19.

Der erste Petrusbrief


I. Annahme der Echtheit des ersten Petrusbriefes

1. Die Situation der Briefempfänger
2. Petrus und der erste Petrusbrief
3. Glaube und Hoffnung
4. Hoffnung und Leiden
5. Leiden und Handeln

II. Einleitung

III. Kommentar

1. Briefeingang (1,1-2)
2. Die theologische Grundlegung im Heilswerk Jesu Christi (1,3 – 2,10)
    a. Lobpreis über Gottes Handeln an den Christen (1,3-9)
    b. Die Gegenwart der Adressaten im Heilsplan Gottes (1,10-12)
    c. Die Glaubenshoffnung als christliche Grundhaltung (1,13 - 2,10)
3. Christliches Verhalten in nicht christlicher Gesellschaft (2,11 – 4,19)r
    a. Die Situation der Christen (2,11-12)
    b. „Ordnet euch jeder menschlichen Ordnung unter“ (2,13 - 3,7)
    c. Christen in Gemeinde und Welt (3,8-17)
    d. Christologische und soteriologische Begründung (3,18 – 4,11)
    e. Die Leiden der Christen (4,12-19)
4. Verhalten in der Gemeinde (5,1-11)
5. Briefschluss (5,12-14)



I. Annahme der Echtheit des ersten Petrusbriefes
F. Neugebauer


1. Die Situation der Briefempfänger


Der Brief bietet folgende Konkretionen der Leiden an:

„Dem widersteht fest im Glauben in dem Wissen, dass dieselbe Art von Leiden sich an euren Brüdern vollzieht“ (1Ptr 5,9) „betrübt in mannigfacher Anfechtung“ (1,6); „die euch verleumden als Übeltäter“ (2,12); Terror, der von den Gegnern ausgeht (3,14); Drangsalshitze (4,12); geschmäht werden (4,14); „Euer Widersacher, der Satan, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“ (5,8).

Die meisten dieser Aussagen zielen auf eine Feindseligkeit der Umwelt, aus der für die Gemeinden Versuchung entsteht. Die Feindseligkeit der Umwelt äußert sich verbal in Schmähung und Lästerung bis hin zur Kriminalisierung und wirkt als Bedrohung und Einschüchterung. Aus der Mahnung, ein Christ solle nicht als Verbrecher leiden (2,19f; 3,14.17; 4,15f.19), kann man folgern,dass den Christen Verstöße gegen die gesetzliche Ordnung besonders angelastet wurden, dass sie gewissermaßen unter Beobachtung standen und jede Geringfügigkeit zum willkommenen Anlass eines Einschreitens herzuhalten hatte, wenn nicht gar den Fall, dass den Christen unaufgeklärte Verbrechen in die Schuhe geschoben wurden. Die Vv 4,15f schließen die Möglichkeit einzelner gerichtlicher Maßnahmen ein, und die Gemeinde würde dann das erfahren, was für die Träger der Missionsarbeit lange vorher nicht ungewöhnlich war. Es fehlt jeder Hinweis auf eine allgemeine Verfolgung oder auf Lebensgefahr, wie auch die starken Ausdrücke diogmos (Verfolgung) und thlipsis (Drangsal) nicht vorkommen. Das Christsein als solches ist nicht schon strafbar, sondern dem Einschreiten der Behörde muss eine anderweitig (un)begründete Kriminalisierung vorausgehen (61f).

Gründe für die feindselige Haltung der Umwelt:

„Es genügt, dass ihr die verflossene Zeit den Willen der Heiden vollbracht habt, indem ihr ein Leben führtet in Ausschweifungen, Begierden und frevelhaftem Götzendienst“ (4,3f). Der Grieche erwartete von der Religion vor allem das Fest und besonders das Festgelage im Zusammenhang familiärer und gesellschaftlicher Verpflichtungen, z.B. bei Hochzeit und Totenfeier. Diese Mahlzeiten sind weithin zu gesellschaftlichen Veranstaltungen im Tempel-Restaurant geworden. Zum Ritus gehört das Trankopfer mit dem anschließenden Trinken: „Schmausereien, Trinkgelage und frevelhaftem Götzendienst“ (4,3) (s. 1Kor 8-10) (62f).

Indem sich der Christ in bestimmten Bereichen von Konvention und Lebensvollzug seiner Heimatstadt ausschließt, entsteht Entfremdung und Feindschaft: „Das befremdet sie, dass ihr nicht mit ihnen zusammen in demselben Strom der Verkommenheit zusammenlauft“ (4,4). Die Feindschaft der Umwelt entsteht aus der christlichen Verweigerung üblicher Lebensformen, sie beruht auf dem christlichen Anderssein. Christen werden durch ein von ihrer Umgebung abweichendes Verhalten unterscheidbar und erkennbar. Sie sind wie Fremde in fremder Umgebung. Wenn der 1Ptr die Christen Gäste und Fremdlinge nennt (1,1.17; 2,11), so ist dies Inhalt alltäglicher Erfahrung (63).

Die Christusverkündigung besitzt eine gemeinschaftsgründende Kraft. Sie schafft eine neue Verwandtschaft – Bruderschaft (2,17; 5,9). Diese Bruderschaft lebt in der heimatlichen Polis als ein Fremdkörper. Die vordringlichsten Konfliktherde waren Abhängigkeitsverhältnisse, in die durch die Christuszugehörigkeit ein Zwiespalt hineinkam. Was geschieht mit einem christlichen Sklaven, der an der ihm fremd gewordenen Kultübung nicht mehr teilnimmt und auf diese Weise seinen Herrn provoziert? Wie selbstverständlich die kultische Unterordnung des Sklaven war, zeigt die Taufe beim Gefängnisdirektor zu Philippi (Apg 16,32-4). Was wird aus einer Frau, die auch bei familiären Verpflichtungen ihren Mann nicht mehr in den Tempel begleitet? Wie steht die Polis zu Bürgern, die die heidnischen Feste der Stadt nicht mehr mit vollziehen (63f)?

Der 1Ptr rechnet noch mit der Überzeugungskraft des christlichen Lebens und einer daraus entstehenden Befriedigung (2,12; 3,13). Dagegen erscheint im john Schrifttum der Hass der Welt als etwas Gegebenes und Unaufhebbares (Joh 15,18f; 1Joh 3,13). Die Verben der missionarischen Aktivität (kerussein, euangelizesthai) sind im john Schrifttum verschwunden und werden durch martyrein ersetzt. Im 1Ptr fehlt die Wortgruppe martyrein, während die Verben der missionarischen Aktivität in wichtigen Zusammenhang auftauchen (1,12.25; 3,19; 4,6.17) (64).

