14.

Müssen wir den im NT bezeugten Brauch der Taufe heute üben?





1. Gibt es eine neutestamentliche Begründung der Taufe?
W. Marxen (1968)

Es geht um die Begründung des heute in der Kirche geübten Brauches der Taufe mit Hilfe des NT. Ist das möglich (226)?

Wenn dies möglich ist, müsste es immer möglich sein. Jak 5,14 steht: “Ist jemand unter euch krank, der rufe die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn“. Gebet und Ölung werden dann den Kranken gesund machen. Die Krankenölung hat eine ntl Begründung. Wenn man die Krankenölung nicht einführen will, müsste man folgende Konsequenz ziehen: Ein in der Urchristenheit geübter und im NT bezeugter Brauch ist keine ausreichende Begründung dafür, dass wir heute den Brauch übernehmen müssen. D.h. dass man in der Urchristenheit getauft hat und dass diese Taufe im NT bezeugt wird, ist noch kein hinreichender Grund dafür, dass wir heute die Taufe üben (227f).

Ein Einwand gegen die Krankenölung lautet: Das steht nur im Jakobusbrief, das ist nur einmal bezeugt. Kann hier die Zahl entscheiden? Ein anderer Einwand lautet: Die Krankenölung ist kein Sakrament. Ein Sakrament kann nur eine von Jesus eingesetzte Handlung sein. Da wäre auf Joh 13,14 hinzuweisen. Nach der Fußwaschung sagt Jesus: “Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr euch auch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe“. Hier haben wir nach dem Wortlaut des Textes nicht nur einen von Jesus selbst eingesetzten Brauch, sondern darüber hinaus einen Wiederholungsbefehl. Sollte man nicht den Brauch der Fußwaschung bei uns einführen? Ist in diesem Fall die Mitteilung der Liebe Jesu nicht die Gabe? Wer bestimmt, was ein Sakrament ist? Im NT kommt der Begriff nicht vor, jedenfalls nicht in dem von uns gemeinten Sinne. D.h. es findet keine Prüfung, keine Orientierung am NT statt, sondern hier schiebt sich eine dogmatische Auffassung in die Prüfung hinein. Das NT ist nur dann und nur soweit Norm für einen solchen Brauch, wie die dogmatischen Voraussetzungen über das Sakrament erfüllt sind. Nicht das NT wird gefragt, sondern zuerst legt man den Begriff des Sakramentes fest. Wenn man den Begriff definiert hat, dann benutzt man diesen Begriff gleichsam als Sieb. Nur das aus dem NT, was durch dieses Sieb hindurchgeht, soll verbindlich sein. Das ist keine ntl Begründung. Diese Verlegenheit ist uns wegen der Einseitigkeit unserer Blickrichtung nicht bewusst geworden. Wir sind nicht vom NT ausgegangen, sondern wir haben gezielt nach rückwärts ins NT hinein gefragt (228f).

Im Zusammenhang mit Taufaussagen begegnen eine Fülle von Motiven: Reinigung von Sünden, Versiegelung auf den Namen Jesu Christi, Geistverleihung, Anteilgabe an Tod und Auferstehung Jesu, Eingliederung in den Leib Christi als Initiationsritus; daneben aber auch die Trennung der Geistverleihung von der Taufe (die dann nur Sündenvergebung gewährt), während der Geist anschließend durch Handauflegung vermittelt wird; vor allem ist das Verhältnis von Taufe und Glaube unausgeglichen (230).

Wenn an einer Stelle der Glaube Voraussetzung für die Taufe ist, dann bleibt die Frage, ob das für uns heute begründend ist. Denn es gibt andere Stellen, die davon nichts sagen. Wenn die Taufe Glauben voraussetzt, wird man kleine Kinder wohl kaum taufen dürfen. Wenn Taufe aber Eingliederung in den Leib Christi ist, dann ist nicht einzusehen, warum man kleine Kinder nicht taufen soll (230).

Eine ntl Tauflehre gibt es nicht, (1) weil die Aussagen über die Taufe sich nicht harmonisieren lassen und (2) weil nicht alle Schriften von der Taufe reden. Man kann nicht unterstellen, dass die Schriften, die von der Taufe schweigen, dieselbe Taufauffassung anerkennen, die man anderswo findet. D.h. man müsste annehmen, dass Paulus über die Krankenölung immer und an allen Stellen genauso gedacht hat wie Jakobus (230).

Die beiden Richtungen (Frage zurück und die begründende Richtung von früher auf uns her) gibt es auch schon im NT. Schon damals gab es eine Frage nach der Taufe, denn Fragen setzen voraus, dass es Unklarheiten gab. Wenn es die beiden Richtungen schon im NT gab, dann gleicht die inner-ntl Situation in gewisser Weise unserer Situation. Dann gab es einen Brauch, der geübt wurde, nach dessen Begründung man noch immer fragte (230f).

Zum Vergleich: D i e Abendmahlslehre des NT gibt es nicht. Darum ist es unmöglich, in unmittelbarer Befragung des NT die Abendmahlslehre für heute zu entwickeln. Schon im NT (und erst recht danach) haben wir es mit einer Geschichte des Abendmahls zu tun. Man sagte in den einzelnen Formeln, wie das Abendmahl zu feiern ist, und begründete doch jedes Abendmahl mit der Einsetzung Jesu. Da wir es innerhalb des NT mit einer Geschichte des Abendmahls zu tun haben, ist es nicht erlaubt, verschiedene Stufen dieser Entwicklung nebeneinander zu legen und diese dann unmittelbar auf uns zu beziehen. Das NT ist kein dogmatisches Rezeptbuch für heute, sondern zeichnet die Geschichte der theologischen Entwicklung des Urchristentums nach. Ich benutze das NT falsch, wenn ich alle Schriften nebeneinander lege. Ich muss die Schriften in ihrem Nacheinander stehen lassen und immer fragen: An welchem Ort dieser Entwicklung ist gerade diese Aussage gemacht worden? Es ist auf die Richtung zu achten. Entsprechend könnte man versuchen, eine Geschichte der Taufe innerhalb des NT nachzuzeichnen (231).

