2 b.

Forts. Der Osterglaube


II. Ostergeschehen und Osterberichte

1. Der Bericht des Paulus (1Kor 15,3-11) und die Bedeutung der Verklärungsgeschichte für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus
    a. Der Bericht des Paulus (1Kor 15,3-11)
    b. Die Bedeutung der Verklärungsgeschichte Jesu für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus
2. Das leere Grab und die Auferstehungsleiblichkeit
    a. Paulus und das leere Grab
    b. Die Grablegungsgeschichte
    c. Ergebnis und theologische Folgerungen
3. War das Grab Jesu leer?
4. Die Engelerscheinung der Grabesgeschichte (Mk 16, 1 - 8 par)

2 c.

III. Gegenwart und Ankunft des Herrn

1. Argumente für den Glauben der ältesten Gemeinde
2. Nachösterliche 'Transformation' der Verkündigung
3. Maranatha
4. "Siehe ich bin bei euch alle Tage..." (Mt 28,20)

IV. Anhang: Die Auferstehung der Toten - ein Denkmodell neben anderen

1. Ansatz der Eschata im Tod
    a. Die Vorstellung von der individuellen Auferstehung im Tod
2. Vermittlung von Geschichte und Vollendung in der Zuordnung der Denkmodelle: Unsterblichkeit der Seele und ‘leibliche’ Auferstehung
3. Das Sonderstück Mt 27,51b-53



II. Ostergeschehen und Osterberichte


1. Der Bericht des Paulus (1Kor 15,3-11) und die Bedeutung der Verklärungsgeschichte für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus
A. von Harnack


a. Der Bericht des Paulus (1Kor 15,3-11)


Ich habe euch übergeben, was auch ich empfangen habe:

(1) “dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften und
dass er begraben worden ist und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag gemäß den Schriften und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.

(2) Danach ist er gesehen worden von mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch leben bis jetzt, einige aber sind entschlafen.

(3) Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

(4) Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer Fehlgeburt gesehen worden... Ob also ich, ob jene, so verkündigen wir und so seid ihr gläubig geworden“.


(1) Die älteste Tradition (Vv 3-5): Die zwei Hauptsätze sind durch 'gemäß den Schriften' hervorgehoben. Sie bezeugen die beiden entscheidenden Tatsachen, auf die sich der Christusglaube gründet: Tod und Auferstehung. Das Begräbnis stellt den wirklichen Tod und die Vision stellt die wirklich erfolgte Auferstehung sicher. Somit erhalten beide Stücke (gestorben und auferweckt) je eine doppelte Ausführung: sie sind schriftgemäß, d.h. geweissagte Tatsachen, und sie sind durch Begräbnis bzw. Vision gesicherte Tatsachen (63f).

(2) Mit V 6 beginnt die Aufzählung einer Reihe von Visionen, die nicht zur überlieferten Formel gehörten. Die Visionen des Kephas und der Zwölfe gehören nach Galiläa. Die Vision “der mehr als 500 Brüder auf einmal“ (V 6) muss mit der Pfingstgeschichte identisch sein.* Lukas leitet von diesem Ereignis die Stiftung der Kirche ab (die bisher im Jüngerkreis nur präformiert war). Paulus setzt die Bedeutung des Vorgangs den apostolischen Erlebnissen gleich. Es ist schwer ersichtlich, wie Paulus sagen konnte, dass die Mehrzahl derer, die die Vision erlebt haben, noch am Leben sei, wenn sie nicht einer Gemeinde angehört haben. Wie war sonst eine Kontrolle über Lebende und Verstorbene möglich? Man hat sie gezählt, man behielt sie im Auge und man 'buchte' es, wenn sie starben (65).

“erschienen dem Kephas, dann den Zwölfen“ (V 5)
“erschienen dem Jakobus, dann allen Aposteln“ (V 7)

Die beiden Sätze erscheinen in formelhafter Parallele und jede trotz der Zweigliedrigkeit als eine Einheit. Das muss seinen Grund in dem Verhältnis haben, in dem jedesmal die Vision der ganzen Gruppe zu der des einzelnen gestanden hat (66).

Die beiden Formeln müssen schon zur Zeit des Paulus Rivalen gewesen sein. Keine der beiden Parteien, die sie verkündigten, brauchte dabei der anderen abzusprechen, dass auch Jakobus bzw. Petrus eine eigene Christusvision gehabt haben. Aber welche Vision die sachlich grundlegende und der Apostelvision vorangegangene gewesen sei, darauf kam es jeder Partei an. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Transposition von Petrus auf Jakobus schon bei den Jakobusleuten vollzogen war, als Paulus seinen Brief schrieb. Zu Paulus sind beide Formeln gekommen. Paulus hat die Petrusvision, wie sich's gebührt, vorangestellt und ihr die Jakobusvision folgen lassen. Indem er aber die rivalisierenden Formeln der Petrusleute und der Jakobusleute einsetzte, um die Zeugnisse in ihrer kürzesten und bekanntesten Gestalt wiederzugeben, ergab sich die Verdoppelung der Apostelvision (67f).

Exkurs: Die Verdrängung des Petrus als des ersten Zeugen der Auferstehung
Im Joh-Ev wird den Lesern gesagt, die Erscheinung Jesu vor Petrus sei die dritte gewesen (Joh 21,14). Das Mt-Ev hat sowohl die Petrus- als auch die Jakobusvision gestrichen und dafür eine Vision der Frauen eingeführt, auf die dann die Apostelvision folgt. Nach Johannes ist Maria Magdalena die erste Zeugin der Auferstehung gewesen (Petrus und Johannes haben nur das leere Grab konstatiert). Dann erfolgt die Erscheinung vor den Aposteln. Auch hier ist Jakobus ganz unterdrückt. Petrus kommt nur für das leere Grab in Betracht. Dann wird seine Vision an die 3./4. Stelle gerückt. Das Hebr-Ev hat die Jakobusvision an die erste Stelle gerückt und ihr die Visionen der Apostel folgen lassen. Eine Vorstellung von dem Verhältnis 'der um Jakobus' und 'der um Kephas' ergibt sich aus Gal 2,12 (69f). Dennoch blieben Jakobus, Kephas und Johannes (Gal 2,9) (69f).


