5.

Nachösterliche Übertragung der Sündenvergebungsgewalt auf den irdischen Jesus
Die Gemeinde hat Jesu Handeln als Sündenvergebung interpretiert
I. Maisch


Vorbemerkung

I. Jesus hat nicht Sünden vergeben sondern Sünder berufen

1. Die ursprüngliche Heilungsgeschichte (ohne 5b-10)
2. Die um die Sündenvergebung erweiterte Heilungsgeschichte
    a. Besondere Probleme der erweiterten Erzählung (ohne V 10)
    b. Mk 2,10 als Gemeindebildung
3. Die Perikope im markinischen Kontext
4. Rückblick

II. Das Problem der Sünde

III. Sünde und Erlösung nach dem Joh-Ev

1. Befreiung von Sünde
    a. Joh 1,29-34: Das Zeugnis des Täufers
    b. Joh 8,21-59: Jesu Reden am Laubhüttenfest
    c. Joh 9: Das Zeichen der Blindenheilung
    d. Die Sündenthematik in den Abschiedsreden
    e. Joh 20,19-23: Der Sendungsauftrag
    f. Fazit
2. "Ihr seid schon rein durch das Wort" (Joh 15,3a)
    Weder das Wasser der Taufe noch das Blut des Kreuzes sind reinigungsrelevante Größen (121).
3. Die Sendung des Sohnes als Endgericht



I. Jesus hat nicht Sünden vergeben sondern Sünder berufen
I. Maisch


1. Die ursprüngliche Heilungsgeschichte (ohne 5b-10)


Die Problematik der Perikope Mk 2,1-12 liegt in der komplizierten Entstehungsgeschichte, die zu einer Vielzahl von Aussagen geführt hat. Auf jeder Stufe der Entwicklung wachsen dieser Perikope neue Intentionen zu, die einander mehr oder weniger bei- bzw. untergeordnet werden. Diese schwierige überlieferungsgeschichtliche Situation macht es fast unmöglich, eine treffende Benennung für die Gesamtperikopie zu finden. Handelt es sich um ‘die Heilung eines Gelähmten’, um ‘die Sündenvergebung durch Jesus’, um ‘das erste Streitgespräch Jesu mit seinen Gegnern’ oder um ‘die Vollmacht Jesu als des Menschensohnes’ (9)?


(1) “Es wurde bekannt, dass er zu Hause ist. (2) Und viele versammelten sich. (3) Und sie kommen und bringen zu ihm einen Gelähmten, getragen von vieren. (4) Und da sie ihn nicht zu ihm bringen können, deckten sie das Dach ab und ließen das Bett hinunter, auf dem der Gelähmte lag. (5) Und als Jesus ihren Glauben sah, spricht er zum Gelähmten: Kind,

(11) Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus, (12) Und er stand auf und nahm sein Bett und ging vor den Augen aller hinaus, so dass alle ausser sich gerieten und Gott priesen (und sagten): So etwas haben wir noch nie gesehen”!


Die theologische Aussage der Heilungsgeschichte

Weil diese Geschichte eine Jesusgeschichte ist, ist auch der in ihr genannte Glaube echter Jesusglaube, d.h. Glaube an Jesus im Sinne der Annahme der Verkündigung. Jedes Traditionsstück will den Glauben an Jesus begründen bzw. erklären. Das Vertrauen, das Jesus in unserer Erzählung entgegengebracht wird, ist Ausdruck eines echten, christlichen Glaubens. Der Glaube der jetzt zu Jesus Kommenden schließt bereits den Glauben an seinen Tod und seine Auferstehung mit ein. Die Einzelstücke der synoptischen Tradition haben nicht nur Interesse an der vergangenen Geschichte Jesu, sondern suchen nach einem Weg zur Darstellung des Gegenwärtigen im Vergangenen. Daher ist auch der Glaube dieser Erzählung Glaube an den Gegenwärtigen (73f).

Die Erzählung von der Heilung des Gelähmten ist eine Beispielerzählung vom wahren Glauben. Sie zeigt, wie wahrer Glaube beschaffen sein muss: er lässt sich durch kein Hindernis abhalten, er führt den Menschen unbeirrt auf seinem Weg zu Jesus. Die stilgemäße Erzählung von der wunderbaren Heilung eines Gelähmten steht daher im Dienst der christlichen Unterweisung. Ihre frühen Erzähler waren weder von einem historischen noch von einem biographischen, sondern von einem theologischen Interesse geleitet (75f).


2. Die um die Sündenvergebung erweiterte Heilungsgeschichte


(5b) deine Sünden sind vergeben. (6) Aber einige (der) Schriftgelehrten sassen dort und dachten (bei sich): (7) Was redet dieser so? Er lästert! Wer kann Sünden vergeben ausser allein Gott? (8) Und sogleich erkennt Jesus (durch seinen Geist), dass sie so (bei sich) denken, und er spricht zu ihnen: Was denkt ihr solches (bei euch)? (9) Was ist leichter: dem Gelähmten zu sagen deine Sünden sind vergeben oder zu sagen steh auf, nimm dein Bett und geh umher? (10) Damit ihr aber seht, dass der Menschensohn Macht hat, Sünden zu vergeben auf Erden, - spricht er zum Gelähmten:

Der Einschub 5b-10 bedingte einige schwerwiegende Akzentverschiebungen, die den Charakter der älteren Geschichte stark veränderte:

— die selbstständige und in sich abgeschlossene Heilungsgeschichte wird zur Rahmenhandlung;

— die Antwort Jesu auf den Glauben ist nicht mehr die erwartete Heilung, sondern die völlig überraschend eingeführte Sündenvergebung;

— das Wunder, in dem sich Jesus dem Glauben offenbart, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle;

— das Wunder, über das alle außer sich geraten, wird zum ‘Leichteren’ abgewertet;

— die Heilung wird nicht mehr um des Glaubens willen vollzogen, sondern als Beweis für die Sündenvergebung;

— das Wunder als Zeichen der göttlichen Nähe wird zur nachprüfbaren Sache;

— die Heilung geschieht nicht mehr um des Kranken willen, sondern um die Gegner zu überzeugen (Legitimationswunder!);

— die Begegnung Jesu mit dem Glauben wird aus dem Mittelpunkt gerückt, diesen Platz erhält jetzt die Auseinandersetzung mit den Gegnern;

— aus der Wundergeschichte bzw. der Beispielerzählung vom rechten Glauben wird eine Art ‘Streitgespräch’.

Der Text wurde bei gleichbleibendem Wortlaut allein durch den neuen Kontext verändert. Die Gelähmtenheilung wird zur Rahmenhandlung. Das Mittelstück handelt von der umstrittenen Sündenvergebungsgewalt Jesu. Aber nicht die Sündenvergebung steht im Mittelpunkt der neuen Erzählung, sondern die Vollmacht Jesu. Während es zunächst um die Vergebung der persönlichen Sünden des Kranken geht, verallgemeinern die Schriftgelehrten diese Aussage (“die Sünden”). Die Verse 7 und 10 sehen völlig vom Einzelfall ab und gehen damit weit über die Verse 5b und 9 hinaus. Während es sich dort um den Gelähmten und seine Sünden handelt, geht es hier um Jesus und die von ihm in Anspruch genommene göttliche Vollmacht. Dies legt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Schriftgelehrten nicht um die historischen Gegner Jesu handelt, sondern um ‘Statisten’, die der Erzähler benötigt, um seine eigenen Aussagen über Jesus besser zur Geltung bringen zu können. Die Fragen der Schriftgelehrten wollen die Schlagfertigkeit und Überlegenheit Jesu demonstrieren (78f).