In Röm 6,3f wird gesagt, dass die Christen mit Christus in der Taufe gestorben sind – freilich nicht, dass sie auferstanden sind (die Auferstehung bleibt hier futurisch), aber dass sie, gleich wie Christus auferstanden ist, in einem neuen Leben wandeln sollen. Dieses Motiv kehrt Kol 2,12 verändert wieder: “Mit ihm wurdet ihr begraben durch die Taufe und mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben...“ (232).

Röm 2,28f spricht Paulus von der geistlichen Beschneidung. “Nicht der ist ein (rechter) Jude, der auswendig beschnitten ist, sondern der die Beschneidung des Herzens erfahren hat, die im Geist, nicht im Buchstaben geschieht“. Kol 2,11 heißt es: “In ihm seid auch ihr beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, als ihr nämlich euer fleischliches Wesen abgelegt habt bei der Beschneidung durch Christus“. Hier werden Gedanken aufgenommen und in die Nähe der Taufe (2,12) gerückt (232).

1Ptr 3,21: “Was jenen widerfahren ist, die z.Zt. des Noah lebten, das geschieht nun in der Taufe zu eurer Rettung. Denn in der Taufe wird nicht die Unreinigkeit am Fleisch abgetan, sondern wir bitten Gott, dass er uns ein gutes Gewissen schenke, durch die Auferstehung Jesu Christi“. Hier wird die Taufe ausgelegt mit Hilfe einer Vorstellung, die ursprünglich mit der geistlichen Beschneidung zusammenhing, wobei gerade der Gegensatz leibliche Beschneidung/geistliche Beschneidung insofern durchgehalten ist, als die Taufe nicht die Unreinigkeit des Fleisches abtut, sondern Bitte um ein reines Gewissen ist. Motive, die zunächst noch gar nicht mit der Taufe zusammenhängen, werden mit der Zeit auf die Taufe bezogen und dienen dazu, zu sagen, was die Taufe bedeutet. Bezeichnend ist, dass im Laufe der Geschichte der Taufe innerhalb des NT ein Ausbau der mit der Taufe verbundenen Motive erfolgte, eine Entwicklung der Taufvorstellungen. Was nicht zu vereinbaren ist (z.B. die Taufe gleicht der Auferstehung und die Taufe ist die Auferstehung), das stammt aus einer geschichtlichen Entwicklung (232f).

Paulus sagt den Gemeinden nicht: Wenn ihr tauft, dann geschieht das und das; oder: euer Taufen sollt ihr so und so regeln. Wenn Paulus von der Taufe redet, dann spricht er die Christen auf ihr Getauftsein hin an. Die geschehene Taufe, die in der Vergangenheit liegt, ist der Anknüpfungspunkt für die Taufaussage des Paulus. Die Taufe ist (im Unterschied zum Abendmahl) einmalig. Der Brauch war z.Zt. des Paulus unumstritten. Paulus hatte nicht die Absicht, den Gemeinden Anweisungen für ihr Taufen zu geben. Es kommt ihm vielmehr darauf an, den Gemeinden (den getauften Christen) zu sagen, wie sie ihre eigene, geschehene Taufe zu verstehen haben. Die Taufe wird bei Paulus nie zum eigentlichen Thema. Wenn wir fragen, wie sollen wir das Taufen ordnen, können wir aus den Briefen des Paulus keine Tauflehre erheben (233f).

In Röm 6,1ff ist nicht die Taufe das Thema sondern die Ethik. Paulus will den Römern zeigen, dass es trotz der geschenkten Gnade auf das neue Leben ankommt. Um das zu zeigen, benutzt er die an den Römern vollzogene Taufe. Er will sie zu einem besseren Verständnis ihrer geschehenen Taufe anleiten, indem er den Taufvorgang (Eintauchen und Herauskommen aus dem Wasser) benutzt, um die Notwendigkeit des neuen Wandels zu begründen (234).

In 1Kor 10,1ff bringt Paulus den Vergleich mit Israel. Die Väter waren unter der Wolke; sie sind alle durch das Meer gegangen, sie sind alle auf Mose getauft mit der Wolke und mit dem Meer; sie haben alle den gleichen geistlichen Trank getrunken. Es geht hier um Ethik! Die Isrealiten hatten so etwas wie Sakramente, sie verließen sich darauf, sie handelten aber nicht nach Gottes Willen, darum strafte Gott sie. In Korinth gibt es Leute, die sich auf die Taufe (und Abendmahl) verlassen und dabei dem Libertinismus verfallen. Paulus sagt ihnen: Wenn ihr eure geschehene Taufe so versteht, dass ihr eine Sicherheit habt, dann täuscht ihr euch ebenso, wie sich die Väter getäuscht haben. Es geht darum, einem Missverständnis zu begegnen, zu dem die geschehene Taufe geführt hatte: Man hatte Sicherheit und war nun dem christlichen Leben gegenüber gleichgültig. Weil die Korinther das mit der Taufe begründeten, bringt Paulus in einem Beispiel die Geschichte mit den Vätern (235).

In Korinth gab es Spaltungen in der Gemeinde (1Kor 12,12f): “Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Unfreie oder Freie...“. Das Thema ist hier nicht die Taufe, sondern die Einheit der Kirche, die in Korinth in Gefahr ist durch die Spaltung. Um diese Einheit zu begründen, bediente sich Paulus unter anderem der geschehenen einen Taufe. Auch in 1Kor 1,11f weist Paulus angesichts der Spaltung auf die Taufe hin und führt von dort aus die Spaltungen ad absurdum. Die Taufe kann in vielerlei Richtung benutzt werden. Die Leser erhalten keinen Taufunterricht auf die Taufe hin, sondern die Taufe wird benutzt, um mit ihrer Hilfe christliche Existenz auszulegen (235f).

