16.

Paulus





I. Paulus zwischen Damaskus und Antiochien
M. Hengel


1. Paulus, der Verfolger


Man muss davon ausgehen, dass von den ersten Anfängen der apostolischen Verkündigung an zwei Gemeindegruppen existierten, die aus sprachlichen Gründen verschiedene Gottesdienste abhielten: die große Mehrheit der aramäisch sprechenden Hebräer und die Minderheit der Hellenisten (162).

Durch die Agitation judenchristlicher Hellenisten in den griechisch sprechenden Synagogen Jerusalems kam es dort zu erheblichen Unruhen und zu einer energischen Gegenreaktion. Die Verkündigung der griechisch sprechenden Anhänger des vor kurzer Zeit gekreuzigten Messias Jesus von Nazareth, die dem Ritualgesetz und dem Kult kritisch gegenübertrat, provozierte die gesetzestreue Majorität. Der aktivste Sprecher der neuen Gruppe, Stephanus, wurde nach einer tumultuarischen Versammlung durch Steinigung getötet. Als aber die Vertreter dieser gesetzeskritischen Gruppe nicht klein beigaben, sondern weiter agierten, ergriff Sha’ul-Paulus die Initiative und veranstaltete im begrenzten Rahmen der 'hellenistischen' Synagogen Jerusalems einen ’Pogrom’ gegen diese Sektierer, wobei er nach dem Vorbild des Pinchas im „Eifer für das Gesetz“ handelte und auch vor der Anwendung von harter Gewalt nicht zurückschreckte. Die relativ kleine Gemeinde der Hellenisten wurde auf diese Weise weitgehend zerschlagen und flüchtete aus Jerusalem in benachbarte Territorien und Städte. Sha’ul ließ sich von eben diesen Synagogen in Jerusalem nach Damaskus senden, um gegen dorthin geflüchtete Agitatoren und ihre Anhänger vor Ort vorzugehen. Unmittelbar vor dem Ziel hatte er jene Vision des Auferstandenen, durch die sein altes Leben zerbrach und sich ihm eine völlig neue und unerwartete Zukunft eröffnete (180f).

Die pln Theologie beruht zu einem guten Teil auf der radikalen Umkehrung früherer Werte und Ziele aufgrund der Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus von Nazareth: Der jüdische Lehrer wird zum Heidenmissionar, an die Stelle des „Eifers für das Gesetz“ tritt die Verkündigung des gesetzesfreien Evangeliums, an die Stelle der Rechtfertigung des Gerechten aufgrund seiner Werke der Tora und seines Eifers für Gottes Gebote die Rechtfertigung des Gottlosen allein durch den Glauben, an die Stelle des freien Willens mit seinen Werken der allein aus Gnade geschenkte Glaube, und aus dem Hass gegen den gekreuzigten und verfluchten Pseudomessias entsteht eine theologia crucis, die das Heil aller Menschen durch den stellvertretenden Fluchtod des Messias am Kreuz begründet. Das eigentliche Wesen der pln Theologie, das sola gratia geschenkte Heil, hat niemand besser als Augustinus und Martin Luther verstanden. Trotz dieser rigorosen Umwertung aller bisherigen Werte und Ideale (Phil 3,7-11) bleibt die pln Theologie aufs engste mit der jüdischen verbunden. Paulus hat sein theologisches Denken zunächst nirgendwo anders als im jüdischen Lehrhaus gelernt. Die Formel „Christus ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden Glaubenden“ (Röm 10,4) umschreibt die umstürzende Wende seines Lebens. Paulus hat ihre Wahrheit tiefer als andere an sich selbst erfahren (181f).


2. Paulus in Arabien (3 Jahre)


In Damaskus wurde Paulus durch Ananias getauft. Er schloss sich der dortigen noch kleinen Gemeinde an und verkündigte seine neugewonnene Glaubensüberzeugung zum Erstaunen und Entsetzen der Judenschaft in den Synagogen der Stadt. Sein Evangelium, das er nach Gal 2,2 den Völkern verkündigte und beim Apostelkonzil den Säulen in Jerusalem vorlegte, war nicht von der Legitimation Dritter abhängig, nicht von der kleinen Christengemeinde in Damaskus, und erst recht nicht von den „Aposteln vor ihm in Jerusalem“ (Gal 1,15): „Als es aber Gott gefiel... (16) seinen Sohn mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkündigte, da wandte ich mich nicht sofort an Fleisch und Blut um Rat, (17) auch ging ich nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ging weg nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück. Darauf nach drei Jahren reiste ich nach Jerusalem hinauf, um Petrus kennenzulernen". Paulus konnte Jerusalem als einstiger Verfolger und jetziger ’Apostat’ in den Augen seiner ehemaligen Freunde zunächst nicht mehr aufsuchen, sein Leben wäre dort bedroht gewesen (203).