Die Art der Christuserlebnisse

(1) Paulus braucht durchweg für sie den Ausdruck 'ophthe'. Dieses 'ophthe' entspricht der atl Verheißung, wie man Gott erleben wird, und der Verheißung Christi in Bezug auf das Erlebnis der Erscheinung des Menschensohnes in Herrlichkeit (Mt 24,30; 26,64; Mk 13,26; 14,62; Lk 21,27; Joh 16,16f; Offb 1,7 usw.). Es handelt sich um eine Vision, ein reines Schauen. Es überschreitet die Grenze des Sehens nicht. Paulus kennt nach unserem Bericht die Christuserlebnisse nur als Schauungen (ebenso Lk 24,34). Erst auf der nächsten Traditionsstufe verwandelt sich 'ophthe' in 'phainomai' oder 'phaneroo', welche alle möglichen Arten des Christuserlebnisses offenlässt, die nun auch gezählt werden (Mk 16,9.12.14; Joh 21,1.14) (70).

(2) Die Begleiter des Paulus auf dem Weg nach Damaskus haben nichts gesehen und nichts gehört. Nur ihr zusammengebrochener und umgewandelter Führer stand vor ihnen. Also war das Christuserlebnis des Paulus objektiv ein rein innerliches, eine Schauung, wie er sie selbst bezeichnet. Ist der Charakter des Christuserlebnisses des Paulus klar, so folgt für Paulus, dass auch die Christuserlebnisse des Petrus, Jakobus usw. diesen Charakter gehabt haben. Sie waren Visionen nicht des Menschen Jesus oder des Gekreuzigten, sondern Vision Jesu als des Menschensohnes in Herrlichkeit, denn so lautete die Verheißung und darauf richteten sich die Erwartungen (71).

(3) Das Erlebnis der 500 Brüder und die Pfingstgeschichte sind identisch.* Der Vorgang ist allgemein als Christusmanifestation empfunden und bezeichnet worden, bei der alle Teilnehmer die Glorie des Herrn gesehen oder gespürt zu haben sich bewusst waren, denn immer handelte es sich bei allen Schauungen um den Kyrios in Herrlichkeit (71).

(4) Paulus bezeichnet seine Schauung des Auferstandenen als die letzte. Er schließt seinen Bericht V 11: “Ob also ich, ob jene, so verkündigen wir, und so seid ihr gläubig geworden“. Paulus hat hier nicht nur das Evangelium im Auge, sondern auch seine Kraft, die es zur Gründung der Kirche gebracht hat. Hierfür kommen nach seinem Urteil nur Petrus, die Zwölfe, Jakobus und er selbst in Betracht, dazu jene große Versammlung, in der sich der Jüngerkreis zur Kirche Gottes umgestaltet hat, die Gemeinde der 'Erstlinge'. Sie alle (und nur sie) haben die Glorie des Auferstandenen in einer Schauung erlebt, die sie zu Grundsteinen der Kirche Gottes machen sollte. Die ihnen geschenkte Schauung galt nicht nur ihrer Person, sondern dem Bau des Reiches Gottes. Dann aber ist Paulus der letzte, denn mit seiner Berufung als Heidenapostel ist alles, was zur Grundlegung nötig ist, erfüllt (71f).


b. Die Bedeutung der Verklärungsgeschichte Jesu für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus

Die Verklärungsgeschichte Jesu (Mk 9,2ff) wird als wirkliche Vision des Petrus verteidigt und ihre Bedeutung für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus (1Kor 15,5; Lk 24,34) unter Berücksichtigung von 2Ptr 1,16-18 nachgewiesen.

Petrus hat als erster nach der Kreuzigung Jesu eine Christusvision erlebt. Von dieser Schauung her hat der Glaube an Jesus als den Auferstandenen seinen Anfang genommen, ihr sind die Visionen der anderen gefolgt (die erste Vision hat kausierend gewirkt). Dieser Schauung verdankt es Petrus, dass er auch nach seiner Verleugnung das Haupt der Christenheit geblieben bzw. wieder geworden ist (72).

Eduard Meyer schreibt: “Aus der Verklärung sind die Auferstehung und die Erscheinungen des Auferstandenen erwachsen. Sie ist die Wurzel des Christentums. Um ihretwillen sind die Drei** die Säulen und die ersten Oberhäupter der sich bildenden Kirche“. Statt Auferstehung ist präziser Auferstehungsglaube zu sagen. “Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29) (73).

Die Verklärungsgeschichte gehört aufs engste zum Bericht über das Petrusbekenntnis (Mk 8,27 – 9,8). Petrus hat sein Bekenntnis auf dem Weg nach Cäsarea Philippi abgelegt. Sechs Tage später (Mk 9,2) hat die Verklärungsvision stattgefunden. Dem Petrusbekenntnis folgt nicht eine hohe Belobigung (wie Mt 16,17), vielmehr verbietet Jesus die Weitererzählung. Dann aber wird berichtet, dass er bald darauf Petrus aufs härteste angefahren habe: “Weg von mir, Satan“ (Mk 8,33), als dieser ihn vom Leidensweg abführen wollte (wer kann diese für Petrus so beschämende Geschichte berichtet haben, wenn nicht er selbst?). Die Verklärungsgeschichte erlebt trotz der sachlich engen Beziehung zu seinem Bekenntnis nicht Petrus allein, sondern auch Jakobus und Johannes, obwohl sie in der Erzählung nur Statisten sind (hätte ein Erfinder nicht diese beiden fortgelassen oder sie irgendwie beteiligt?). Dem Petrus wird in der Erzählung ein Wort in den Mund gelegt, das der Erzähler mit dem härtesten Urteil abtut: “Er wusste nicht, was er sagte, denn sie waren völlig bestürzt“ (Mk 9,6) (wer kann der Urheber dieser schonungslosen Kritik sein als Petrus selbst?). Worte, die Jesus mit Elias und Moses gesprochen hat, werden nicht berichtet. Der Erzähler sah sie nur zusammen sprechend. Die Stimme Gottes (aus der Wolke), die bei der Vision gehört wurde, enthielt nichts anderes, als was Petrus schon wusste, weil er es selbst sechs Tage vorher bezeugt hatte, nämlich dass Jesus der Messias sei (74f).

Petrus lebte seit dem Tag von Cäsarea Philippi in dem Gedanken, der Rabbi Jesus ist der Messias. Die zwei anderen, sich ganz passiv verhaltenden Jünger (Johannes und Jakobus) haben wahrscheinlich nichts gesehen (wie die Begleiter des Paulus bei dessen Vision) (75).