Keine Stelle eines Paulusbriefes begründet, was man heute über die Taufe sagen kann. Gal 3,26: “Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben (ihr seid es) in Christus Jesus“. Der Glaube (nicht die Beschneidung) hat euch zu Gottes Kindern gemacht. Der Glaube hat etwas bewirkt. “Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“ (Gal 3,27). Der Glaube kommt nach Paulus aus der Verkündigung (Röm 10,17). Paulus spricht zu Menschen (hier den Galatern), die Christen geworden sind, die nun als Christen leben sollen. Nichts gibt das Recht zu der Behauptung, dass Paulus die Taufe als d e n entscheidenden Ort oder als d e n entscheidenden Zeitpunkt des Christ-Werdens verstanden hat. Von einer Heilsnotwendigkeit der Taufe kann bei Paulus nicht gesprochen werden. Paulus hat die Spannung von Wort und Sakrament nicht empfunden und deshalb auch nicht das Problem angefasst (237f).

Die Versuche, von späteren Texten aus an den Ursprung der Taufe heranzukommen, zeigen, dass man sich auf sehr unsichere Hypothesen einlassen muss. Das meiste bleibt dunkel. Sicher kann man nur sagen, dass Jesus nicht getauft hat (trotz Joh 3,22.26; 4.1, denn die Angabe wird Joh 4,2 ausdrücklich zurückgenommen). In Mt 28,19 wird nur der Brauch des Taufens befohlen, aber über den Inhalt dieses Brauches wird nichts gesagt (238).

Mit der Taufe ist ein Brauch 'zwischeneingekommen', der in der Umwelt bekannt war. Mit diesem Brauch verbanden sich in den unterschiedlichen Bereichen, wo man ihn in der Umwelt des Urchristentums übte, verschiedenartige Vorstellungen. Der Brauch als solcher war keineswegs eindeutig. Man übernahm einen Brauch, der als Brauch schon lange bekannt war, der für verschiedene Verständnisse offen ist. Diese Verständnisse übertrug man auf die christliche Taufe – sofern sie sich vom christlichen Kerygma her füllen ließen: Man taufte “auf den Namen Jesu“ (239).

Weil es Jesus war, der die Erlösung, die Neuschöpfung gebracht hatte, konnte die christliche Taufe auf den Namen Jesu auch diese Wirkungen an sich ziehen. Da die Taufe (in den Mysterienreligionen) den Mysten mit dem Schicksal der Gottheit zusammenband, konnte von der christlichen Taufe nun gesagt werden, sie stelle in den “Leib Christi“ hinein, der Täufling gehe durch Tod und Auferstehung Jesu hindurch. Die Taufe verlieh die Wirkungen Jesu. Sofern diese Wirkungen als Geistbegabung zusammengefasst werden konnten, konnte auch die Geistbegabung mit der Taufe verbunden werden. Teile der Urgemeinde verstanden ihr Christ-Sein als Begabung mit dem Geist. Im Geist wirkte Jesus und sofern die Taufe nun als Wirkung Jesu aufgefasst wurde, konnte man sagen: Die Taufe verleiht den Geist (239).

Die Heilsnotwendigkeit der Taufe ist nicht zu begründen. Wir haben es mit einem selbstverständlich geübten Brauch zu tun, der sich vom Kerygma her füllen lässt. Der Kirche würde nichts fehlen, wenn sie die Taufe nicht hätte und sie auch nicht mehr üben würde. Die 'Zwölf' sind sehr wahrscheinlich nicht getauft worden. Was heißt es, wenn alle Kirchen den gemeinsamen Brauch haben, es aber weder eine gemeinsame Tauflehre noch eine gemeinsame Taufordnung gibt (241f)?

Können wir diesen Brauch füllen? Der Erwachsene, der durch die Predigt zum Glauben gekommen ist, der durch die Predigt eine neue Kreatur geworden ist, der nun 'in Christus' ist, der gerechtfertigt ist usw., der bedarf der Taufe nicht, um zu werden, was er schon ist. Die Taufe schenkt nicht, was schon vorhanden ist, noch einmal. Für uns ist das Nebeneinander von Wort und Sakrament nicht mehr problemlos. Das problemlose Nebeneinander am Anfang (im NT) darf man heute nicht zu einem grundsätzlich nötigen Nebeneinander machen (242f).

Die Erwachsenen-Taufe kam als Brauch ins Urchristentum. Man füllte sie vom Kerygma her. Taufe – das war Erwachsenen-Taufe. Alle Versuche, die Säuglingstaufe im NT nachzuweisen, sind gescheitert. Heute haben wir in der christlichen Kirche den Brauch der Erwachsenen-Taufe und den Brauch der Säuglingstaufe. Wir müssen fragen, ob man die Kindertaufe vom Kerygma her füllen kann. Jetzt ist die jeweilige Beziehung von Wort und Sakrament mitzubedenken (244).

Wenn zum Wort das Sakrament tritt (Erwachsenen-Taufe), dann hat die Taufe eine andere Funktion, auch einen anderen Inhalt, als wenn zum Sakrament das Wort tritt (Kinder-Taufe). Im NT wird durchweg Getauften nachträglich gesagt, wie sie ihre Taufe zu verstehen haben (245).


2. Der konkrete Anstoß zur Aufnahme und Modifikation der Johannestaufe ist nicht mehr rekonstruierbar
G. Lohfink

Obwohl Lukas am Institut der Taufe aufs stärkste interessiert ist, hat er keinen Taufbefehl. In Lk 24,47 sagt der Auferstandene, in seinem Namen solle man allen Völkern Umkehr zur Vergebung der Sünden predigen. Diesen Text hat Lukas im Rückgriff auf Mk 1,4 selbst formuliert. In dem breiten Spektrum der urchristlichen Überlieferung fand Lukas keinen Taufbefehl Jesu vor, auf den er hätte zurückgreifen können. Lukas gibt nicht zu erkennen, dass die Wassertaufe dem Willen des auferstandenen und erhöhten Herrn entsprach. Die Tatsache, dass es Lukas nicht gelingt, die urchristliche Taufe unmittelbar auf einen Taufbefehl des Auferstandenen zurückzuführen, ist äußerst bemerkenswert (38f).