Auch in Damaskus wurde Paulus nach kurzer Zeit der Boden zu heiß, denn das Auftreten des ‚umgedrehten’ Pharisäers erregte in den Damaszener Synagogen Ärgernis. Mit seinem offenen Bekenntnis zu dem Messias und Gottessohn Jesus (Apg 9,20.22) tat er dort gerade das Gegenteil dessen, was man von ihm erwartet hatte (204).

Deshalb erfolgte die Reise in das Nabatäerreich als erste Unternehmung nach der Bekehrung. Nach einem längeren Aufenthalt im nabatäischen Arabien – zwei Jahre oder noch etwas länger (225) – kehrte Paulus zurück nach Damaskus (Gal 1,17c), weil sich die Gemüter dort beruhigt hatten und weil er in Damaskus Freunde im Glauben gewonnen hatte. Nach Apg 9,25 halfen ihm „seine“ Jünger bei der Flucht durch die Mauer (204). „In Damaskus bewachte der Ethnarch des Königs Aretas die Stadt der Damaszener, um mich [Paulus] zu verhaften. Aber durch ein Fenster wurde ich in einem Korn durch die Mauer hinabgelassen und entfloh seinen Händen“ (2Kor 11,32). Diese Flucht des Paulus aus Damaskus schließt den ersten Abschnitt der christlichen Geschichte des Apostels ab (198).

Möglicherweise waren die mit der Arabienreise des Apostels verbundenen Ärgernisse der Anlass zur Flucht gewesen, die ihn am Ende zu dem fünfzehntägigen (geheimen) Besuch bei Kephas in Jerusalem führte. Beide werden sich über ihre jeweils eigene Verkündigung, ihre missionarischen Erfahrungen und vor allem über den einen gemeinsamen Herrn, sein Wirken, seine Passion, seine Auferstehung und seine Zukunft unterhalten und gewiss auch miteinander gebetet haben. Dabei war auch je und je Jakobus gegenwärtig. Wahrscheinlich geschah von Seiten des Paulus, was er nach 14 Jahren in offizieller Weise tat: „Ich erklärte ihnen das Evangelium, das ich unter den Heiden verkündige“ (Gal 2,2) (228).

Wahrscheinlich hatte der pharisäisch geschulte Schriftgelehrte Paulus durch seine geistige Überlegenheit seinerseits die Entwicklung des urchristlichen Denkens wesentlich beeinflusst. Gewiss hat er auch auf Petrus gewirkt. Nach Gal 2,15 hält Paulus in Antiochien Petrus entgegen: „Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden, wissen aber, dass kein Mensch aus Werken des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus...“. Paulus schließt hier Petrus in dieses Wissen mit ein und setzt damit selbstverständlich voraus, dass er es anerkennt. Dafür spricht, dass er selbstverständlich mit den Heidenchristen in Antiochien aß. Weil er dies wusste, konnte er zuvor zusammen mit den beiden anderen 'Säulen' in Jerusalem das pln Evangelium anerkennen (229).


3. Paulus in Syrien und Kilikien (14 Jahre)


a. Nachdem Paulus, vermutlich wegen Lebensgefahr, seinen Besuch bei Petrus abbrechen musste, geht er in seine Heimatstadt Tarsus (um 36 n.Chr.), der Metropole des kilikischen Teils der damaligen Doppelprovinz Syrien-Kilikien. Paulus betont, dass er nie dort habe wirken wollen, wo schon andere Missionare vor ihm tätig waren. Dies hängt gewiss auch mit seinem besonderen Evangelium und seiner Sendung zur Heidenmission sowie seiner anstößig konsequenten Haltung in der Gesetzesfrage zusammen. Nach wie vor wirkt er als Einzelkämpfer (230f).

