entziehen, zu Gottes Eigentum machen, nur noch von seinem Willen bestimmt sein, so dass nur noch sein Gesetz und seine Regeln gelten, seinem Schutz unterstellen. Wer durch Gott geheiligt wird, ist damit zugleich auch aus dem Bereich von Schuld und Sünde genommen (241). Jesus hat sich Gottes Willen unterstellt (4,34: “ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat und vollende sein Werk“). So ist er gerecht und heilig. Als ganz gerecht und heilig kann er bei Gott Fürbitte leisten für andere. Indem Jesus um Heiligung der Gemeinde bittet, veranlasst er Gott, die Jünger aus dem Bereich der Sünde und der Macht des Bösen herauszunehmen. Wenn die Jünger so geheiligt sind und zu Gott gehören, sind sie aus dem Raum der Schuld und des Todes in den Raum des Lebens übergegangen. Es wird nicht gesagt, wie Gott diese Heiligung bewirkt. Weder Taufe noch Blut Jesu noch heiliger Geist verursachen diese Heiligkeit. Im Rahmen jüdischer Denkmöglichkeiten ist die Fürsprache Jesu dabei vollständig ausreichend. Weil Jesus der Heilige und Gerechte ist (Joh 1,29: das Lamm), kann er durch seine Fürsprache bei Gott bewirken, dass Gott die Jünger von Sünde, Tod und Teufel befreit und in den Bereich des (ewigen) Lebens stellt. D.h. in soteriologischer Hinsicht vertritt das Joh-Ev eine sehr archaische Christologie. Als der Gerechte ist Jesus der Fürsprecher (Heilsmittler) schlechthin (242). Der Text in Joh 17 trägt den Namen 'Hohepriesterliches Gebet Jesu' zu Recht, als es sich dabei um stellvertretendes Dazwischentreten handelt. Mit dem Tod Jesu hat das Heiligen, von dem Jesus hier spricht, nichts zu tun (243). 2. Kreuzigung als Erhöhung Alle Leidensweissagungen Jesu nach dem Joh-Ev sind mit dem Verb 'erhöht werden' formuliert (3,13-15; 8,28; 12,32). Zweimal ist dabei vom Menschensohn die Rede. Nach dem Joh-Ev wird die christologische Erkenntnis aufgrund der Erhöhung Jesu, seiner Kreuzigung und nicht etwa der Auferstehung, eintreten: “Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und dass ich nichts von mir aus tue, sondern so rede, wie es mich der Vater gelehrt hat“ (Joh 2,28) (243f). Die Kreuzigung als Erhöhung zu bezeichnen ist Märtyrersprache: das Königtum des Märtyrers (Joh 18,36f; Offb 20,4-6), seine Krone (Offb 2,10) und das Siegen als Vorgang und Vollzug des Martyriums. Nicht nachher wird man 'König', sondern als Märtyrer ist man König. Der Märtyrer hat im Martyrium bereits Anteil an der Welt der Herrlichkeit (Stephanus Apg 7,55f). Das Joh-Ev stellt Jesus als Märtyrer dar. Die Herrlichkeit Jesu ist die des Siegers. Durch Jesu Kreuzigung wird erkannt: “dass ich (Jesus) nichts von mir aus tue, sondern so rede, wie es mich der Vater gelehrt hat“ (8,28). Jesus handelt fremdbestimmt. Handelte er von sich aus, dann liefe er weg vor dem Tod. Gemeint ist die Selbstlosigkeit Jesu, bezogen auf seine Sendung. Ähnliches ist aus den synoptischen Kreuzigungsberichten bekannt: Der Gekreuzigte verweigert die Selbsthilfe (“Wenn du der Sohn Gottes bist...“) und erweist gerade dadurch, dass er auf Gott hofft und von Gott her gesandt ist. Der Verzicht, sich mit allen Mitteln aus der Zwangslage am Kreuz zu befreien, weist auf einen anderen Auftraggeber, in dessen Hände Jesus sein Leben legt, so wie er von ihm seine Sendung empfangen hat. Klarer als alles andere lässt das Sterben Jesu seine Legitimität erkennen (245). Der Glaube an den Erhöhten gibt das ewige Leben. Das Joh-Ev spricht nicht von der toten Schlange und dem toten Christus (3,14), auch fehlt hier jede Rede von Sünde und Sündenvergebung. So bleibt nur, den Erhöhten im Sinne von Joh 8,28 als den Anlass des Glaubens zu sehen. Da das 'Verhalten' Jesu am Kreuz die Legitimität seiner Sendung offenbar werden lässt, bezieht sich der Glaube auf den gekreuzigten Gesandten Gottes. Seine am Kreuz zur Vollendung gebrachte Liebe und 'Selbstlosigkeit' sind der Grund, an ihn zu glauben. Das Kreuz offenbart, wer Jesus ist, wer ihn gesandt hat und wozu er dagewesen ist (246). Die Verwendung des Wortes 'Erhöhen' für Kreuzigung setzt eine gewisse Ironie voraus. Diese 'Ironie' ist Ausdruck eines dualistisch ausgerichteten Glaubens in der Situation einer bedrängten Gemeinde. Für den, der so leidet und so glaubt, ist das Martyrium Sieg und das Aufgehängtwerden Erhöhtwerden (247f). 3. Auferstehung – eine Station auf dem Weg Jesu Im Joh-Ev ist die Auferstehung Jesu eine Art Zwischenstation zwischen dem 'Sieg' Jesu in der Erhöhung am Kreuz und der Vollendung seines Weges mit dem Ankommen beim Vater. Für den Evangelisten ist die Auferstehung nicht das zentrale Ereignis, sondern sie ist eingebettet in den Weg zwischen Sendung und Rückkehr zum Vater (248f). Auferweckung ist ein Teil der Verherrlichung. Als Auferstandener gibt Jesus den Geist (20,22) und in Joh 7,39 heißt es: “Der Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht“. Nach 13,32 und 17,5 muss die Verherrlichung erst an Jesus selbst geschehen, bevor er seinerseits verherrlichen kann. Erst der Auferstandene ist dazu in der Lage. Ostern ist ein Stück auf dem Weg zur erneuten Verherrlichung (17,4f) (249). Die Auferstehung ist Jesu Rechtfertigung, denn sie zeigt, dass er zu Unrecht getötet worden ist. Die Auferstehung hat nur argumentativen nicht soteriologischen Charakter (250). “Nur der hinabgestiegen ist, ist auch hinaufgestiegen“ (3,13), - mit diesem Satz wird die zentrale Frage nach der Legitimität Jesu und seiner soteriologischen Funktion (Heilsgabe Gottes) verknüpft mit der Deutung seines umstrittenen Geschicks (Hinaufsteigen). Sendung und Entrückung, von Gott her zu kommen wie auch zu Gott zu gehen, kennzeichnet Jesus als Boten Gottes. Die Rede vom Herabsteigen schließt eine Annahme Jesu zum Gottessohn in der Taufe aus (1,28-34). Im Joh-Ev gibt es keine Taufe Jesu am Anfang und Auferstehung nur als Teil im Geschehen der Rückkehr zum Vater. Das Joh-Ev folgt dem Schema von Hinabsteigen und Hinaufsteigen (257).