Der Täufer hat sich nicht als Vorläufer eines kommenden Messias oder sonst einer eschatologischen Gestalt, die mit heiligem Geist taufen würde, verstanden. Auch wenn man davon ausgeht, dass der Kommende, von dem er spricht, eine Figur im eschatologischen Drama ist, die sich von Gott selbst unterscheidet, wäre es für das Judentum doch völlig singulär, dass eine solche Gestalt den Geist der Endzeit übereignen könnte. Die eschatologische Geistverleihung ist nach jüdischer Auffassung einzig und allein Gottes Sache, niemals die des Menschensohnes. Erst die christliche Gemeinde lässt neben Gott auch Jesus Christus Geistvermittler sein (45).

In der christlichen Tradition lässt sich von Anfang an eine starke Tendenz beobachten, Johannes zum Vorläufer, zum Vorausverkünder, zum Zeugen Jesu zu machen und seine Taufe von der christlichen Taufe abzuheben. In der Antithese: „Ich habe euch mit Wasser getauft, aber nach mir kommt einer, der euch mit heiligem Geist taufen wird“ wird ein christliches Interpretationsschema angelegt (45).

In der frühesten Urgemeinde laufen das Phänomen der Geisterfahrung und die konkrete Taufpraxis zunächst nebeneinander her und werden erst sekundär miteinander verbunden (Apg 2,1-4; 8,14-17; 10,44-48). Johannes hat eine Feuertaufe aber keine Geisttaufe angekündigt (46).

Die 144000 (Offb 7,1-8) stehen für das aus den Juden gesammelte, wahre Israel. Die Restitution des Zwölfstämmevolkes geschieht durch nichts anderes als durch die Versiegelung, d.h. durch die Taufe. Die Taufe rettet vor dem Gericht. Durch das Siegel der Taufe wird das wahre Israel versammelt und auf das nahe Ende zugerüstet (48).

Apg 2,40: „Lasst euch erretten aus diesem tückischen Geschlecht“, d.h.: lasst euch angesichts des nahen Endes durch Umkehr und Taufe vor dem Gericht retten! Nach Apg 2 gibt es keinen Taufunterricht und keine Taufvorbereitung. Sofort am Pfingsttag werden 3000 Menschen getauft (V 41). Die Zeit drängt. Bis zur Wiederkunft des Menschensohnes bleibt wenig Zeit. In dieser Zeit sollte das wahre Israel durch das Siegel der Taufe zugerüstet und gesammelt werden (Schnelltaufen: 8,36-38; 10,44-48;16,33) (48).

Jesus konnte die Johannestaufe nicht übernehmen, weil er in seiner Verkündigung andere Akzente setzt: Die Johannestaufe steht im Kontext einer Gerichtspredigt. Sie bedeutet Rettung vor dem drohenden Zorngericht. Für Jesus ist jedoch nicht die Ankündigung des Gerichts konstitutiv, sondern die Ankündigung des Heils. Jesus sagt nicht: Kehrt um, damit ihr im Gericht gerettet werdet, sondern er sagt: Das Heil ist da, deshalb kehrt um. Jesus verkündet die befreiende, aufrichtende und Erbarmen schenkende Nähe Gottes. Und zwar so, dass Gott und die Gottesherrschaft in seinem Tun schon verborgen anwesend sind. In seinem Heilsruf, in seinen Heilungen, in seiner Annahme der Sünder vergegenwärtigt Jesus zeichenhaft die Nähe und die Zuwendung Gottes. Das Tun Jesu vergegenwärtigt den verzeihenden und sich erbarmenden Gott. Diese Sinnmitte seiner Predigt hätte Jesus durch die Übernahme der Johannestaufe verdeckt. (An der Unmöglichkeit, dass Jesus während seiner öffentlichen Wirksamkeit getauft hat, scheitert die These, die Jünger Jesu hätten während dieser Zeit weitergetauft. Eine solche Diskrepanz zwischen dem Tun Jesu und dem seiner Jünger ist unannehmbar) (49).

Der konkrete Anstoß zur Aufnahme und Modifikation der Johannestaufe ist nicht mehr rekonstruierbar (52).


3. Das Problem

G. Lohfink: Wenn Jesus je getauft hat, dann muss er bald wieder mit dem Taufen aufgehört und eine ganz andere Art von Verkündigung begonnen haben, in der die Taufe keine Rolle mehr spielte. Wenn er aber bald wieder mit dem Taufen aufhörte, so muss er dafür schwerwiegende theologische Gründe gehabt haben. Wieso konnte die Urkirche von neuem mit der Taufe beginnen - gegen die Gründe, die Jesus an einer Fortführung seiner Taufpraxis gehindert hatten (Lo 37)?

G. Barth: Das umfangreiche Material der synoptischen Überlieferung läßt keinerlei direkten oder indirekten Hinweis oder Bezug auf eine Tauftätigkeit Jesu erkennen, während es solche Bezüge auf die Johannestaufe durchaus enthält (Mk 11,30 par; Lk 7,29; Mt 21,32). Dass sich in der Verkündigung Jesu wohl Bezugnahmen auf die Johannestaufe, aber nirgends irgendeine Anspielung oder Bezugnahme auf seine eigene Tauftätigkeit erhalten haben, spricht gegen den historischen Wert der Angaben von Joh 3,22.26; 4,1f. Im Joh-Ev hat die Erwähnung der Tauftätigkeit Jesu eine deutlich polemische Tendenz: Jesus tauft mehr Menschen als Johannes (Joh 4,1; 3,26); es soll die Überlegenheit der Tauftätigkeit Jesu und damit der christlichen Taufe gegenüber der des Johannes demonstriert werden (Ba 38f).

Diese angebliche Tauftätigkeit Jesu wird im nächsten Vers sofort wieder zurückgenommen: “Jesus selber taufte nicht” (Joh 4,2).