Größere Zahlen von Gottesfürchtigen, die man am ehesten mit dem Evangelium ansprechen konnte, gab es nur in den wichtigen Städten. Hier bot Antiochien ein lohnendes Missionsfeld. Die Nachricht des Lukas, dass die nach Antiochien gelangten judenchristlichen Hellenisten aus Kyrene und Zypern „den Griechen den Herrn Jesus verkündigten“ (Apg 11,20) und dabei Erfolg hatten, ist so zu deuten, dass diese kleine Gruppe aus den aus Jerusalem vertriebenen Hellenisten, nachdem sie in den Synagogen selbst auf scharfen Widerstand stießen, sich in dieser Großstadt ausschließlich jenen 'Griechen', d.h. den heidnischen Sympathisanten, zuwandten und dass bei ihrer Verkündigung das Ritualgesetz völlig bedeutungslos geworden war (231).

b. Dass die Jerusalemer Gemeinde auf diese neue Entwicklung hin Barnabas nach Antiochien sandte, zeigt, dass die Gemeinden (Gal 1,22) in positiver Verbindung miteinander standen. Barnabas ist abhängig von Petrus (Gal 2,13). Er hatte enge Verbindung mit dem Jerusalemer Johannes Markus, seinem Neffen, der selbst wieder mit Petrus in Verbindung stand. Vermutlich war Barnabas ein Vermittler zwischen der überwiegend aramäisch sprechenden Muttergemeinde in Jerusalem und den Gemeindegründungen der Hellenisten in Syrien. Es muss eine ständige Verbindung bestanden haben trotz aller Unterschiede bedingt durch das Selbstverständnis der neuen Bewegung als „ekklesia Gottes“, als das eschatologische „wahre Israel“ und als „Leib Christi“. Man hörte auf das eine Evangelium (1Kor 15,11), trotz aller Besonderheiten der pln Botschaft, und auf den einen Herrn (1Kor 8,6), hatte den einen Geist empfangen und übte die eine Taufe (Eph 4,5). Hätte die Jerusalemer Urgemeinde die pln gesetzeskritische Heidenmission nicht anerkannt, wäre Paulus „vergeblich gelaufen“, d.h. er hätte diese nicht weiterführen können (Gal 2,2). Dass Barnabas dann in Antiochien blieb, zeigt, dass er dort gebraucht wurde und dass er mit der neuen Entwicklung einverstanden war. Die Verbindung mit Jerusalem ist dabei nie abgebrochen (232f).

c. Während dieser Zeit wirkte Paulus in Tarsus und in Kilikien. Da Paulus vor seinem Zusammengehen mit Barnabas als Außenseiter und Einzelgänger wirkte, verfügt Lukas u.U. über keine Information aus Tarsus. Nach Apg 15,41 besuchen Paulus und Silas zu Beginn der zweiten Reise u.a. die Gemeinden „in Kilikien“ und „festigen“ sie. Dort hatte sich nach Lukas bisher nur Paulus aufgehalten, d.h. er muss diese Gemeinden gegründet haben. Auch die Nennung Kilikiens Gal 1,21 setzt dort seine missionarische Tätigkeit voraus. Der Aufenthalt in Tarsus und im kilikischen Gebiet wird vermutlich zwei bis vier Jahre gedauert haben (233).

Dass Barnabas Paulus in Tarsus aufsuchte und für die missionarische Mitarbeit in Antiochien gewinnen konnte, zeigt einerseits, dass die beiden schon von früher her miteinander in Verbindung gestanden hatten und einigermaßen übereinander informiert waren, zum anderen, dass Barnabas von den theologischen Anschauungen des Paulus beeindruckt war. Dass die Initiative von Barnabas ausging, ist plausibel: Der Einzelkämpfer sucht nicht die Gemeinschaft von sich aus, ein anderer hatte ihn vielmehr dazu gedrängt (233).