Für den 1Ptr fehlt ein 'innerchristlicher' Konflikt (wie 1Joh 2,19). Bekenntnis und Bekennen haben ihr Gegenüber im Verhältnis zur heidnischen Umgebung (2,12; 3,1f. 15f). Hier allein ist der Ort des Konflikts und des Bekennens. Die beste Parallele für die Situation des 1Ptr begegnet in einem frühen Paulusbrief, in 1Thess 2,14f: „Ihr seid Nachfolger geworden, Brüder, der Gemeinden Gottes in Christo, die sich in Judäa befinden; denn auch ihr habt dasselbe von euren eigenen Stammesgenossen erlitten wie auch jene von den Juden, die den Herrn Jesus töteten und die Propheten und uns verfolgten“. Bereits hier ist der Konflikt mit der Umgebung in vollem Gange. Ist das Babylon (1Ptr 5,13) kaum anders als auf Rom zu deuten, so dürfte eben dies das weltweite Leiden von 5,9 kennzeichnen: eine in der Luft liegende oder bereits erfolgte Schmähung und Kriminalisierung mit daraus entstehenden Folgelasten. Sollen die Christen belangt werden, so noch nicht auf Grund ihres Christseins, sondern es müssen Schandtaten vorgewiesen oder erfunden werden. Gerade weil Christen in der Gefahr stehen, als Sündenböcke herhalten zu müssen, ist jede Verletzung der Gesetze zu vermeiden und auch der Spur eines Anlasses aus dem Wege zu gehen. Das Leiden als Christ ist ein Leiden zu Unrecht (nicht wegen böser Taten) (3,14) (65f).


2. Petrus und der erste Petrusbrief


Nach einem Wechsel von Wir- und Ihr-Aussagen in 1,3ff wird ein Unterschied markiert: die Briefempfänger haben Jesus Christus nicht gesehen (1,8), der Briefschreiber aber besaß den Anblick Jesu. Der Vf. ist ein Zeuge der Leiden Christi (5,1). Die Zahl derer, die die Passion in der Nähe Jesu miterlebten (Gethsemane), ist um vieles kleiner als die der Osterzeugen. Der Brief will nach seinem Wortlaut von Petrus geschrieben sein (69f).

Der Brief setzt ein mit der Wiederholung der Ostererfahrung (1,3ff). Die Flucht der Jünger angesichts der Katastrophe des Kreuzes besagt den Zusammenbruch ihrer Hoffnung. Ostern hat die Erneuerung und Wiedergeburt der Hoffnung gebracht. In 1Ptr 1,3 ist die urapostolische Ostererfahrung präzise ausgesprochen: „Von neuem geboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“. Ostern war Erneuerung der Hoffnung. Die Ostererfahrung ist mit Hoffnungsgewinn identisch. Paulus sprach an dieser Stelle vom Glauben: „Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig“ (1Kor 15,14). Hier korrespondiert der Glaube der Auferstehung Jesu Christi. Erst in 1Kor 15,19 gelingt ein Blick auf die Hoffnung. Es ist nicht zufällig, dass der 1Ptr mit Auferstehung und Hoffnung einsetzt, während Paulus dagegen Ostern und Glaube verbindet, weil die Damaskuserfahrung den Schritt vom Unglauben zum Glauben markierte.

Der Vf. des 1Ptr ist ein Zeuge der Leiden Christi: „Er [Christus] tat keine Sünde und es wurde kein Trug in seinem Munde gefunden. Als er geschmäht wurde, erwiderte er die Schmähung nicht; er übergab es aber dem, der gerecht richtet“ (2,22f). Hier erscheint der Leidensweg Jesu als Kontrastbild zu Petrus, als sein Gegenportrait. Im Munde des Petrus war Trug, als er Christus verleugnete. Er drohte mit dem Schwert, als Jesus verhaftet wurde (70).

Im 1Ptr gibt es keine christologischen Präexistenzaussagen. Dies stimmt gut mit der Aussage zusammen, dass Christus als ein vollkommenes Lamm vor der Grundlegung der Welt vorherbestimmt wurde (1,19) (71).

In 1Ptr 2,3ff geht eine Stein-Christologie in eine Stein-Ekklesiologie über. Jesus Christus „ist ein Stein des Anstoßes und ein Fels [petra] des Ärgernisses“ (2,8; Jes 8,14). Hätte ein Späterer den 1Ptr verfasst, so hätte er wahrscheinlich eine Fels-Apologie in Analogie zu Mt 16,18 eingeschaltet. Im 1Ptr gibt es nur den Christus, um dessentwillen alle anderen lebendige Steine sind. Der Unterschied zwischen Christus und den Aposteln ist so groß, dass diese ganz auf die Seite der Gemeinde gehören. Dem entspricht es, wenn sich der Vf. als Mitältester unter die anderen Gemeindeältesten einreiht (5,1) (72).


3. Glaube und Hoffnung


Im ersten Satz gibt der Brief das Thema der Hoffnung vor (1,3). Die Hoffnung durchdringt den Glauben und bemächtigt sich seiner, „so dass euer Glaube zugleich Hoffnung auf Gott ist“ (1,21). In 1,3 ist der Grund der Hoffnung die Auferstehung Jesu Christi. Mit 1,21 wird der Glaube als Hoffnung definiert. So sehr der Glaube auf das Heilswerk bezogen bleibt (2,7; 1,21a), so wichtig wird sein Zukunftsbezug. Durch ihn wird man bewahrt auf die kommende Rettung hin (1,5; 5,9). Das Ziel des Glaubens ist die zukünftige Rettung der Seelen (1,9). In 1Ptr 3,15 werden die Angeredeten ermahnt: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“. Damit ist der Christ bestimmt als ein Bekenner der Hoffnung. Im 1Ptr ist das Zeugnis des Glaubens zugleich ein Zeugnis der Hoffnung. Sogar das Gottesverhältnis kann als Hoffnung beschrieben werden. Abrahams Frau Sara gehört zu den heiligen Frauen der Vorzeit, die auf Gott hofften (3,5f) (73f).


4. Hoffnung und Leiden


Die Christen erfahren sich als Fremdlinge (parepidemoi) in dieser Welt, Ihre Zeit ist eine Zeit in der Fremde (paroika). Sie sind Fremde und Gäste (2,11). Sie wirken befremdlich auf ihre Umgebung (4,4). Ihrer Unsicherheit und Ungewissheit hier entspricht das unzerstörbare Erbe, dem sie entgegengehen (1,4). Die Gäste und Fremden haben ein unvergängliches zukünftiges Eigentum vor Augen. Nicht die Bedrängnis der Gegenwart, nicht die Zwänge der Situation sind das Erste. Das Erste (1,3) ist: „Gepriesen sei Gott, der uns von neuem geboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“. Die im Sieg Gottes entstandene Hoffnungslage ist stärker und gewichtiger als die Reibungen der Gegenwart. Gottes Befreiungstat ist unvergleichlich größer als das, was heute quält. Hoffnung ist freudige Zuversicht (74f).

Die Versuchungen werden 1,6f als Prüfung gedeutet und haben vor sich Lob, Herrlichkeit und Ehre; die Prüfung steht ganz im Licht von 'Auszeichnung und Prüfungsfeier'. Wer als Christ leidet, wird selig gepriesen (3,14). Er erfährt Gottes Gnade (2,20). Die Leidensbereitschaft ist Vorrfreude auf kommende Ehre und Lohn. „Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen“ (1,6). „Freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch“ (4,13f) (75).