Der Taufbefehl (Mt 28,19) ist ein relativ später Text, dessen Überlieferung sich nicht bis in die erste Zeit nach Ostern oder gar ins Leben Jesu zurückverfolgen läßt. Schon die Formelhaftigkeit des triadisch ausgestalteten Taufwortes läßt eine jüngere Entwicklung vermuten (11).

In der Tradition, die Ostererscheinung und Sendung verbindet, begegnet vor der Abfassung des Mt-Ev nirgends eine Verbindung mit der Taufe oder gar mit einem Taufbefehl. Auch in den Aussendungsworten Mt 10 par erscheint sie noch nicht, obgleich diese urchristliche Erfahrungen spiegeln. Erst Matthäus hat den Missionsbefehl durch den Befehl zum Taufen erweitert und damit interpretiert. Er hat dabei die Taufformel aufgegriffen, die in seiner Gemeinde in Gebrauch war. Erst nachdem die Heidenmission anerkannt war, konnte der Missionsbefehl Jesu formuliert worden sein (11,14).

Mk 16,16 ist ein späterer Zusatz (Ba 14).

An die Stelle der Taufveranstaltung des Täufers tritt bei Jesus die Basileia und das ihr gemäße Verhalten.


4. Die Übernahme der Johannestaufe durch die Christen
H. Thyen

Die Johannestaufe ist ein eschatologisch-messianisches Bußsakrament „zur Vergebung der Sünden“, das die mit ihr Versiegelten im kommenden Feuergericht bewahrt. Dieses vom Täufer ausgebildete Instrument haben die Christen sehr bald nach Ostern ohne einen ausdrücklichen Taufbefehl ihres Herrn und auch nicht legitimiert durch die bloße Fortsetzung einer etwa vom irdischen Jesus geübten oder ausdrücklich sanktionierten Praxis übernommen und in der Auseinandersetzung mit der Täufersekte in Anknüpfung und Widerspruch neu interpretiert (146).

Die Gründe zur Übernahme der Taufe mögen mit darin liegen, dass zahlreiche Christen – ehemalige Johannestäuflinge – aus der Täufersekte zur christlichen Gemeinde fanden. Ein stärkeres Motiv zur christlichen Aufnahme der Johannestaufe war wahrscheinlich die durch die Osterereignisse ausgelöste, der täuferischen Enderwartung fast analoge, apokalyptische Bewegung, die nach der neuen Institution des Taufbrauches rief. Denn die Jünger haben die Ostererscheinungen ihres auferstandenen Herrn als den Anbruch der apokalyptischen Endereignisse verstanden. Jetzt, da man den Richter unmittelbar vor der Tür wusste, galt allen die Forderung: „Kehrt um und lasse sich ein jeder taufen auf den Namen des Herrn Jesus Christus zur Vergebung der Sünden“ (Apg 2,38) (146f).

Dass die urchristliche Taufe zunächst genau wie ihr unmittelbares Vorbild, die Johannestaufe, in der Sündenvergebung ihren Sinn hatte, zeigen Stellen wie: Apg 22,16.38; 1Kor 6,11; Eph 5,26; 1Ptr 3,21 u.a. (147 Anm. 2).

Um die Taufe der Christen von der Johannestaufe klar zu unterscheiden, wurde von Anfang an der Name Jesu über dem Täufling genannt. Die Taufe ist zunächst nicht am schon geschehenen Heil orientierter Initiationsritus, sondern sakramentale Versiegelung im Blick auf das kommende Weltgericht (148).

War die christliche Taufe durch das Namensmotiv deutlich von der Praxis der Täuferanhänger geschieden, so hat sich mit ihr offenbar schon unter dem Eindruck der ersten österlichen Erfahrungen alsbald der Gedanke der Geistverleihung verbunden. Es ist Gottes endzeitlicher Geist, der die Reinigung von den Sünden bewirkt, was die bloße Wassertaufe des Johannes nicht zu leisten vermag. So wird die Geistbegabung zum Schibbolet in der Auseinandersetzung mit der Täufersekte. Mit alledem ist aber die christliche Taufe zunächst geblieben, was die Johannestaufe von Anfang an war, nämlich eschatologisches Bußsakrament zur Sündenvergebung (149).

Aus der durch die apokalyptischen Osterereignisse wieder aufgelebten eschatologischen Bußtaufe als Siegel der Rettung im künftigen Gericht wird bald der zunehmend immer stärker rituell geordnete Initiationsakt, der die Annahme des Kerygmas besiegelt und die Aufnahme in die Kirche rechtskräftig verbürgt (150).


5. Taufe im Johannes-Evangelium?

Das Joh-Ev schweigt über die christliche Taufe. Nirgendwo erscheint das Substantiv ‘Taufe’ noch das Verb ‘taufen’ außer im Mund des Täufers. Die Erwähnung der Tauftätigkeit Jesu (Joh 3,22f.26; 4,1f) hat polemische Tendenz (s.o.2). Bei der österlichen Aussendung fällt kein Wort von der Taufe: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch ... Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten“ (Joh 20,21-23).

„Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3,3.5).

„Von oben geboren werden“ wird erklärt durch „geboren werden aus Wasser und Geist“. In den folgenden Versen (6ff) geht es nur noch um den Heiligen Geist, das Wasser wird nicht wieder erwähnt. Nur als ein von Gott Geborener kann man in die Gottesherrschaft gelangen, und nur so das Leben gewinnen. Dazu bedarf der Mensch der Neuschöpfung durch Gott. Da das Joh-Ev über die Wassertaufe schweigt, bedeuten die Worte ‘aus Wasser und Geist’ aus ‘aus lebendigem Wasser und Geist’.

‘Wasser’ ist Bildwort für ‘Geist’: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht“ (Joh 7,37-39).

Jesus sprach zur Samariterin: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: gib mir zu trinken! du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser ... Wer von diesem (Brunnen-) Wasser trinkt, den wird wieder dürsten, wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ (Joh 4,10.13f).

„Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen“ (Jes 44,3).