Indem Petrus Elias und Moses neben dem Messias sieht und jedem der drei eine Hütte bauen will, beweist er, dass er noch auf jenem Standpunkt messianischer Hoffnung stand, der später in der Urgemeinde nicht mehr galt und auch in keiner Auferstehungsvision mehr zum Ausdruck kommt. Der leidende und sterbende Messias hat nichts mehr mit Elias und Moses zu tun. Er hebt diese Vorstufen nicht auf, sondern schließt sich ihnen an. Man hat allen Grund zum Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der Berichterstattung auch an diesem Punkt, da von Leiden und Sterben nicht die Rede ist. Weil Jesus das Bekenntnis zu seiner Messianität bestätigt hatte, musste Petrus bei seiner noch beschränkten Auffassung annehmen, die sichtbare Aufrichtung des irdischen Reiches werde nun sofort stattfinden. Die Verklärungsvision ist nichts anderes als die visionäre Antizipation der Ouverture dieser Judenhoffnung. Deshalb 'sah' Petrus Elias und mit ihm auch Moses, weil er glaubte, sie würden zusammen mit Christus das Reich sofort aufrichten (75f).

Die Verklärungsgeschichte ist in ihrer Paradoxie und spröden Einzigartigkeit, in ihrer Verknüpfung mit dem Petrusbekenntnis und als schwer erfindbare Erzählung als Erlebnis des Petrus anzuerkennen (77).

Dann aber gewinnt der Vorgang eine außerordentliche Bedeutung. Als die Katastrophe der Kreuzigung hereingebrochen war und Petrus sich nicht nur an Worte Jesu und den tiefen Eindruck seines irdischen Lebens zu klammern brauchte – das schien alles Lügen gestraft zu sein - , stand ihm eine über den Kreuzestod schon im voraus triumphierende Erinnerung zu Gebote. Er hatte Jesus als Messias in himmlischer Glorie einst auf dem Berg gesehen. Dies war ihm eine Tatsache. Aus dieser Tatsache heraus überwand sein neu aufkeimender Glaube alle Zweifel und ließ ihn eine zweite Vision des Herrn in der Glorie erleben. Die erste Christusvision hatte sein Bekenntnis und die Bejahung durch den Meister zur Voraussetzung. Jetzt kam sie seinem verlöschenden Glauben zu Hilfe. Der, der da gekreuzigt war, stand allein in seiner Herrlichkeit vor ihm. Es war derselbe, den er einst auf dem Berg geschaut hatte (77f).

2Ptr 1,16-18: “Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren“.

'Petrus' erinnert seine Leser daran, dass er ihnen die Macht und Parusie Christi auf Grund bester Versicherung kundgetan habe, nämlich auf Grund eigener persönlicher Erlebnisse. Zu diesem Zweck beginnt er mit der Verklärungsgeschichte, verweilt aber bei dieser solange und ist von ihrer Bedeutung für seine Zwecke so überzeugt, dass er auf die Fortsetzung, auf die es eigentlich ankam, nämlich auf die Auferstehungsschauung, verzichtet. Schon das Gesagte scheint ihm genug, um damit den Satz zu begründen, dass das prophetische Wort (der heiligen Schriften von der Auferstehung und der göttlichen Erscheinung Christi) durch die erlebte Wirklichkeit gesichert und der Glaube an den herrschenden Christus fundamentiert sei (78f).

'Petrus' beruft sich zur Begründung der Herrlichkeit des erhöhten Christus auf die Verklärungsgeschichte (er begnügt sich sogar mit ihr). Vermutlich hat Petrus sich bei seinen Predigten auf sein Verklärungserlebnis gleichwertig neben sein Erlebnis der Vision des Auferstandenen berufen, für ihn gehörten sie zusammen (79).

Petrus hat zwei Visionen erlebt, eine vor und eine nach der Kreuzigung. Die zweite stand mit der ersten in engstem Zusammenhang und ist durch sie mit ermöglicht worden. So wunderbar es ist, einen noch lebenden Menschen in himmlischer Glorie zu schauen, so ist es noch viel wunderbarer, einen am Kreuz Gestorbenen in dieser Herrlichkeit zu sehen. Die erste Vision hat eine der wichtigsten Voraussetzungen für die zweite geschaffen. Beide haben sich später in der Seele des Petrus gleichsam verschmolzen. Von ihnen sind dann die Erlebnisse der anderen in Bezug auf den auferstandenen Christus ausgegangen. Die Anerkennung Jesu als des Messias ist eine Folge des Eindrucks der Person und des Wirkens Jesu gewesen. Sie ist die tiefste Wurzel des Christentums (80).


2. Das leere Grab und die Auferstehungsleiblichkeit
H. Grass


Das Zeugnis der Urchristenheit lautete: “Der Herr ist wahrhaftig auferstanden“. Die Ostergeschichten der Evangelien wollen die Leibhaftigkeit der Auferstehung beweisen. Nicht ein Geist, sondern einer, der “Fleisch und Bein“ hatte, erschien (Lk 24,37ff; Joh 20,20.27; Mt 28,9 usw.). Die Geschichten vom leeren Grab werden erzählt, um die Leibhaftigkeit der Auferstehung zu unterstreichen (92).

Es ist bemerkenswert, dass in sämtlichen Reden der Apg niemals von dem am Verkündigungsort vorhandenen leeren Grab, das die Jerusalemer Hörer doch hätte beeindrucken müssen, die Rede ist. Wenn aber selbst der Verfasser der Apg, der in Lk 24,1ff von der Auffindung des leeren Grabes berichtet hat, seiner Darstellung der urgemeindlichen Verkündigung keine Argumentation mit dem leeren Grab einfügt, dann erweckt das den Verdacht, dass die Verkündigung des leeren Grabes nicht zu den ältesten Bestandteilen der christlichen Botschaft gehört hat (145f).


a. Paulus und das leere Grab

Nirgends argumentiert Paulus mit dem leeren Grab (147).

(2Kor 5,1) “Denn wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. (2) denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, (3) weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. (4) Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben“.

