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Forts. Der Osterglaube
III. Gegenwart und Ankunft des Herrn
1. Argumente für den Glauben der ältesten Gemeinde 2. Nachösterliche 'Transformation' der Verkündigung 3. Maranatha 4. "Siehe ich bin bei euch alle Tage..." (Mt 28,20) IV. Anhang: Die Auferstehung der Toten - ein Denkmodell neben anderen 1. Ansatz der Eschata im Tod a. Die Vorstellung von der individuellen Auferstehung im Tod 2. Vermittlung von Geschichte und Vollendung in der Zuordnung der Denkmodelle: Unsterblichkeit der Seele und ‘leibliche’ Auferstehung 3. Das Sonderstück Mt 27,51b-53 III. Gegenwart und Ankunft des Herrn 1. Argumente für den Glauben der ältesten Gemeinde W. Thüsing: Es liegt nahe, dass die pln Verkündigung des gegenwärtig herrschenden Kyrios schon auf die Anfänge zurückgeht. Schon im 1Thess findet sich die Überzeugung vom gegenwärtigen Wirken des Kyrios Jesus und von der gegenwärtigen Gemeinschaft der Christen mit ihm (1Thess 1,1; 2,14; 3,8.11f; 8.11f; 4,2; 5,18.28) (41f).
1Kor 15,3ff schliesst nicht mit der Auferweckung Jesu, sondern mit den Erscheinungen des Auferstandenen (er ließ sich sehen): die Erscheinung vor Kephas und danach vor den Zwölfen V5. Durch die Tatsache, dass der Auferstandene selbst erscheint, ist sein jetziger Zustand gekennzeichnet. Dieser ist seiner Struktur nach nicht nur ein Warten in Verborgenheit, sondern ein Zustand, der die Kommunikation mit seiner Gemeinde ermöglicht. Schon die bloße Tatsache der Erscheinungen zeigt den auferweckten Jesus als den, der auf seine Gemeinde hin wirksam ist. Das zeigen auch die Folgen, die die Erscheinungen im Leben der Jünger zeitigen (44).
Dass die Urgemeinde sich trotz aller Gefährdung gerade in Jerusalem gebildet hat und nicht in Galiläa, lässt sich nur als Konsequenz der Erscheinungen des Auferstandenen befriedigend deuten. Diese Sammlung in Jerusalem lässt darauf schliessen, dass der Erscheinende das gegenwärtige Leben der Seinen bestimmte. Sie wurden offenbar gerade durch die Erscheinungen aufgefordert, aus ihrem gewohnten Leben in Galiläa (in das sie zurückzukehren versucht waren), in die Unsicherheit der Jerusalemer Situation zu gehen. Der Auferstandene, der den Jüngern erscheint, ist also der mit Vollmacht Fordernde, d.h. der Herrschende und ‘Erhöhte’. Paulus betrachtet die in 1Kor 15,5ff berichteten Erscheinungen als die Fundamente einer Selbstoffenbarung und eines Wirkens des auferweckten Jesus, die mit den Erscheinungen nicht zu Ende sind. Er hält sein Damaskuserlebnis für strukturgleich mit den in 1Kor 15 berichteten Erscheinungen. Auch hebt er es nicht scharf von den weiteren Offenbarungen des Kyrios an ihn (2Kor 12,1) ab. Von Anfang an hat Jesus auch als Erhöhter den Weg der Jünger bestimmt, ähnlich wie er es als Irdischer vor seinem Tode getan hatte. Wenn man das bei Paulus (schon in den dreißiger Jahren) gegebene Bewusstsein vom erhöhten Herrn selbst zur Mission gerufen zu sein (Gal 1,15ff) als Analogie heranzieht, dann wäre auch bei der Missionstätigkeit der Urgemeinde in Jerusalem eine gegenwärtige Forderung des erhöhten Jesus vorauszusetzen (45f).
Jesus in einem solchen Bittruf anzureden ist nur sinnvoll, wenn man ihn jetzt schon als gegenwärtiges Gegenüber wusste. Der Ruf kann als Imperativ und als indikativische Bekenntnisaussage aufgefasst werden (47).
Die Geistwirkungen mußten für die Gemeinde, die sich seit den Erscheinungen unter dem fordernden Anruf des auferstandenen Jesus weiß, ebenfalls Wirkungen dieses ‘erhöhten’ Jesus sein (49).
Apg 3,1ff heilt Petrus einen Gelähmten “im Namen Jesu”; 5,28 wird den Aposteln verboten “in diesem Namen” zu lehren (vgl. 4,12); in engem Zusammenhang damit steht die Verkündigung der Rettung in diesem Namen. Dieser Sachverhalt ist zwar nicht als Geistwirkung gekennzeichnet, steht aber sachlich als “Machttat” (dynamis, Apg 1,8; 2,22; 8,13; 3,12; 4,7) auf der gleichen Linie. In der Theologie der Apg ist dieses “im Namen Jesu” eine Ausdrucksform dafür, dass der erhöhte Jesus in dieser Heilung und in der Verkündigung seiner Heilsbedeutung selbst wirksam ist: “Äneas, Jesus Christus macht dich gesund; steh auf und mach dir selber das Bett” (9,34)! Das Wirken Gottes durch die Jünger geschieht im Namen, d.h. da nach Apg 3,12 und 4,7 Name und Kraft parallele Begriffe sind, in der Kraft Jesu und weist damit die Anwesenheit Jesu in der Verkündigung seines Namens aus. Dass die Jünger “im Namen Jesu” Dämonen austreiben, ist durch Mk 9,38f möglicherweise schon für die vorösterliche Zeit belegt. Hier wird man in Analogie zum atl Namensgebrauch eine Wirksamkeit Jesu selbst d.h. des erhöhten Jesus vermuten müssen. Wahrscheinlich hatten die vorösterlichen Jünger, als sie in Jesu Auftrag den Exorzismus übten, das durch die ihnen geläufige Formel “im Namen...” getan. Der ‘Name’ beinhaltet die ganze Bedeutung einer Persönlichkeit und ihren Machtbereich (50f).
Die Verkündigung der Sündenvergebung wird mit dem “Namen Jesu” verknüpft (5,31;10,43;26,18).
2. Nachösterliche ‘Transformation’ der Verkündigung Jesu und der vorösterlichen Gemeinschaft mit ihm W. Thüsing: In der Logienquelle Q fehlt das christologisch-soteriologische Grundkerygma von Tod und Auferstehung Jesu. Die Verbindung des synoptischen Traditionsgutes aus der irdischen Wirksamkeit Jesu (Worte und Taten Jesu) mit dem Grundkerygma von Passion und Auferstehung ist erst im Mk-Ev geschehen. D.h. Q ist lange Zeit ohne Verbindung mit dem Grundkerygma tradiert worden (55f). Die Logien Jesu wurden als Worte des bei Gott lebenden Jesus tradiert. Die Betonung der heilsentscheidenden Vollmacht Jesu war ein Darstellungsmittel für die Funktion und Machtstellung des erhöhten Jesus (57).