Paulus mag um das Jahr 40 nach Antiochien gekommen sein und von jetzt an dort mit den anderen Missionaren der Hellenisten eng zusammen gearbeitet haben. Das „mit Barnabas“ (Gal 2,1) und das „allein ich und Barnabas“ (1Kor 9,6) weisen auf eine besondere persönliche missionarische Verbindung mit dem Leviten aus Zypern hin, die durch Apg 13 – 15 bestätigt wird. Dass beide in Antiochien maßgebliche Autoritäten waren, ergibt sich aus der Schilderung der Auseinandersetzung mit Petrus in Antiochien, wo Paulus nur noch ihn erwähnt, tief enttäuscht über dessen Verhalten. Der Nachsatz: „so dass selbst Barnabas sich durch ihre Heuchelei mitreißen ließ“ (2,13), zeigt zum einen die enge Verbindung des Paulus mit Barnabas bis zu diesem verhängnisvollen Augenblick und zum anderen seine tiefe Enttäuschung. Außerdem erwähnt er ihn wohl auch noch, weil er den südgalatischen Gemeinden als Mitbegründer gut bekannt war und das Verhalten des Barnabas ihm von den Judaisten vorgehalten wurde: Selbst dieser hat damals eingesehen, dass er Unrecht hatte und hat mit allen anderen die richtigen Konsequenzen gezogen. Der in Gal 2,11ff berichtete Vorgang führte zu einem wirklichen Bruch und hat sich möglicherweise erst nach der zweiten Reise (18,22) ereignet. Die Abgesandten des Jakobus sind dann vielleicht später nach Südgalatien weitergereist und haben dort die Gemeinden verwirrt, so dass Paulus von Ephesus aus seinen Brief schreiben musste. Paulus hätte nicht so scharf reagieren können, wenn er nicht bei der Gemeindegründung, gegenüber den südgalatischen Gemeinden auf der ersten Reise, seine theologia crucis und Christus als das Ende des Gesetzes auf eindeutige Weise verkündigt hätte (Gal 3,1; 5,7). Ohne eine derartige, vorausgehende Verkündigung wäre der Gal für die Empfänger nicht verständlich gewesen (234f).

d. In der Zeit zwischen dem Besuch bei Petrus und bis zu dem Auftreten der „eingeschlichenen falschen Brüder“ (Gal 2,4) in Antiochien, das den Anstoß zur zweiten (Lukas dritten) Reise zusammen mit Barnabas gab (Apg 15, 1-3), war die Haltung der jungen enthusiastisch-eschatologischen Gemeinschaft (s. Petrus, Barnabas und die Hellenisten) zumindestens außerhalb des jüdischen Palästinas gegenüber der Gesetzesfrage großzügiger als später in den fünfziger Jahren, wo am Ende Jakobus wahrscheinlich die Annahme der Kollekte verweigerte und Paulus im Jerusalemer Tempel vom Mob beinahe gelyncht und anschließend verhaftet wurde. Dies hängt mit den Vorgängen in Judäa seit der Verfolgung durch Agrippa I. und dem nach seinem Tode wachsenden „Eifer für das Gesetz“ zusammen (235).

Nach der Apg wird Paulus in Syrien und Phönizien offenbar in einer ganzen Reihe von Gemeinden wie ein alter Bekannter begrüßt und aufgenommen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass er während seiner langen syrischen Wirkungszeit u.a. auch diese Gemeinden aufgesucht hatte. So beschreibt Lukas als Augenzeuge bei der Kollektenreise die Aufnahme des Apostels in Tyros, wo er sieben Tage bei den „Jüngern“ bleibt und vor dem Besuch in Jerusalem gewarnt wird (21,3-6). In Ptolemais bleiben sie einen Tag bei „den Brüdern“ und in Cäsarea suchen sie das Haus des Phillipus auf, wo sie sich wieder einige Tage aufhalten. Hier wiederholt sich die Warnung, verstärkt durch die Weissagung des Propheten Agabus (236).

Bei der letzten Reisestrecke nach Jerusalem werden sie von den Brüdern aus Cäsarea begleitet und in der Heiligen Stadt bei einem „alten Jünger“, dem Zyprier Mnason, untergebracht. Bei der Romreise wird Paulus in ähnlicher Weise in Sidon von „den Freunden“ für die große Reise versorgt (27,3). D.h. Paulus muss in den Gemeinden der phönizisch-syrischen Küste wohlbekannt und angesehen gewesen sein, aufgrund seiner syrischen Missionsarbeit. Der freundliche Empfang durch die Brüder („die Brüder nahmen uns gerne auf“ 21,17) bezieht sich auf die Aufnahme durch eine kleine Gruppe von Hellenisten vor dem Treffen mit Jakobus. Dass damals Gerüchte umliefen, die Paulus als Antinomisten diffamierten, der den Libertinismus fördere, zeigt auch der Röm. Nach Apg 15,3 besuchten Paulus und Barnabas auf der Reise nach Jerusalem die Gemeinden in Phönizien und Samarien und berichteten zur Freude der Brüder von ihren Missionserfolgen bei den Heiden. D.h. in den Jahren 40-49 hat sich unter entscheidender theologisch argumentierender Mitwirkung des Paulus das gesetzeskritische Evangelium in Syrien ausgebreitet (236f).