Die Schriftgelehrten liefern mit ihren Überlegungen den Ausgangspunkt für eine Belehrung. Das empörte Reden über die Anmaßung einer Vollmacht weist den Leser darauf hin, dass Jesus ein nur Gott zustehendes Privileg für sich in Anspruch genommen hat. Der Leser weiß damit, dass Jesus ein göttliches Recht für sich beansprucht und damit an Gottes Stelle gehandelt hat. Indem Jesus die göttliche Vollmacht nicht nur implizit (durch das praktische Tun), sondern auch explizit für sich beansprucht, erteilt er zugleich eine ‘christologische Lektion’ (80).

Die erste Hälfte des Einschubs (v 5-7) wird abgeschlossen durch die Frage: Wer kann Sünden vergeben außer Gott? Die zweite Hälfte wird abgeschlossen durch die entsprechende Antwort: der Menschensohn (80)!

V 10 als Belehrung der christlichen Leser verleiht der gesamten Erzählung den Charakter eines Lehrstücks (84f).


a. Besondere Probleme der erweiterten Erzählung (ohne V 10)

(1) Glaube und Wunder

Die Relation ‘Glaube - Wunder’ wird aufgesprengt: dem Glauben antwortet die Heilsgabe der Sündenvergebung, das Wunder dient als Legitimation für den Hoheitsanspruch Jesu. Die Gemeinde weiß, daß sie in der Begegnung mit Jesus geheiligt ist. Wer Jesus begegnet, ist der Sphäre der Sünde entrissen. Der Glaube geht eine neue Verbindung ein: dem Glauben antwortet die Vergebung. Verdeutlichte sich der Glaubende, was er empfing, so nahm er wahr, dass er Gottes Gnade so erlebt hatte, dass ihm seine Sünde vergeben war. Das Wunder erhält eine besondere Funktion: es beweist die Vollmacht Jesu zur Vergebung. Das Legitimationswunder Mk 2,11 steht im Dienste der christologischen Belehrung über Jesu Vollmacht (85f)

(2) Die Vergebung

Ein weiteres Problem dieser Erzählung ist die bis dahin noch nicht vollzogene Übertragung der Sündenvergebungs-Gewalt auf den irdischen Jesus. Das urchristliche Kerygma bringt die Vergebung der Sünden mit dem Tod Jesu in Verbindung (“gestorben für unsere Sünden” 1Kor 15,3; Gal 1,4). Die Vergebung wird im frühchristlichen Kerygma nie an die Person des auf Erden wirkenden Jesus gebunden.

Jesus fordert die radikale Umkehr, den Verzicht auf eigene Leistungen, die Demut eines Kindes. Die Forderungen Jesu sind insofern verschärft, als Jesus einen unbedingten Gehorsam gegen den göttlichen Willen verlangt. Die Erleichterung der religiösen Forderungen hängt mit dem neuen Verhältnis zwischen Gott und Mensch zusammen. Da nach der Anschauung Jesu jeder Mensch als Sünder vor Gott steht, bedarf auch jeder der Barmherzigkeit Gottes (86f).

Jesus zeigt, dass Gott alle Menschen, auch Zöllner und Sünder, in Gnaden annehmen will. Mit seinem Verhalten demonstriert Jesus die göttliche Liebe. Jesus zeigt, wie Gott wirklich ist: so gütig zu den Armen, so voll Freude über das Finden des Verlorenen, so voll Vaterliebe zu dem verkommenen Kind, so gnädig dem Verzweifelten, Hilflosen, in Not Geratenen. Durch die Art, wie Jesus mit den Sündern umgeht und ihnen menschlich-offen begegnet, vollzieht sich für alle sichtbar die Vergebung.

Jesus spricht nicht über die Vergebung, er gewährt sie. Jesus vergab nicht Sünden, sondern er berief Sünder, mit denen er deshalb frei heraus aß und trank. Die ‘Kleinen’ erfahren in Jesu konkretem Lebensvollzug - weder ‘sakramental’ noch ‘verbal’ - die Macht göttlicher Vergebung. Was die Gleichnisse bildhaft umschreiben, geschieht im konkreten Vollzug der Tischgemeinschaft. Sie ist der sinnenfällige Ausdruck für Jesu Heilshandeln an den Sündern (88f).

Wenn Jesus durch seine (Tisch-) Gemeinschaft mit Sündern die Schranken zwischen sich und diesen Menschen niederreißt und wenn er darüber hinaus durch solches Tun die Liebe Gottes beispielhaft aufzeigt, dann ist damit der Grund gelegt, auf dem seine Gemeinde später ihre Deutung Jesu aufbauen kann: Jesus, der sich im Leben der Sünder annahm und der durch seinen Tod allen Menschen die Vergebung erwarb, ist der in göttlicher Hoheit und Vollmacht vergebende Herr (89).


b. Mk 2,10 als Gemeindebildung

Das Menschensohn (MS)-Wort gehört zu einem der Gemeindetheologie entstammenden Einschub in die ursprüngliche Wundergeschichte und es gehört zu den MS-Worten der Gruppe vom gegenwärtig wirkenden MS, die insgesamt späte Bildung sind. Da es sich hier eindeutig um einen titularen Gebrauch von ‘MS’ handelt, ist das Wort im Munde Jesu nicht denkbar; es entstammt vielmehr der Christologie und Dogmatik der frühen Kirche. ‘MS’ ist hier ein Würdename der Gemeinde zur Bezeichnung Jesu und wird mit Blick auf eine für ihn (nicht: von ihm!) beanspruchte Vollmacht verwendet (95).

Jesus hat nicht Vollmacht, weil er der MS ist, sondern weil er Vollmacht hat, wird dieser Hoheits- und Würdename auf ihn übertragen. In der erweiterten Erzählung geht es allein um die Vollmacht Jesu, der ein göttliches Recht in Anspruch nimmt und damit an die Stelle Gottes tritt bzw. an dessen Stelle handelt (101f).

Die Erzählung ist ein Lehrstück, das der Gemeindeunterweisung entstammt. Der Inhalt des Lehrstücks ist eine dogmatisch ausgerichtete Jesusgeschichte mit der Absicht, den Leser anhand eines ausgewählten Beispiels über die besondere Würde und Hoheit Jesu zu belehren (104).


3. Die Perikope im markinischen Kontext


Markus nahm zwei Änderungen vor: er versah die alte Erzählung mit einer neuen Einleitung, und er behandelte sie als Streitgespräch, indem er sie der ihm überkommenen Sammlung von Streigesprächen 2,15-3,6 vorordnete. Dadurch wurde die neue Einleitung dieser Perikope zugleich die Einleitung der gesamten Sammlung. Die meisten Änderungen finden sich in der Einleitung, wo Markus die neu aufgenommene Erzählung in seinem Gang des Lebens Jesu verankert (105).


4. Rückblick


Die Frage nach einer vorösterlichen Sündenvergebung durch Jesus muss negativ beantwortet werden. Das diesbezügliche Mittelstück der vormarkn Erzählung ist deutlich auf die ältere Erzählung von der Gelähmtenheilung hin gebildet und kann daher keinerlei historische Beweiskraft für sich beanspruchen. Dagegen ist dieser mittlere Teil um so bedeutsamer als Beispiel für das Bemühen der frühen Gemeinde, wesentliche theologische Aussagen im vorösterlichen oder ‘irdischen’ Leben ihres Herrn zu verankern (126).