IV. Deutungen des Todes Jesu im NT
Menschensohn (MS) 1. Traditionskreis: frühchristliche Traditionen ohne Deutung des Todes Jesu a. Die Logienquelle, eine Spruchsammlung (Q) Die aramäisch-sprechenden Christen der ersten Jahrzehnte nach Jesu Tod hatten den Tod Jesu nicht zum Gegenstand ihrer Überlegungen gemacht. In Q fehlt jede Spur von einer Passionsgeschichte, auch ein ausdrückliches Passionskerygma ist noch nicht vorausgesetzt. Diese frühe aramäisch-sprechende Christenheit Palästinas bleibt im jüdischen Kultverband, sie bleibt beim Tempel und bei der Tora. Ihr Anliegen ist die Erweckung Israels. Entsprechend der atl Tradition der Völkerwallfahrt (Jes 2,2-5) erwartet sie das Herbeikommen der Heiden als Gottes eigene endzeitliche Fügung (Mt 8,10f par). Für Q ist der Wortlaut des mosaischen Gesetzes bis hin zu ‘Jota und Häkchen’ (Mt 5,18) unbedingt verbindlich. Q ordnet die Kultgesetzlichkeit dem Gebot der Nächstenliebe unter (Lk 11,39.42; Lk 14,5), darum konnte sie sich der ‘verlorenen Schafe des Hauses Israel’ (Mt 10,5f) annehmen (236f). Theologisches Hauptmotiv der Logienquelle ist Jesu Ansage vom Kommen der Herrschaft Gottes (Lk 11,20; Mt 13,31ff) und vom Eingehen in sie (Mt 8,11f). Die hinter Q stehende Gruppe konnte so vorgehen, weil ihr Jesus als der kommende MS offenbart wurde und weil sie dieses Kommen angespannt erwartete. Dieser Glaube an den Kommenden wird in das irdische Leben Jesu zurückgeblendet; der Dagewesene wird von seiner Zukunft her beleuchtet. Die Anhänger Jesu sind wie Jesus selbst Boten der Endzeit. Sie bekennen sich zu ihm, wissen sich von ihm gesandt (Lk 10,16) und erfahren um seinetwillen Abweisung und Verfolgung, einst aber himmlischen Lohn (Lk 6,22; 12,28). Auch Jesus war einem unbußfertigen, halsstarrigen Geschlecht begegnet (Mt 11,20ff), das ihn ‘Schlemmer und Zecher, Freund der Zöllner und Sünder’ (Mt 11,19) gelästert hatte (237f). Jesu Tod war Prophetenschicksal, ihm widerfuhr was allen Boten Gottes von Seiten Israels widerfährt (Lk 11,49ff; 13,34f). Da die traditionelle Aussage am Täter, nicht aber am Betroffenen orientiert ist, liegt darin keine direkte Sinndeutung des Geschicks im Blick auf Jesus. Sein Todesgeschick ist Ausdruck der Abweisung durch Israel und damit der Unbußfertigkeit Israels. Der Dagewesene wird identifiziert mit dem kommenden MS. Der Abgelehnte kommt wieder und zwar zum Gericht! Seine Ablehnung bedeutet daher Unheil im kommenden Endgericht (Lk 12,8) (238f). b. Fragmente anderer Traditionskreise Noch für das spätere Judenchristentum ist der Tod Jesu nicht Heilsereignis, sondern Frevel der Juden gewesen. Bekenntnisformulierungen die von Jesu Tod sprachen, entstanden wahrscheinlich erst unter griechisch-sprechenden Judenchristen. Aber selbst sie brauchten Jesu Tod nicht theologisch zu qualifizieren, wie die traditionellen Formeln in 1Thess 4,14 und Röm 8,34 zeigen. „Wenn wir glauben dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen“ (1Thess 4,14). „Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt“ (Röm 8,34). Die von Lk gestalteten Petrusreden der Apg verwenden ein kerygmatisches Motiv, das die schuldhafte Tat der Juden und die Auferweckungstat Gottes gegenüberstellt (Ihr habt ihn getötet - Gott aber hat ihn auferweckt: 2,23f.36; 3,13ff; 4,10; 5,30; 10,39f), um so den Gekreuzigten als durch Gott bestätigt zu erweisen und den Umkehrruf an die Juden zu motivieren. Hier geht es um den Aufweis der Schuld der Menschen an diesem Tod (239f). Auch im Horizont hellenistischer Frömmigkeit und einer ihr entsprechenden präsentischen Eschatologie braucht dem Tod Jesu nicht notwendig Heilsbedeutung zuzukommen, wie einige hymnische Fragmente hellenistischer Gemeinden zeigen. In ihnen wird der Kreuzestod Jesu bisweilen gar nicht erwähnt 1Tim 3,16: Universales Epiphaniegeschehen mit kosmischem Sieg und Erhöhung Christi; Kol 1,15-20: Unterwerfung des Alls durch die Schöpfungsmittlerschaft Christi, Versöhnung des Alls durch seine Auferstehung; die Erwähnung des Kreuzes in V.20 “indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz” ist pln Zusatz. Der Kreuzestod kann auch lediglich als Stufe auf dem nach dem Schema Inkarnation-Inthronisation gestalteten Weg des Erlösers Phil 2,6-11 erscheinen: Erst durch das pln Interpretament in V.8: “bis zum Tode am Kreuz” bekommt der Tod konstitutive Bedeutung (240).