e. Die einzige Ausnahme blieb Jerusalem (und wohl auch das jüdische Palästina überhaupt). Hier musste die gesetzeskritische Form der Botschaft auf wachsenden Widerstand stoßen. Die Verfolgung der Jerusalemer Judenchristen unter Agrippa I. mit der Hinrichtung des Zebedaiden Jakobus und anderer Gemeindeglieder zwang Petrus, dessen Herrschaftsgebiet zu verlassen. Die Anklage wird, ähnlich wie 20 Jahre später, 62 n.Chr. beim Herrenbruder Jakobus, 'Gesetzesübertretung' gelautet haben, zumal Petrus und die anderen ehemaligen Jesusjünger noch nicht so gesetzesstreng waren wie der von jetzt an die Leitung der Gemeinde übernehmende Herrenbruder Jakobus an der Spitze eines Ältestenkreises. Dass Jakobus Gal 2,8 als erster der drei 'Säulen' genannt wird, deutet auf diese Veränderung hin, die auch zur Verschärfung der Gesetzesfrage führte. Gleichwohl erkannte Jakobus die gesetzeskritische Verkündigung eines Paulus und Barnabas ebenso an wie die beiden anderen „Säulen“ Petrus und Johannes. Vielleicht lag in der Krise unter Agrippa I. der Ursprung der später vielfach bezeugten Nachricht, dass zwölf Jahre nach dem Urgeschehen die Apostel Jerusalem verlassen hätten. Dies würde bedeuten, dass damals nicht nur Petrus Judäa verließ, sondern auch der Zwölferkreis seinen Einfluss verlor. Jakobus konnte sich nur halten, weil er selbst im persönlichen Ansehen strenger Gesetzesfrömmigkeit stand, der offenbar auch seine Parteigänger nacheiferten. Der wachsende Eifer für das Gesetz führte dann zur Forderung der Beschneidung der Heidenchristen in Antiochien durch aus Jerusalem kommende Sendboten (237f).

Jerusalem muss wegen der dortigen Bedrohung für Paulus längere Zeit tabu gewesen sein. Selbst nach den 14 Jahren (49 n.Chr.) reiste er nur aufgrund einer speziellen Offenbarung in die Heilige Stadt, weil jetzt plötzlich die Gültigkeit seiner gesetzeskritischen Evangeliumsverkündigung unter den „Völkern“ auf dem Spiele stand. Um so mehr fällt auf, dass er auch nach den schmerzlichen Erfahrungen in Antiochien mit Jerusalem in Verbindung blieb und von der Verfolgung der Gemeinden in Judäa erzählt (1Thess 2,14), es nach Röm 15,19 zum Ausgangspunkt seiner Völkermission macht und mit Nachdruck die Kollekte für die dortige bedrängte Gemeinde der „Heiligen“ einsammelt (238f).

Fazit:

Die pln Gesetzes- und Rechtfertigungslehre liegt in der Lebenswende des pharisäischen Schriftgelehrten und der in diesem Zusammenhang empfangenen „Offenbarung Jesu Christi“ begründet, d.h. in dem vom Auferstandenen empfangenen Evangelium, das ihn zum Heidenmissionar macht und das er in Konfliktsituationen konsequent verteidigt. Nicht Paulus hat seine gesetzeskritische Position verschärft, sondern der durch die äußere Entwicklung in Judäa der Gemeinde aufgezwungene strenge Gesetzesgehorsam begann auch in Gemeinden außerhalb Palästinas auszustrahlen und führte dort zu den im Gal, Phil und Röm angedeuteten Konflikten (239).


II. ...


III. Die dritte Missionsreise des Paulus (Apg 18,23ff)
Die Abfassungssituation des 1Tim und des Tit
J. van Bruggen

Der Zwischenfall 52/53 n. Chr.
Die dritte Missionsreise begann mit Paulus Weggang aus Antiochien (Apg 18,23): „Und nachdem er einige Zeit geblieben war, brach er wieder auf und durchzog nacheinander das galatische Land und Phrygien und stärkte alle Jünger“. Nach dieser Arbeitsreise durch die Hochländer der Türkei erreichte Paulus Ephesus. Dieser Ort wird für längere Zeit zu seiner Missionsbasis (22).


1. Paulus in Ephesus


Erste Arbeitsphase - ca. zwei Jahre
Paulus Aufenthalt in Ephesus begann mit einer dreimonatigen Verkündigungsperiode in der Synagoge (Apg 19,8). Darauf folgte ein längerer Zeitabschnitt von täglichen Besprechungen in der Schule des Tyrannus. In diesen zwei Jahren hörte jeder in Asien das Wort (19,10).