Jesus ist für die Jünger derjenige, der mit Vollmacht seine “neue Lehre” bringt (Mk 1,27). Die Redeweise von der Vollmacht Jesu beinhaltet seine Sendung durch Gott, das Bundesvolk zu sammeln. Im Mittelpunkt dieser Sendung steht Jesu Anspruch, dass das Bekenntnis zu ihm über das Heil entscheidet. Die Sammlung der zerstreuten Herde Israels geschieht durch die Bindung an die Person Jesu (nicht durch die Bindung an das Gesetz). Das vorösterliche Bild des mit Vollmacht redenden und handelnden Jesus wurde zu dem Bild des erhöhten in der Gegenwart handelnden und die Seinen anredenden Jesus transformiert (60f). Die nachösterliche Gemeinde hat die Worte des irdischen Jesus weitergesagt, weil der künftige König schon gegenwärtig lebt und handelt und eben dadurch, dass die Christen seine Worte weiterverkündigen, selbst reden will. Die Gemeinde hörte in den Worten des irdischen Jesus den mit dem Irdischen identischen Auferstandenen reden. In Q ist die Stimme des irdischen und des erhöhten Jesus zu hören (62f). Die Betonung der Vollmacht Jesu in Q ist einer Erhöhungsaussage im Sinne einer Aussage der herrscherlich-fordernden und bestimmenden Macht des Erhöhten gleichwertig. Die Botschaft und Weisung Jesu als desjenigen, dessen Anspruch Gott durch die Auferweckung bestätigt hatte, kannte man. Aus der vorösterlichen Zeit lag ein Bestand an geprägten Logien vor. Außerdem war die Verkündigung der Botschaft Jesu durch die Jünger, ihre Tätigkeit im Rahmen der Sendung Jesu, bereits vor Ostern als sein Wille erkennbar. Die Struktur der nachösterlichen christologischen Verwendung von Q (der auferstandene Jesus richtet seinen Anspruch durch seine Jünger neu an diese Jüngergemeinde selbst und an die Welt) ist von vornherein gegeben (64f).
“Jeder, der ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden, wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben werden” (Lk 12,10 par Mt 12,32). Bei Markus ist die ‘Lästerung des Geistes’ mit der gegen den irdischen Jesus gerichteten Lästerung identifiziert (Mk 3,28f), weil hier die unmittelbar Jesus betreffende Hälfte der Q-Fassung (“wer gegen den Menschensohn sagt”) fehlt (68).
Lukas redet von der Lästerung des Geistes in der Zeit nach der Auferweckung Jesu,
d.h. vom lästernden Widerspruch gegen das Wirken des Geistes durch urchristliche Propheten.
Die scharfe Gegenüberstellung ist ein Ausdrucksmittel, um die einzigartige Qualität und Dignität
des im Heiligen Geist geschehenden Redens des auferstandenen Jesus hervorzuheben.
Dem irdischen Wirken Jesu wird hier das Weiterverkündigen der irdischen Worte durch den Auferstandenen gegenübergestellt,
der im Heiligen Geist durch die Boten des Evangeliums spricht.
“ihn sollt ihr hören” (Mk 9,7 par; Apg 3,22).
Die Zugehörigkeit zu Jesus bzw. die Gemeinschaft mit ihm ist das eigentliche Heilsgut, auf das sich Drohung und Verheißung richten. Jesus gewährt Gemeinschaft besonders in der Form der Tischgemeinschaft (auch) mit Zöllnern und Sündern, dadurch gibt er den Menschen eine neue Stellung vor Gott. Verheißung und Drohung beziehen sich jetzt auf die nachösterliche Entscheidung. ‘Bekennen’ bedeutet für die nachösterlichen Christen die Entscheidung für eine von Jesus schon gewährte Gemeinschaft, und Verleugnen die Entscheidung gegen diese schon realisierte Gemeinschaft. Dann gibt es für sie auch als das eigentliche Heilsgut die Gemeinschaft mit dem jetzt lebenden Jesus. Weil Jesu Vollmacht von Gott durch die Auferweckung bestätigt und in der Kraft des Geistes erneuert war, mußte auch die Gemeinschaft, die er auf Erden gegeben hatte und die er als Auferstandener den Jüngern erneut zuwendete, gültig sein. Durch die Transformation der irdischen Gemeinschaft mit Jesus ist das Wirken des auferstandenen Jesus auf die Seinen hin eine Erhöhungsvorstellung, denn dieses Wirken des Auferstandenen ist der primäre Inhalt der neugeschaffenen Gemeinschaft mit ihm. Die Gemeinschaft, die er in einer neuen Weise begründet, ist der Raum für sein Wirken, für sein Erhöhungshandeln. Das eigentliche Heilsgut, um das es in den Erzählungen von Auferstehungserscheinungen geht, ist die erneuerte Gabe jener Gemeinschaft, die Jesus auf Erden gab. Die Gemeinschaft, die Jesus gewährt, trägt funktionalen Charakter, insofern sie auf die Gemeinschaft mit Gott hingeordnet ist, und zwar darauf, dass aus den Menschen, die sich zu Jesus bekennen, Volk Gottes wird. Schon die frühe nachösterliche Gemeinde erinnert sich bei ihren gemeinsamen Mahlzeiten nicht nur an den irdischen Jesus, sondern weiß den Auferstandenen selbst in ihrer Mitte. Das, was in Mt 18,20 ausgesagt wird: “Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen”, ist in der frühen Gemeinde lebendig (74-77).