Der 1Ptr preist die Leidenden selig. Das Leiden der Christen wird nicht hochgespielt, es wird angenommen, wenn es nötig ist (1,6) oder „wenn es Gottes Wille ist“ (3,17). Das Leiden geschieht nach dem Willen Gottes (4,19), nicht nach dem eigenen und auch nicht nach dem Befehl der Mächtigen. Petrus bewahrt gegenüber dem Leiden diejenige Stellung, wie sie an Jesus selbst erkennbar war und sie ihm als Zeugen dieses Leidens (5,1) sichtbar wurde: Der Menschensohn musste leiden. Er bat in Gethsemane nicht um den Leidenskelch, sondern dass er an ihm vorbeigehe. Er nahm ihn aber an, weil es Gottes Wille war. Die Bejahung des Leidens, falls Gott es so wollen mag, ist mit der Bejahung des geschöpflichen Lebens verbunden. Ehe Gott das Leiden schickt, kommt das Leben aus seiner Hand. Den Christen soll zu guten Tagen verholfen werden (3,10), und wer das Leben lieben will, soll sich vor Bösem hüten (77).

In der Jesusüberlieferung gibt es handfeste Verheißungen für dieses Leben: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch solches alles zufallen“ (Mt 6,33). „Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder [..] verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder [..] und in der zukünftigen Welt das ewige Leben“ (Mk 10,29f). Das Evangelium eröffnet nicht zuerst Leiden, sondern Leben, Leben freilich auch, falls Gott es so wollen sollte, in der Gestalt des Leidens. Gottes Reich wirkt in dem allen als das Größte und Erste. Diese Hoffnung und Gewissheit eröffnet Unbesorgtheit heute. Die Hoffnung hier und heute heißt im 1Ptr: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“ (5,7). Diese Zuversicht kann sogar mit dem Wort 'hoffen' beschrieben werden. In diesem Sinne haben die frommen Frauen der Vorzeit auf Gott gehofft (3,5), auf den Gott, dessen Augen auf die Gerechten achthaben und seine Ohren auf ihr Gebet, während sein Antlitz gegen die Übeltäter gerichtet ist (3,12). Die Christen sind gegenwärtig bewahrt, weil sie in der Obhut Gottes sind: „Wer könnte euch schaden, wenn ihr einsatzfreudig im Guten seid“ (3,13)! Die Vv3,9f sind so zu verbinden, dass im Segnen der Feinde sich der Weg zum ewigen Segenserbe als ein gesegneter Weg erweist. Das Segnen klammert den atl Segen nicht 'ntl' aus, sondern schließt ihn im Sinn von Mt 6,33 ein (78f).

Ehe die Hoffnung Hoffnung im Leiden ist, ist sie Hoffnung zum Leben im Leben. Diese Hoffnung entbirgt Unbesorgtheit. Die Fremdlinge bekommen bereits in der Gegenwart eine Gegenwart der Bewahrung. Die sozial ethische Ermahnung im 1Ptr macht nicht das Leiden schmackhaft, sondern öffnet Lebensräume, zeigt nicht nur, wie man leiden kann, sondern zuerst, warum es sich zu leben lohnt. Es gibt Einschüchterung (3,6), Terror (3,14), Versuchung (1,6) und Schmähung (2,12; 4,5.14). Die Zuversicht ist begründet in Gott. Er ist größer als alle Not (79).


5. Leiden und Handeln


„Deshalb sollen die, die nach Gottes Willen leiden, ihre Seelen dem treuen Schöpfer anvertrauen im Tun des Guten“ (4,19). Hier ist gegenüber dem Unrecht nicht bloß das Leiden im Blick, sondern zuerst das Handeln als Leidende. Der Unrecht Leidende soll unbeirrt das Tun des Guten und Rechten fortsetzen. Das königliche Priestertum (2,9) segnet die Feinde (3,9). Jesu Gebot der Feindesliebe macht aus dem Leidenden den Handelnden. Die Mahnung geht auf Standhalten im Tun des Guten. Im Tun des Guten liegt die Chance, die Feindseligkeit der Umwelt zu stoppen und gute Tage zu gewinnen (2,15; 3,9ff.16). Am Charakter dieser Ermahnung sieht man, dass der Brief keine lebensbedrohende, nicht das Martyrium unaufhaltsam einschließende Situation voraussetzt (80).

Im 1Ptr wird vor allem die Ausdauer der brüderlichen Liebe hervorgehoben (1,22), was sich mit der Unentwegtheit des Gutestuns berührt. “Die Liebe deckt der Sünden Menge“ (4,8; Sprüche 10,12). Ausdauer in der brüderlichen Liebe ist nötig. Die Liebe sucht die Menge der Sünden nicht hervor, achtet nicht auf den Splitter im Auge des Bruders, sondern Sünde wird bedeckt, eskaliert nicht im Streit, Sünde wird ignoriert und kommt zum Stillstand, endet in Vergebung und Versöhnung. Die Notwendigkeit ausdauernder Liebe ist begründet im endgerichtlichen Liebeserweis Gottes selbst (81f).

Gutes tun (2,15.20; 3,6.17; 4,19;), Böses tun (3,17; 2,12.14; 4,15), Wandel: (1,15.18; 2,12; 3,1f.16), gute Werke (2,12)

Die guten Taten im 1 Ptr gründen nicht in der Güte des Menschen, sondern in der Wirkung Christi (2,21ff; 3,18ff). Sie dienen der Verherrlichung Gottes (2,12). Das neue Leben ist an einer neuen Lebensführung erkennbar (1,15.18; 4,4). Wer Gutes tut, wird ausgezeichnet und seine Tat ist damit sichtbar (2,14). Guter Wandel wirkt werbend und entfacht den Lobpreis Gottes (2,12; 3,1f) (83f).

Christen ordnen sich unter, weil sie frei sind. Die sich unterordnen, lassen sich nicht unterdrücken, weigern sich dort, wo ihnen gegen ihr Gewissen Gottwidriges abverlangt wird, indem sie nicht schweigen, sondern reden (3,15), und dies in der Bereitschaft, notfalls, falls Gott es so wollen mag, leiden zu müssen (85).

„Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den Kaiser“ (2,17). Gegenüber Spr 24,21 unterscheidet der 1Ptr zwischen 'fürchten' in Bezug auf Gott und 'ehren' in Bezug auf den König. Das stärkere der beiden Verben gebührt Gott. „Untertan aller menschlichen Ordnung /allen menschlichen Geschöpfen um des Herrn Willen, es sei dem König als dem Obersten“ (2,13). 'Ktisis' meint nichts anderes als das Geschöpf Gottes. Die wörtliche Übersetzung 'menschliches Geschöpf' entspricht wie sie in 2,17 zutage tritt, der Unterscheidung von Gott und König. Die Oberen gehören auf die Seite der Menschen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29; 4,19). Die Oberen sind menschliche Geschöpfe, sind geschaffen und dem Schöpfer rechenschaftspflichtig. 'Menschliche Kreatur' konnte als eine Kontrastbildung zu Nero verstanden werden. Mit ihm begann der Kult des lebenden Kaisers. Dem menschlichen Geschöpf gilt die Unterordnung, nicht dem, der sich als Gott gebärdet. Damit wird Unterordnung und Anbetung auseinadergehalten (2,13) (85f).