In Apg 19,20 ist der Gemeindeaufbau abgeschlossen: „So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig“.
Titus nach Kreta entsandt
Leute der Chloe berichten von Spaltungen (1Kor 1,11)
Stephanas, Fortunatus und Archaikus bei Paulus (1Kor 16,17)
1Kor (ca. 54 n.Chr.) von Timotheus überbracht: „Wenn Timotheus kommt, so seht zu, dass er ohne Furcht bei euch sein kann; denn er treibt auch das Werk des Herrn wie ich“. „Dass ihn nur nicht jemand verachte! Geleitet ihn in Frieden, dass er zu mir komme, denn ich warte auf ihn mit den Brüdern“ (1Kor 16,10f).
Paulus wartet „mit den Brüdern“ auf Timotheus Rückkehr.
Timotheus zurück in Ephesus
Eskalation der Lage in Korinth

2. Paulus Zwischenreise - von Lukas übergangen


Timotheus bleibt als Paulus Stellvertreter in Ephesus


Die Abfassungssituation des 1Tim aus Mazedonien

Der Anlass zu diesem Brief ist der Auftrag des Paulus, den er Timotheus vor seinem Weggehen gegeben hatte, in Ephesus als sein Stellvertreter zu arbeiten (1,3). Paulus hofft, bald zurückzukommen, aber vielleicht kann es auch noch einige Zeit dauern (3,14f). Deshalb soll Timotheus inzwischen mit Vorlesen, Ermahnen und Lehren (4,13) fortfahren.

Im 1Tim haben wir es noch mit einer Situation zu tun, in der Paulus sich direkt für diese Gemeinde zuständig fühlt und in der er die Verantwortung mit Hilfe des Timotheus und indirekt durch den an ihn geschriebenen Brief ausübt. Der 1Tim verweist auf eine Zeit, in der Paulus bei dieser Gemeinde ein- und ausgeht.

Gegen Ende der dritten Missionsreise übergibt Paulus feierlich seine Verantwortung für die Gemeinde den Ältesten (Apg 20,26-35). Er erklärt aufgrund einer Offenbarung, dass die Brüder sein Angesicht nicht mehr sehen werden (Apg 20.25.38) (33).


Paulus zweiter Besuch in Korinth (2Kor 12,14; 13,1)

Paulus erster Besuch in Korinth war der Gründungsaufenthalt 50-51 während der zweiten Missionsreise (Apg 18,1ff).


Die Abfassungssituation des Tit - auf der Zwischenreise aus Mazedonien

Auf der dritten Missionsreise lernte Paulus Apollos kennen, den er nur in dieser Zeit erwähnt (1Kor 1,12; 3,4f; 16,12; Tit 3,13; Apg 18,24 – 19,1).

In dem Brief an Timotheus sind Paulus Pläne über den weiteren Verlauf seiner Zwischenreise noch unbestimmt (1Tim 3,14). Beim Schreiben des Tit sind sie schon auf eine Überwinterung in Nikopolis eingeschränkt (3,12) (38).

Zunächst hatte Paulus geplant, in Korinth zu überwintern (1Kor 16,6). Als dieser Besuch aber im Streit endete, musste Titus über geänderte Pläne informiert werden: Nikopolis ist das neue Winterquartier, wohin Titus sich nun aufmachen soll. Egal wie weit er bis dahin mit der Ältesteneinsetzung gekommen sein mag (1,5), Artemas oder Tychikus werden sein Werk fortsetzen (3,12a). Aus dem 2Kor erfahren wir später, dass es eine gute Entscheidung war, Titus von Kreta abzuziehen. Kurz darauf kann er den Streit zwischen Paulus und den Korinthern schlichten (2Kor 7,6ff) (Fuchs 17).

Wahrscheinlich war Titus ein durch Paulus (von Ephesus) abgesandter Missionar auf Kreta. Paulus ließ ihn dort mit der Absicht zurück, dass er genug Zeit habe, das Werk zu vollenden und Älteste einzusetzen Tit 1,5: „Darum habe ich dich auf Kreta zurückgelassen, damit du das in Ordnung bringen kannst, was noch (am Aufbau des Werkes auf Kreta) fehlt, und du in jeder Stadt Älteste einsetzen kannst, so wie ich es damals angeordnet habe“ (39).