Als Gesamtergebnis ist die Beobachtung zu nennen, dass jede Stufe der Erzählung christologisch ausgerichtet ist; jede der verschiedenen Erzählungen will auf ihre Art eine bestimmte Aussage über Jesus machen bzw. ihn charakterisieren und dadurch der Belehrung des Lesers dienen (126).

Während die Wunder Zeichen der in Jesu Wirken anbrechenden Herrschaft Gottes sind und so die Botschaft Jesu in einer bestimmten Weise qualifizieren, dienen die Wundergeschichten der Qualifikation Jesu selbst. Bereits auf der ersten uns erreichbaren Traditionsstufe handelt es sich nicht mehr um eine ‘reine’ Wundergeschichte. Das Wunder ist die Antwort auf einen unerschütterlichen Glauben, und die Geschichte des Gelähmten ist eine Beispielerzählung vom wahren Glauben an Jesus (127).

Auf der nächsten Stufe wird ein höchst massives Lehrstück über eine dogmatische Aussage der frühen Kirche erkennbar; es geht um die Demonstration von Jesu gottgleicher Würde und Vollmacht, dargestellt an der Macht der Sündenvergebung. Die christologische Ausrichtung der Erzählung ist auf dieser Stufe der Entwicklung am stärksten durchgeführt und wird durch die Einführung des Titels ‘Menschensohn’, der das Moment der Hoheit und Vollmacht betonen will, noch weiter unterstrichen (127).

Auf der Stufe des Mk-Evangeliums, ist die Erzählung eine ‘Perikope’, ein Ausschnitt im Rahmen eines größeren Zusammenhangs. Hier dient die Perikope dazu, zum erstenmal Jesu göttliche Würde sichtbar und hörbar werden zu lassen. Zugleich ist die Inanspruchnahme eines göttlichen Rechts ein entscheidender Schritt auf dem Weg ans Kreuz, da die Gegner nach Abschluss weiterer Streitfragen erstmals den Tod Jesu planen (Mk 3,6) (127f).

Die ntl Wundergeschichten sind Christuszeugnisse. Die Erzählung Mk 2,1ff ist Zeugnis einer gläubigen Gemeinde und soll zeigen, was Jesus kann, wie er ist und wer er ist: Er tut, was Gott tut; er handelt, wie Gott handelt; er ist wie Gott - er ist der gottgleich Herr (128).


II. Das Problem der Sünde
E. Schweizer


Nach Paulus wird selbst in Ausnahmefällen (1Kor 5,1-5) erwartet, dass der Sünder zum Heil eingehen werde. Ein Sündenbekenntnis der Glaubenden gibt es nicht, auch wenn Paulus viele konkrete Fälle nennt, wo die Gemeinde ihren Glauben nicht konsequent durch ihr Leben ausdrückt. Diese werden als 'Verfehlungen' sehr ernst genommen, aber deutlich von 'der Sünde' (Einzahl) unterschieden, in der der Nichtglaubende lebt. Das bedeutet, dass das Leben als Ganzes gesehen wird, das mit all seinem Gehorsam und seinem Versagen, mit seinen Taten und seinen Erfahrungen entweder auf Gott hin ausgerichtet ist oder auf alles mögliche andere und darum als Ganzes 'Gerechtigkeit' oder 'Sünde' ist. Die 5. Bitte des VU steht noch in der Sprachschule des AT mit seinen immer neuen Bitten um die Vergebung begangener Sünden. Das ganze NT weiß, dass es jenes Verfehlen gibt, in dem man nicht mehr aus dem Geschenk Gottes heraus lebt. Das muss freilich weniger vergeben als gesehen und geheilt werden. Dass dies nicht anders geht als so, dass man zu dem zurückkehrt, aus dessen Geschenk man wieder neu leben darf, ist klar. Ein regelmäßig wiederholtes Sündenbekenntnis, als müsste das ganze Heilsdrama stets wieder von neuem beginnen, gibt es im NT nicht. Paulus spräche ehe davon, dass wir immer neu wieder lernen müssten in dem Geiste auch zu wandeln, in dem wir doch schon leben (Gal 5, 25), oder in unserem Verhalten zum Mitmensch das Wirklichkeit werden zu lassen, was 'in Christus' schon für uns gilt (Phil 2, 5) (242f).

Auch Matthäus sieht in 18,15-18 die Sünde als Ausnahme. Dass ihm so viel daran gelegen ist, dass der Bruder zurückgewonnen wird, zeigt, wie ernst die Gemeinde das nimmt, was sich im praktischen Leben nicht mit dem Evangelium verträgt. Das scheidet sie von den Schwärmern und manchen Pharisäern, die von einer vollkommenen Gemeinde träumen. Die Gewinnung des Sünders ist das eigentliche Ziel, so dass alle Maßnahmen nicht andere sind als das Angebot des Heils: nur dass dieses so ernst genommen wird, dass alles getan wird, damit der Bruder nicht daran vorbeilebe (so auch 1Kor 5,5; 2Thess 3,14f; 1Tim 2,4; 2Tim 2,25f; Tit 1,13) (243).


III. Sünde und Erlösung nach dem Joh-Ev


1. Befreiung von Sünde
M. Hasitschka


a. Joh 1,29-34: Das Zeugnis des Täufers

(29) “Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde (weg)trägt! (30) Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. (31) Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser. (32) Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. (33) Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du den Geist herabfahren siehst und auf ihm bleiben, der ist's, der mit dem heiligen Geist tauft. (34) Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn“.

Befreiung von Sünde hängt zusammen mit einem Sehen. Dass der Mensch in die rechte Disposition für dieses Sehen gelangt, ist das Ziel des Wirkens des Johannes. Seine Wassertaufe dient dazu, “damit er (Jesus) offenbar werde“ für Israel (92f).

Das Bild vom Lamm: Ps 34,21: “Er (Gott) bewahrte ihm (dem Gerechten) alle seine Gebeine, dass nicht eines zerbrochen wird“. Die Gewissheit, dass Gott den leidenden Gerechten rettet, passt gut zur Deutung der Passion Jesu (Anm. 7).

Mit dem Bild vom Lamm wird vor allem Jes 53,7 aufgegriffen. Die prophetische Gestalt des Gottesknechtes, der sich im Dienst seiner Sendung durch Gott und um Gottes willen nicht zur Wehr setzt gegenüber denen, die ihm nach dem Leben trachten und der geduldig das Leid erträgt, das andere ihm zufügen, wird an dieser Stelle mit einem Lamm verglichen, das zur Schlachtung geführt wird bzw. vor seinem Scherer stumm ist. Literarisch umrahmt wird dieser Vergleich durch den Hinweis auf das Schweigen des Knechtes. Dadurch wird hervorgehoben, dass er freiwillig auf Verteidigung und Gegenwehr verzichtet (94).

Im Kontrast zu der Vorstellung von Macht und Stärke ist das Lamm ein Bild der Wehrlosigkeit und Ohnmacht. Nach dem Zeugnis des Johannes kommt ihm zugleich einzigartige Hoheit zu (1,30.34). Das Genitivatribut Lamm Gottes kann wie im Titel Sohn Gottes als Ausdruck singulärer Gottesbeziehung und Zugehörigkeit zu Gott interpretiert werden (94).