Ergebnis
„Die Juden haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind“ (1Thess 1,15). Ähnliches gilt von den traditionellen Formeln in den Reden der Apg. Die Q-Gruppe lebte in unmittelbarer Erwartung Jesu als des kommenden MS, und dabei wurde ihr Jesu Tod offenbar nicht zum besonderen Problem. „Sie berichten … wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet“ (1Thes 1,9f). „Ich werde vom Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes“. (Mk 14,25). Hier blickt man bei der Mahlfeier auf das baldige himmlische Freudenmahl, nicht jedoch auf Leiden und Tod Jesu, wie das die späteren Deuteworte tun. Auch die genannten Hymnenfragmente hellenistischer Judenchristen sprechen dem Tode Jesu keine eigene Bedeutung zu (241). 2. Traditionskreis: theologische und eschatologische Deutung des Todes Jesu a. Die vormarkinische Kreuzigungstradition Die griechisch-sprechenden, der hellenistischen Diaspora entstammenden Judenchristen, die Anhänger des gekreuzigten Jesus von Nazareth geworden waren (Apg 6,1), wurden vermutlich von den ‘Sieben’, einem Kreis um Stephanus, maßgeblich bestimmt (Apg 6,3.5; 21,8). Diesem Kreis gehörte vielleicht auch Simon von Kyrene an, der Augenzeuge der Kreuzigung Jesu ist (Mk 15,21). Auf ihn geht der älteste uns erhaltene Bericht von der Kreuzigung Jesu zurück (241f). Die älteste Schicht des Kreuzigungsberichtes (Mk 15,20b-22a.24.27) Diesen Bericht gab man in der Form weiter, dass man ihn unter Verwendung atl Worte erzählte. Mk15,24 erinnert an den Psalm eines unschuldig leidenden Frommen (Ps 22,19 LXX). Das dürfte eine Art Vorstufe von Schriftbeweis darstellen. Hinter ihr verbirgt sich ein theologisch-apologetisches Interesse: Jesus ist nicht als Verbrecher, sondern gemäß dem im AT bezeugten göttlichen Willen unschuldig als Gerechter gekreuzigt worden. Er ist nicht einfach in eine Katastrophe geraten, vielmehr hat sich in seinem Tod Gottes Wille vollzogen. Schon die älteste Kunde von der Kreuzigung Jesu dürfte demnach nicht historischer Bericht über den Gang der Ereignisse, sondern Verkündigung des Glaubens gewesen sein (242). Ein Messias am Kreuz war für jeden Juden ein fast unüberwindlicher Anstoß. Es bedeutete für die frühe Christenheit eine Überlebensfrage, diesem Anstoß standzuhalten, stand doch dabei die Legitimation Jesu durch Gott auf dem Spiel. Am Leitfaden des AT versuchte sie deshalb, dem im Erfahrungshorizont spätjüdischer Geschichte nicht vorgesehenen Schandtod ihres Messias ein Verständnis abzugewinnen: In Jesu Tod hat sich Gottes eigener Wille erfüllt. Dies ist die einfachste und wohl auch älteste Form, sich mit dem paradoxen Schicksal des Messias auszusöhnen (243). An sich wies die Schrift keineswegs auf einen leidenden oder gar gekreuzigten Messias hin. Jes 53 wurde weder in Judentum noch im frühen Christentum so verstanden. Herkömmliche Schriftbegründung genügte folglich nicht mehr. Es war erforderlich, das unerhörte Geschehen des Kreuzes Christi im Lichte der ganzen Schrift zu deuten, d.h. das Zeugnis des AT aufs neue zu erheben, indem man es vom Kreuz Christi her las und auf das Kreuz Christi hin betrachtete. Dieses neue Verständnis der Schrift kommt etwa in der Formel ‘nach der Schrift’ (1Kor 15,3f) zum Ausdruck. Mit ihr will man sich nicht nur auf die eine oder andere Schriftstelle beziehen, vielmehr nimmt man die Schrift im ganzen für den gekreuzigten Messias in Anspruch. Diese Art Schriftbeweis war zunächst ein im Osterglauben wurzelndes Postulat. Man hatte im gekreuzigten Jesus von Nazareth den Messias erkannt. Seinen Kreuzestod lernte man als Gottes Ratschluss verstehen, und diesen Willen Gottes vernahm man dann auch aus der mit neuen Augen gelesenen Schrift. Auf diese Weise bekräftigte man, dass in diesem Jesus Gott, und zwar der Gott des AT, gehandelt hat (243). Im ältesten Kreuzigungsbericht geschieht Verkündigung: Sie geschieht als Geschichtserzählung mit den Worten des AT. Sie geschieht jedoch nicht im Schema Weissagung-Erfüllung; die atl Belegstellen gelten nicht als Weissagung und die Passion nicht als ihre Erfüllung. Ein derartiger Gebrauch der Schrift entwickelt sich erst in späteren Stadien der Tradition (Mt 27,9f). Der älteste Kreuzigungsbericht zeichnet den Leidensweg und Kreuzestod in atl Wendungen als schriftgemäßen und darum nicht widersinnigen, sondern gottgewollten Weg (244). Eine zweite spätere Schicht des Kreuzigungsberichtes (Mk 15,25f.29a.32cf.34a.37f) Nun fließen vor allem jüd.