Die bald nach Ostern, zunächst unter Juden, einsetzende Missionstätigkeit der Urgemeinde ist ‘Transformation’ der vorösterlichen Botensendung Jesu. Gehen diese auf eine unmittelbare Weisung des irdischen Jesus und auf die Sendungsgemeinschaft mit ihm zurück, so auch die nachösterliche Mission auf die gegenwärtige Forderung des Auferstandenen und die durch Ostern neugeschaffene Gemeinschaft mit ihm. Auch in diesem Sachverhalt ist die Vorstellung eines ‘Erhöhungshandelns’ Jesu gegeben. Die Transformation der Gemeinschaft mit Jesus erweist sich als das Fundament, auf dem die Transformation der Verkündigung Jesu aufbaut (78). Für die älteste nachösterliche Gemeinde gibt es nicht nur eine Vergangenheit und Zukunft Jesu (Erdenleben und Parusie), sondern auch eine Gegenwart Jesu als des Auferstandenen. Das, was überhaupt erst eine Verbindung von Vergangenheit und Zukunft Jesu ermöglicht, ist sein gegenwärtiges Wirken, d.h. der Inhalt der frühesten ‘Erhöhungsvorstellung’. Schon auf der frühesten nachösterlichen Stufe ist die Funktion für die Königsherrschaft Gottes, die Jesus im Erdenleben ausgeübt hat, auf ihn selbst als den ‘Erhöhten’ übertragen worden. Die Struktur der Heilswirklichkeit ist personal, die Beziehung zu seiner Person ist auch jetzt bestimmend und entscheidend. Die Logienquelle gibt nicht nur die vorösterliche Beziehung zu Jesus wieder, sondern auch die nachösterliche. Es handelt sich um den Glauben an den Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat und damit verbunden um die Glaubensbindung des Christen an Jesus als an denjenigen, dem er gehört und der ihn aktuell durch sein Pneuma bestimmt (100f). Schon für die älteste Christologie ist die personale Gemeinschaft mit Jesus konstitutiv: die vom erhöhten Jesus ausgehende personale Gemeinschaft und damit die Person des auferweckten Jesus selbst. Die ‘Erhöhungsvorstellung’ als Glaube an die in der nachösterlichen Gegenwart dynamisch wirkende, kommunikationsfähige Person des auferweckten Jesus ist der ‘Eckstein’ der ntl Christologie (Thü 102).
3. Maranatha
a. maran atha: unser Herr ist gekommen, unser Herr ist da, unser Herr ist im Kommen (ständiger Prozess)
a. “Unser Herr ist da“ Die ältesten Belege scheinen eher den ersten Sinn voraussetzen. Am Schluss des 1. Korintherbriefes, nach Mitteilung der Grüße einiger Mitarbeiter, fügt Paulus hinzu (16,21-24): “Der Gruß mit meiner, des Paulus eigener Hand. Wenn einer den Herrn nicht liebt, sei er ausgeschlossen. Maran atha. Die Gnade des Herrn Jesu (ist) mit euch. Meine Liebe (ist) mit allen in Christus Jesus“. Dreimal ist hier vom 'Herrn' die Rede. Die erste Stelle spricht vom Fehlen einer gegenwärtigen Beziehung; die dritte wird zwar oft als Wunsch übersetzt, aber in Parallele zu Vers 24 ist auch dieser Satz eher als Aussage zu verstehen: Die Gnade des Herrn ist mit euch (446). Will Paulus sagen, dass derjenige, der gegen den Herrn lieb-los ist, ausgeschieden werden soll, weil der Herr erwartet wird oder weil er “in unserer Mitte ist“? Doch wohl das Letztere. Im übrigen passt ein Bittruf auch formal nicht in diese Reihe: Paulus würde sich plötzlich von den Adressaten weg zum Herrn wenden und dann sofort wieder sie ansprechen. So ist die präsentische Deutung hier wahrscheinlicher: “Unser Herr ist da“ (446f)! Auch die Didache, die Zwölfapostellehre (10,6), führt die Formel ein im Zusammenhang von Prüfung und Unterscheidung. Die Einladung zum Empfang der Eucharistie lautet: “Hosanna dem Gott Davids. Ist einer heilig, so trete er herzu! Wer es nicht ist, der tue Buße! Maran atha Amen“. Hier also gibt 'Maranatha' einen Grund an, warum der Sünder nicht hinzutreten kann, sondern erst Buße tun muss: Weil der Herr da ist, weil er in den eucharistischen Gestalten gekommen und im Mahl unter uns ist (und nicht, weil die Gemeinde betet: Komm Herr!). Wie bei Paulus wäre es merkwürdig, wenn die Anrede an die Gemeinde unversehens in einen Bittruf an den Herrn überginge. Auch wenn vorher davon die Rede war: “Es komme die Gnade und es vergehe diese Welt“, so sind doch die beiden aramäischen Rufe viel eher als Bekräftigung der Einladung zu dem Gekommenen zu verstehen, und zwar sowohl an den, der „heilig“ ist, als auch an den, der der Buße bedarf (447). Die beiden Möglichkeiten, ob der Herr zum Mahl geladen wird oder ob seine Parusie erbeten wird, ist in diesem Zusammenhang recht merkwürdig, als ob nach der Einladung an die Gemeinde nun auch der Herr 'eingeladen' würde. Er ist derjenige, der einlädt (Mt 26,26f). Ebensowenig aber passt zu der Fragestellung von 'heilig oder unheilig' eine Bitte um die Parusie, die dann schwerlich für den Augenblick der Eucharistie erwartet, sondern nur allgemein herbeigesehnt worden wäre. Es geht um die sakramentale Präsenz. (Mit der manichäischen Formel: “Der Erlöser ist gekommenen“ wird die kultische Gegenwart des 'Heilsbringers Mani' angezeigt) (447, A4). “Unser Herr ist gekommen, ist anwesend“ - in diesem Ruf ist etwas von der urchristlichen Erfahrung der Gegenwart des erhöhten Herrn festgehalten. Es sind ähnlich wie in Emmaus (Lk 24,31) Momente von großer Dichte, in denen sich die Zweifel wie Nebel auflösen, weil seine 'Nähe' spürbar wird. Dabei wird die Gegenwart Jesu im Geiste erfahren und die Geist-Erfahrung als Offenbarung Jesu erkannt. So, wenn auf das Gebet der Urgemeinde hin “der Ort bebte, an dem sie versammelt waren und alle mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden“ (Apg 4,31), oder wenn Paulus sagt: “Niemand kann sagen: Herr ist Jesus, außer im heiligen Geist“ (1Kor 12,3). Außenstehende wurden immer wieder dadurch hinzugewonnen, dass sie durch die Begegnung mit einem Christen oder einer Gottesdienstgemeinde überzeugt wurden: “Und so wird er sich niederwerfen, Gott anbeten und ausrufen: Wahrhaftig, Gott ist unter euch“ (1Kor 14,25). In diesem staunenden Wahrnehmen der machtvollen Gegenwart des Herrn ereignete sich für den Einzelnen immer wieder das, was die Jünger zunächst in ihrem geschichtlichen Zusammensein mit dem Herrn, dann aber besonders nach seiner Auferstehung und in der Geistsendung erlebt hatten: “Es ist der Herr“. - “Du bist der Sohn Gottes, der Heilige Israels“. - “Wer ist dieser“? - “Mein Herr und mein Gott“! Und: “Der Tröster wird von dem Meinigen nehmen und euch verkünden“ (Mk 4,41; 8,29; Joh 1,49; 16,14; 20,28; 21,7). Die sinnenhaft wahrnehmbare Präsenz des Menschen Jesus von Nazareth wurde mehr und mehr transparent für die Tiefe der Gottheit. Denn die Sinneswahrnehmung als solche führt nicht notwendig zur Erkenntnis Jesu; das zeigt die vielfältige Ablehnung, die ihm entgegenschlägt. Darum sagt er zu Petrus: “Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Mt 16,17) (447f). So führt Jesus seine Jünger langsam heran zu einer tieferen Art der Wahrnehmung; und er formt sie um durch eine neue Präsenz nach seiner Auferstehung und in der Geistsendung. Er ist nun nicht mehr in der gleichen Weise für sie greifbar und sichtbar und wird doch an den Auswirkungen und der Atmosphäre, die von ihm ausgeht, als derselbe erkannt. Denn die Jünger erkennen darin die gleiche persönliche 'Ausstrahlung' oder 'Herrlichkeit'. Sie erkennen ihn an dem Frieden, der sie erfüllt, an der Art der Freude und der tiefen Sicherheit, in der Ehrfurcht, dem Staunen und dem Vertrauen, das sie in sich wahrnehmen (vgl. Röm 14,17; Tim 1,12). Phil 4,5: “Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden“! Diese Aufforderung zur Güte gegenüber allen Menschen und zur Freude wird nicht damit begründet, dass der Herr bald kommt, sondern dass der Herr schon da ist (448). Nahe ist hier existentiell zu verstehen. Die räumliche Nähe des auferstandenen Herrn stimmt in diese Freude. Wie könne wir uns seiner freuen, wenn er als der Auferstandene nicht gegenwärtig ist (A 7)? Paulus lebt ständig in diesem Kontakt mit dem gegenwärtigen Herrn, den er in seinem Gewissen wahrnimmt und der ihn führt (1Thess 2,4; 2Kor 1,12.18-23; 2,17; 5,10f). Auch wenn Petrus den Gelähmten heilt, wenn er mit Johannes vor dem Hohen Rat steht und Zeugnis ablegt, wenn die Jünger miteinander das Brot brechen (vgl. Didache 10,6), den Getauften die Hände auflegen zum Empfang des Heiligen Geistes oder verbindliche Beschlüsse fassen (Apg 15,28), ereignet sich immer wieder neu die Gegenwart des Herrn: “Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch die Zeichen, die er geschehen ließ“ (Mk16,20). Ist es verwunderlich, dass diese immer neue, überraschende Präsenz Jesu gelegentlich bewusst gemacht wurde in dem Ruf: “Maran atha“ - “der Herr ist gegenwärtig, ist gekommen“. So gibt es bis heute Lebenssituationen oder Gottesdienste, in denen ein Mensch plötzlich weiß: “der Herr ist da“ - nicht als Gefühlsaufwallung, sondern als Erkenntnis des Glaubens (449). b. “Unser Herr, komm!“ Marana tha – in dieser Silbentrennung – kann auch heißen: “Unser Herr, komm“! Diesen Ruf übersetzt Offb 22,20 – als Bittruf der Braut. Aus dem überraschten Staunen über seine Gegenwart erwächst ein Ruf der Sehnsucht. Weil die Gemeinde die Präsenz Jesu schon erfahren hat – im persönlichen Leben und im Gottesdienst -, betet sie von neuem: “Komm, Herr“! Allzuleicht wird dies auf die Wiederkunft in Herrlichkeit bezogen. Es ist zu fragen, ob es nicht auch eine Bitte um sein tägliches Kommen sein könnte. Es wäre dann eine Bitte um die aktuelle Erfahrung seiner Gegenwart in unserem Heute, so wie wir etwa am Beginn eines Gottesdienstes beten: “Herr, komm in unsere Mitte“, oder: “Komm, Heiliger Geist“, d.h. komm jetzt mit deiner Kraft in unsere Herzen (450). In der Offenbarung des Johannes ist dieser Ruf zunächst präsentisch gemeint, denn einmal ist die Apokalypse eine Darstellung der Grundkräfte während der ganzen Zeit der Kirche und nicht etwa nur während der 'Letzten Tage'. Die Mahnung an die Gemeinde in Laodizea meint gerade dieses tägliche Kommen: “Sieh, ich stehe vor der Tür und klopfe an“ (Offb 3,20); die 'Ankunft' des Herrn kann also im Verständnis dieses Buches durchaus ein immerwährendes Ereignis sein. Zum andern aber spricht der unmittelbare Kontext zunächst von der Ankunft während dieser Jetztzeit: “Der Geist und die Braut sagen: Komm! Wer es hört, der rufe: Komm! Wen dürstet, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens“ (Offb 22,17). Das Wasser des Lebens ist in john Theologie ein Symbol für den Geist (Joh 7,39), also zunächst für das, was der Herr Tag für Tag seiner Gemeinde gibt (450). Selbstverständlich klingt in diesem Text mit an, dass dieser Prozess seinem Ende und Höhepunkt zustrebt, und die Verheißung “Ich komme bald“ schließt die Wiederkunft am Ende der Geschichte nicht aus (vgl. Offb 1,7; 22,7f; Apg 1,11). Es soll nicht geleugnet werden, dass Marana tha auch diese Sehnsucht nach der endgültigen Wiederkunft zum Ausdruck bringen kann; nur ist dies eben ein weiterer Aspekt und wohl kaum der ursprüngliche. Die urchristliche Sehnsucht nach der endgültigen Wiederkunft des Herrn ist zu verstehen aus der bereits geschenkten Erfahrung seiner Gegenwart und aus der Sehnsucht nach einer täglichen Erneuerung und Vertiefung dieser Erfahrung des Heils. Weil Er immer wieder präsent wird, weckt Er die Sehnsucht nach einem Wachstum seiner Lebensmacht in uns bis zur Vollendung (450f). c. Gegenwart und Ankunft “Der Herr ist gekommen“ (geschichtlich “in der Fülle der Zeit“) und ist da (existentiell in den Höhepunkten meines Lebens); “der Herr kommt jetzt“ (immer wieder im