Der Christ, der irdischen Leiblichkeit im Tode entkleidet, erhält die himmlische Leiblichkeit bei seiner Auferstehung, die mit der Parusie zusammenfällt. Die Vorstellung von dem im Himmel befindlichen Gewand setzt voraus, dass es zur Herstellung der neuen Leiblichkeit der Elemente der alten nicht bedarf. Die Gräber brauchen von ihr nicht geleert zu werden. Das totaliter – aliter der Auferstehungsleiblichkeit ist radikal gedacht, indem zwar eine Kontinuität zwischen dem Menschen, der den alten Leib trägt, und dem Menschen, der mit dem neuen Leib bekleidet wird, besteht, aber es besteht keine Kontinuität zwischen der alten und der neuen Leiblichkeit. Während die eine im Grab zerfällt, ist die andere bereits im Himmel fertig da und wartet auf ihren Träger (163).

Konnte Paulus unter dem Einfluss gnostischer Vorstellungen von dem im Himmel bereiteten Auferstehungsleib die traditionelle jüdische Auferstehungslehre soweit modifizieren, dass der neue Leib nicht als verwandelter alter aus dem Grab hervorgeht, sondern dass ein Übergang in einen ganz anderen himmlischen Leib stattfindet, dann wird man bei ihm auch kein sonderliches Interesse an der Frage voraussetzen dürfen, ob durch die Auferstehung die Gräber leer werden. Das lässt vermuten, dass auch bei der Auferstehung Christi sein Interesse sich nicht auf die Frage nach dem leeren Grab richtete, sondern auf die eschatologische Wirklichkeit des Auferstandenen, auf das 'soma tes doxes', auf den Leib der Herrlichkeit (164).

Röm 8,11: “Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist“. Hier ist von Eschatologie und Auferstehung der Leiber nicht die Rede, sondern gemäß dem vorangehenden V 10 von einem Erwecktwerden zu einem Leben in Gerechtigkeit, das den Christen hier und jetzt durch den in ihnen wohnenden Geist ermöglicht ist. Es wäre eine neue seltsame Vorstellung, dass die Auferweckung von den Toten durch den “in euch wohnenden“ Geist geschehen soll. Für Paulus wie allgemein im Judentum ist die Auferweckung Sache Gottes (165).

Paulus spricht von der Auferweckung Christi, ohne eine nähere Bestimmung zu geben, wie diese Auferstehung zu denken sei und welche Rolle dabei der alte Leib Christi spielt (166).

Phil 3,20f: “Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel, woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann“. Wie Christus nach der Niedrigkeit die doxa erhielt, so werden auch die Christen sie erhalten. Die Verwandlung ist eine vollständige. Beide Leiblichkeiten sind so verschieden wie die Welt der Vergänglichkeit von der Welt der doxa. Der Begriff 'verwandeln' lässt alle Möglichkeiten über die Art der Verwandlung offen. Ob es sich um eine Bekleidung des Selbst mit dem bereits im Himmel bereiteten Leib handelt oder um eine Umschaffung der alten Leiblichkeit, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden, so gewiss das erste Verständnis dem Wortlaut näher liegt (166f).

Was die Welterneuerung anbetrifft, so gehen in der spätjüdischen Literatur verschiedene Anschauungen nebeneinander her. (1) Es findet kein eigentlicher Untergang der Welt statt, sondern nur eine verklärende Umwandlung der alten Welt, die von aller Sünde und ihren Folgen gereinigt wird. (2) Die Welt sinkt entweder in das Schöpfungschaos zurück und aus der chaotischen Masse wird die neue Welt gestaltet, oder (3) die Welt wird völlig vernichtet durch einen Weltenbrand, und eine völlige Neuschöpfung eines neuen Himmels und einer neuen Erde findet statt. Ebenso steht es in der rabbinischen Literatur. Einige Lehrer lehnen den Untergang der Welt ab und verstehen unter Welterneuerung eine reinigende Umwandlung. Andere lassen die Welt in einem wüsten Zustand zurück, aus dem sie wiederersteht. Eine dritte Gruppe lässt die Welt wirklich untergehen und einen neuen Himmel und eine neue Erde durch Gottes Schöpfertat erstehen (169).

Gegen die erste Auslegung erheben sich Bedenken. Mit dieser Anschauung von einer nicht radikalen Umwandlung der Welt verbinden sich im Spätjudentum und bei den Rabbinern die phantastischen Vorstellungen von einem durch und durch irdisch gedachten Endzustand. Es ist unmöglich, Paulus damit in Verbindung zu bringen (169).

1Kor 7,31: “Die Gestalt dieser Welt vergeht“ (s. Hebr 1,10-12; Ps 102,26ff; Jes 51,6; 34,4; Mk 13,31 parr). Es findet nicht nur eine Reinigung der durch den Fall des Menschen verunstalteten Welt statt, sondern auch sie kommt in Tod und Gericht, um als neu geschaffene daraus hervorzugehen. Das totaliter – aliter, das Paulus in 1Kor 15,35ff von der Auferstehungsleiblichkeit lehrt, gilt auch von ihr. Ein messianisches Zwischenreich auf dieser Erde schließt eine wirkliche eschatologische Verwandlung der Gläubigen aus (171).

Weil es aber wirklich eine neue Welt ist und nicht bloß die reparierte alte Welt, darum ist es auch nicht möglich, aus dem 'in der Welt sein' der Auferstandenen zu folgern, dass ihre neue Leiblichkeit aus den Elementen der alten gebildet sein müsse. Sie vergeht mit den Elementen der alten Welt, um einer neuen Schöpfung Platz zu machen.

“Die Erlösung unseres Leibes“ (Röm 8,23) ist sowohl Erlösung vom Leibe wie Erlösung des Leibes. Erlösung vom Leibe, sofern darunter der 'sterbliche Leib' verstanden ist. Erlösung des Leibes, sofern auch der neue Mensch seine individuell bestimmte eschatologische Leiblichkeit haben wird, in der er gleichgestaltet sein wird dem Bild des Sohnes Gottes (Röm 8,29).

Durch keine dieser Aussagen werden wir dazu genötigt, dass die alte im Grab liegende Leiblichkeit zur Bildung der neuen Leiblichkeit dient. Paulus hat sich, indem er die neue Leiblichkeit radikal als neue Leiblichkeit fasste, von der vulgären jüdischen Auffassung, welche die Wiederbelebung der alten Leiblichkeit glaubte, weitgehend gelöst (171).