Nach dem Joh-Ev ist das Lamm Gottes auch eine messianische Metapher. Der Messias ist in erster Linie jener, der die Welt von Sünde befreit. Nicht primär politische oder soziale Befreiung bringt Jesus, sondern Befreiung von der Unheilsmacht der Sünde. Derjenige, der für Israel offenbar werden soll als das sündentragende Lamm Gottes, ist zugleich der König Israels (12,13) (Anm.12).

Die Sünde der Welt (weg)tragen: Die Sündentat und die damit verbundenen Folgen (Tat-Folge-Zusammenhang) schaffen eine Last, die getragen werden muss, entweder durch den Täter selbst oder durch einen Stellvertreter (95).

Jesus ist so sehr eins mit dem Vater (14.9: “Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“), dass man sagen kann: In der Art, wie er die Folgen der Sünden anderer (weg)trägt, verkörpert er die Haltung Gottes. Wie Gott und anstelle Gottes trägt Jesus Sünden weg. Während nach den Synoptikern Jesus durch sein vollmächtiges Wort göttliche Sündenvergebung bewirkt (Mk 2,1-12), ist nach dem Joh-Ev sein im Bild des Lammes symbolisiertes gesamtes Leben und Verhalten d a s Zeichen der vergebenden Liebe Gottes. An ihm wird Gottes Gesinnung gegenüber der Welt offenbar (96).

Der Glaubende schaut im Sarx gewordenen Logos die göttliche Doxa und sieht im Lamm Gottes die Sünden (weg)tragende Liebe Gottes. “Das Lamm Gottes, das (weg)trägt“ dient zur Charakterisierung des gesamten Wirkens Jesu.

Der Begrifft Sünde: Im theologischen Sinn handelt es sich um die Verfehlung der rechten Gottesbeziehung und damit des wahren Lebens. Es handelt sich nicht nur um die Sünde der 'vielen' (Jes 53,11f), sondern um die des Kosmos, der Menschenwelt als ganzer. Der Ausdruck 'die Sünde' (singular) lässt sich interpretieren als Sammelbegriff für alle Arten von Sünde und als eine Grundverfehlung gegenüber Gott, in der alle Einzelverfehlungen wurzeln (96).

Das Kosmosverständnis: Der Begriff Kosmos meint die Menschheit (1,9f). Nicht irgendjemand, dem der Logos gleichsam als Fremder begegnet, erkennt diesen nicht, sondern der durch ihn geschaffene Kosmos, der seinem Wesen nach dazu angelegt ist, den zu erkennen, durch den er geworden ist. Die 'Seinen' (Israel als auserwähltes Volk und 'Eigentumsvolk' Gottes) nehmen den nicht auf, der zu ihnen gehört und zu dem sie gehören (als seine 'Angehörigen'). Die 'Juden' verkörpern modellhaft das Verhalten des Kosmos (97).

Das Kommen des Logos in den Kosmos wird mit dem Heilssymbol des Lichtes beschrieben. Nach 1,29 ist der Kommende die Offenbarung der vergebenden Gesinnung Gottes gegenüber dem Kosmos. Der einzige Sohn offenbart Gottes Agape gegenüber dem Kosmos. Lichtsymbolik, Lamm-Metaphorik und Sichtbarwerden der rettenden Liebe Gottes im erhöhten Menschensohn (3,14-16) können als drei Ausprägungen der in Jesus sich ereignenden Zuwendung Gottes zum Kosmos gedeutet werden (97).

Gegenüberstellung von 'der Wegtragende' (1,29) und 'der Taufende' (1,33): Es geht um eine fortdauernde Tätigkeit Jesu, die sein gesamtes Wirken kennzeichnet. Taufe im heiligen Geist besagt im Kontext von 1,32-34: Der Mensch erlangt Anteil an dem Geist, von dem Jesus selbst erfüllt ist und partizipiert an Jesu singulärer Gottesbeziehung, nämlich seiner Sohnschaft (Gotteskindschaft 1,12f) (97f).

Das (Weg)tragen der Sünde und damit die Befreiung von dem aus verfehlter Gottesbeziehung resultierenden Unheil geschieht in Verbindung mit der Hineinnahme in den Bereich ('Lebensraum') des Geistes, der Hineinnahme in eine neue Beziehung zu Gott. (Die Gabe des Geistes: 3,5-8.34; 7,37-39) (98).


b. Joh 8,21-59: Jesu Reden am Laubhüttenfest

Während nach 1,29 die Sünde (wie eine Last) (weg)getragen wird, bedeutet nach den Worten Jesu hier Befreiung von Sünde Rettung aus einem Macht- und Einflussbereich. Die Reden an diesem Fest sind zu sehen auf dem Hintergrund der seit 5,18 bestehenden Tötungsabsicht (7,1.19f.25; 8,37.40.59). Sie zeigen ferner, dass die Sünde durch Jesus erst aufgedeckt wird (was dann der Paraklet fortsetzt) (98).

(1) Joh 8,21-30: Rettung vor dem Sterben in der Sünde aufgrund des Glaubens an Jesus
Die Situation 'dieses' Kosmos ist mit bedingt durch die Sünde. Das dreimalige Wort vom Sterben in der Sünde (8,21; 2 x in 8,24) unterstreicht einerseits, worin die wahre Unheilssituation der Menschen im Daseinsbereich 'dieses' Kosmos besteht und verdeutlicht andererseits den exklusiven Anspruch Jesu. Rettung aus der Todverfallenheit und damit Bewahrung vor dem Sterben in der Sünde kann man nicht ohne ihn erlangen. Der heilsbedeutsame Glaube an ihn hängt zusammen mit der Erkenntnis, wer er ist (8,24.28) (98f).

Die Sünde (singular 8,21) kann verstanden werden als die Grundverfehlung, in der die Sünden (plural 8,24) wurzeln und die sich in ihnen manifestiert. Insofern 'die Juden' (Jesu Gesprächspartner) in ihrem Verhalten modellhaft das Verhalten des Kosmos repräsentieren, kann man in ihrer Sünde jene des Kosmos (1,29) abgebildet sehen (99).

(2) Joh 8,31-59: Befreiung aus der Versklavung durch die Sünde durch Bindung an Jesu Wort
Der Abschnitt beginnt mit einer grundlegenden Verheißung für jene, die in Jesu Wort 'bleiben' und so seine Jünger sind: “Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen“ (8,32). “Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht“ (8,34). Durch das Gleichnis vom Sklaven und Sohn zeigt Jesus, dass er allein den Menschen wirklich befreien kann (8,35f) (99).

Am Beginn der drei Gesprächsgänge (8,33.39a.41b) steht jeweils eine Aussage 'der Juden' über ihre Zugehörigkeit zu einem Vater, nämlich zu Abraham bzw. zu Gott. In seinen Antworten greift Jesus jedes Mal zunächst die Überzeugung 'der Juden' auf (8,37a.39b.42a), weist ihnen jedoch nach, dass ihre Zugehörigkeit zu Abraham und zu Gott durch ihr Tun widerlegt wird, nämlich durch ihre Absicht, ihn zu töten (8,37b.40a). Ihr Tun hängt zusammen mit fehlender Hörbereitschaft gegenüber dem Wort Jesu und der Wahrheit (8,37c.40b.43.45-47) (99f).

Jenen, die überzeugt sind, Kinder Abrahams zu sein, frei zu sein und Gott zum Vater zu haben, weist Jesus nach, dass sie im Grunde den 'Menschentöter' und 'Lügner', den Teufel zum Vater haben (100).