Die Verben apoleipo/kataleipo waren termini technici, die den Vorgang der Einsetzung von Stellvertretern beschrieben. Nach Tit 1,5 wurde Titus an einen Paulus unbekannten Ort entsandt und dort mit dem Tit-Mandat schriftlich bevollmächtigend eingesetzt. Paulus stellt dem Titus ein ausführliches Präskript voran zur Vorstellung des göttlichen Auftrags, dem er und sein Mitarbeiter dienen, ähnlich wie er im Röm an die ihm persönlich unbekannte Gemeinde in Rom ein ausgedehntes Vorstellungspräskript schreibt. Der Tit will helfen, Gemeinde aufzubauen. Im 1Tim dagegen fehlen Einsetzungsfachsprache und langes Präskript, weil Paulus, Timotheus und der Akt seiner Einsetzung (4,14) den Ephesern bekannt sind. Auf ein Postskript kann beim 1Tim verzichtet werden, da letzte Absprachen bei der ’Wachablösung’ möglich waren (F. 17f).


3. Paulus zurück in Kleinasien


Zweite Arbeitsphase in Kleinasien
„Als dies alles (Apg 19,8-20) erfüllt war, nahm Paulus sich vor, durch Mazedonien und Achaja zu reisen, und er sagte: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen. Und er sandte zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus, nach Mazedonien, während er selbst noch eine Zeitlang in Asien blieb“ (Apg 19,21f) (23f).

In seiner Abschiedsrede an die Ältesten von Ephesus spricht Paulus von „drei Jahren“: „Gedenkt, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden unter Tränen unaufhörlich zurechtzuweisen“ (Apg 20,31). Der Ausdruck „drei Jahre“ schließt nicht aus, dass Paulus Ephesus zwischendurch verlassen hatte. Lukas erweckt den Eindruck, als gäbe es eine Unterbrechung zwischen einer ersten Periode, während der Paulus zwei Jahre ununterbrochen in Ephesus arbeitete, und einer zweiten Periode von einiger Zeit in Asien, die er in 20,31 zu „drei Jahren“ addiert.
Demetrius Aufstand (Apg 19,23ff) (23f).


4. Paulus Gefangenschaft in Ephesus (55)
W. Eckey


In 2Kor 1,8f schreibt Paulus: „Wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, so dass wir auch am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hielten, dass wir sterben müssten...“. Paulus geriet in Ephesus in eine nach menschlichem Ermessen aussichtslose Lage. Dass er dennoch errettet wurde, schreibt er der schöpferischen Macht Gottes zu, die Tote erweckt, am Leben Verzweifelten neuen Lebensmut verleiht und aus tödlichen Banden befreit. Es liegt am nächsten seine Aussagen darauf zu beziehen, dass die 1Kor 15,32 chiffriert bezeichneten Feinde ihn mit ihren Anschuldigungen ins Gefängnis und als Angeklagten vor Gericht in eine Situation brachten, in der er nur noch mit der Todesstrafe rechnen konnte (28f).

Bei seiner Errettung scheint der Einsatz der Eheleute Prisca und Aquila eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Er war mit den Eheleuten nach Ephesus gereist (Apg 18,18f). Das Ehepaar betätigte sich dort missionarisch und sammelte eine Hausgemeinde (Apg 18,24-26). „Grüßt Prisca und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus. Sie haben für mein Leben ihren Hals hingehalten. Ihnen habe nicht nur ich allein zu danken, sondern auch alle Gemeinden der Heiden. Grüßt auch die Gemeinde in ihrem Haus“ (Röm 16,2-5). Ihr mutiger Einsatz für sein Leben, bei dem sie ihr eigenes Leben riskierten, spielte sich wahrscheinlich in Ephesus ab (29).

Wenngleich Paulus selbst anlässlich der durch Demetrius organisierten Protestaktionen versteckt gehalten wurde, so gerieten doch seine makedonischen Mitchristen Gaius und Aristarch dem Pöbel in die Hände (Apg 19,29f). Aristarch war während der Haftzeit des Paulus in seiner Nähe (Phlm 23). Dass Paulus nach diesem Vorfall aufgrund einer Anzeige aufgespürt, festgesetzt und unter Anklage gestellt wurde, ist gut vorstellbar, obgleich Lukas darüber schweigt (29f).