Es ist auffällig, dass Paulus auf die Frage: “Wie werden die Toten auferstehen“ (1Kor 15,35ff), nicht auf seine Christusbegegnung vor Damaskus zurückgreift. Warum sagt er nicht: So sah er aus, ich sah ihn in dieser und dieser Gestalt, sein Gesicht leuchtet wie die Sonne, und seine Kleider waren weiß wie ein Licht (vgl. Mt 17,2), er trug die Leidensmale an sich? Diese seine Herrlichkeitsgestalt, wie ich sie sah, vermag euch eine Vorstellung zu geben, wie die Auferstehungsleiblichkeit der Christen einst sein wird. Vergleicht man die Schilderungen der Evangelien mit den Äußerungen des Paulus, dann wissen sie sehr viel genauer, wie der Herr aussah, er hatte Hände und Füße zum Betasten, Wundmale, vollzog Handlungen (Essen) wie die Irdischen und redete mit den Jüngern, wie einst der Irdische mit ihnen geredet hatte. Dagegen verzichtet Paulus auf jedes 'so sah ich ihn' (172).

Paulus hat sich das Grab Jesu aus dogmatischen Gründen leer gedacht. Der Annahme, dass er sich historisch dessen vergewissert habe, dass er in Jerusalem Nachforschungen darüber angestellt habe, selbst an das Grab gepilgert sei, steht entgegen, dass seine ganze Auferstehungsverkündigung kein Interesse am leeren Grab zeigt. Seine Gewissheit, der Herr ist auferstanden, bedurfte der Vergewisserung durch das leere Grab nicht, sondern gründete sich in der ihm gewordenen Erscheinung des Herrn. Hätte seine Auferstehungsverkündigung der Stütze des leeren Grabes bedurft, dann wäre nicht verständlich, wie Paulus in 2Kor 5,1 den pneumatischen Leib als einen im Himmel bereiteten von dort her erwarten kann, statt ihn als eine von Gottes Wundertat wiederbelebte und verwandelte alte Leiblichkeit zu erwarten. Wenn die Leerung der Gräber conditio sine qua non seines Auferstehungsglaubens war, dann hätte er schwerlich die Aussage 2Kor 5,1 machen können (172f).


b. Die Grablegungsgeschichte

Nach rabbinischen Zeugnissen wurden Hingerichtete nicht in den Gräbern ihrer Väter begraben, sondern in vom Gerichtshof bereitgestellten gemeinsamen Gräbern. Denn einen Gottlosen begräbt man nicht neben einem Gerechten (179).

Nach Mk 15,42ff müsste man annehmen, dass ein Ratsherr Joseph, der die Haltung des Synhedriums Jesus gegenüber nicht teilte, zum Statthalter vordringen konnte und die Freigabe der Leiche Jesu von ihm erreichen konnte. “(Er) fasste sich ein Herz, ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu“ (15,43b). Man müsste annehmen, dass Joseph mit einem kleinen Kreis von Helfern ohne Rücksicht auf den Feiertag die auch bei einer hastigen Bestattung beträchtlichen und Zeit erfordernden Arbeiten auf sich nahm. So konnte es nicht verborgen bleiben, wo das Grab sich befand, sobald durch die Auferstehungsverkündigung bei den Anhängern und dann auch bei den Feinden Jesu Interesse dafür entstand.

In Apg 13,29 sagt 'Paulus': “Ohne irgendeine todeswürdige Schuld zu finden haben sie von Pilatus gefordert, er solle ihn hinrichten. Nachdem sie aber alles, was über ihn geschrieben steht, vollbracht hatten, nahmen sie ihn vom Holz herab und legten ihn ins Grab. Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt“. Hier erscheint die Kreuzabnahme und Bestattung als eine Handlung, die die Jesus feindlichen Bewohner von Jerusalem und ihre Obersten vollbracht haben. Sie war ihre letzte böse Tat, bevor durch Gottes wunderbares Eingreifen die große Wendung herbeigeführt wurde. Hier fehlt noch jeder verklärende Schimmer, wie er bereits über der Erzählung von der Bestattung durch den frommen, auch auf das Reich Gottes wartenden Ratsherrn Joseph liegt (179).

In Joh 19,31 schimmert noch eine Tradition durch, dass die Kreuzabnahme und Beiseiteschaffung der Leichname auf Wunsch der Juden durch die Römer geschah: “Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über..., baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden“. Deshalb ist zu vermuten, dass die Grablegung durch Joseph von Arimathia nicht die älteste Tradition darstellt. In Apg 13,29 sind es die Juden, die Jesus ins Grab legen, während man nach Joh 19,31 die Römer vermuten müsste (179f).

Hat die Beiseiteschaffung des Leichnams Jesu wirklich durch seine Feinde stattgefunden, dann wäre die Tradition so gewachsen: Jesus wurde nach Art der Hingerichteten in ein gemeinsames Grab gelegt. Das ertrug man alsbald nicht mehr, wusste aber, dass keiner der Seinen ihm den letzten Liebesdienst getan hatte und erweisen konnte. Ein Fremder hat es getan und seinen Leichnam vor der letzten Schande bewahrt. Es konnte nun kein unbedeutender Fremder sein, sondern einer, der einen Schritt bei der Gerichtsbehörde wagen konnte, es musste ein Ratsherr sein. Der Name wurde hinzuerfunden und allmählich wurde aus dem frommen Fremden ein heimlicher (Joh 19,38) oder gar ein offener (Mt 27,57) Jünger Jesu, einer, der den Rat und die Tat des Synhedriums nicht billigte (Lk 23,51), einer, der nicht nur Jesu, sondern auch des Pilatus Freund war (Ptr-Ev 3) (180).

Es ist das Fehlen jeglicher Argumentation mit dem leeren Grab im ältesten Kerygma, was die Annahme erschwert, dass die Urchristenheit das Grab Jesu kannte (181).

Nach Mk 15,47 waren neben Joseph von Arimathia noch zwei Frauen zugegen bei der Grablegung Jesu: “Maria von Magdala aber und Maria, die (Mutter) des Joses, schauten zu, wo er beigesetzt war“. Dieser Vers klingt wie ein Nachtrag zur Grablegungsgeschichte und wie eine redaktionelle Überleitung zu der daran anschließenden Geschichte von der Auffindung des leeren Grabes. Hatte die Gemeinde in den Frauen die einzigen Augenzeugen der Kreuzigung Jesu, während der Jüngerkreis bereits geflohen war, dann lag es nahe, sie auch zu Augenzeugen der Geschichten zu machen, die man sonst noch vom Ausgang der Geschichte Jesu zu erzählen wusste (181).