Joh 19,34

J. Becker: Die Beschreibung „alsbald ging Wasser und Blut heraus“ ist als Folge des Lanzenstichs zu deuten. Weil Blut und Wasser heraustraten, war Jesus tot. Man kann 19,34 als natürlichen Vorgang verstehen, der nichts Wunderbares enthält, noch an sich symbolische Bedeutung erzwingt, vielmehr bestätigt, was der Soldat durch den Lanzenstich erfahren wollte, dass Jesus wirklich schon tot war, so dass das Beinbrechen sich erübrigte. Der Lieblingsjünger bezeugt den Tod Jesu V35, so wie er sich nach Vv 32-34 zutrug. Er ist der letzte, der bei Jesu Sterben Zeuge war, und er ist der erste (20,8), der dann an den Auferstandenen glauben wird (Be 707f).


“Ihr seid schon rein durch das Wort“ (Joh 15,3a)

A. Stimpfle: Weder das Wasser der Taufe noch das Blut des Kreuzes sind reinigungsrelevante Größen (121).

Konkurrenzsituation zur Täuferbewegung: Deshalb ist eine Taufpraxis in der john Gemeinde fraglich.

K.-J. Kuschel: Die john Gemeinde musste sich gegenüber der Täuferbewegung behaupten. Die Täuferbewegung war eine messianische Bewegung, die Jesus deshalb ablehnte, weil sie ihren Helden Johannes für den Messias oder wenigstens für den letzten Boten Gottes gehalten haben wird (477f).

Der Evangelist tut zu Beginn alles, den Täufer selbst zum Vorläufer Jesu zu machen, ja, ihn zum Zeugen für Jesus einzugemeinden. Auch der Täufer ist ein Gesandter Gottes (1,6); aber nur Jesus ist der eigentliche Messias, der gesandte Sohn. Auch der Täufer verspricht die Reinigung von den Sünden, aber nur Jesus ist das 'Lamm', das die Sünden selbst hinwegnimmt. Auch der Täufer predigt Gottes Wort, aber nur Jesus ist Gottes Wort. Der Täufer gibt Zeugnis für das Licht, aber Jesus ist das Licht. Wie hätte die john Gemeinde die unvergleichliche Überlegenheit ihres Jesus stärker unter Beweis stellen können als dadurch, dass sie dem Hauptkonkurrenten die Sätze in den Mund legte: “Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (3,30)! Was kann stärker dem eigenen Wahrheitsanspruch zugute kommen als die Erkenntnis des früheren Rivalen: Es ist Jesus, der “von oben“, der “aus dem Himmel kommt“ und der deshalb über allem steht (3,2). Es ist Jesus, der gewesen ist, noch bevor Johannes war. Es ist Jesus, der allein Gott “gesehen“ und “am Herzen des Vaters“ geruht hat (1,18). Das Täuferzeugnis ist dem Evangelisten so wichtig, dass er es auf kürzestem Raum zweimal bringt (1,15.30): “Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war“! Johannes der Täufer wird für die john Gemeinde zur ersten innerjüdischen Legitimationsfigur für den spezifischen Selbstanspruch Jesu: Gesandte Gottes gibt es viele. Nur einer ist der wahre Gesandte, der Sohn “aus dem Himmel“, der als einziger Gott “gesehen“ hat. Die Präexistenz beim Vater als Voraussetzung der Sendung macht das spezifische Profil dieses Jesus aus (478f).


6. Die Ungeschichtlichkeit der Taufe Jesu

E. Haenchen: Man kann die Taufe Jesu nicht für ein historisches Faktum halten, ohne gleichzeitig eine tiefgreifende Wandlung im Gottesglauben Jesu vorauszusetzen.

Johannes der Täufer hat in seiner Predigt mit großem Nachdruck auf den ‘Kommenden’ hingewiesen, der Gottes Gericht vollziehen wird. Rettung aus dem Gericht war nur durch Buße und Taufe möglich. Johannes selbst hatte mit dem Heil nur insofern zu tun, als er mit der Verkündigung dieses rettenden Bußsakraments von Gott beauftragt war. Gottes Gericht war für den Täufer unheimlich nahegerückt. Johannes war ein Asket. ‘Er aß nicht und trank nicht’ (Mt 11,18), d.h. er fastete. Auch von seinen Schülern verlangte er, dass sie fasteten (Mk 2,18). Das Taufen des Johannes und sein Fasten haben dieselbe Wurzel: ein Leben der Buße zu führen. Nur wer so lebt, kann getrost dem großem Tag Gottes entgegenblicken (57f).

Jesus hat Gottes Forderungen, wie sie das Judentum verstand, radikal verschärft (Mt 5,21f.27f.33f.38ff.43f). Jesu Gott fordert mit einer Härte, der kein menschlicher guter Wille gewachsen ist. Nur wenn man das bedenkt, hört man Jesu Gnadenpredigt richtig: Gott ist dem Menschen, der keine Leistung mehr für sich geltend machen kann, unbegreiflich gnädig. Weil sich der Zöllner im Gleichnis (Lk 18,10ff) als Sünder bekennt und um Gnade bittet, sind er und der ‘verlorene Sohn’ (Lk15,1ff) Vorbild für das Verhalten des Menschen zu Gott - nicht weil sie gesühnt haben, sondern weil sie nicht mehr in dem Wahn befangen sind, ein Verdienst in die Waagschale legen zu können. Jesus nahm sich der Zöllner, Sünder und der Dirnen an (Mt 21,31f), denn diese Menschen wussten um ihre Nichtigkeit, wussten, dass sie sich auf nichts berufen konnten als auf das Erbarmen Gottes. Gottes Liebe ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Erbarmen, das alles Denken übersteigt (59).

Bei Jesus fehlen die apokalyptischen Bilder des Täufers und der Ton der Angst vor dem Kommen Gottes. Der Begriff der ‘frohen Botschaft’ hat sich an die Predigt Jesu geknüpft, nicht an die des Johannes. Wenn die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer historisch wäre, dann würde zwischen dem Gottesbild Jesu, das ihn zum Täufer gehen ließ, und dem, das seinem eigenen Wirken zugrundelag, ein Wandel von außerordentlicher Tiefe liegen. Jesus müßte unmittelbar bei oder nach der Taufe einen inneren Umbruch erlebt haben, der bis ins Innerste ging und ihn überhaupt erst zu dem werden ließ, als den ihn dann die Evangelien auf ihre Weise geschildert haben (60).