Sünde ist eine Macht. Wer unter dieser Macht steht, ist einem bestimmten Herrn zugehörig und tut dessen 'Werke' (8,41), 'Begierden' (8,44). Das Denken und Handeln des Menschen ist nach dem Joh-Ev wesentlich davon geprägt, von wem er seine Herkunft hat und zu wem er gehört.

Befreiung von Sünde durch Jesus, den Sündlosen (7,18; 8,46), kommt in zwei Aspekten zur Sprache: Bewahrung vor dem Sterben in der Sünde (8,21.24) für den, der glaubt, und Befreiung aus der Zugehörigkeit zum Machtbereich der Sünde durch die Hineinnahme in eine neue Zugehörigkeit zu Gott für den, der in Jesu Wort 'bleibt'. Der Sohn befreit die Menschen aus der Versklavung durch die Sünde nicht nur durch Vermittlung der Wahrheit (Gegenbegriff zu Lüge) (8,32), sondern indem sie durch ihn die Stellung von Söhnen im Haus Gottes erlangen, nämlich die Gotteskindschaft (8,34-36) (100).


c. Joh 9: Das Zeichen der Blindenheilung

Der Zeichencharakter der Heilung ist vor allem darin zu sehen, dass der Blindgeborene nicht nur im physischen Sinn das Sehvermögen erlangt, sondern auch im übertragenen Sinn sehend wird für den Menschensohn, was zum Glaubensbekenntnis ihm gegenüber führt. Erkenntnis Jesu und (damit verbunden) Glaube an ihn, was zur Befreiung aus dem Machtbereich der Sünde führt, verdankt sich im Sinne dieses 'Zeichens' auch der heilenden Inititiative Jesu (101).

Die 'Werke Gottes', die an ihm 'offenbart werden' (9,3) und durch die der Mensch sehend wird für Jesus, zeigen, dass Gott die Macht hat, aus dem Unheilszusammenhang (Sünde und Leid) zu befreien. Für den Geheilten ist die Tatsache, dass Jesus ihm die Augen geöffnet hat, eine Widerlegung der Auffassung der Pharisäer. Jesus kann kein Sünder sein und seine Herkunft ist von Gott 8,31-33. Dem Glaubensbekenntnis und der Proskynese des Geheilten (9,38) wird in 9,39-41 ein Gerichtswort Jesu an die Pharisäer gegenübergestellt (101).

Es gibt zwei Arten von Blindheit: Die eine ist das Fehlen des Sehvermögens (im tieferen Sinn) für Jesus (den Menschensohn 9,35-38), das Licht der Welt (9,5), bei Menschen, die wie der Blindgeborene empfänglich sind für Jesu Initiative (Heilung, Selbstoffenbarung). Die andere Blindheit stellt sich als Folge ein bei jenen, die sich aufgrund ihres religiösen Vorverständnisses ('wir wissen' 9,24.29), 'wir sehen' (9,41), Jesus gegenüber verschließen. Dementsprechend gibt es auch zwei verschiedene Arten des Sehens: das zum Glauben führende wahrhafte Sehen, wer Jesus ist, sowie ein auf selbstsicherem Vorurteil ihm gegenüber beruhendes scheinbares Sehen und Wissen (102).

Obwohl es Jesu Grundintension ist, zu retten, haben sein Dasein und Handeln unter den Menschen paradoxerweise auch Gericht (Selbstgericht) zur Folge (3,17-21; 12,47f). Darin zeigt sich die Respektierung der menschlichen Freiheit. Entscheidung für oder gegen Jesus bedeutet nichts Geringeres als Entscheidung für oder gegen Gott. Fehlendes Sehvermögen für den Menschensohn hat zu tun mit ('bleibender') Sünde.

Jesus bewirkt (9,39) Verblendung und Herzensverhärtung (gemäß 12,40). Er 'macht blind', indem sein Wirken de facto Unglaube und Ablehnung hervorruft. Diese Tatsache wird bereits in 1,10f angedeutet und in 15,22-25 thematisiert (102).


d. Die Sündenthematik in den Abschiedsreden

(1) Joh 15,18-25: Jesu Kommen 'provoziert' Sünde
(22) “Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen geredet hätte, hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. (24) Wenn ich die Werke nicht getan hätte unter ihnen, die kein anderer getan hat, hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie einerseits gesehen, andererseits gehasst sowohl mich als auch meinen Vater“.
9,41: “Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde. Weil ihr aber sagt: wir sehen, bleibt eure Sünde“.
Ähnlich wie in 9,41 wird in 15,22.24 erkennbar, dass Jesus de facto auch zum Anlass dafür wird, dass Menschen Verfehlung gegen Gott auf sich laden. Wer Jesus im Unglauben und Hass ablehnt, weist nicht nur den zurück, der die Macht hat, aus dem Unheilsbereich der Sünde zu befreien (1,29; 8,34-36), sondern gerät darüber hinaus in eine 'zusätzliche' Verfehlung (die erst jetzt gegenüber Jesus möglich ist und die es ohne ihn nicht gab). Diese manifestiert sich im grundlosen Hass (15,25) (103).

15,18-21 und 16,2f machen deutlich, dass sich der Hass der Welt gegen Jesus in der Verfolgung seiner Jünger fortsetzt. Der Hass hat dabei denselben Grund (den Vater und Jesus 'nicht kennen') bzw. dieselbe Grundlosigkeit. Die Jünger partizipieren am Geschick ihres Herrn. In der Ablehnung der Jünger manifestiert sich weiterhin jene Sünde, die sich in der Ablehnung Jesu zeigt (103).

(2) Joh 15,26 – 16,15: Der Paraklet weist der Welt die Sünde nach
Die wiederholte Rede vom Kommen des Parakleten (15,26;16,7f.13) steht in Verbindung mit dem Fortgehen Jesu (16,5.7) und mit der Wirkung seiner Worte (16,1.4a.6) (Anm. 26).

Die beiden Parakletworte: 15,26f und 16,7-11 bestärken die der Bedrängnis und Verfolgung ausgesetzten Jünger in der Gewissheit, dass sie den Parakleten als Beistand haben. Durch ihn ist der Herr selbst ihnen bleibend nahe. Mit seiner Hilfe geben sie der Welt Zeugnis für Jesus (16,8). Ähnlich wie sich das Zeugnis des Parakleten für Jesus im Zeugnis der Jünger verkörpert, sind die Jünger auch hinsichtlich des Aufdeckens die 'Instrumente', deren sich der Paraklet bedient, um irdisch sichtbar in der Welt zu wirken (104).

Ablehnung Jesu und Verweigerung des Glaubens an ihn ist Sünde gegen Gott. Jesu Lebenshingabe (sein Gehen zum Vater im freiwilligen Annehmen des Todesgeschicks) ist Ausdruck seiner singulären Gottesbeziehung (dikaisyne). Indem Gott sich zu Jesus bekennt (durch die Auferweckung), wird der “Herrscher dieser Welt“ (der Teufel), der maßgeblich am Unglauben gegenüber Jesus und an seiner Verurteilung zum Tod beteiligt war, ins Unrecht gesetzt und gerichtet. Das Kreuz besagt einerseits Aufgipfelung der Macht und Begierde jenes Herrschers (des Menschentöters und Lügners) (8,44), andererseits seine Entmachtung und Überwindung (104).


e. Joh 20,19-23: Der Sendungsauftrag

Beide Teile (19-20a und 20b-23) beginnen mit einer Schilderung der Situation / Reaktion der Jünger (19a und 20b). Darauf folgt jeweils das Friedenswort des Auferstandenen (19b und 21). Beide Male wird ein Tun Jesu beschrieben: 'zeigen' (20a) und 'anhauchen' (22). Beim zweiten Mal ist es verbunden mit dem Wort, das zur Sündenvergebung ermächtigt (23) (105).