Das Erschrecken der Frauen (Mk 16,5f.8) ist mit der Engelerscheinung verbunden. Als die Frauen das geöffnete Grab erblicken, treten sie ein, ohne dass von einem Schrecken berichtet wird. Aber wie sie dort den Jüngling im leuchtenden Gewand sitzen sehen, da erschrecken sie. Als dieser ihnen die unerhörte Botschaft gesagt hat, fliehen sie entsetzt. Nicht das leere Grab, sondern die Nähe des Göttlichen lässt sie erschrecken. Die Furcht der Frauen am leeren Grab stammt nicht aus historischer Erinnerung an den überstandenen Schrecken, sondern gehört zum Stil solcher Erzählungen. Aus diesem Zug ist die Historizität des leeren Grabes nicht zu sichern. Die Vermutung, dass es sich bei dieser Geschichte um eine spätere Glaubenslegende handelt, hat sich bestätigt. Die Auffindung des Grabes hängt nur an der Legende vom Besuch der Frauen am Grab am Ostermorgen (182f).


c. Ergebnis und theologische Folgerungen


Die Auseinandersetzungen über den Verbleib des Leichnams können sich an eine erst später auftretende realistische Ostertheologie, die an das leere Grab glaubte, angeschlossen haben (184).

Es muss die Möglichkeit offen bleiben, dass Jesus nicht nur von den Seinen verlassen gestorben ist, sondern dass sich auch keiner fand, der ihm den letzten Liebesdienst einer ordnungsgemäßen Bestattung erwies, dass auch das, was wir heute in den Evangelien über die liebende Fürsorge um seinen Leichnam lesen, sich erst langsam in der Tradition bildete, als man die Schmach nicht mehr ertrug, dass ihn alle verließen und er von allen verlassen war. Es muss weiter die Möglichkeit offen bleiben, dass, als die Jünger nach Wochen (frühestens wohl am Pfingstfest) nach Jerusalem zurückkehrten und mit der Verkündigung vom auferstandenen Herrn begannen, keine sichere Auskunft über den Verbleib des Leichnams mehr zu erhalten war, dass ein Nachforschen von Freund und Feind vergeblich blieb, von den Freunden allerdings auch nicht mit besonderem Eifer betrieben wurde, weil man des auferstandenen Herrn durch die Erscheinung gewiss war.

Wie der Auferstehungsglaube der Jünger nicht am leeren Grab entstand, sondern durch die Begegnung mit dem Auferstandenen in Galiläa, so hat sich ihre Auferstehungsbotschaft ursprünglich nicht auf den Aufweis des Grabes gestützt, sondern auf die Erfahrung des lebendigen Herrn. Erst eine spätere Zeit, die über die Auferstehungsleiblichkeit sehr viel realistischer dachte als Paulus (für die Urapostel dürfen wir dasselbe vermuten), war an dem leeren Grab direkt interessiert (184).

Paulus stellt in 1Kor 15,35ff das totaliter – aliter der Auferstehungsleiblichkeit und in 2Kor 5,1 den von Gott im Himmel bereiteten Leib heraus.

Es besteht zwar personhafte Identität zwischen dem irdischen und dem eschatologischen Ich, aber es besteht nicht notwendig eine Kontinuität zwischen irdischem und himmlischen Leib, so dass dieser durch Verwandlung aus den Elementen jenes entstanden sein muss. Was wäre das für eine seltsame Vorstellung, die freilich im Judentum weit verbreitet ist, dass Gott die Elemente der längst vergangenen Leiblichkeit wieder aus Staub und Asche zusammensammeln und zur Gestaltung der neuen Leiblichkeit benutzen sollte. Die Leibhaftigkeit unserer Auferstehung... fordert nicht, dass unsere Gräber leer werden: Gott weckt uns auf zu neuer Leiblichkeit, nicht unseren verwesten Leib.

Auch bei Jesus fordert die Leibhaftigkeit seiner Auferweckung aus dem Tod und die Identität mit ihm selbst, in der ihn seine Jünger sahen, nicht das leere Grab. Gott brauchte das Grab nicht leer zu machen, um sein Osterwunder zu tun. Gott konnte auch Jesus einen Auferstehungsleib geben, ohne die Elemente seiner irdischen Leiblichkeit einzubeziehen. Er konnte die Jünger auch ohne aufweisbares leeres Grab der Auferstehung des Herrn gewiss machen und er hat das getan, denn der Osterglaube ist fern von der Grabstätte und unabhängig von ihr entstanden. Die historische Wirklichkeit des leeren Grabes ist nicht ein articulus stantis et cadentis resurrectionis. Die kann und darf nicht als conditio sine qua non des Auferstehungsglaubens dogmatisch postuliert werden (185).

Auch Emil Brunner erklärt das leere Grab für sekundär. Er schreibt: “Das Gewichtlegen auf das leere Grab hatte zur Folge jene aus dem Mittelalter uns bekannte Auffassung von der Auferstehung des Fleisches mit ihrer Gräberdramatik des Jüngsten Tages, die auch schon in das Apostolicum hineingekommen ist“ (185, A3).

Schon das älteste Osterzeugnis ist bei aller unmittelbaren Nähe zum Geschehen bereits ein menschlicher Versuch das Geheimnis auszusagen in den Vorstellungsformen der damaligen Zeugen. Alles, was im ntl Osterzeugnis berichtet wird, reduziert sich uns auf die schlichte Tatsache: Gott hat Christus nicht im Tode gelassen, er hat ihn zum neuen Leben erweckt und zu sich erhöht. Und er hat einem erwählten Jüngerkreis Christus als lebendigen und erhöhten Herrn offenbart, so dass sie gewiss wurden: Er lebt. Mehr kann nicht gesagt werden, und auch das kann nur der Glaube sagen und bekennen. Alles andere, die Auffindung des leeren Grabes, der leibhaftige, welthaftige Umgang des Auferstandenen mit den Jüngern, ist deutlich spätere Interpretation des ursprünglichen Geschehens oder wie das leere Grab, so wenig gesichert, dass es zur Näherbestimmung des Handelns Gottes an Christus nicht herangezogen werden kann. Das österliche Handeln Gottes an Christus entzieht sich jeder objektiven Kontrollierbarkeit und Konstatierbarkeit, die das Ereignis noch abgesehen vom Glauben feststellen und sichern möchte (246).