-apokalyptische Vorstellungen ein. Das apokalyptische Abrollen der Stunden (Mk 15,25.33.34a) bringt zum Ausdruck, dass diese Passion endzeitliches Geschehen, von Gott gewollt und geplant ist und dass es darum mit Unaufhaltsamkeit abrollt. Die Gottlosen kreuzigen (Mk 15,25 in der dritten Stunde) und schmähen (Mk 15,29a.32c) den Messiaskönig (Mk 15,26), aber dadurch entlarven sie sich als verblendete Sünder, über denen in der sechsten Stunde weltweite Gerichtsfinsternis aufzieht (Mk 15,33). In der neunten Stunde, stößt der Gekreuzigte einen apokalyptischen Schrei aus und stirbt (Mk 15,34a:37). Mit diesem wortlosen Todesschrei Jesu beginnt nicht die große Nacht, sondern hört die Finsternis auf (Mk 15,33; vgl Apg 8,33a), der Vorhang des Tempels zerreißt (Mk 15,38). Das apokalyptische Gericht über die Welt schließt die Vernichtung des Tempels ein: Hinter einem zerrissenen Tempelvorhang wohnt Gott nicht mehr. Die auf den Tempel hin orientierte Torafrömmigkeit der Juden erscheint damit als unwiderruflich durch den Gekreuzigten erledigt (244f). Judenchristen, die noch im Bann jüdischer Frömmigkeit standen, erwarteten das Gericht über die Gottlosen wie die Rettung der Jesusanhänger von der Zukunft des MS. Hier aber wurde beides als längst geschehen ausgegeben. Mit Jesu Kreuzestod hat etwas Neues begonnen. Die Finsternis ist beendet, der neue Tempel ist ein Bethaus für alle Völker (Mk 11,17). Man wandte apokalyptische Vorstellungen nicht auf das Kommende an, sondern auf ein bereits vergangenes Ereignis, auf den Tod Jesu. Damit war die Apokalyptik umgedeutet (245). Griechisch-sprechende Judenchristen standen der Tora, insbesondere dem Kultgesetz und dem Tempel, von Anfang an mit größerer Freiheit gegenüber als ihre judaisierenden Glaubensgenossen. Vielleicht sah man in dem Kreis um Stephanus die Verheißungen von Joel (2,28-32) bereits eingetreten: den Tag Jahwes, die Verfinsterung der Sonne (Mk 15,33), die Ausgießung des Geistes (Apg 2,16ff), die Rettung durch die Anrufung des Namens Jesus (Apg 4,12; 9,14.21; 22,16; 1Kor 1,2) und auch jene apokalyptischen Verheißungen (äth Hen 90,28f) nach welchen der irdische Tempel zerstört und durch einen neuen, vollkommenen Tempel ersetzt werden soll (Mk 14,58; 15,29: Apg 6,14; 7,48ff). Dann brauchte man die Rettung nicht mehr von der Befolgung der Tora und auch nicht erst vom Kommen des MS zu erwarten. Konsequenterweise wandte man sich nach der Ermordung des Stephanus (Apg 7,54ff) und nach der Flucht des Kreises (Apg 8,1; 11,19) auch der Heidenmission zu (Apg 8,4; 11,19ff), ohne von den Heiden zu verlangen, dass sie rituell Juden werden müssten (245f). b. Die Leidensvorhersagen In der ältesten vormarkinischen Schicht des Passionsberichtes findet sich nirgendwo der Titel MS. Q kennt zwar Sprüche vom kommenden MS und solche von seinem Erdenwirken, nicht jedoch Sprüche von seinem Leiden. Solche Worte vom leidenden MS begegnen in der späteren vormarkinischen Tradition. Dort wurde die MS- und die Passionsüberlieferung verbunden (248). Worte vom leidenden MS treten in zwei verschiedenen Typen auf: Der eine Typ begegnet in Mk 9,31b: “Der MS wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten”. Dieser Text reflektiert eine der ältesten Deutungen der Passion, die Vorstellung vom Leiden des Gerechten. Der Gegensatz Gerechter-Sünder kehrt in der Gegenüberstellung MS-Menschen (als gottfeindliches Geschlecht) wieder. Der Ausliefernde ist Gott selbst. Er gibt Jesus der sündigen Menschheit preis (248f). Der Tod Jesu war Gottes eigene Tat. In atl und spätjüdischen Aussagen vom Leiden des Gerechten wird auch schon auf dessen Rettung, Auferstehung und Lohn vorausgeschaut. So verwundert es kaum, dass die Leidensvoraussage Mk 9,31b nachträglich um eine Auferstehungsaussage erweitert wurde (Mk 9,31c) (249). Der zweite jüngere Typ nimmt auf die Schrift Bezug. Er begegnet in der Leidens- und Auferstehungsvorhersage Mk 8,31: “Der MS muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen”. Hier erscheint die jüdische Obrigkeit als Akteur der Passion, das wird zur Anklage gegen sie. Der Hinweis auf den verborgenen Willen Gottes der sich im Leiden des MS vollzieht, wird nun deutlicher artikuliert durch das Motiv der Schrifterfüllung: ‘es steht geschrieben’ und durch die apokalyptische Formel ‘es ist nötig’/‘muß’, mit deren Hilfe eine gottgesetzte Gesetzmäßigkeit ausgesprochen werden soll: der Tod Jesu ist nicht sinnlos, sondern nach dem Willen Gottes geschehen (250). Paradoxerweise unterliegt der MS, dessen Erscheinen in Macht erwartet wird, ohnmächtig der Feindschaft des Bösen. Die Gottlosigkeit triumphiert über ihn. Das wiederum ist paradoxerweise von Gott so verfügt, der auch dieses Geschehen in der Hand behält und zu seinem endzeitlichen Handeln macht. In der zweiten Schicht des Kreuzigungsberichtes war mit dem Tod Jesu das Gericht über die Gottlosigkeit und über das jüdische Kultgesetz ausgesprochen (251). Mk konnte Leidensvorhersagen und Passionstradition für seine Konzeption verwenden, nach welcher Jesus im Augenblick seiner tiefsten Erniedrigung verborgenerweise der erhöhte Gottessohn ist, aber zugleich immer der gekreuzigte Jesus von Nazareth (Mk 16,6) bleibt und nach welcher Jesus in seinem Kreuzestod den neuen, nicht mit Händen gemachten Tempel, seine Geimeinde, erbaut. Mk erwartet Gericht und Heil nicht mehr von der zukünftigen Parusie des MS, sie sind für ihn im Kreuzestod schon Ereignis geworden und durch die Gegenwart des Erhöhten immer wieder neu aktuell. Das Heil steht seit Jesu Tod allen Glaubenden offen (251). Ergebnis
- Die Leidens- und Auferstehungsvorhersagen sind nachösterliche vaticinia ex eventu.