Interpretiert man das Anhauchen vor dem Hintergrund von Gen 2,7; Ez 37,9; 1Kön 17,21 und Weish 15,11, so ist es als Sinnbild für das Geschenk von Leben und für den Anbruch einer neuen Schöpfung zu deuten (105).

20,23 spricht von 'Sünden'. Darunter fällt auch das, was man den Jüngern antut, weil sie Gesandte Jesu sind (Hass, Verfolgung). Indem die Jünger Sünden vergeben, repräsentieren sie Jesus, der in seinem gesamten Wirken d a s Zeichen der vergebenden Liebe Gottes ist. Indem sie in Jesu Gesinnung handeln, partizipieren sie auch an seinem (Weg)tragen der Sünde (1,29) (105).

Das Wort vom 'Festhalten' der Sünden kann interpretiert werden als Respektierung der Entscheidungsfreiheit. Ähnlich wie ihr Herr stellen auch die Jünger die Menschen vor eine Entscheidung und ähnlich wie in 3,18-21; 9,39-41 zeigt sich auch in 20,23, dass ein Mensch, der das durch Jesus angebotene Heil ablehnt, sich ins Unheil begibt (Selbstgericht) oder darin bleibt (8,24; 9,41; 15,22.24) (105).

In 20,22f und in 1,29-34 ist das Thema der Befreiung von Sünde verbunden mit der Gabe des Geistes. Das Wort vom Lamm Gottes und der Taufe im heiligen Geist steht am Anfang des irdischen Wirkens Jesu. Die Gabe des Geistes und das Vollmachtswort am Ostertag stehen am Anfang seines nachösterlichen Wirkens als Erhöhter durch die Jünger (106).


f. Fazit

Das Bild vom Lamm: Jesu Verhalten (einschließlich seiner freiwilligen Lebenshingabe) ist nicht nur Ausdruck dafür, dass er (wie der Gottesknecht) stellvertretend für uns Sünde (weg)trägt, sondern darin manifestiert sich auch das (Weg)tragen der Sünde durch Gott selbst (Ex 34,6f). Auch hinsichtlich der Befreiung von Sünde ist Jesus Offenbarer und Repräsentant Gottes (106).

Sünde nach dem Joh-Ev ist nicht so sehr im ethischen Sinn zu verstehen und ist auch nicht einfach mit Unglauben gleichzusetzen, sondern sie ist eine Macht, die den Menschen versklavt. Der Machtbereich der Sünde ist mitkonstituiert durch den Einfluss des Teufels, des 'Herrschers dieser Welt'. Sein durch Menschentötung und Lüge charakterisiertes Wirken trägt dazu bei, dass aus dem Kosmos 'dieser' Kosmos wird, der sich Jesus gegenüber verschließt. Jesu Lebenshingabe bedeutet jedoch Überwindung des Herrschers dieser Welt und Gericht über ihn (107).

Befreiung von Sünde kommt auch der Rettung aus dem Machtbereich der Sünde (und des Teufels) gleich. Sie bedeutet Hineinnahme in eine neue Gottesbeziehung und in den Einflussbereich des heiligen Geistes. Diese Befreiung ereignet sich bereits dort, wo der Mensch 'sehend' wird für Jesus und zum Glauben an ihn findet.

Jesu Jünger / innen sind dazu bestimmt, seine Sendung fortzusetzen. Im Sinne des Joh-Ev sind sie auch in Bezug auf ihre Bevollmächtigung zur Sündenvergebung Repräsentanten ihres Herrn und ist Sündenvergebung innerlich verbunden mit ihrem Zeugnis für den Auferstandenen (107).


2. "Ihr seid schon rein durch das Wort" (Joh 15,3a)
Weder das Wasser der Taufe noch das Blut des Kreuzes sind reinigungsrelevante Größen (121).
A. Stimpfle


Ein dualisierender Verstehensrahmen zeigt sich zum einen darin, dass Sünde grundsätzlich als Sache des anderen gilt: Jesus sieht sie auf Seiten seiner Gegner, seine Gegner schreiben sie Jesus zu. Einig sind sie sich lediglich in dem allgemeinen Grundsatz, dass Sünde etwas Gottwidriges ist und Gott nur den hört, der ihn fürchtet und seinen Willen tut. Die Sünde, die der Evangelist den Jesus-Gegnern zuschreibt, zeigt sich darin, dass nicht (an) Jesus geglaubt wird. Die Sünde wird offenbar mit dem Kommen Jesu. Sie liegt begründet im 'Von-der-Welt-Sein'. Über sie kann allein von seiten Gottes und Jesu verfügt werden. Sie gründet nicht im Tun-Ergehen-Zusammenhang sondern im Offenbarungsgeschehen (115).


1,29-34: Das Zeugnis des Täufers vom Lamm Gottes

Jesus ist “das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt (weg)trägt“. Die 'Wegnahme' der Sünde ist an den Gesandten Gottes und an die Gabe des heiligen Geistes gebunden (32-34).

G. Röhser weist darauf hin, dass die Metapher 'Lamm' auch in anderen Kontexten als dem des Opfertodes begegnet: In Mt 25,32ff stehen die Schafe für die Gerechten (37,46), für die “Gesegneten meines Vaters“ (34). Das 'Lamm' ist ein Bild für die Unschuld der Frommen inmitten der Übeltäter (Jer 11,19; Lk 10,3). “Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,69). Das Bild des Lammes kann auch Untadeligkeit und Reinheit bedeuten (1Ptr 1,19). Die Fürbitte Christi als des gerechten, heiligen und reinen Lammes Gottes ist eine Metapher des 'Wegnehmens der Sünde' (Joh 1,29). Die Sünde erscheint dabei als Inbegriff aller verfehlten Einzeltaten der Menschen, die durch die wirksame Fürbitte des Gotteslammes aus der Welt fortgeschafft werden (64).


5,2-16.17-46: Die Heilung des Lahmen am Teich Betesda

Der sich steigernde Gegensatz findet Ausdruck in Begriffen und Wendungen, die sich auf der einen Seite um Jesus und die Seinen, auf der anderen Seite um 'die Juden' gruppieren. Leben und Tod (24) sind Ausdruck der glaubenden Verbundenheit mit bzw. des glaubenslosen Abstandes von Gott und seinem Gesandten. Beide Wirklichkeiten werden offenbar durch das 'heilende Tun' des Gesandten, der sein Tun analog zu dem totenerweckenden und lebenschaffenden Tun Gottes sieht (19.21). Liest man die Warnung Jesu an den Geheilten und dessen Reaktion in diesem Vorstellungsrahmen, dann könnte sich das neuerliche 'Sündigen' des Geheilten auf sein 'Gehen zu den Juden' und sein dortiges 'Berichten' (15) beziehen (vgl. dagegen die Reaktion des Geheilten in Joh 9) (116).