Eine in innerer Schau zuteil gewordene Begegnung der Jünger mit Christus ist uns verständlich, als wir in Berufungen und Bekehrungen von Gottesmännern, die sich bei den Propheten auch oft in der Form von Visionen und Auditionen vollzog, Gottes Walten anerkennen können, und als wir in unserem eigenen Leben Gottes Ruf an unser Herz und Gewissen vernehmen und unseren Glauben nicht auf uns selbst, sondern auf Gott zurückführen (248).

Das Ostergeschehen bleibt für den neutralen Beobachter unkontrollierbar. Keine Versetzung der Vorgänge in die räumlich körperliche Welt, wie sie in den evangelischen Osterberichten geschieht, hat seine Kontrollierbarkeit ermöglicht. Bürge ist allein der in der Christophanie überwundene Zeuge. “Wir können ja (auch unter Lebensbedrohung) nicht lassen, zu reden von dem, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20). Neben Petrus stehen Jakobus und Paulus, neben den Zwölfen die Fünfhundert und alle Apostel. Diejenigen, die sich im Glauben diesem Zeugnis öffnen, dürfen in mannigfachen Erweisen die Gegenwart des lebendigen erhöhten Herrn erfahren, wenn sie ihn auch nicht schauen dürfen. Aber objektiv feststellbar ist hier nichts, auch im Ostergeschehen nicht. Gottes Offenbarung entzieht sich auch hier der objektiven Feststellbarkeit (248f).

Glaube ist nicht primär Glaube an berichtete wunderbare Vorgänge, sondern Vertrauen auf den lebendigen Herrn und auf Gott, der an diesem Herrn und durch diesen Herrn an uns handelt (280).



Hirsch: das Argument: “Die Vorstellung, dass das Grab leer war, habe zum Osterglauben von Anfang an notwendig hinzugehört und daher habe man auch sofort des leeren Grabes sich vergewissern müssen“ scheint “auf dem Unvermögen zu beruhen, sich hineinzudenken in Verhältnisse, wo Grab und Leiche von tabuähnlichem Schauer umgeben sind, wo also niemand an die Öffnung von Grabkammern denken kann, um Leichen herauszuholen und durch wissenschaftliche Untersuchungen zu identifizieren. Das Begräbnis Jesu ist unter Umständen erfolgt, die schon wenige Wochen nachher ein ganzes moderndes polizeiliches und wissenschaftliches Aufgebot erfordert hätten, um zu klären, ob die richtige Leiche (keine andere) an der wirklichen Beerdigungsstätte (keiner andern), noch vorhanden sei. Für die Nichtgläubigen war jeder Gedanke und jede Möglichkeit, auf diesem Wege den Glauben an Jesu Erweckung vom Tode zu widerlegen, ausgeschlossen“ (Problem 298).


* Die Erscheinungen vor den 500 Brüdern ist mit dem Pfingsterlebnis zu identifizieren: Dobschütz, E. Von, Ostern, 34; Bousset, Wilhelm, Schriften des NT II, 151; Holl, Karl, Ges. Aufs. Zur Kirchengesch. II, 47; Hirsch, Emanuel, Auferstehungsgesch., 35; Finegan, Jack, Überlieferung, 109; Beyer, Hermann Wolfgang, Apostelgesch., 18


** ungenau: Jakobus, der Zebedaide bis zu seinem Tod, danach Jakobus, der Bruder des Herrn


3. War das Grab Jesu leer?
A. Vögtle (1975)


Die Befürworter der frühen Entdeckung des leeren Grabes argumentieren: Die Botschaft von der Auferweckung Jesu hätte sich in Jerusalem nicht halten können, wenn die Juden auf den im Grab liegenden Leichnam hätten hinweisen können.

Die Auferstehungsbotschaft impliziert unter Berücksichtigung der damaligen jüdischen anthropologischen Vorstellungen die Leerheit des Grabes Jesu. Die Formulierung: “Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt seht den Platz, wo er gelegen hat” (Mk 16,5f) setzt eindeutig das atl ganzheitlich konzipierte Bild vom Menschen voraus: den in seiner individuellen Leiblichkeit toten und wieder lebendig gemachten Jesus. Warum aber spielte das leere Grab Jesu in der außer-evangelischen Verkündigung, speziell in der alten Bekenntnistradition keine Rolle (86)?

Man muss sich für die Möglichkeit offen halten, dass das Grab Jesu für die Vorstellung der glaubenden Jünger aufgrund der Auferweckung leer wurde, ohne dass diese Vorstellung empirisch verifiziert war, ohne dass das Leersein des Grabes festgestellt wurde. Es kann nicht die Rede davon sein, dass die Bekenntnistradition 1Kor 15, 3-5 das leere Grab als empirisches Faktum bezeugt und bezeugen will. Gute Gründe sprechen dafür, dass Paulus von der Auffindung des leeren Grabes nichts wusste.

Man versucht die Nicht-Erwähnung des leeren Grabes zu erklären: das geöffnete, leere Grab Jesu sei eine von niemandem bestrittene Tatsache gewesen, die von Christen so, von den Juden anders beantwortet wurde. Dann müssten sich die gegensätzlichen Antworten auch in der ältesten Osterverkündigung widerspiegeln (87).

Warum kennt die Bekenntnistradition nicht die Verbindung der Erscheinungen mit dem Hinweis auf das unbestrittene Faktum des leeren Grabes Jesu? Der Gedanke des Leichendiebstahls taucht erstmals in der nicht ursprünglichen Grabeswächter- und Betrugserzählung des gegen Ende des 1. Jh.s geschriebenen Mt-Ev auf. Der ntl Befund spricht gegen die Annahme, das Leersein des Grabes Jesu sei ein unbestrittenes Faktum gewesen (89).

Der Verbleib des Leichnams Jesu mußte die maßgeblichen jüdischen Kreise nicht unbedingt beschäftigen. Für jüdische Begriffe war der Auferstehungsglaube der Jünger barer Unsinn. Dass einer via Hinrichtung und nachfolgender Auferweckung/Erhöhung designierter Messias wird, als solcher im Himmel existiert, um von dort her als Repräsentant des Gerichts- und Heilshandelns Gottes zu kommen, spottet jeder zeitgenössischen Form der Vorstellung von einem von Jahwe unterschiedenen Heilbringer. Wenn die Synedristen, der hohe Rat, den Leichnam Jesu nicht vorweisen konnten, gleichzeitig aber unbedingt den Unsinn, dass die Abwesenheit des Leichnams Jesu durch ein Eingreifen Gottes erklärt wird, abstellen wollten, müsste sich ein Erklärungsversuch, z.B. die Behauptung des Leichendiebstahls, schon in alter Überlieferung reflektieren (90f).