Um diesen gravierenden Wandel zu erklären, hat man die These aufgestellt, dass im Leben Jesu eine Berufungsvision stattgefunden haben muß. Die Evangelien vermitteln nicht den Eindruck, dass Jesus seinen Jüngern von dieser Schicksalsstunde, an die sich die große Wende seines Lebens knüpft, erzählt habe: “und als ich aus dem Wasser stieg, da...”. Dann aber rückt die Taufgeschichte mit ihren Einzelheiten zu andern synoptischen Erzählungen, die auch nicht auf einen menschlichen Zeugen zurückgehen können, wie die Versuchungsgeschichte und die Geschichte von Jesu Gebet in Gethsemane, das auch nicht Jesus selbst seinen Jüngern erzählt haben kann, weil er unmittelbar danach gefangengenommen wurde. Diese Geschichten sind vielmehr Versuche der Gemeinde, ihren Eindruck vom Verhalten Jesu anschaulich wiederzugeben. Die Taufgeschichte will nicht eine innere Erfahrung Jesu beschreiben, sondern dem Leser sagen, wer dieser Jesus eigentlich ist, von dem nun die ganze Schrift des Markus handeln wird. Wer die Taufe Jesu als historische Gegebenheit annimmt, der muß mit jenem inneren Umbruch bei Jesus rechnen, den seine Lehre in Wort und Tat nicht verrät. Jesus macht überall, wo er von Gottes Erbarmen spricht, nicht den Eindruck, dass er selbst als ein ‘verlorener Sohn’ zu dieser Gewissheit um Gott gekommen sei (61).

Man hat andere Auswege aus diesem Dilemma gesucht, z.B. Jesus sei aus tiefer Demut zum Täufer gegangen, weil er nicht den Schein erwecken wollte, er sei besser als die anderen. Hier würde alle Demut nichts daran ändern, dass Jesus sich zu einem falschen Gottesbild bekannt hätte. Dasselbe gilt von dem Hilfsgedanken: Jesus habe mit dem Gang zum Täufer seine Solidarität mit den anderen Menschen bekunden wollen. Beide Versuche sind unternommen worden, als man sich von dem Inhalt und den inneren Voraussetzungen der Täuferpredigt noch nicht hinreichend Rechenschaft gegeben hatte.

Die Urgemeinde hat, dem Handeln Jesu zuwider, die Taufe zur Bedingung für den Eintritt in die christliche Gemeinde gemacht. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen hat sie die Taufe mit dem Geistempfang zur Einheit verbunden. Nicht alte historische Tradition, sondern Rückspiegelung der urschristlichen Erfahrung ins Leben Jesus hat zur Entstehung dieser Erzählung geführt (Hae 62).

R. Bultmann: Die älteste Auffassung vom Leben Jesu ist die unmessianische. An Stellen wie Apg 2,36f und in der Röm 1,3f zugrunde liegenden Gemeindetradition kommt die ältere Auffassung, dass Jesus nach Tod und Auferstehung zum Messias erhöht wurde, noch zum Vorschein. Die Gemeinde hat Jesu Messianität in sein Leben zurückdatiert in der Überzeugung, dass die Taufe den Geist verleiht. Da diese Überzeugung sich nicht auf die Johannestaufe beziehen konnte, auf die christliche aber erst auf hellenistischem Boden, so kann die Tauflegende erst hellenistischen Ursprungs sein (267).

Für die Tatsache, dass die Tauflegende aus der hellenistischen Gemeinde stammt, spricht auch, dass Q die Taufe Jesu offenbar nicht erzählt hat, obwohl Q einen Abschnitt über den Täufer, seine Bußpredigt und seine messianische Verkündigung enthielt (268).

Wenn die Tauflegende unter dem Einfluss des christlichen Kults gestaltet wurde, so kann es nicht wundern, dass sie bald unter diesem Einfluss noch weiter ausgestaltet wurde, nämlich in dem Sinne, dass sie nun zur Begründung des christlichen Taufkultes dient und so zur Kultuslegende im eigentlichen Sinne wird. Wie sonst in der Religionsgeschichte das kultische Mysterium auf ein erstes Erleben der Kultgottheit zurückgeführt, in seiner Geschichte begründet wird, so ist in der alten Kirche die Geschichte von der Taufe Jesu bald als Kultuslegende in diesem Sinne aufgefasst worden. Jesus ist der Erste, der die Taufe mit Wasser und Geist empfangen und damit wirkungskräftig für die Gläubigen inauguriert hat (Bu 269).

K. Berger: Jesus wird von Johannes nicht getauft. Könnte es nicht in der Absicht der Synoptiker liegen, durch die Verknüpfung von Wassertaufe und Geistmitteilung im Falle Jesu ihre eigene Taufpraxis ätiologisch zu legitimieren (148)?

Im Joh-Ev gibt es keine Taufe Jesu am Anfang und Auferstehung nur als Teil im Geschehen der Rückkehr zum Vater. Das Joh-Ev folgt dem Schema von Hinabsteigen und Heraufsteigen (Be 257).

W. Bauer: Die Christenheit hat sich mit allerlei nachträglich abfinden müssen, auf das sie sich zunächst unbedenklich eingelassen hatte und von dem es unter veränderten Verhältnissen keinen einfachen Rücktritt mehr gab. Da hatte man anfänglich erzählt, dass auch Jesus getauft worden war, froh, auf diesem Wege den christlichen Brauch im Leben Jesu verankern zu können. Dann hatte man mit Andersgesinnten schwere Mühe, die Überlegenheit Jesu über Johannes glaubhaft zu machen oder darzutun, was Jesus sich von der Taufe der Sündenvergebung hätte versprechen können (B. 228).