8,12-59: Jesu Reden am Laubhüttenfest

Die Antijudaismen sind situationsbedingt (s. Text 18). Von Anfang an verläuft das Gespräch im Gegenüber von Jesus und 'den Juden'. Dieser Gegensatz äußert sich als strikte Dualität: am deutlichsten in den Begriffspaaren, die die Herkunft und den Charakter der gegensätzlichen Wirklichkeiten thematisieren: 'von oben sein' - ' von unten sein' (23), 'von dieser Welt sein' (23) - 'von Gott sein' (42.47), Gott zum Vater haben (42) - den Teufel zum Vater haben (44), Wahrheit (32.40.44-46) - Lüge (44), Leben (12) - Tod (51), Licht - Finsternis (12), frei sein (32f.36) - Knecht sein (34f). Das Phänomen Sünde gehört dabei zum antigöttlichen Part des Teufels und des Kosmos. Auch 'die Juden' gehören zu diesem Bereich (23.44.47), weshalb sie unfähig sind, das Wort des Gesandten zu hören (43). Weil dies aber die Bedingung der Möglichkeit ist, aus der diabolischen Finsternis befreit zu werden (31-36), gibt es für 'die Juden' keine Befreiung von der Sünde (23f). Demgegenüber steht der Gesandte auf der göttlichen Seite (42), außerhalb der Sünde (46). Mit seinem Wort vermag er aus der Sünde zu befreien, jedoch nur den,der hören kann (116f).


9,1-41: Die Heilung des Blindgeborenen

Sünde ist ein Zustand angeborenen Blindseins (1.34.41). Dieser Zustand hat nichts zu tun mit einem individuellen Fehlverhalten (3.41). Er kann durch den Gesandten beseitigt (3.32f) oder aber etabliert werden (39.41), was zu einer Scheidung unter den Menschen führt, die Programm des Kommens des Gesandten ist (39). ' Die Juden' / 'Pharisäer' (7.11) erweisen sich in ihrer Mose-Jüngerschaft (28), in der sie vom Tat-Charakter der Sünde ausgehen (16), als 'Blinde' - ein Sein, das ihnen behalten bleibt (41) (117).


20,19-23: Der Sendungsauftrag

Das an den Empfang des heiligen Geistes gebundene Lösen und Behalten der Sünden (22f) erfährt eine Erweiterung dahingehend, dass es als ein Tun gekennzeichnet wird, in dem sich die Offenbarungstätigkeit des Gesandten durch die Jünger fortsetzt (21). Den Jüngern wird vom Gesandten sein Friede zugesprochen (19.21.26), der ein anderer ist als der des Kosmos (14,27). Die Trauer der Jünger verwandelt sich in Freude (20), die anders als die des Kosmos eine vollendete ist (15,11; 16,22.24; 17,13) (118).


Zur john Sonderbedeutung von Sünde

Sprechendstes Beispiel ist die Reinheits-Terminologie: Die 'Freunde' des Gesandten (15,15) sind “rein durch das Wort“ des Gesandten (15,3; 13,10). 'Reinigung' geschieht durch die “Taufe mit heiligem Geist“ (1,33) und durch die Annahme des himmlischen Wort-Zeugnisses (3,31-36). Weder das Wasser der Taufe noch das Blut des Kreuzes sind reinigungsrelevante Größen. Von Befleckung im selbstverschuldeten Sinn ist nicht die Rede (121).

Sünde meint nicht ein Fehlverhalten in Moral und (göttlichem) Gesetz, sondern den Zustand des Unglaubens. Dieser wird mit dem Kommen des Offenbarers offenkundig. Er ist Ausdruck der gegengöttlichen Macht des Kosmos, die den Menschen gefangenhält. Als solcher Zustand lässt sich Sünde nicht einfach vergeben, wohl aber aufdecken und beseitigen. Dies geschieht durch das Offenbarerwort durch seine im Menschen Erkennen bewirkende Potenz. Diese Wirkmacht zielt nur auf die Erwählten, die, indem sie das Wort hören und bewahren können, aus dem diabolisch-tödlichen in den göttlich-lebendigen Machtbereich überwechseln. Für sie als Glaubende ist Sünde passé – es sei denn, sie erweisen sich im 'verräterischen Weggehen' als Unerwählt-Kosmische. Wegnahme und Etablierung von Sünde bleiben gewährleistet im Weitersagen des Offenbarerwortes durch die Gemeinde der Erwählten (122).


3. Die Sendung des Sohnes als Endgericht
J. Becker


Jesu Zuhörer stoßen sich daran, dass Jesus trotz des Anspruchs, die zentrale Heilsgestalt der Endzeit zu sein, von seiner Erhöhung zu Gott spricht (12,34ff). Muss nicht der Christus als endzeitlicher Heilsbringer für immer bei seinem Heilsvolk bleiben? Jesus beharrt jedoch auf seiner Rückkehr zum Vater, weil er dort – und nicht auf Erden – die Heilsgemeinde sammeln wird, denn er will von der Höhe her alle zu sich ziehen (12,32) (202).

Jesus betont immer wieder, er vollziehe jetzt das Endgericht. Diesem folgt traditionellerweise nur noch der Vollendungszustand, in dem der Endzeitherrscher für immer mit der Heilsgemeinde zusammen ist (1Thess 4,17; 5,10). Dass das Wirken des Gesandten und das Endgericht zusammenfallen, sagt nur der vierte Evangelist. Für ihn vollzieht der Gesandte die endzeitliche Scheidung zwischen Gut und Böse, also das Endgericht, in Gestalt seines Sendungsauftrages: “Um (das) Gericht (durchzuführen), bin ich in diese Welt gekommen“ (9,39). “Wer an ihn (den Gesandten) glaubt, wird nicht mehr gerichtet. Wer nicht glaubt, ist bereits gerichtet, weil er nicht zum Glauben an den Namen des einziggeborenen Sohnes Gottes gekommen ist“ (3,18). Der Sendungsauftrag des Sohnes besteht also darin, das Gericht zu vollziehen, freilich möglichst mit dem positiven Ziele zu retten. Gerettetwerden oder Verlorengehen hängen dabei am Glauben oder Unglauben. Der sich dann durchsetzende Trennungsprozess ist endgültig (202f).

“Das aber ist das Gericht (, das sich jetzt mit der Sendung des Sohnes ereignet), dass das Licht in die Welt gekommen ist, aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse...“ (3,19-21). So scheidet das in die Welt gekommene Licht zwischen Gut und Böse. Darum gilt: Wer dem Sohn glaubt, hat ewiges Leben. Wer sich verweigert, sieht das Leben nicht, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm (3,36). Oder: Wer dem Wort der Selbstoffenbarung des Gesandten glaubt, kommt nicht ins Gericht. Er ist vom Tod zum Leben hinübergeschritten (5,24f; 12,31). Dieses Gericht als endzeitlicher Trennungsprozess ist sonst ausnahmslos der Zukunft vorbehalten (203).

Glaube oder Glaubensverweigerung, zum Licht kommen oder die Finsternis lieben geschehen weiterhin angesichts der Botschaft der Gemeinde (3,11-13.19-21). Der Trennungsprozess ist noch nicht zu Ende. Er wird beendet, indem der erhöhte Sohn vom Himmel aus zu sich zieht: “Wenn ich erhöht bin von der Erde, will ich sie alle zu mir ziehen“ (12,32). Die Glaubenden werden im Himmel die Herrlichkeit des Sohnes schauen (17,24). Dies ist der Vollendungszustand. Die, die sich der Offenbarung des Sohnes oder der Verkündigung der Gemeinde verweigern, werden unten in ihrem eigenen Unheil zugrunde gehen (3,36). Sie gelangen nicht zum ewigen Leben, das allein der Sohn ihnen geben könnte (204).