In ihnen spricht die nachösterliche Christenheit eine Deutung der Passion von Ostern her aus.
3. Traditionskreis: soteriologische Deutung des Todes Jesu
In diesem dritten Motivkreis spielt die Sühnevorstellung eine bestimmende Rolle. Sie setzt die Gültigkeit von Bund und Gesetz voraus und interpretiert Jesu Tod als Wiederherstellung des Bundes (253). Jes 53 wurde im Spätjudentum nicht auf den Tod der Gerechten angewendet, und seine Leidensaussagen wurden nicht auf den Messias bezogen. Anders das frühe Christentum. Apg 8,32ff (u Mk 15,27) beziehen Leidensaussagen aus Jes 53 auf Leiden und Tod des Messias Jesus von Nazareth. Aber auffälligerweise beziehen sie keine Sühneaussagen von Jes 53 auf seinen Tod (265). a. Röm 3,25-26a
“diesen [Jesus] hat Gott hingestellt
als Sühnopfer (durch den Glauben) in seinem Blut [= Tod]
zum Aufzeigen seiner Gerechtigkeit
wegen des Ungestraftlassens der vorhergeschehenen Sünden
unter der Geduld Gottes”.
Gerechtigkeit ist die Eigenschaft der Bundestreue Gottes und darum mit Güte und Barmherzigkeit fast synonym. Gott wollte seine Bundestreue erweisen. Er tat es, indem er den am Kreuz sterbenden Jesus öffentlich hinstellte als Sühnemittel, als Sühnopfer. Sühnendes Medium war das Blut (=Tod) Jesu. Demnach hat Gott selbst durch das Mittel des Todes Jesu den Bund, der durch die begangenen Sünden des Bundesvolkes zerbrochen war, entsühnt und wiederhergestellt. Gott hat selbst an seinem Bund festgehalten und hat auf menschlicher Seite ein erneutes Bundesverhältnis begründet. Der neue Bund erscheint als die Restitution des alten. Nirgendwo wird auf einen Adressaten dieses Sühnopfers reflektiert. Nirgendwo erscheint der hellenistische Gedanke, dass ein zorniger Gott des Sühnopfers Christi bedürfe, um wieder gnädig sein zu können (266f).
- Gott fordert nach Röm 3,25f nicht Sühne, sondern er wirkt sie selbst.
Wie in der Septuaginta allgemein, so bezeichnet auch hier Sühnopfer nicht ein Einwirken des Menschen auf Gott,
sondern das sühnende Handeln Gottes. Wie schon im AT ist nicht Jahwe der Empfänger der Sühne, sondern Israel.
Die ‘apolytrosis’ (Röm 3,24) ist kein Loskauf und keine Auslösung, sondern die freie Gnadentat Gottes.
b. Röm 4,25
“der hingegeben wurde wegen unserer Übertretungen
und auferweckt wurde wegen unserer Gerechtsprechung”.
Um unserer Gerechtmachung willen wurde Jesus auferweckt. Die Gerechtmachung vollzieht sich demnach aufgrund der Auferweckung. Die Auferweckung ist im Blick auf ihren Heilssinn für uns ausgelegt. Ohne die Auferweckung würde dem Tod Jesu nicht sündentilgende Kraft eignen. Die Gerechtmachung ist vom Bundesgedanken her zu verstehen und bedeutet die Wiedereinsetzung in bundesgemäßes Verhalten, wir werden wieder in den Gottesbund aufgenommen (270). c. 1Kor 15,3-5a
“dass Christus
gestorben ist für unsere Sünden [gemäß der Schrift]
und dass er begraben worden ist
und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag [gemäss der Schrift]
und dass er erschienen ist Kephas, dann den Zwölfen”.
Hier wie Röm 4,25 ist die Auferstehung notwendiges Korrelat zum Sühnetod. Aber 1Kor 15 verlagert den kerygmatischen Akzent von der Osterpredigt auf die Predigt des Kreuzes, indem sie allein zur Aussage über den Tod eine heilstheologische Deutung hinzufügt. 4 Makk, geschrieben 37-41 n.Chr, hatte vom leidenden Gerechten gesagt, dass sein Tod Sühne nicht nur für eigene Sünden, sondern auch für die Frevel des ganzen Volkes bewirke. 1Kor 15 geht weiter: Nicht bloß ein Gerechter starb sühnend für die Sünden des Volkes, sondern der Messias (Christos) ist für unsere Sünden gestorben. Messias und Sterben gehören zusammen. Die Verbindung erklärt sich aus der Tendenz, die Tatsache der Kreuzigung Jesu als eines Messiasprätendenten im positiven Sinne aufzunehmen. Sie bedeutet eine durchgreifende, radikale Christianisierung des jüdischen Messiastitels. Das Judentum erwartete einen Messias in Hoheit und Macht, der das Gesetz und die Davidsherrschaft aufrichtet oder auch eine transzendente Befreiung bringt, der aber jedenfalls nicht leidet. Nicht nur Messias und Sterben, sondern auch Messias und Sühnetod (Sterben für) gehören jetzt zusammen. Die Sühneaussagen von Jes 53 und der Sühnetod der Märtyrer werden nun deutlich messianisch ausgelegt (272). Die Heilsbedeutung des Todes Jesu ist ein vorausliegendes Axiom, zu dem alle martyrologischen Vorstellungen nur andeutende Hilfsvorstellungen sind (273). Nach F. Hahn haben sich in 1Kor 15,3 Sühneaussagen und das Motiv der Schriftgemäßheit sekundär verbunden. Diese Verbindung hat die Übernahme des Motivs vom Sühneleiden des Gottesknechtes Jes 53, das im Judentum gemieden und auch im Christentum anfänglich unbeachtet war, ermöglicht (273). “Gestorben für unsere Sünden” bedeutet demnach:
- Ursache seines Sterbens sind unsere Sünden.