Geist); und “der Herr wird wiederkommen“. Die Spannung, die in der Bedeutung der aramäischen Formel liegt, besteht nicht so sehr in der Verschiebung auf einer Zeitachse (Gegenwart – Zukunft), sondern liegt in der Logik der Beziehung, um die es geht: Ich bin dem Herrn begegnet, und darum sehne ich mich nach seinem Kommen heut und alle Tage meines Lebens 'bis ans Ende der Welt' (vgl. Mt 28,20) (451). Der Zusage der täglichen Anwesenheit des Herrn (Mt 28,20) entspricht unser Glaube an seine tägliche Gegenwart und die Erwartung seiner täglichen Ankunft – bis ans Ende. Die Wachsamkeit des Menschen soll nicht das Kommen des Herrn bewirken, sondern dazu helfen, dass wir Ihn nicht verpassen, soll also Hindernisse beseitigen. Das Kommen ist Sache des Herrn. Er kommt aus eigener Initiative, und zwar “wenn ihr es nicht vermutet“ (Lk 12,40; Mk 13,33-37) (452). Die Grundhaltung des Advent ist nicht jene, die drängend den Herrn herbeizuziehen sucht, sondern die, die seiner Verheißung vertraut und darin ruht: 'Herr ich will Dir glauben, dass Du von Dir aus auf mich zukommst, wie Du es seit Abraham immer wieder getan hast'. Kein Mensch kann das heilsgeschichtliche Handeln Gottes herbeiführen; es ist reine Gnade, damals wie heute. Plötzlich erkennen wir in der Tiefe, dass wir nichts in der Hand haben, sondern 'in seiner Hand' sind. Und dies bedeutet Freiheit; Befreiung von jedem Leistungsdruck und aller Angst um uns selbst; Befreiung zu einem Vertrauen von der Wurzel her. Denn der Mittelpunkt meines Lebens liegt dann nicht mehr in mir selbst, sondern in einem anderen. Insofern ist der Christ ein ex-zentrischer Mensch, der das Zentrum seines Lebens außerhalb seiner selbst hat. Maranatha ist so verstanden ein Ur-Gebet dieses Heilsverständnisses. Die Christen brachten darin das Getragensein vom gegenwärtigen und kommenden, aber unverfügbaren Herrn zum Ausdruck (452). Unsere Spiritualität besteht darin, die tägliche Ankunft des Herrn wahrzunehmen, für sie zu danken, durch unser Tun auf sie zu antworten, aus der Gegenwart und Ankunft des Herrn zu leben und das Heil, den Frieden und die Freude wahrzunehmen. Die Herrlichkeit des Herrn wird zur Doxa Christi! Es ist die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit, das Fluidum und der Glanz, der ihn umgibt, das Flair seines Geistes, die Erfahrung von Licht und Leben, Freiheit und Gelöstheit, auch in den unscheinbaren Formen. Johannes spricht immer wieder von der Liebe als dem Kennzeichen seiner Anwesenheit (452f). Vielleicht geschieht es mitten in der Arbeit, die so profan erscheint und die wir doch zu seiner Ehre tun. Es ist ein Staunen, wie Er die Dinge fügt, wie Er auch in den unscheinbaren Handgriffen eines Dienstes präsent wird (453). Die Tatsache, dass wir glauben und beten können, ist ein Aufweis seiner Nähe. Denn Glaubenserfahrung ist nichts anderes, als dass in unserer Gottesbeziehung Seine Nähe und die Haltung des Vertrauens bewusst wird und Gestalt gewinnt. Gelegentlich wird es zur Gewissheit: “Der Herr ist da, mitten unter uns“ (453). Die Ankunft des Herrn ist nicht auf bestimmte Zeiten beschränkt oder an religiöse Übungen gebunden. Er kommt auch in der Begegnung von Mensch zu Mensch, so dass auf einmal ein Funke überspringt und beide wissen: Es ist noch ein Dritter da, sein Geist ist die Kraft, in der wir Gemeinschaft haben. Dann erkennen wir den Partner, den Bruder und die Schwester als Geschenk Gottes, als eine Gabe, in der Er selbst auf mich zukommt. Und wir dürfen im anderen Ihm begegnen (Mt 25,40), Seine Zuwendung empfangen und Ihm dienen. Wir ahnen etwas von dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes, die sich fortsetzt in menschlicher Gemeinschaft. So haben die Jünger Seine Gemeinschaft erlebt und sind dann zu anderen Menschen gegangen, um ihnen davon zu erzählen; und sie kommen zurück und erzählen, was sie mit den Menschen erlebt und wie sie darin voll Staunen Sein Wirken wahrgenommen haben (Mk 5,19f; 6,30; Lk 9,6.10; 10,17; Apg 11,4-18; 15,3f). Durch dieses Geben und Nehmen gewinnt Christus unter uns Gestalt, bis heute. Denn er formt seine Jünger durch seine Anwesenheit, damals und heute (454). Auf diesem Hintergrund werden Höhepunkte meines Lebens verständlich: die Überraschungen Seiner Freundschaft und Seiner Zärtlichkeit, Seiner Barmherzigkeit und unbegrenzten Liebe. Hat er sie uns nicht geschenkt, damit wir um so sicherer in seiner Gegenwart leben, auch wenn wir sie nicht bewusst wahrnehmen, und uns um so mehr auf seine tägliche Ankunft ausrichten? “Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen..., sondern weil der Herr euch liebt“ (Dtn 7,7f) – deshalb “ist er zu euch gekommen“: Maranatha (454). 'Maranatha' (1Kor 16,22) K.G. Kuhn: Did 10,6 zeigt maranatha in engster Verbindung mit der Feier des Herrenmahls: "Wer nicht heilig ist, (darf nicht zum Abendmahl kommen, sondern soll vorher umkehren) metanoeito, maranatha". Es liegt nahe, maranatha hier als Verstärkung der Warnung an die Nichtheiligen zu verstehen. Dazu passt sehr gut die Deutung der Formel: unser Herr ist da. Sie ist dann als 'Drohwort' Hinweis auf die Gegenwart des erhöhten Christus im Herrenmahl, die keinen Unheiligen duldet (ähnlich wie 1Kor 11,27-30). Auch in 1Kor 16,22 liegt die Deutung als 'Drohwort' für maranatha nahe, da der Zusammenhang ein ganz ähnlicher ist: "Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht, maranatha". So kann auch hier (auf Grund der Deutung: der Herr ist da) von Paulus gemeint sein: "Ihr wißt, dass wir in der Gemeinde die Gegenwart des erhöhten Herrn bekennen mit dem Ruf maranatha; und seine in diesem Ruf ausgesprochene Gegenwart schließt die Zugehörigkeit von solchen, die ihn nicht lieben, aus" (Ku 