Wenn man den Grabeserzählungen der Evangelien als historischen Kern die frühe Entdeckung des geöffneten und leeren Grabes (ohne den Engel und dessen Osterbotschaft) durch eine bzw. drei Frauen zu Grunde liegen lässt, kann man sich nur schwer vorstellen, die Nachricht der Frauen sei für Simon und seine Mitjünger so selbstverständlich oder gar so wenig von Belang gewesen, dass sie an einer persönlichen Bestätigung überhaupt nicht interessiert waren. Wenn die Jünger sich von der Richtigkeit der Nachricht der Frauen überzeugt hätten, fragt man sich: Warum soll ausgerechnet die Konstatierung des leeren Grabes durch die maßgebenden Verkündiger der Auferweckungsbotschaft keine Spur hinterlassen haben weder in den Kurzformulierungen noch in den älteren synoptischen Evangelien (93)?

Der Umstand, dass weder die synoptische Überlieferung noch die kerygmatischen Formulierungen die Jünger selbst das geöffnete und leere Grab konstatieren lassen, berechtigt zum Zweifel, ob das Grab Jesu wirklich geöffnet und leer vorgefunden wurde.

Die älteste Grabeserzählung Mk 16,1-8 enthielt von Anfang an die Proklamation der erfolgten Auferweckung Jesu und war in ihren Details konsequent auf die Botschaft des Engels als zentralen Inhalt der Erzählung ausgerichtet. Diese, ein geläufiges biblisches Stilelement verwendende Engelproklamation ist kein Faktum der Geschichte, sondern verweist auf eine Zeit, in der das Bekenntnis zur Auferweckung Jesu bereits existierte und die Reflexion über das Wie der Auferstehung zu dem Bedürfnis geführt hatte, die für palästinische Anthropologie einzig folgerichtige Leibhaftigkeit der Auferstehung Jesu explizit zu machen. Das wurde nur durch einen Boten Gottes ermöglicht. Es geht der Perikope vorrangig weder um die liebevolle Fürsorge der Frauen noch um die historische Feststellung, dass das Grab nachprüfbar leer gewesen ist, sondern es geht ihr vor allem um die Botschaft: Jesus, der gekreuzigte Nazarener, ist auferweckt worden. Die Frage nach der Leiblichkeit Jesu hat die ersten Zeugen des Auferstandenen offenbar nicht bedrückt (VöO 94f).


4. Die Engelerscheinung der Grabesgeschichte (Mk 16, 1-8 par)
A. Vögtle (1966)


Dass das Auftreten des Engels erst eine Funktion der urkirchlichen Osterpredigt ist, wird aus der Art und Weise erkenntlich, in der sich dieser Engel seiner Aufgabe entledigt. Er tut dies mit der Verkündigung des Osterglaubens. Diese stützt sich nicht auf die Entdeckung des leeren Grabes, sondern auf die ganz und gar als wunderbare Tat Gottes verstandene Auferweckung selbst bzw. auf die gottgewirkten Erscheinungen des Gekreuzigten. An sich brauchte der Engel den Frauen nicht erst zu sagen, dass sie Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten suchen. Aber eben diese Einleitung ermöglicht dem Engel die kerygmatisch korrekte Verkündigung von der Auferstehung des Gekreuzigten: “Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier”. Erst jetzt, nach der ganz und gar als Offenbarung Gottes verstandenen Auferstehungsbotschaft folgt der Hinweis auf die leere Grabstätte als nachfolgende äußere Bestätigung der erfolgten Auferstehung: “Hier ist der Platz, wo sie ihn hingelegt hatten” (16,6). Nach gut begründeter Auslegung verstand die Überlieferung selbst diese Engelerscheinung nicht als ein von den Frauen wahrgenommenes Phänomen, sondern als biblisches Stilelement, das im Dienst der urkirchlichen Osterpredigt steht. Entscheidend ist die mit dieser Angelophanie intendierte Aussage. Deren Wahrheit ist nicht anzufechten, auch wenn die Erscheinung des Engels und seine Worte nicht beanspruchen können, im chronistischen Sinne wahr zu sein. Denn die beiden Momente, die die Engelerscheinung zum Ausdruck bringt: dass der Gekreuzigte auferstanden ist, und dass die apostolische Auferstehungsbotschaft nicht auf der Entdeckung des leeren Grabes gründet, sind nicht zu bezweifelnde Tatsachen der Christusoffenbarung (VöA 64-67).




Baumert, Norbert, Maranatha – Gegenwart und Ankunft des Herrn in: Geist und Leben 58, 1985 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Brunner, Emil, Die christliche Lehre von Schöpfung und Erlösung, 19602


Grass, Hans, Ostergeschehen und Osterberichte, 19622 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Greshake, Gisbert, Neue Denkversuche in der kath. Theologie der Gegenwart, in: ders. (Hg), Naherwartung, Auferstehung, Unsterblichkeit, 31978 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Harnack, Adolf von, Die Verklärungsgeschichte Jesu, der Bericht des Paulus (1Kor 15,3ff) und die beiden Christusvisionen des Petrus, in: Sitzungsberichte der preussischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, 1922 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Hirsch, Emanuel, Zum Problem des Osterglaubens, in: Th LZ 65,1940


Kessler, Hans, Jenseits von Fundamentalismus und Rationalismus, in: ders. (Hg), Auferstehung der Toten, 2004, 307f


Marxsen, Willi, Die Auferstehung Jesu als historisches und theologisches Problem, 1964, 20
—, Die Auferstehung Jesu von Nazareth, 1968 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Meyer, Eduard, Ursprung und Anfänge des Christentums II, 156


Thüsing, Wilhelm, Erhöhungsvorstellung und Parusieerwartung in der ältesten nachösterlichen Christologie, 1969 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Vögtle, Anton, Was heißt “Auslegung der Schrift”? in: Wilfried Joest u.a., Was heißt Auslegung der Heiligen Schrift?, 1966 (referiert in wörtl. Anlehnung)
—, Wie kam es zum Osterglauben? in: A.Vögtle/R. Pesch, Wie kam es zum Osterglauben?, 1975 (referiert in wörtl. Anlehnung)