"gemäß der Schrift": Der Grund seines Sterbens lag im Willen Gottes. Das ‘für uns’ dringt in alle möglichen Wendungen ein, so dass man von einer kerygmatischen Formel sprechen kann, die bedeutet: ‘für, zu Gunsten, zugute, zum besten von’ (274). Auffällig bleibt, dass dieses ‘für’ nicht in die vorsynoptischen Traditionen eingedrungen ist. Es fehlt in den Leidensweissagungen und in der eigentlichen Passionsgeschichte. Der Sühnegedanke spielt bei den Synoptikern keine konstitutive Rolle. Lediglich an zwei Stellen (Mk 10,45b; 14,24) hat Mk das Sühnemotiv in seine Vorlage eingefügt. Die Synoptiker sind primär an dem Faktum des Todes Jesu, nicht aber an seiner sühnenden Bedeutsamkeit interessiert (274f). d. Die sog. Deuteworte in der Abendmahlstradition: 1Kor 11,24f; Mk 14,22.24 par (s. Text 8 a) e. Mk 10,45b: “und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele”
“Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen,
sich dienen zu lassen, sondern zu dienen” (Mk 10,45a).
Mk 10,45a: Die in der Welt übliche Ordnung soll umgekehrt werden durch die Jünger; zur Begründung dient ein Verweis auf das entsprechende Verhalten Jesu. Es geht um eine ethisch-paränetische Ausrichtung. Das MS-Wort soll das Vorbild liefern und dadurch Nachfolge begründen, so auch Lk 22,26f (282). Die Hinzufügung von Mk 10,45b steht in Spannung zum vorangehenden Kontext, dem es um die Entsprechung Vorbild-Nachfolge ging. Das Leben als Lösegeld für viele geben, das können die Jünger ja gerade nicht nachvollziehen. Die Durchbrechung des Kontextes und das Fehlen einer Parallele bei Lk zeigen, dass Mk 10,45b später hinzugefügt wurde. Die soteriologische Erweiterung geschah ohne Rücksicht auf die paränetische Struktur des Kontextes in der Weise, dass isoliert entfaltet wurde, was es um das Dienen des MS in seiner Einzigartigkeit ist. Er gab das Leben hin als ‘Lösegeld für viele’ (283):
Mk 10,45b besagt:
Mk 10,45b spricht nicht davon, dass wir, die Vielen, selber hätten zahlen, opfern, sterben sollen, dazu aber nicht in der Lage waren. Der Text sagt auch nicht, warum ein Lösegeld überhaupt dargebracht wurde und er sagt nicht, wem das Lösegeld dargebracht wird. Gott ist als Empfänger ausgeschlossen, weil Jesus im Auftrag Gottes seinen Dienst tut. Von einer Einwirkung des Todes Jesu auf Gott kann keine Rede sein. Der Text sagt: Jesus hat sich hingegeben als Sühne zu Gunsten der Vielen, so hat er ihnen Heil gebracht. Das Bild ‘Lösegeld’ kann nicht zu einer Satisfaktionstheorie systematisiert werden (284f). f. Die Konzeption des Hebräerbriefes
Jesus als Vorläufer auf dem Weg des Glaubens durch Leiden in die himmlische Vollendung
Die glaubende Gemeinde bildet das wandernde Gottesvolk, das aufbricht, das das Alte aufgibt und die Beschwernis der Fremde erträgt im Hinblick auf das, was vor ihm liegt (6,18f). Jesus ist uns gleich geworden: Er hat die Beschwernisse, die auf uns lasten, er hat Schwachheit angenommen, er wurde genauso versucht wie wir, er litt genauso wie wir und hatte Angst vor dem Tod (5,7). Er wurde erhört, wie der leidende Gerechte, er wurde “um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt” (2,9). “Um der vor ihm liegenden Freude willen erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht” (12,2). Gehorsam lernte er an dem, was er litt. Durch sein Leiden hindurch wurde er vollendet, die Schmach führte zur Ehre. Der Vf unterwirft Jesus einem allgemein geltenden Gesetz (leidend lernen) und einer allgemeinen Regel (durch Kreuz zur Krone). Auch Jesus mußte sich den über uns herrschenden Gesetzen unterwerfen. In seiner Passion bekam er Anteil an unserem Los und wurde uns gleich, damit wir getrost seinen Weg nachschreiten. Der Vf geht von einer christologischen Bekenntnistradition aus, die ähnlich wie Phil 2,5ff von Erniedrigung und Erhöhung sprach (286f). Vergleich mit den Handlungen des Hohenpriesters am großen Versöhnungstag. Bei seinem zweiten Auslegungsversuch sieht der Vf. des Hebr den Tod und die Erhöhung Christi auf dem Hintergrund der Verrichtungen des atl-jüdischen Hohenpriesters am jährlichen großen Versöhnungstag. Christus “der von Gott den Namen bekommen hat: Hoherpriester nach der Weise Melchisedeks” (5,10) wurde selber, und zwar “einmal geopfert, um die Sünden vieler wegzunehmen” (9,28). Er “ging durch sein eigenes Blut in das (himmlische) Heiligtum hinein und erlangte eine ewige Erlösung” (9,12). Einmal geschah dies, und es geschah ein für allemal. Darum ist Christus der “Urheber des ewigen Heils” (5,9). Darum kann gesagt werden, dass er “den Tod schmeckte für jedermann” (2,9) (288). In der ersten Aussagenreihe muss dem “er wurde in allem auf gleiche Weise versucht wie wir” ein “doch ohne Sünde” (4,15) hinzugefügt werden. Den Sündern ist er nicht gleich, aber er ist mit ihnen solidarisch. Ihn, den selber keine Schuld traf, den traf die Schuld der Vielen. Selber schuldlos, hat