473ff). Der Vers: "Wenn jemand den Herrn nicht liebhat, der sei verflucht" bezieht sich auf diejenigen Korinther, die 'unwürdig' am Herrenmahl teilnehmen. Die Situation ist heilig, weil der Herr gegenwärtig ist, nicht aber weil der Herr in der Zukunft erst noch kommen soll. Das Maranatha1Kor 16,22 ist wahrscheinlich nicht Bittruf, sondern Bekenntnis: Der Herr ist da, ist unter uns! Wenn Paulus das maranatha angeblich imperativisch gebraucht hat, ist es verwunderlich, dass es im 1Thess, in dem es um die Wiederkunft Jesu geht, nicht erscheint. Paulus lebte zunächst in akuter Naherwartung. Warum sollte er auf eine Beschleunigung drängen? Er hatte ja ohnehin Mühe, seine großen Missionspläne in der verbleibenden kurzen Zeit durchzuführen. Nachdem man die zukünftige Richterfunktion auf Jesus übertragen hatte, konnten die Messias-Jesus-Gläubigen, die vielleicht drei Prozent von Israel ausmachten, nicht beten: 'Herr Jesus, komm bald!', denn das hieße: komm den anderen 97 Prozent von Israel zu Gericht und Unheil! Paulus konnte nicht das Gericht über seine Stammesbrüder herbeiflehen und gleichzeitig prophezeihen, dass ganz Israel errettet werden wird (Röm 11,26). Erst n a c h d e m die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist, wird ganz Israel errettet werden. D.h. bereits im Röm hat Paulus die Naherwartung aufgegeben (Röm 11,25). Röm 13,11 kann auch im Sinne von Phil 1,23, 2Kor 5,1ff (Sehnsucht nach der himmlischen Heimat) gemeint sein: unser Heil ist uns jetzt näher, weil unser individueller Tod uns jetzt näher ist als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. In 2Tim trifft Paulus Dauermassnahmen sogar für die Zeit nach dem Tode seiner Mitarbeiter: Timotheus soll das, was er von Paulus gehört hat, Menschen 'anbefehlen', die tüchtig sind auch a n d e r e zu lehren (2Tim 2,21)! Die Textstelle in der 40 Jahre später in der Verfolgung unter Domitian entstandenen Offenbarung (20,20: Amen, ja komm, Herr Jesus!) kann nicht zur Deutung von 1Kor 16,22 herangezogen werden. "Während die aramäisch sprechende Urgemeinde, also das pharisäisch und apokalyptisch bestimmte Judenchristentum in und außerhalb Jerusalems, bis zu seinem Untergang unbeirrt an der futurischen Menschensohn-Messianologie, der nationalen Zionsideologie, strengen Monotheismus und der dieses alles konstituierenden Toralogie festgehalten hat, liegt für die hellenistische Gemeinde zwischen der im gegenwärtigen Kult begnadend und richtend betroffenen Gemeindeexistenz und der zukünftigen Epiphanie des Kyrios die weltweite Heidenmission" (Schu). 4. "Siehe ich bin bei euch alle Tage..." (Mt 28,20) ... IV. Anhang: Die Auferstehung der Toten - ein Denkmodell neben anderen a. Die Vorstellung von der individuellen Auferstehung im Tod Diesem Modell liegt die jüdische Vorstellung vom himmlischen Paradies, dem Aufenthaltsort der verstorbenen Gerechten und Väter, zugrunde. Es knüpft an die atl Vorstellung von der Entrückung an. In diesem Vorstellungsmodell gibt es keine Parusie, weil die Christen im Tode zur Christusgemeinschaft in den Himmel gerettet werden. Auch gibt es kein Endereignis, denn die neue Welt ist im himmlischen Bereich bereits gegenwärtig.
Der Heilsort im Himmel:
Das Reich Gottes im Himmel:
Die obere Stadt, das himmlische Vaterland:
Im Paradies sind jetzt schon: alle Patriarchen, alle Propheten, alle Apostel, alle Märtyrer (unter ihnen Stephanus), alle Heiligen (1Thess 3,13), der arme Lazarus, der reumütige Schächer. “Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein” (Lk 23,24). Der arme Lazarus wurde von den Engeln in Abrahams Schoss getragen (Lk 16,22). “...wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaac und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen” (Lk 13,28). “Sie (die Märtyrer) schrien mit lauter Stimme: 'Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest Du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?' Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand...” (Offb 6,10f). "Beim-Herrn-Sein" der "Toten in Christus"
Die irdisch leibhaftige Existenz bedeutet für Paulus das Fernsein vom Herrn (2Kor 5,6).
Deshalb kann er sagen:
Paulus hat die Gewißheit, im Tod unmittelbar und für immer mit Christus vereint zu sein. Paulus kann das Sterben als Eintritt des Menschen in die endgültige Lebensgemeinschaft mit Christus bei Gott verstehen: “Ich habe Lust aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein” (Phil 1,23) “Ich habe Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein beim Herrn” (2Kor 5,8). Das Sein mit Christus, von dem Phil 1,23 spricht, ist kein anderes als das von 1Thess 4,17. Aber der Weg zu dieser Christusgemeinschaft wird unterschiedlich beschrieben. Das ‘Mit-Christus-Sein’ ist das einzige, was Paulus vom Jenseitsleben sagen kann. G. Lohfink: "Das Problem einer individuellen Eschatologie wurde erst akut, als in der Folgezeit Christen starben, ohne dass das wirkliche Ende gekommen war. Der damals herrschende Vorstellungshintergrund der jüdischen Apokalyptik ließ es nicht zu, von einer Auferweckung einzelner unmittelbar aus dem Tode zu sprechen. Denn für das jüdische Denken ist die Auferweckung der Toten ein universales Geschehen am Ende, wenn die Gräber geöffnet werden (143f). Von einer Auferstehung der Christen im Tod kann ohne dogmatische Verluste erst dann gesprochen werden, wenn die unaufgebbare Priorität des auferstandenen Christus auch jenseits eines reinen Zeitschemas gedacht werden kann und wenn mit Hilfe eines differenzierteren Zeitbegriffs, als ihn die jüdische Apokalyptik verwenden mußte, denkbar gemacht werden kann, dass eine Auferstehung des einzelnen im Tod mit der allgemeinen Totenauferstehung der Weltvollendung zusammenfällt. Der