II. Einleitung
H. Frankemölle


Nach H. Frankemölle ist der 1Ptr eine pseudepigraphische Schrift (9).


Mit seinem Bruder Andreas war Petrus erster Jünger Jesu. Von Jesus erhielt er den aramäischen Beinamen Kephas: Fels/Stein. In den Evangelien tritt er oft als Sprecher der Jünger auf und legte als erster das Messiasbekenntnis ab. Nach 1Kor 15,3 ist Petrus erster Zeuge der Erscheinungen. In den ersten Jahren hat er die Urgemeinde von Jerusalem geleitet (Gal 1,18; Apg 1,15ff). Noch um das Jahr 48 ist er eine ihrer drei Säulen (Gal 2,9). Beim Jerusalem Abkommen (48/49) ist er der entscheidende Vermittler. 1Kor 9,5 belegt seine Tätigkeit als Wandermissionar (zusammen mit seiner Frau). Nach Mt 16,18f hat Petrus gegen Ende des 1.Jh.s universale Bedeutung für die ganze Kirche. Nach Joh 21,28 ist er als Märtyrer gestorben. Auch 1 Clem 5f (um 96/98) und Ignatius, Röm 4,3 (um 110) setzten den Märtyrertod des Petrus in Rom voraus (9f).

Der 1Ptr ist nicht an ganz Kleinasien gerichtet, noch vornehmlich an pln Missionsgebiete, da Paulus weder in Bithynien noch in Pontus noch in Kappadozien missioniert hatte. Der 1Ptr ist als Rundbrief (1,1) zu verstehen, an gezielt ausgesuchte römische Provinzen in Kleinasien.

Die Adressaten waren Heidenchristen (1,14.18; 2,10; 3,6; 4,3f) (11f). Die Angesprochenen sollen „voll Freude sein“, „obwohl ihr jetzt kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen/Versuchungen leiden müsst“ (1,6). Nach 4,12 ist eine „Feuersglut zu eurer Prüfung über euch gekommen“. Die Adressaten leben als Fremde (1,1) in den römischen Provinzen Kleinasiens „in der Zerstreuung“. Ebenso sind sie nach 2,11 „Fremde und Gäste in dieser Welt“. Wer sich von seiner Umwelt unterscheidet, steht in der Gefahr der Isolation oder sogar der Ablehnung, zumal dann, wenn Christen die üblichen Lebensformen und das 'normale' sozial-ethische Verhalten ablehnen. Die Adressaten pflegen „eine aufrichtige Bruderliebe“ (1,22). Das binnenkirchliche Prinzip der Gegenseitigkeit („einander von Herzen zu lieben“ 1,22; Gastfreundschaft untereinander 4,9) fand seinen Ausdruck im Gestus bei der Begrüßung mit „dem Kuss der Liebe“ (5,14). Es kommt zu Entfremdungen, wenn Familienmitglieder, Nachbarn oder Mitarbeiter (auch als Sklaven) ihren Lebensstil ändern (4,3f). Da die Christen seit ihrer Konversion nicht mehr Mitläufer bei der heidnischen Lebensart sind, wird ihre neue Lebensweise und ihr neuer Glaube gelästert (4,4). Sie werden nicht nur wegen des Namens Christi geschmäht (4,14), sondern auch, weil sie selbst Christen heißen und sich spezifisch christlich verhalten (4,16: „weil er Christ ist“). Der Konflikt ist so groß, dass Anklagen vor Gericht als möglich erscheinen (4,13-15). Von einer staatlichen Verfolgung der Christen ist im 1Ptr nicht die Rede. Die alltägliche Situation wird als Leiden erfahren (2,18 - 3,7). Die Christen werden als Übeltäter verleumdet (2,12). Sie werden gesellschaftlich diskriminiert, sie erleiden Aggression und Spott, weil sie Christen sind. Der 1Ptr enthält eine durch und durch situative Theologie (14f).

Nach 5,12 wurde der Brief von Silvanus geschrieben (auch Paulus bediente sich solcher Schreiber). „Ich habe euch kurz geschrieben; ich habe euch ermahnt und habe bezeugt, dass dies die wahre Gnade Gottes ist, in der ihr stehen sollt“ (5,12). Gnade im Sinne des 1Ptr hat mit der Minderheitenstellung der Christen in nicht christlicher Umwelt zu tun, mit Diskriminierung aufgrund des Christseins, mit Hass und Feindseligkeiten. Die christliche Identität und die christliche Überzeugung bedingen es, dass Christen „als Fremde in der Zerstreuung leben“ (1,1; 1,17; 2,11). Dies macht ihr Leiden aus (4,16). Der Vf. will die Adressaten in dieser Situation aufmuntern. Er selbst ist als „Apostel Jesu Christi“ (1,1) und als „Zeuge der Leiden Christi“ (5,1) der wahre Zeuge dafür, „dass dies die wahre Gnade Gottes ist, in der ihr stehen sollt“ (5,12). Das Zeugnis von der Heilsgegenwart und die unerschütterliche Hoffnung auf die Heilszukunft ist Grund für ein entsprechendes christliches Leben (20f).

Im ersten Hauptteil (1,3 - 2,10) wird der Glaube als „lebendige Hoffnung“ als Grund der christlichen Existenz umschrieben. Ermöglicht wird dies durch das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus. Im zweiten Hauptteil (2,11 - 4,19) wird diese Glaubenshoffnung als jene Grundhaltung charakterisiert, die auch bereit ist, um der christlichen Glaubenspraxis willen Nachteile, Einschränkungen, Lästerungen und Verleumdungen zu ertragen. Jesus Christus ist das große Beispiel, dem es zu folgen gilt (2,21-23; 3,15.18; 4,1). Die Zeit ist so, weil „das Ende aller Dinge nahe ist“ (4,7.17). Die Erfahrungen in 4,12-19 sind nichts Ungewöhnliches (4,12) (22).

Aufgrund des vergangenen Heilshandelns Gottes an Jesus Christus in Tod und Auferweckung und aufgrund der Hoffnung auf die endgültige Erlösung und den dann zu erwartenden Lohn im Himmel durch Gott können und sollen die angesprochenen Christen die momentanen negativen Erfahrungen in einer nicht christlichen Umwelt aushalten (1,3-9; 4,7-11; 5,1-11). Der Vf. ruft die Christen nicht dazu auf, die Umwelt zu verändern (2,18-25; 3,1-6). Die Adressaten sollen die Unrechts-Erfahrungen als Glaubensprüfungen betrachten (1,6; 3,13 - 5,11). Nicht Passivität, sondern höchste Aktivität und missionarischer Einsatz ist gefordert: „Führt unter den Heiden ein rechtschaffenes Leben, damit die, die euch jetzt als Übeltäter verleumden, durch eure guten Taten zur Einsicht kommen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung“ (2,12). „Denn es ist der Wille Gottes, dass ihr durch eure guten Taten die Unwissenheit unverständiger Menschen zum Schweigen bringt“ (2,15). „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden“ (3,1; vgl. 3,13) (22f).