Nach W. Marxsen hat man das Bekenntniss zur Gottessohnschaft Jesu nachträglich historisiert. Man fragte: seit wann ist Jesus Gottes Sohn?
nach jüdischem Verständnis
   seit der Auferstehung (Röm 1,4f)
   seit der Taufe (Mk 1,9-11)
nach griechischem Verständnis
   seit der Geburt (Matthäus, Lukas)
   präexistent, vor aller Zeit (Paulus, Johannes) (Gal 4,4)


Anhang

L.M.: Jesu Taufe durch den Täufer hat der urchristlichen Gemeinde schwer zu schaffen gemacht, deshalb - so der Rückschluss - muss sie historisch sein. Bei diesem Rückschluss geht man davon aus, dass die Konsequenzen, die sich durch einen Taufempfangs Jesu durch Johannes ergaben, im voraus erkannt worden wären.

Die Taufperikope lässt weder den Täufer zum Jünger Jesu werden noch kennt sie eine Reflexion oder Reaktion Jesu.

Ich stelle mir die Entwicklung so vor:

- Das 1. Problem: Nach Pfingsten brauchte die plötzlich entstandene Gemeinde einen Aufnahmeritus.

Die Lösung: Man übernahm die Taufe des Johannes und taufte auf den Namen Jesu. Petrus forderte seine gläubig gewordenen Zuhörer auf: "lasst euch taufen auf den Namen Jesu Christi" (Apg 2,38). Nachdem die Wassertaufe christliche Praxis geworden war, zeigte sich

- das 2. Problem: Warum taufen wir? Man brauchte eine Begründung der Taufpraxis.

Die Lösung: Man nahm einen Taufempfang Jesu durch den Täufer an. Daraus entstand

- das 3. Problem: Jesus unter dem Täufer.

Die Lösung: Die Taufperikope Mk 1,9-11, eine christliche Fundamentalgeschichte.

Weil eine Begründung der Taufpraxis erst erfolgte, nachdem die Wassertaufe christliche Praxis geworden war, wird nirgendwo im NT die christliche Taufe mit der Taufe Jesu in Verbindung gebracht.

Die Gemeinde erfand die Erzählung von der Taufe Jesu durch Johannes, nicht ahnend welche Schwierigkeiten sie sich damit bereitet hatte. Lässt sich doch hier der Größere von dem Geringeren taufen und ordnet sich ihm unter (Mt 3,14) bzw. unterzieht sich der Sündlose einer Bußtaufe. Von diesem Problem weiß das Mk-Ev (70 n. Chr.) noch nichts.

Das Mt-Ev versucht eine Lösung für dieses Problem zu geben: Als Jesus sich taufen lassen wollte, suchte Johannes ihn zu hindern, indem er sagte: “Ich hätte es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir”? Jesu Antwort (Mt 3,15): “Laß jetzt; denn so ziemt es sich für uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen”.

Lukas reduziert das Problem, indem der Täufer während Jesu Taufe nicht ‘anwesend’ ist (er war zuvor gefangengesetzt). Jesu Taufe wird nur noch neben der Taufe des ganzen Volkes erwähnt: “Als alles Volk sich taufen ließ und auch Jesus getauft wurde und betete...” (Lk 3,21f).

Das Joh-Ev erwähnt überhaupt nicht mehr, dass Jesus getauft wurde: “Am folgenden Tage sieht er (der Täufer) Jesus auf sich zukommen” (Joh 1,29). Es sieht so aus, als käme Jesus nur zum Jordan, damit Johannes am Herabfahren des Geistes erkennt, dass Jesus der ihm verheißene Geisttäufer ist.

Jesu ungetaufte Jünger waren Jesu Mutter, Schwester und Bruder, "denn jeder (Ungetaufte), der den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter" (Mt 12, 48ff par).

Jesus hat Menschen in seine Nachfolge gerufen. Er hat nicht gefordert, dass sie getauft werden müssen, um ihm nachzufolgen. Jesus hat den Eingang in das Reich Gottes nicht von einer Taufe abhängig gemacht.

Nach dem Joh-Ev hat jeder, der glaubt bereits jetzt ewiges Leben, ist aus dem Tode in das Leben hinübergeschritten, ist bereits gerichtet. Was soll eine Wassertaufe daran noch verbessern?

Meine Beschäftigung mit dem Thema 'Taufe' wurde veranlasst durch meine Ganztaufe in einer baptistischen Gemeinde vier Monate nach meiner Bekehrung. Ich hatte mich taufen lassen, weil ich dazugehören wollte. Meine Bekehrung war das entscheidende Ereignis meines Lebens. Meine Taufe dagegen war völlig überflüssig, sie war 'viel Lärm um nichts'. Nach langer Suche nach einer Taufbegründung wurde mir meine eigentliche Frage bewußt: Kindertaufe, Erwachsenentaufe: Was soll das Wasser bewirken? Das problemlose Nebeneinander von Wort und Sakrament am Anfang (im NT) darf man heute nicht zu einem grundsätzlich nötigen Nebeneinander machen.




Barth, Gerhard
20022, Die Taufe in frühchristlicher Zeit

Bauer, Walter
19642, Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten Christentum

Becker, Jürgen
19913, Das Evangelium nach Johannes

Berger, Klaus
20043, Im Anfang war Johannes

Bultmann, Rudolf
1970, Die Geschichte der synoptischen Tradition

Haenchen, Ernst
1966, Der Weg Jesu (referiert in wörtl. Anlehnung)

Kuschel, Karl-Josef
1990, Geboren vor aller Zeit? Der Streit um Christi Ursprung

Lohfink, Gerhard
1976, Der Ursprung der christlichen Taufe, in ThQ 156

Marxsen, Willi
1968, Der Exeget als Theologe (referiert in wörtl. Anlehnung)

Stimpfle, Alois
1996, “Ihr seid schon rein durch das Wort“ (Joh 15,3a), in: Sünde und Erlösung im NT, H. Frankemölle (Hg)

Thyen, Hartwig
19708, Studien zur Sündenvergebung