alten Kirche standen diese Denk- und Sprachmöglichkeiten nicht zur Verfügung" (Lo 145). Kann menschliche und christliche Hoffnung über den Tod hinaus im gegenwärtigen Welt- und Menschenbild denkbar und vorstellbar gemacht werden, ohne auf eine leibfreie Seele und auf ein materiell-physizistisches und darum mythologisch erscheinendes Geschehen der Leibesauferstehung rekurrieren zu müssen? K. Rahner weist darauf hin, dass “Vollendung” ein Begriff ist, “der sinnvoll nur im Bereich personaler Freiheitsgeschichte einen Platz hat, damit freilich eine besondere Eigentümlichkeit erlangt, weil diese personale Freiheitsgeschichte das materielle Geschehen als inneres oder äußeres Moment einbegreift. Die materielle Welt als solche, in ihr bleibend, hat keine Vollendung”. Wenn der Gedanke der Vollendung der Materialität nur in Bezug auf die Freiheitsgeschichte sinnvoll ist, wie ist dann die Vollendung der Leib- und Welthaftigkeit des Menschen als inneres Moment dieser seiner Freiheitsgeschichte zu denken (114f)? Indem der Mensch seinen Erkenntnishorizont erweitert, zur Freundschaft erwacht, zur Liebeshingabe, zur Weltbeherrschung, erobert er sich die Welt mit ihren verschiedenen Bezügen: Dabei wächst die Welt in den Menschen hinein - die Welt verinnerlicht sich im Menschen. Dadurch, dass der Mensch sich in die Welt hinein auslegt, erwirkt er sich selbst jene Natur, in der er bleibend, unwiderruflich und endgültig innesteht. Der Mensch wird reif an der Welt, an ihrer aktiven Gestaltung und im passiven Leiden an ihr. Diesem Vorgang der Verinnerlichung von Welt in den Menschen hinein steht dialektisch gegenüber die Bewegung des Verbrauchs an äußerer Energie: der Mensch wird alt, er stirbt. Wenn im Tod der Mensch den totalen Verlust an äußerer Energie erleidet, ist zugleich seine Welt in ihm total verinnerlicht. Das bedeutet, dass im Tod des Menschen nicht eine rein geistige Subjektivität Endgültigkeit findet, sondern eine Person, d.h. eine Freiheit, die so geworden ist, wie sie ist, durch ihre Ekstase in Leiblichkeit, Welt und Geschichte hinein. Jede geschichtliche Begegnung und Tat hat sie bleibend innerlich geprägt. In der endgültigen Verfasstheit des Menschen ist also als inneres Moment Leib und Welt auf immer versammelt (115f). Ein Stück Welt ist, verinnerlicht in der nicht wegzudenkenden konkreten Prägung des Subjekts, bleibend aufgehoben. So bringt der Mensch in seinen Tod hinein die Ernte seiner Zeit, die eigene gereifte Frucht der Geschichte. Der Mensch ist gerade als leibhaftiges geschichts- und weltgebundenes Wesen so geworden, wie er im Tod ist. Die Leiblichkeit ist somit für immer im Subjekt eingeschrieben, auch wenn die als ‘Körperhaftigkeit’ sich realisierende Raum-Zeit-Gebundenheit im Tod ein Ende findet. Auch der Kommunikationsbezug, der wesentlich zur Leiblichkeit gehört, geht im Tod nicht verloren (116f). Weil die ‘Leiblichkeit’ und damit Welt und Geschichte im Tod nicht einfach vom Menschen hinter sich gelassen werden, sondern im Tod zur Vollendung kommen, insofern sie in der Konkretheit des Subjekts ausgezeitigt, für immer aufbewahrt sind und insofern die mit der Leiblichkeit gegebene Relationalität nicht aufgehoben, sondern bestätigt, ja geradezu in ihre letzte erfüllte Möglichkeit eingesetzt ist, kann die Hoffnung auf das Überschreiten der Todesgrenze als ‘Auferstehung des Leibes’ (d.h. des einen und ganzen leiblich verfassten Menschen) und nicht als ‘Seligkeit der unsterblichen Seele’ bezeichnet werden. Auferstehung des Leibes bedeutet also nicht ein mirakulöses Endereignis an Knochen, Haut und Sehnen, vielmehr meint sie die Einbeziehung jener Dimension, die als das Materielle unzertrennbar zur Konkretheit des menschlichen Geistes gehört und doch nicht mehr als physikalische Körperlichkeit gedacht werden muss. Auferweckung des Leibes heißt, dass der Mensch bei Gott nicht nur seinen letzten Augenblick wiederfindet, sondern seine Geschichte. Der konkrete Mensch, nicht eine Idee, nicht ein Postulat, nicht ein Teil von ihm, er, der konkrete Partner Gottes zu seinem Heil oder Unheil, hat eine absolute Bedeutung. Der Auferstehungsleib ist nicht dasselbe wie die Moleküle und Atome, die in die Erde eingegangen sind. Die individuelle Auferstehung von den Toten erfolgt mit und im Tode (118f). Mit dieser Lösung ist der Graben zwischen der Vollendung der Seele im Tod und der Vollendung des Leibes am Ende der Geschichte überbrückt. Mit dieser Lösung kann auch die Vollendung der ‘Welt’ als je im Tod des Menschen geschehend gedacht werden: Die geschaffene Gesamtwirklichkeit, die Welt, wächst in und durch die leibgeistigen Personen, deren ‘Leib’ sie gewissermaßen ist, durch deren Tod langsam in ihre eigene Endgültigkeit hinein. Die Wirklichkeit des Jüngsten Tages könnte dann aufgefasst werden als Abschluss und Zusammenschau eines Geschehens, das seit Christi Auferstehung in die neue Dimension begonnen hat und sich seither mit dem Eintritt der Einzelnen kontinuierlich von einem Geschlecht zum anderen verwirklicht. Die Identität von Erden- und Auferstehungsleib ist nicht durch die Materie, sondern allein durch die geistige Subjektivität des Menschen (Seele) vermittelt. Damit ist die anthropologische Diastase von Unsterblichkeit der Seele und Auferstehung des Leibes sowie die Annahme eines leiblosen Zwischenzustandes grundsätzlich überwunden und statt dessen die individuelle und universale Vollendung in ein dynamisch-progressives Verhältnis zueinander gesetzt. Hoffnung über den Tod hinaus besitzt eine anthropologische (= schöpfungstheologische) Verwurzelung, die sich zur Erfahrung bringt in der unabwälzbaren Verantwortung, in der sich menschliches Leben als solches vollzieht (Gr 119f).