Der 1Ptr arbeitet eine eigenständige Tradition aus, die im Jakobusbrief genauso viele Entsprechungen hat wie bei Paulus. Wenn die vielfach verarbeiteten Traditionen beachtet werden, wird die eigenständige Konzeption des 1Ptr deutlich. In der Einheit der theologischen mit der sozial-geschichtlichen Konzeption liegt die einmalige kanonische Dignität des 1Ptr begründet (25f).


III. Kommentar
H. Frankemölle


1. Briefeingang (1,1-2)


(1) „Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Auserwählten, die als Fremde in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien in der Zerstreuung leben, (2) von Gott, dem Vater, von jeher ausersehen und durch den Geist geheiligt, um Jesus Christus gehorsam zu sein und mit seinem Blut besprengt zu werden. Gnade sei mit euch und Friede in Fülle“.

Die Christen sind von Gott ausersehen, durch den Geist geheiligt und mit Christi Blut besprengt. Sie sind die Auserwählten, die als Fremde in der Zerstreuung leben. In der Besprengung mit Christi Blut klingt im Vorgriff zu 2,9f der in Christus durch Gott erneuerte Bundesschluss mit allen an, die an Christus glauben (2,7). Die Fürbitte, dass der Friede wachse, immer reichlicher zuteil werde, meint den biblischen schalom im umfassenden Sinn (3,11; 5,14) (31f).


2. Die theologische Grundlegung im Heilswerk Jesu Christi (1,3 - 2,10)


a. Lobpreis über Gottes Handeln an den Christen (1,3-9)

(3) "Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben (4) und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist. (5) Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll".

Der eigentliche Brief beginnt mit einem dankbaren Lobpreis über Gottes vergangene Heilstaten. Da die Christen zur Hoffnung, zum Erbe, zum Heil, zu Lob, Herrlichkeit und Ehre ausschauen, ist die Gegenwart als Entbehrungs-Zeit und als Zeit einer „lebendigen Hoffnung“ (3) charakterisiert. Wie das zweifache uns/wir in V3 zeigt, vereinigt sich der Vf. mit den Empfängern im Gebet an Gott.

Christsein verdankt sich grundsätzlich dem Handeln Gottes (1,23; 2,10). Sein Gottsein wird näher bestimmt als Vater, der seinen Sohn sendet. Sein schöpferisches Handeln zeigt sich in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Auch an uns Christen hat Gott schöpferisch neu gehandelt in der Wiedergeburt „aufgrund der Auferstehung Jesu Christi“ (3,12). Das von Gott „aufbewahrte Erbe“ überirdischer Art wird für euch von Gott garantiert. Daher ist christliche Hoffnung verbürgt. „Gottes Macht behütet“ (5) (verteidigt gegen Angriffe/hält in Schutzhaft) die Empfänger stehen unter Gottes Schutz „aufgrund des Glaubens“ (2,7) (32f).

(6) "Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst. (7) Dadurch soll sich euer Glaube bewähren, und es wird sich zeigen, dass er wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist. So wird (eurem Glauben) Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil bei der Offenbarung Jesu Christi".

Der Glaube der Hörer durchleidet mancherlei Anfechtungen. Er muss sich bewähren wie Gold, dessen Reinheit von anderen Metallen sich beim Schmelzen zeigt. Eine solche Erprobung und Läuterung des Glaubens durch eine Feuersglut ist nach 4,12 „nichts Ungewöhnliches“. Der Leitbegriff 'Leiden, erleiden' erweist sich als häufigstes Wort (16x) im Brief. Dieses Leiden hält nur kurze Zeit an (1,6; 5,10). Daher sollen die Adressaten hoffnungsvoll auf das Ende sehen, auf die „Offenbarung Jesu Christi“. Dann erhält der bewährte Glaube den entsprechenden Lohn (Lob, Herrlichkeit, Ehre). Der Glaube an die schöpferische Macht Gottes ist der Grundakkord des Briefes. Gott als der eine Gott (absoluter Monotheismus) ist auch Herr des Leidens (vgl. Jes 45,7) (33f).

(8) "Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht, aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, (9) da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil".

Der Glaubensinhalt (Jesus Christus als der erhöhte Herr 3,7) ist nicht beweisbar. Glaube ist ein Wagnis in der Hoffnung, den Siegespreis zu erlangen. Trotz aller Schwierigkeiten leben die Glaubenden von einer Erfahrungs-Gewissheit, da sie schon  j e t z t  das Heil erlangen. Das Eigentliche ist in der Auferweckung Jesu schon geschehen. Doch klaffen Zuspruch und Wirklichkeitserfahrung in Zeiten der Bedrängnisse auseinander. Gegen alle Resignation entwirft der 1Ptr das vergangene und zukünftige Heil und betont vor allem seine Gewissheit, die sich auf die Erfahrung einer präsentischen Eschatologie bezieht. Der Lobpreis mit der Betonung des Heilsindikativs bildet die theologische Basis des Briefes. Er gibt an, was Gott an der Gemeinde schon getan hat und noch tun wird (34f).


b. Die Gegenwart der Adressaten im Heilsplan Gottes (1,10-12)

(10) „Nach diesem Heil haben die Propheten gesucht und geforscht, und sie haben über die Gnade geweissagt, die für euch bestimmt ist. (11) Sie haben nachgeforscht, auf welche Zeit und welche Umstände der in ihnen wirkende Geist Christi hindeute, der die Leiden Christi und die darauf folgende Herrlichkeit im voraus bezeugte. (12) Den Propheten wurde offenbart, dass sie damit nicht sich selbst, sondern euch dienten; und jetzt ist euch dies alles von denen verkündet worden, die euch in der Kraft des vom Himmel gesandten Heiligen Geistes das Evangelium gebracht haben. Das alles zu sehen, ist sogar das Verlangen der Engel“.

Die Vv 10–12 umschreiben die Einzigartigkeit der Gegenwart der Adressaten. Der Geist Christi (11) wirkt fortwährend in der Geschichte, auch der Israels, so dass das Heil, das die Propheten „suchten und erforschten“, das christliche Heil ist. Wie sehr der Vf. aus dem AT als seiner Heiligen Schrift lebt, zeigen 7 ausdrückliche Zitate und ca. 25 Anspielungen. All dies dient dazu, die Empfänger an ihren unvergleichlichen Ort in der universalen Heilsgeschichte zu erinnern. Die Schrift prophezeit nicht nur die Leiden Christi (und der Christen), sondern auch „die darauf folgende Herrlichkeit“ (35f).


c. Die Glaubenshoffnung als christliche Grundhaltung (1,13 - 2,10)

- Die Glaubenshoffnung verpflichtet (1,13-21)

Glaube muss durch konkretes Verhalten beglaubigt werden: „deshalb umgürtet euch“ (1,13)! Motiviert ist die neue Haltung durch die Erwartung jener Gnade, die den Christen bei der Offenbarung Jesu Christi geschenkt wird und die in der Auferweckung Jesu (3) verbürgt ist. Weil Gott die Christen (wie einst Israel) berufen hat, können die Adressaten heilig sein. „Dazu seid ihr berufen, damit ihr seinen [Christi] Spuren folgt“ (2,21). Christen sollen in ihrer Grundhaltung und in ihrer Praxis das werden, was sie von Gott her schon sind (2,9) (36f).