Wenn Paulus während der Kollektenreise nach Jerusalem die Ältesten aus Ephesus nach Milet bestellt, um dort von ihnen Abschied zu nehmen (Apg 20,17), dann deutet das darauf hin, dass er Ephesus selbst nicht mehr betreten konnte. Der von Lukas genannte Termingrund (Apg 20,16) ist problematisch, weil Paulus nach seiner Ankunft in Milet von der Benachrichtigung der ephesischen Ältesten bis zu deren Eintreffen etwa drei bis fünf Tage warten musste. Lukas wusste mehr, als er aufgeschrieben hat. Aus seinem Schweigen über die Haft und den Prozess gegen Paulus in Ephesus ist keinesfalls zu schließen, dass es jene Vorkommnisse nicht gab (30).

Für die Annahme, dass Paulus die Briefe A u B nach Philippi sowie den an Philemon in Ephesus während einer dortigen Haftzeit 54/55 verfasste, spricht:

1. Ephesus war weniger als halb so weit von Philippi entfernt wie Rom oder Caesarea. Der mehrmalige Austausch zwischen der Gemeinde und Paulus durch Boten war viel leichter möglich als mit den beiden anderen Städten.

2. Die Ankündigung des Paulus, er werde Timotheus schon „in Kürze“ nach Philippi entsenden, um durch ihn vor seinem hoffentlich baldigen eigenen Besuch einen Bericht über die Lage dort und den Zustand der Gemeinde zu erhalten (Phil 2,19-24), lässt sich aus einer Haft in Ephesus eher verstehen, als aus Caesarea oder Rom.

3. Auch die Reise des Sklaven Onesimus aus Kolossae, der sich von Paulus die Fürsprache bei seinem Herrn Philemon versprach (Phlm 10-20), und die Bitte des Apostels, ihm ein Gastzimmer für den Besuch zu richten (Phlm 22), passen am besten zu Ephesus. Die Strecke Kolossae – Ephesus konnte Onesimus in ca. fünf Tagen bewältigen.

4. Ein Praetorium (Phil 1,13) und kaiserliche Verwaltungsbedienstete (Phil 4,22) gab es selbstverständlich in einer Großstadt wie dem damaligen Ephesus.

5. Eine leichte Haft, die es Paulus ermöglichte, mit seinen Mitarbeitern zu verkehren und auch sonst Besucher wie Onesimus zu empfangen, ist auch in Ephesus vorstellbar. Mitchristen „aus dem Haus des Kaisers“ werden für Hafterleichterung gesorgt haben.

6. In Ephesus gab es eine vielfältige Christenschar. Paulus war nicht der einzige und auch nicht der erste Gemeindegründer in der Großstadt. Dementsprechend sind Eifersüchteleien unter den Missionaren, die Paulus in 1,15.17 beklagt, in Ephesus gut vorstellbar (30f).

7. L.M.: Andronikus und Junia waren Mitgefangene des Paulus in Ephesus (Röm 16,7).


5. Paulus verlässt endgültig Kleinasien


„Paulus rief die Jünger zu sich und tröstete sie, nahm Abschied und brach auf, um nach Mazedonien zu reisen“ (Apg 20,1). Timotheus und Erastus waren bereits nach Mazedonien vorausgesandt worden (Apg 19,22).
Titus von Kreta zurück bei Paulus
Titus mit 2Kor 10–13 von Mazedonien nach Korinth gesandt
Titus mit guter Nachricht zurück bei Paulus (2Kor 7,6f).
Paulus dritter Besuch in Korinth: Winter 56/57 (2Kor 12,14; 13,1)

In 1Kor 16,3f hatte Paulus noch keinerlei Pläne, nach Jerusalem zu reisen. Später Apg 19,21 steht für ihn fest, dass er Jerusalem besuchen werde. Das Fortgehen nach Jerusalem bedeutete einen Abschied für immer von dem Gebiet der dritten Reise. Paulus sagte den Ältesten der Gemeinde von Ephesus: „Und siehe, ich weiß, dass ihr alle, unter denen ich umher gereist bin mit der Predigt vom Reich Gottes, mein Angesicht nicht mehr sehen werdet“ (Apg 20,25). Nun warten auf ihn Fesseln und Bedrängnisse (Apg 20,23).




Eckey, Wilfried, Der Brief des Paulus an die Philipper und an Philemon, 2006 (27-31)


Fuchs, Rüdiger, Unerwartete Unterschiede, 2003 (13-18)


Hengel, Martin, Paulus und Jakobus, 2002 (referiert in wörtl. Anlehnung)


van Bruggen, Jakobus, Die geschichtliche Einordnung der Pastoralbriefe, 1981 (22-40)