3. Das Sonderstück Mt 27, 51b-53
Dass sich Gräber öffneten, aus diesen Tote lebendig hervorkamen und sich ‘vielen’ in Jerusalem zeigten, wäre zweifellos eine höchst auffällige Angelegenheit gewesen. Warum aber weiß dann im ganzen NT nur Mt von diesem mysteriösen Geschehen (69)? Die urkirchliche Überlieferung war von Anfang an darauf bedacht, die Passion durch ausdrückliche Hinweise auf das AT als Erfüllung der prophetisch verstandenen Schrift und der diese weiterentwickelnden Enderwartung des zeitgenössischen Judentums verstehen zu lassen. Im Horizont des kerygmatisch und apologetisch ausgerichteten Anliegens, das göttliche Geheimnis der Sendung Jesu und der Heilsbedeutung seines Todes auch von gewissen Gesichtspunkten dieser eschatologischen Erwartung her zum Ausdruck zu bringen, sind die verschiedenen Zeichen zu sehen und zu verstehen, die den Evangelien zufolge die Kreuzigung Jesu begleiten und besonders mit dem Unglauben der Juden kontrastieren. Die bis zum Tode Jesu über das ganze Land sich ausbreitende apokalyptische ‘Finsternis’ (Am 8,9f) ist ein Symbol des anbrechenden Gerichts, das die ihren Messias dem Verbrechertod überantwortenden Juden treffen wird (Mk 15,33 par). Das plötzliche Zerreißen des Tempelvorhangs im Augenblick des Verscheidens Jesu (Mk 15,38 = Mt 27,41) ist Sinnbild des Endes des jüdischen Tempels und der nun erfolgten Versöhnung der Menschen mit Gott. (Finsternis und Zerreißen des Tempelvorhangs fehlen in der anders ausgerichteten Darstellung Joh 19, 36f) (71). Heute hat man die bedeutsame Rolle erkannt, die die verschiedenen Formen des Midrasch, der Lehrerzählung, in der Reflexion der biblischen Welt über Wahrheiten der Heilsgeschichte spielte. So darf man aufgrund der im Sonderstück Mt 27, 51-53 vereinigten Motive (Erdbeben, Bersten der Felsen, Auferstehung der Heiligen) annehmen, dass diese Darstellung von unserem mit dem atl-jüdischen Genus der Lehrerzählung vertrauten Evangelisten nicht als Schwierigkeit empfunden wurde. Mt 27,51-53 ist eine Form der Lehrerzählung, die nicht ein konkretes äußeres Geschehen beschreiben will, das sich so am Karfreitag abgespielt hätte. Sie will vielmehr im Anschluss an geläufige Bildmotive der zeitgenössischen Enderwartung im Dienste der Christusverkündigung die Heilstatsache und -wahrheit zum Ausdruck bringen: ‘Der am Kreuz starb, ist der verheißene Messias’. Es handelt sich um eine zeitgeschichtlich bedingte völlig legitime Aussageform der biblischen Welt, die auf dem Hintergrund der endzeitlichen Erwartung und mit Hilfe ihrer Vorstellungsmotive den Tod und die Auferweckung Jesu als das entscheidende Geschehen der endzeitlichen Erfüllung darstellt (VöA 72-74). Anhang L.M.: Seit meiner Bekehrung weiß ich, dass Jesus 'lebt'. Seit meiner Bekehrung ist Jesus mein Herr, meine Hilfe und mein Heil. Wie der Vorgang vom Tod zum 'Leben' zu denken ist, weiß ich nicht. Er ist nicht fotografierbar. Die Auferstehung Jesu war kein materielles Ereignis an Haut, Knochen und Sehnen. H. Kessler: Die Bildrede von der Auferweckung Jesu meint eine Wirklichkeit, die nur im Glauben verstehbar ist. Die Auferweckung Jesu ist kein von uns prüfbares Ereignis, also kein ‘historisches Ereignis’. Eine im Grab aufgestellte Videokamera hätte nichts aufgenommen. Gegenstand einer historischen Untersuchung kann nicht die Auferstehung Jesu selbst sein, sondern nur die durch die Ostererfahrung hervorgerufene radikale Wandlung in den Jüngern (Ke 302f). Ich glaube nicht an das leere Grab, sondern an den auferstandenen Herrn. Weil die Menschen vor 2000 Jahren den Vorgang vom Tod zum 'Leben' sich so mirakulös (leeres Grab) vorgestellt hatten, soll ich heute im 21. Jahrhundert glauben, dass Gott damals an Jesus so mirakulös (leeres Grab) gehandelt hat. Für mich ist das Grab Jesu 'voll' und sein Leichnam ist vermodert und verwest. (Bei Jesu Eingang in die unsichtbare Welt Gottes konnte er seine Haut, Knochen und Sehnen nicht mitnehmen). Niemand kommt zum Glauben an Jesus Christus, weil dessen Grab leer sein soll. Die Berichte vom 'leeren' Grab sind späte Legenden. Dass einer via Hinrichtung und nachfolgender Auferweckung / Erhöhung designierter Messias wird, war für jüdische Begriffe barer Unsinn. Nicht Jesu Tod war das eigentliche Skandalon, sondern dass dieser Jesus, der beanspruchte an Gottes Stelle zu handeln und zu sprechen, den Fluchtod am Schandpfahl gestorben war. Die Aussage, dass Gott diesen Jesus bestätigt habe, indem er ihn erhöht und ihn in gottgleiche Würdestellung versetzt habe, war Antwort auf das Skandalon. Der massive Auferstehungsrealismus (Lk 24) dient der Identität des Auferstandenen mit dem Gekreuzigten: "Ich bin es selbst". Ziel der Auferstehung ist die Wiederaufnahme, die Fortsetzung der Gemeinschaft mit den Jüngern (s. Text 19 c, 2.).
- Der älteste Bericht von den Erscheinungen Jesu (1Kor 15,4)
verbindet das Bekenntnis zur Auferweckung nicht mit der Geschichte von einem leeren Grab.
Meine Zukunftshoffnung ist 'Beim-Herrn-Sein'. Ob via 'Auferstehung der Toten' mit Haut, Knochen und Sehnen entsprechend der damaligen jüdischen Vorstellung oder via 'Unsterblichkeit der Seele' - für mich sind das nur Bilder. Pneumatischer Leib oder leibliche Seele? Einzig entscheidend ist für mich das Beim-Herrn-Sein der Toten in Christus. Baumert, Norbert, Maranatha – Gegenwart und Ankunft des Herrn in: Geist und Leben 58, 1985 (referiert in wörtl. Anlehnung) Brunner, Emil, Die christliche Lehre von Schöpfung und Erlösung, 19602 Grass, Hans, Ostergeschehen und Osterberichte, 19622 (referiert in wörtl. Anlehnung) Greshake, Gisbert, Neue Denkversuche in der kath. Theologie der Gegenwart, in: ders. (Hg), Naherwartung, Auferstehung, Unsterblichkeit, 31978 (referiert in wörtl. Anlehnung) Harnack, Adolf von, Die Verklärungsgeschichte Jesu, der Bericht des Paulus (1Kor 15,3ff) und die beiden Christusvisionen des Petrus, in: Sitzungsberichte der preussischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, 1922 (referiert in wörtl. Anlehnung) Hirsch, Emanuel, Zum Problem des Osterglaubens, in: Th LZ 65,1940 Kessler, Hans, Jenseits von Fundamentalismus und Rationalismus, in: ders. (Hg), Auferstehung der Toten, 2004, 307f
Marxsen, Willi, Die Auferstehung Jesu als historisches und theologisches Problem, 1964, 20
Meyer, Eduard, Ursprung und Anfänge des Christentums II, 156 Thüsing, Wilhelm, Erhöhungsvorstellung und Parusieerwartung in der ältesten nachösterlichen Christologie, 1969 (referiert in wörtl. Anlehnung)
Vögtle, Anton,
Was heißt “Auslegung der Schrift”?
in: Wilfried Joest u.a., Was heißt Auslegung der Heiligen Schrift?, 1966
(referiert in wörtl. Anlehnung)
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