Gottesfurcht meint die Anerkennung der Herrschaft Gottes und ein entsprechendes Verhalten in der Fremde, in der Welt „Ihr wisst, dass ihr [..] nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, [..] sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel“ (1,18f). Der Wechsel von der Hoffnungslosigkeit zur Hoffnung wird mit dem atl Bild des Loskaufs und durch atl Opfervorstellungen bestimmt (Blut, Lamm: Lev 22,17-25; Ex 29,38-41; Jes 53,7). Der 1Ptr steht in einer seit Exodus und Exil überlieferten Theologie, die vom Christentum übernommen wurde. Wie die Christen durch das Heilshandeln Gottes in Tod und Auferweckung Jesu zum Glauben an Gott gekommen sind, so wird christliche Existenz umschrieben als Glaube und Hoffnung, die sich ganz auf Gott richten („durch ihn, so dass ihr...“) (21) (38f).

- Die Bruderliebe als Frucht der Glaubenshoffnung (1,22 – 2,3)

„Der Wahrheit gehorsam, habt ihr euer Herz rein gemacht für eine aufrichtige Bruderliebe; darum hört nicht auf, einander von Herzen zu lieben“ (22). Der Mitmensch gehört konstitutiv zum christlichen Glauben hinzu. „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Dieses Wort ist das Evangelium, das euch verkündet worden ist“ (25). Die Zeugung durch das Wort Gottes ist eine Zeugung zum ewigen Leben, da das Wort Gottes ewig ist. Bei der Entscheidung zu Gottes Wort und zum christlichen Evangelium geht es um Leben oder Tod, um Heil oder Unheil (40f).

- Lebendige Steine des Hauses Gottes (2,4-10).

Diese Vv sind streng theozentrisch formuliert. Gottes Handeln betrifft Jesus wie die Christen. Wie Jesus lebendiger Stein ist, so sollen sich auch die Christen als lebendige Steine verstehen.

Christen sind „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein [Gottes] besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“ (2,9). Die Stellung der Christen entspricht der Israels als des „kleinsten unter allen Völkern“ (Dtn 7,7) (42f).

Israel ist für den Vf. weder theologisch noch historisch ein Problem, ihm geht es nur um Glaubende oder Nichtglaubende. Die großen Taten Jahwes (Jes 43,21) werden als Rettung der Leser verstanden, „der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“. Der 1Ptr sieht eine Kontinuität und Identität mit der atl Geschichte und mit Israel. Den singulären Rang und die einzigartige Erwählung der an Jesus Glaubenden beschreibt er mit Stellen aus dem AT. Was für Jesus gilt, gilt auch für die christliche Gemeinde: Ihm und ihr gelten die biblischen Aussagen. Ein Verständnis der Schriftzitate als Weissagungsbeweise liegt dem 1Ptr fern (44).


3. Christliches Verhalten in nicht christlicher Gesellschaft (2,11 - 4,19)


a. Die Situation der Christen (2,11-12)

(11) „Geliebte, da ihr Fremde und Gäste seid in dieser Welt, ermahne ich euch: Gebt den irdischen Begierden nicht nach, die gegen die Seele kämpfen. (12) Führt unter den Heiden ein rechtschaffenes Leben, damit die, die euch jetzt als Übeltäter verleumden, durch eure guten Taten zur Einsicht kommen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung“.

Als Christen haben die Adressaten aufgrund ihres Christseins Schwierigkeiten mit heidnischen Mitbürgern, die über ihren 'Abfall' vom Glauben der Väter befremdet sind und ihr Staatsverhalten als illoyal betrachten. Um so mehr müssen Christen um eine gute Lebensführung unter den Heiden bemüht sein, um nicht als Übeltäter/Verbrecher (3,16; 4,4.14) verleumdet zu werden (46).

„Der Tag der Heimsuchung“ aus Jes 10,3 ist nicht als Gerichtstag gemeint, sondern als präsentisch gnadenhaftes Handeln Gottes (in Übereinstimmung mit der Bedeutung des Wortes: „Hirte und Beschützer/Aufseher eures Lebens“ 2,25). Heiden sollen zur Revision ihres Urteils über die Christen kommen durch das gnädige Handeln Gottes, der sie heim-sucht. Wer die Christen „jetzt als Übeltäter/Verbrecher“ verleumdet, soll durch die gute Lebensart der Christen sich zu Gott bekehren (46).


b. „Ordnet euch jeder menschlichen Ordnung unter“ (2,13 - 3,7)

(1) Christen unter staatlichen Einrichtungen (2,13b-17)

(13) „Unterwerft euch um des Herrn willen jeder menschlichen Ordnung: Dem Kaiser, weil er über allen steht, (14) den Statthaltern, weil sie von ihm entsandt sind, um die zu bestrafen, die Böses tun, und die auszuzeichnen, die Gutes tun. (15) Denn es ist der Wille Gottes, dass ihr durch eure guten Taten die Unwissenheit unverständiger Menschen zum Schweigen bringt. (16) Handelt als Freie, aber nicht als solche, die die Freiheit als Deckmantel für das Böse nehmen, sondern wie Knechte Gottes. (17) Erweist allen Menschen Ehre, liebt die Brüder, fürchtet Gott, und ehrt den Kaiser“!

„Ordnet euch [freiwillig] jeder menschlichen Ordnung unter“ (13a)! Es geht nicht um subalterne Unterwürfigkeit, sondern um eine christliche Grundhaltung „um des Herrn willen“ (13) „als Freie“ (16): alle Christen dem Staat gegenüber (14-17), die christlichen Sklaven ihren Herren gegenüber (18-25), die Frauen ihren Männern gegenüber (3, 1-6), die Männer den Frauen gegenüber (3,7), die Jüngeren den Ältesten in der Gemeinde gegenüber (5,5). Gegenseitige brüderliche, schwesterliche Liebe, Eintracht und Mitgefühl bei allen ist Voraussetzung und Folge der gegenseitigen Unterordnung.

Da Gott, der Herr, Schöpfer allen Seins ist, ist jede Vergötterung irdischer Herrschaft für Christen unmöglich. Dass der Staat auch Unrecht tun kann, setzt der 1Ptr nicht voraus (anders Offb 13). „Es ist der Wille Gottes“ (15), dass Christen sich als religiöse und soziale Minderheit diesem Staat gegenüber so loyal verhalten, dass die heidnische Unwissenheit der Wahrheit (1,22) des Christentums nichts nachsagen kann. Da die Christen Gutes tun (15) können sie mit dem Staat nicht in Konflikt geraten (47f).

„Erweist allen Menschen Ehre, die Bruderschaft liebt, Gott fürchtet, den Kaiser ehrt“. Nur Gott ist zu fürchten. Dem Kaiser soll die ihm gebührende Ehre zukommen - wie grundsätzlich allen Menschen (17a), auch den Christen (2,7). Alle Menschen sind zu ehren, ob hoch- oder niedriggestellt, ob angesehen oder verachtet (48).