er alle entsühnt, gereinigt, geheiligt. Er hat “durch den Tod den vernichtet, der die Macht über den Tod hatte, nämlich den Teufel” (2,14) und damit alle erlöst. Damit hat er den Weg zu Gott wirklich freigemacht. Es geht nicht so sehr um den Tod Jesu in der Vergangenheit, als vielmehr darum, dass Jesus mit seinem Tod sein gegenwärtiges hohepriesterliches Amt angetreten hat, dass er mit seinem sühnenden Blut (=Tod) in das Heiligtum hineingegangen ist und nunmehr im Heiligtum bleibt, um dort jetzt für die Gemeinde einzutreten. Jesus hat durch seinen Tod auch die Voraussetzungen für seine eigene Vollendung, die ‘Weihe’ zum himmlischen Hohenpriester, geschaffen. Seine Aufgabe ist die Vertretung der Gemeinde in allen ihren Anliegen vor Gott (2,17f; 4,15f) (289). Der Hebr benutzt das Bild des großen Versöhnungstages, sein Ritual, den Hohenpriester, das Heiligtum als dunkle Folie, auf der der Glanz Christi um so herrlicher erstrahlen soll. Die Leser und Hörer sollen erkennen, dass das Alte, das ihnen einst wert war, von einem Neuen verdrängt und außer Kraft gesetzt ist (10,9), von einem Neuen, das wirklich hält, was das Alte versprach und nie halten konnte. Zur Zeit der Abfassung des Hebr war der Jerusalemer Tempel zerstört. Das Judentum war gezwungen, den Sühnopferkult durch andere Leistungen: Torastudium, Gebet, Liebeserweisungen zu ersetzen. Auf der Synode von Jamnia wurde das Christentum offiziell aus dem Verband des Judentums ausgestoßen. In dieser Zeit der Ablösung vom Judentum zeigt der Hebr am Gegenbild des atl-jüdischen Kultes: auch wir haben eine Sühne - wir haben eine bessere - wir haben die einzige Sühne, nur wir. Christus macht das Erhoffte wirklich wahr (290). Aus der Gegenüberstellung soll nicht herauskommen, dass Jesu Tod im buchstäblichen jüdisch-kultischen Sinn des Wortes ein Opfer ist. Deshalb heißt es: “Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet. Ganzopfer und Sündopfer gefallen dir nicht. Da sprach ich: Siehe, ich komme, um zu tun, o Gott, deinen Willen” (10,5-7). “Er [Christus] hebt das Erste auf, um das Zweite in Geltung zu setzen” (10,9). Gott hat die Opfer verworfen und einen neuen Gehorsam verlangt. Jesu Tod war das Ende aller kultischen Opfer. Jesu Tod selbst darf nicht mehr als Opfer im kultischen Sinn verstanden werden. Es gibt immer noch Opfer im übertragenen Sinn: Opfer des Lobes, des Wohltuns und des Mitteilens; an solchen ‘Opfern’ hat Gott Wohlgefallen (13,15f). Der Hebr lässt den in die Welt eintretenden Sohn anstelle der Opfer einen ganz neuen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes erbringen (10,5-7). Das Alte (Heiligtum, Priester, Opfer, Bund, Kultgesetz) erscheint plötzlich als Abbild des besseren, wahren weil himmlischen Urbildes und als Schatten der Gestalt (291). Der Hebr sucht einer glaubensmüden Gemeinde klarzumachen:
- Glauben bedeutet auch, durch Leiden hindurch in die himmlische Vollendung hineinzuwandern.
Jesus ist mit seinem Leidenstod Vorbild und in seinem Tod und seiner Erhöhung zugleich Vorläufer
in die himmlische Heimat hinein.
Ergebnis In einem dritten Traditionskreis sind Deutungen des Todes Jesu beheimatet, die in der Logienquelle überhaupt nicht vorkamen und in das vormarkn bzw. in das gesamte synoptische Gut erst relativ spät und nur an zwei einsamen Stellen (Mk 14,24 parr; 10,45b par) eingedrungen sind. Bei den Synoptikern erlangen diese Deutungen keine konstitutive Bedeutung. Demgegenüber finden sie sich einigermaßen häufig in Traditionsstücken welche über das pln Schrifttum verstreut sind, sowie in der eigentümlichen Konzeption des Hebräerbriefes (294). Sieht man vom Motiv des Bundesopfers ab, so spielt die Sühnevorstellung eine beherrschende Rolle. Im Milieu spätjüdisch-hellenistischer Deutung des Märtyrertodes als Sühnetod mit stellvertretender Wirkung (4 Makk) sowie im Rückgriff auf Jes 53 wird Jesu Tod als Sühne für andere verstanden. Gott selbst entsühnt durch Jesu Tod die Sünden der Vergangenheit und stellt den zerbrochenen Bund endgültig wieder her für alle diejenigen, die sich zu Jesus bekennen. Darin erweist Gott seine Treue und seine Güte. Hier wird dasselbe ausgesagt, was in Jesu Wort und Tat geschehen war: In Jesus wendet sich Gott den Sündern und Verlorenen zu und schenkt ihnen seine Gemeinschaft. Mit der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod soll einerseits ausgesagt werden, dass Gott in Jesus von Nazareth endgültig und unwiderruflich seinen Heilswillen dokumentiert und seine Heilsmacht durchsetzt. Die Sühneaussage war anderseits geeignet, das gerade am Tode Jesu auszusagen und so das Anstößige, das im Schandtod des Messias lag, aufzufangen. Der Tod Jesu sollte nicht gegen, sondern gerade für das Heil Gottes in dem Messias Jesus sprechen.
Dass die Sühnevorstellung nur Mittel und keineswegs der Sinn der Aussage ist,
zeigen unter anderem die zahlreichen ‘für’-Formeln.