In der Regel werden im Frühjudentum mit der Besiegung der satanischen Macht die Endereignisse eingeleitet. Für den vierten Evangelisten findet dieser Akt mit der Rückkehr des Sohnes zum Vater statt. So kündigt der Gesandte angesichts seines bevorstehenden Todes an: “Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt. Jetzt wird der Herrscher dieser Welt (aus seiner Machtstellung) herausgeworfen werden“ (12,31). Mit den Worten: “Es ist vollbracht“ (19,30) beschließt der john Christus sein Leben. Vollbracht hat er sein Werk der Sendung mit dem Ziel, Glaubenden Leben zu geben und mit dem Auftrag, die Herrschaft des Teufels zu beenden. Dabei besteht des Teufels Herrschaft im Verneinen des Lebens (8,44). Seine Herrschaft ist der Tod. Diese Herrschaft ist durch das Werk des Gesandten gebrochen. Deshalb ist der Weg frei, dass die Glaubenden von dem Erhöhten in die Höhe gezogen werden können (204).

Der Evangelist zeichnet die Zukunft der Glaubenden nicht mehr in der Sprache zukünftig-apokalyptischer Ereignisse, sondern benutzt diese Sprache, um die Sendung des Sohnes zu qualifizieren (205).

Zu diesem Konzept passt, dass die Glaubenden, die 'ewiges' Leben haben, durch den Parakleten bestimmt sind. Gott selbst ist Geist und Leben (4,24; 5,26). Der Geist macht lebendig (6,63) und mit der Gabe des Parakleten nimmt der Erhöhte selbst in den Gläubigen Wohnung (14,17f.22f), denn der Vater ist im Sohn, der Sohn in den Gläubigen und diese sind zugleich in ihm (14,21). Das ist eine präsentische Reinterpretation der Hoffnung, nach der am Ende der Tage Gott für immer bei den Menschen sein wird (Offb 21) und dass Gott seinen Geist auf alle ausgießen wird (Joel 3,1ff). Diese vollkommene Gemeinschaft mit dem Erhöhten ist durch den Tod nicht zerstörbar (14,2f) (205).


Die Gerichtsrede in Joh 5,19-30

Der erste Teil (5,19-23): “Wahrlich, wahrlich ich sage euch...“ Üblicherweise sind die Machtübertragung und die Gerichtsvollmacht etwas, was Gott erst dem österlichen Christus gibt (1Kor 15,20ff; Phil 2,9; 3,20f; Röm 1,4). Für den Evangelisten vollzieht sich jetzt das Gericht, indem der gekommene Sohn Tote auferweckt und lebendig macht (5,21). Dabei deutet 5,21 noch an, dass auferwecken und lebendig machen eigentlich Gottes Aufgaben sind, übernimmt doch der Sohn diese Taten erst vom Vater. Für das Frühjudentum sowie für das Urchristentum ist Gott allein stärker als der Tod. Nur zögerlich erhält der auferstandene Christus ab und an solche Machtvollkommenheit Gottes (1Kor 15,26; Phil3,21). Der Evangelist beschreibt singulär im Urchristentum das irdische Wirken des Sohnes als “Tote auferwecken und lebendig machen“ (207f).

Der zweite Teil (5,24): “Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tod ins Leben hinübergeschritten“. Das Lebenspenden des Gesandten ist nicht Ankündigung für eine spätere Zeit, sondern ist gegenwärtiges Geschehen. Wer die Worte des Gesandten hört und aufgrund seiner Selbstoffenbarung zum Glauben kommt, hat im Augenblick der Botschaftsannahme sein Endgericht erlebt: Er ist vom Tod zum Leben hinübergeschritten. Darum kommt er nicht mehr ins Gericht (s.a. 11,25f.31f). Der Tod ist kraft des Ziehens des Erhöhten Durchgang zum Leben. Eine ausstehende Parusie ist in diesem Gedankengang systemfremd. Durch den gekommenen Sohn geschieht in der Weltgeschichte das Gericht, das darin besteht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, jedoch das Verhalten der Menschen ihm gegenüber mehr zur Ablehnung als zur Zustimmung neigt (3,19-21). So setzt Jesus den endgerichtlichen Trennungsprozess in Gang 208).

Der dritte Teil (5,25-30): “Wahrlich, wahrlich ich sage euch...“ Ein drittes Mal setzt der Evangelist an, um den Gedanken zu festigen: “Es kommt die Stunde, in der die Toten die Stimme des Sohnes hören werden, und die, die sie hören, werden leben“ (5,25). Dieser Satz ist ein futurisch ausgerichtetes Trostwort. Er sichert als apokalyptische Prophetie der Gemeinde zu, dass die in Christus Entschlafenen (1Thess 4,13f.16) an der Vollendung teilnehmen werden. Wie in 5,21 ist der erhöhte Endzeitherrscher (durch die Macht seines Wortes) Auferwecker zum ewigen Leben. Mit einem kleinen Zusatz (“und sie ist schon da“) funktioniert der Evangelist diese Verheißung zu einer Gegenwartsaussage über das Wirken des Gesandten um. Dreimal hat er den Gedanken der im gekommenen Sohn vergeschichtlichten Parusieaussage formuliert (208).

Der Gesandte besitzt die Befähigung zum Ausüben des Endgerichts. Der Sohn hat für seine Sendung die Ausstattung des Lebens vom Vater erhalten (5,26) und hat Auftrag und Vollmacht, als Menschensohn das Gericht zu vollziehen (5,27). So fallen Sendung und Gerichtsvollzug zusammen (209).

Der Vers 5,30 ohne 28f passt als Abschluss vorzüglich. Der Gedanke der Gerichtsrede ohne 5,28f ist in voller Harmonie mit Joh 3; 11; 12; 14. Darum plädieren viele Exegeten dafür, Joh 5,28f sei nachgetragen. Das ist die exegetisch und systematisch befriedigendste Lösung (209).

Der Evangelist hatte das Werk des Gesandten dadurch groß herausgestellt, dass er den endgerichtlichen Trennungsprozess allein in der Stellung des Menschen gegenüber dem Gesandten verwirklicht sah. Dabei hatte er zwei Probleme bekommen: (1) Wie steht es mit der Verbindlichkeit der Lebensführung der Glaubenden? Und (2) soll die Welt nur sich selbst überlassen werden, wenn die Glaubenden “in die Höhe gezogen“ werden (12,32)? Der Bearbeiter korrigiert (5,28f): (1) Kein Mensch ist aus der Gottesbeziehung mit ihren Folgen für die Lebensführung entlassen. Das Endgericht wird solche Verbindlichkeit einfordern. (2) Die Geschichte bleibt nicht sich selbst überlassen. An ihrem Ende steht Gottes letztes Wort durch seinen Sohn (210).




Becker, Jürgen, Die Hoffnung auf ewiges Leben im Joh-Ev, in: ZNW 91,2000 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Hasitschka, Martin, Befreiung von Sünde nach dem Joh-Ev, in: Sünde und Erlösung im NT, H. Frankemölle (Hg), 1996 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Maisch, Ingrid, Die Heilung des Gelähmten (Mk 2,1-12), 1971 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Röhser, Günter, Metaphorik und Personifikation der Sünde, 1987


Schweizer, Eduard, Das Evangelium nach Matthäus, 21976


Stimpfle, Alois, “Ihr seid schon rein durch das Wort“ (Joh 15,3a), in: Sünde und Erlösung im NT, H. Frankemölle (Hg), 1996 (referiert in wörtl. Anlehnung)