(2) Sklaven als Beispiel für zu Unrecht Leidende (2,18-25)

Die christlichen Sklaven dienen dem Vf. als eindrucksvolles Beispiel für jemanden, der zu Unrecht leidet (19). Wie sollen christliche Sklaven oder überhaupt Christen, die Gutes tun (20), ihr Los interpretieren, wenn sie aufgrund ihrer niedrigen Stellung und ihres Christseins ungerecht leiden (19)? In 5,12 wird rückerinnert, „dass dies die wahre Gnade Gottes ist“. Gnade im Sinne des 1Ptr hat mit Minderheitenstellung der Christen in nicht christlicher Umwelt zu tun, mit ungerechtfertigter Diskriminierung aufgrund dieses Christseins. Was Christus widerfuhr, sollen analog die Christen ertragen - im Glauben, dass auch sie ihre Sache „dem gerechten Richter“ (23) überlassen können. Christen brauchen Menschen nicht zu fürchten (3,14), sondern nur Gott. In Gottesfurcht (1,17; 2,17; 3,2.16) können sie sich ihren Herren als „geschöpfliche Ordnung“ (13a) unterordnen. Vorgeordnet ist jedoch die Bindung „des Gewissens an Gott“ (19) (49f).

Dass zu Unrecht erduldetes Leiden Gnade ist, wird am Beispiel Jesu erläutert. Alle Christen, die wie Sklaven unverdient leiden, sollen „seinen (Jesu) Spuren folgen“ (21b). Als leidender Gottesknecht überließ Jesus nicht nur „seine Sache dem gerechten Richter“ (23c), er litt auch stellvertretend für alle Christen. Den stellvertretenden Tod Jesu können Christen nur im Glauben akzeptieren, indem sie zu Gott als dem „Hirten und Beschützer eures Lebens“ umkehren, aufgrund der Neugeburt (1,3.23) durch die Erwählung Gottes „für die Sünden tot“ sind (24b), so dass sie als Geheilte (24d) „für die Gerechtigkeit leben“ (24c) (51).

Mit dem Leitbild Jesu (21) vor Augen, aufgrund der Eröffnung eines neuen Weges in Stellvertretung für alle (21-24), gehört die Ambivalenz der Wirklichkeit für Christen in der Nachfolge Jesu (21d) bleibend dazu. Die Zeit der Bedrängnis ist kurz (1,6; 5,10). Ausserdem wird Gott die Christen „wieder aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen“ (5,10) (51f).

(3) Christliche Ehefrauen (3,1-6)

Der 1Ptr begründet die übliche Rollenerwartung vom Glauben her neu - mit der Konsequenz, dass Christen eine neue Einstellung zu den vorfindlichen Formen der Umweltethik haben und sich anders verhalten (2,13.16): „Unterwerft euch um des Herrn willen jeder menschlichen Ordnung als Freie“. Die heute geforderte gleichberechtigte Partnerschaft in der Ehe ist angesichts der Abhängigkeit des 1Ptr von damaligen Sozialmustern nicht hineinzulesen. Aber es ist erstaunlich, zu welchen Aussagen der 1Ptr in einer streng patriarchalischen Gesellschaft, in der auch die Hierarchie innerhalb der Familie unumstößlich war, gelangt (52f).

Die Unterordnung christlicher Frauen in der Ehe ist nach 2,13 ein Beispiel für das Sicheinfügen in „jede menschliche Ordnung“. Die Motive für die Frauen, die üblichen patriarchalischen Strukturen zu ertragen, sind: ehrfürchtig (2), d.h. in Ehr-Furcht vor Gott (1,7; 2,17f) und „um des Herren willen“ (1,13). Aber die Frauen sollen sich nicht den Männern generell unterordnen, sondern nur ihren eigenen Ehemännern, den christlichen wie den nicht christlichen. Beglaubigtes Tun überzeugt mehr als alle Worte! „Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet“ (2,6). Rechtes Handeln bedeutet nach dem 1Ptr ehrfürchtig (2) die „Hoffnung auf Gott setzen“ (5), äußeren Schmuck nicht überbewerten (3) im Vergleich zur innerlichen Grundorientierung (4a), die sich in einem zwischenmenschlichen Verhalten (4b) konkretisieren muss (53f).

Die Einschüchterung (6) ist als Drohung durch die Ehemänner zu verstehen, womit der 1Ptr realistisch die schwierige Situation christlicher Frauen in damaliger Zeit wiedergibt. Fürchten sollen Frauen allein Gott (2,17f; 3,2). Den privilegierten Stand der Männer sollen sie respektieren als „menschliche Einrichtung“ (2,13), vor allem sollen sie „Gutes tun“ (6b) und versuchen durch ihr Verhalten noch nicht gläubige Männer für Christus zu gewinnen (1f) (54).

(4) Christliche Ehemänner (3,7)

(7) „Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Wege stehen“.

Wenn auch der 1Ptr für die Männer angesichts der in der Umwelt herrschenden Sozialstruktur die Konsequenz nicht ausformuliert, im Gefälle von 2,13ff ist inhaltlich eindeutig an die Unterordnung der Männer unter die Frauen zu denken, so dass es wirklich zu einem Miteinander kommt (55).

Die Frauen sind theologisch gleichwertige Partner trotz ihrer schwächeren Konstitution. „Als Miterben der Gnade des Lebens“ (1,4) sind sie in der christlichen Gemeinde (vgl. Gal 3,28) den Männern gleichgestellt. Auch den Frauen gelten alle Aussagen von 1,1 – 2,25. Dieser theologisch gleichwertigen Würde der Frauen muss die Praxis im ehelichen Zusammenleben entsprechen, wofür das gemeinsame Gebet sichtbares Zeichen ist. Nur der betet gut (4,7f), der die Liebe praktiziert. Die Männer sollen diese neue Gleichheit in der Gemeinde aufgrund der im Glauben geschenkten Erkenntnis auch praktizieren. Wie die heidnische Zeit der Unwissenheit (1,14) vorbei ist, so gelten auch in der Gemeinde die gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsstrukturen nicht mehr. Der 1Ptr plädiert wie Jesus für einen in der Umwelt nicht praktizierten Herrschaftsverzicht. Derjenige, der sich dem Wohl des anderen unterordnet, eröffnet ihm neue Lebensmöglichkeiten. Dies meint nach dem 1Ptr Gnade. Erben sind Männer und Frauen jetzt schon (Präsens), das neue Verhalten zueinander ist Konkretion der schon erfolgten Erbschaft, Heiligung (1,2) und neuen Geburt (1,3) (55).


c. Christen in Gemeinde und Welt (3,8-17)