Gerade sie sind zunehmend nicht am eigentlichen Sühnemoment sondern am Ziel des Gotteshandelns orientiert.
Sie bedeuten darum in den allermeisten Fällen “zugute, zum Besten von”. Was Gott in Jesus tat,
was Jesus selber tat, ist uns zugute geschehen.
Der Akzent verlagert sich demnach immer mehr vom Blick auf die Vergangenheit (Sünde) zum Blick
auf die eröffnete neue Möglichkeit. Nicht die Heilshindernisse,
sondern die Heilsempfänger stehen im Vordergrund.
Die Deutung des Todes Jesu als Sühnopfer ist nur eine Deutung unter anderen. Der Tod Jesu wird keineswegs in allen Schichten des NT soteriologisch qualifiziert. Deshalb lassen sich die erörterten Texte nicht zu einer Sühne-, Opfer- oder Satisfaktionstheorie systematisieren, ohne ihre eigentliche Sinnspitze zu verlieren (294f). Anhang Stellvertretende Sühne, Loskauf, Partizipation - ein Katalog verbindlicher Glaubenssätze? Jesus sagt zu dem blinden Bartimäus (Mk 10,52 par), zu der blutflüssigen Frau (Mk 5,34 par), zu der Sünderin (Lk 7,50) und zu dem geheilten Aussätzigen (Lk 17,19): "Dein Glaube hat dich gerettet. (Geh hin in Frieden)"! Gilt das nach 'Ostern' nicht mehr? Muss der Glaube jetzt in verbindlichen Glaubenssätzen, in nicht mehr nachvollziehbaren Bildern, formuliert werden? Das Heil, das Gott durch Jesus wirkt, ermöglicht einen neuen Wandel. Zachäus sagt: "Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück" (Lk 19,8). Das neue Verhalten der Sünderin muss Jesus dem Pharisäer Simon erklären (Lk 7,44-46). Einer der geheilten zehn Aussätzigen kehrt zu Jesus zurück, weil er das Heil erfahren hat. Die neun anderen haben es nicht erfahren, sie sind nicht zu Jesus umgekehrt. Paulus konnte die Theologie des Petrus, der Apostel vor ihm, nicht übernehmen. Kann der Quasiheide Zachäus, kann ich (L.M.) die Sühnetodtheologie des Paulus übernehmen? Jesus hat Zachäus nicht in die Toraschule geschickt, damit er das Grundwissen jüdischen Glaubens und Denkes kennenlernt, so daß er Paulus Sühnetodtheologie theoretisch nachvollziehen könnte. Für Zachäus Glauben an Jesus, für sein Heil ist das nicht notwendig: zum Erweis, "dass er (Gott) gerecht ist und gerecht macht den (Zachäus), (der) aus Glauben an Jesus (lebt)" (Röm 3,26;10,9). Die Gerechtmachung geschieht "aus Glauben an Jesus" vor Ostern und ebenso nach Ostern. "Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll geretter werden" (Apg 2,21 u.ä.). Gott wirkt das Heil durch Jesus einerseits; Gott wirkt das Heil exklusiv im Tod Jesu andererseits. Einerseits geht es um die heilsbedeutsame Verkündigung Jesu, andererseits geht es um den heilsbedeutsamen Tod Jesu. Zwei Heilskonzepte konkurieren miteinander. Nachdem ich viele Jahre in der Gemeinde irgendwie mitgeschwommen bin ohne einen Fuß auf den Boden zu bekommen, weiß ich inzwischen, dass ich mich nicht bei Paulus, sondern beim Evangelisten Lukas wiederfinde. Der Schriftgelehrte und Pharisäer Paulus einerseits, Zachäus (Lk 19) und die Sünderin (Lk 7) andererseits kommen von total verschiedenen Standorten zum Glauben. Was sollen die beiden mit der pln Rechtfertigungsbotschaft anfangen? Paulus war vor seiner Bekehrung ein Gesetzeseiferer. Die beiden haben in dieser Hinsicht keine Ambitionen. Weil Christsein persönliche Beziehung zu Jesus Christus ist, kann man 'Zachäus' und die 'Sünderin' nicht auf die pln Soteriologie verpflichten. Es gibt zwei Wege zu Jesus Christus: ein Jesus-Christentum, das sich am 'Irdischen' orientiert (die Evangelien) und ein kerygmatisches Christentum, das Jesu Tod als Sühnetod interpretiert (Paulus). Neben Paulus christologischer Soteriologie wird nach Ostern die theologische Soteriologie der Basileiaverkündigung Jesu weitergeführt. Barth, Gerhard, Für uns gestorben? in: DtPfrBl 90, 1990 Becker, Jürgen, Das Gottesbild Jesu und die älteste Auslegung von Ostern, in: FS für Hans Conzelmann, 1975, 105-26 (referiert in wörtl. Anlehnung) Berger, Klaus, Im Anfang war Johannes 32004
Fiedler, Peter, Jesu Leiden – uns zugute, in:rhs (Religionsunterricht an höheren Schulen), 1986, 8-12
Kessler, Hans, Die theologische Bedeutung des Todes Jesu, 1970 (referiert in wörtl. Anlehnung)
Küng, Hans, Das Judentum, 1991 (referiert in wörtl. Anlehnung) Marxsen, Willi, Erwägungen zum Problem des verkündigten Kreuzes, in: NTS 8, 1961/62 Müller, Ulrich, Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu im Joh-Ev, in Kerygma und Dogma 21, 1975 (referiert in wörtl. Anlehnung) Rese, Martin, Die Aussagen über Jesu Tod und Auferstehung in der Apg – Ältestes Kerygma oder lkn Theologumena? in: NTS 30, 1984 Vollmer, Jochen, Zur Deutung des Todes Jesu, in: DtPfrBl 97, 1997, 119-22 Auszug Weiser, Alfons, Die Theologie des Lk-Ev und der Apg, in: ders. Theologie des NT II,1993 Zager, Werner, Jesus und die frühchristliche Verkündigung, 1999 |