(13) „Wer wird euch Böses zufügen, wenn ihr euch voll Eifer um das Gute bemüht? (14) Aber auch wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leiden müsst, seid ihr selig zu preisen. Fürchtet euch nicht vor ihnen, und lasst euch nicht erschrecken“. Der Christ muss wie die Sklaven und wie Christus bereit sein, ungerechtfertigtes Leiden zu erdulden „um der Gerechtigkeit willen“ (14), „weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet“ (2,19). („Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden“ Mt 5,10). Das Leiden ist reale Möglichkeit, wie der ganze Brief bestätigt (1,6f; 2,12.15.19f; 3,9; 4,12ff; 5,8ff). Christen haben nur Gott zu fürchten (1,17; 2,17; 3,2), Menschen sind zu ehren und zu respektieren (2,13 - 4,7). So halten sie Christus heilig wie Gott („verschwört euch mit dem Herrn Zebaoth; den lasst eure Furcht und euren Schrecken sein“ Jes 8,13). Als Gerechte leben Christen „in Christus“, in der von ihm bestimmten Geschichte. „Selig seid ihr,wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch“ (4,14). „Wenn ihr um guter Taten willen leidet und es ertragt, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen“ (2,20f). „Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse“ (17) (57f).


d. Christologische und soteriologische Begründung (3,18 - 4,11)

(18) „Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht“. An allen Stellen geht der 1Ptr vom sühnenden Tod Jesu aus. Heilstod „der Sünden wegen“ wird als einmalig charakterisiert (18) und als Tod „für die Ungerechten“ verstanden. Jesus Christus ist „in den Himmel gegangen; dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen“ (3,22). Der Akzent liegt auf Jesu Erhöhung und der dabei eingenommenen Herrschaft über die Mächte. Der Gedanke der gegenwärtigen Herrschaft Christi soll die „lebendige Hoffnung“ (1,3) der Christen entfachen. Wie er gelitten hat, so leiden sie, wie er „lebendig gemacht wurde“ (18), so werden auch sie es werden (59f).

„Da Christus im Fleisch gelitten hat, wappnet auch ihr euch mit diesem Gedanken“ (4,1). Der 1Ptr betont die Parallelität von Christus-Leiden und Leiden der Christen wie die Aufforderung, „damit ihr seinen Spuren folgt“ (2,21) zeigt. Der 1Ptr will gerade durch den Hinweis auf den leidenden Christus die Sinnhaftigkeit des eigenen Leidens begründen.

Trotz der Vorbild-Funktion Jesu für die Christen lässt der 1 Ptr keinen Zweifel an der Einmaligkeit des Todes Jesu (2,21-25; 3,18-22), da nur der von Jesus durchlaufene Weg (3,18-22) universale Heilsbedeutung hat. Christus nachfolgen im Leiden ist der Weg zur Sündenüberwindung - ermöglicht durch das stellvertretende Leiden Christi. Christen haben immer gegen den Anpassungsdruck der Gesellschaft und gegen eigene negative Neigungen zu leben. Dies ist ihr Weg in der Spur Jesu (2,21) und unter dem Willen Gottes (4,2) (61f).

„Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“ (4,10). Gemeinde wird nicht als Leib, sondern als Haus aus „lebendigen Steinen“ und als heilige Priesterschaft (2,5) dynamisch verstanden, wo jeder und wo jedes zwischenmenschliche Tun wichtig ist. Dass die Liebe (Spr 10,12) viele (eigene) Sünden zudeckt, ist gut jüdisch und christlich. Wenn die Gemeinde charismatisch (4,7-11) handelt, „wird in allem Gott verherrlicht durch Jesus Christus“ (11), also dadurch, dass Menschen in den Spuren Jesu (2,21) sich verhalten wie er (2,5). Dann erhält Gott die Ehre, die er hat, die ihm gebührt. Menschen vergrößern nicht die Ehre Gottes, sie anerkennen nur im Lobpreis Gottes Herrlichkeit und Macht. Gott verherrlichen sollen auch die Nichtchristen (2,11), überzeugt durch das Verhalten der Christen (63f).


e. Die Leiden der Christen (4,12-19)

(12) „Geliebte, lasst euch durch die Feuersglut, die zu eurer Prüfung über euch gekommen ist, nicht verwirren, als ob euch etwas Ungewöhnliches zustoße. (13) Statt dessen freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt“. Christus ist Vorbild/Beispiel (2,21), daher haben Christen Anteil an seinem Geschick (4,13). Erneut wird der theozentrische Gedanke betont, dass dies alles „der Wille Gottes“ ist und dass der Geist Gottes (4,11) auf den so gesellschaftlich Diskriminierten ruht, selbst wenn sie vor Gericht zitiert werden (4,15f). Auch in 4,12-19 wird das Leiden als normale Folge des Christseins angesehen. Solches Leiden ist Gnade (4,12-16), es ist Beginn des Gerichts (4,17-19). Christen sind deswegen glücklich/selig zu preisen (4,14). Ziel ist Durchhalten „im Tun des Guten“ (19), wobei sich der Christ ganz Gott und seinem schöpferischen Wirken in der Gegenwart anvertrauen soll und kann (64f).


4. Verhalten in der Gemeinde (5,1-11)


- Ermahnung an die Ältesten (5,1-4)

(1) „Eure Ältesten ermahne ich, da ich ein Ältester bin wie sie und ein Zeuge der Leiden Christi und auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird“. Der Vf. ist Mitältester und Zeuge der Leiden Christi und Teilhaber der bald offenbar werdenden Herrlichkeit. Der Vf. versteht sich als Diener des „obersten Hirten“ (4). Entsprechend sollen die Ältesten ihre Aufgabe in der Nachfolge Jesu in der Gemeinde sehen (67).

- Ermahnung an die Jüngeren (5,5a)

„Ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter“!

- Ermahnung an alle (5,5b-11)

(5b) „Alle aber begegnet einander in Demut“!

(10) „Der Gott aller Gnade aber, der euch in [der Gemeinschaft mit] Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch, die ihr kurze Zeit leiden müsst, wieder aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen“. Wendet sich der Christ ganz Gott zu, so wird auch der Gott der Gnade (5,10; 4,11) die bedrängten Christen gestärkt auf festen Grund stellen. Er hat die Macht dazu. Der Glaube an Gottes schöpferisches Wirken trotz aller ambivalenten Erfahrungen, ist die tragende theologische Perspektive des 1Ptr. Als Antwort können die angesprochenen Christen nur im Glauben an Gott, d.h. gehalten durch seine „mächtige Hand“ (6) und in „lebendiger Hoffnung“ (1,3-12) die Verleumdungen der nichtchristlichen Umwelt ertragen und durch ihren Wandel widerlegen (69).


5. Briefschluss (5,12-14)


(12) „Durch den Bruder Silvanus, den ich für treu halte, habe ich euch kurz geschrieben; ich habe euch ermahnt und habe bezeugt, dass dies die wahre Gnade Gottes ist, in der ihr stehen sollt. (13) Es grüßen euch die Mitauserwählten in Babylon und mein Sohn Markus. (14) Grüßt einander mit dem Kuss der Liebe! Friede sei mit euch allen, die ihr in [der Gemeinschaft mit] Christus seid“. Zu diesen Vv s. Einleitung.






Frankemölle, Hubert, 1. und 2. Petrusbrief, Judasbrief, 1987


Neugebauer, Fritz, Zur Deutung und Bedeutung des 1. Petrusbriefs, in: NTS 26, 1980, 61ff