13.

Die Einheit des Glaubens und der theologische Pluralismus
Die ersten vier Thesen der römischen Theologenkommission





Die ersten 4 Thesen der römischen Theologenkommission

  1. These: Einheit und Pluralität in der Aussage des Glaubens gründen zutiefst im Christusmysterium selbst. Dieses ist ein Mysterium universeller Versöhnung und Vereinigung (vgl. Eph 2,11-22), überschreitet aber gerade darum die Aussagemöglichkeiten jeder geschichtlichen Epoche und entzieht sich damit jeglicher abschließenden Systematisierung (vgl. Eph 3,8-10).
  2. These: Die Zwei-Einheit von Altem und Neuem Testament als geschichtliche Grundform christlichen Glaubens ist der konkrete Ausgangspunkt für die Viel-Einheit dieses Glaubens.
  3. These: Der Dynamismus des Glaubens und ganz besonders sein missionarischer Charakter schließen die Verpflichtung zu rationaler Rechenschaft ein. Der Glaube ist selbst keine Philosophie, aber er gibt dem Denken eine Richtung an.
  4. These: Die Wahrheit des Glaubens ist gebunden an ihren geschichtlichen Weg von Abraham bis zu Christus und von da bis zur Wiederkunft des Herrn. Rechtgläubigkeit ist demgemäß nicht Zustimmung zu einem System, sondern Teilhabe am Weg des Glaubens...

I. Die Viel-Einheit des Glaubens
Rechtsgläubigkeit ist Teilhabe am Weg des Glaubens
E. Zenger (1998)


1. Die Bibel - keine Einheit sondern ein Zusammenhang


Die Bibel ist ein ungewöhnliches Mischgebilde. Die Vielfalt der einzelnen Schriften zeichnet sowohl das Erste Testament (AT) wie das Zweite Testament (NT) aus, auch wenn die Vielfalt des AT gegenüber dem kleinen NT viel imponierender ist. Das AT entstand in einer sehr wechselvollen vielhundertjährigen Geschichte. Theologumena kamen und gingen. Das Scheitern leitender theologischer Konzeptionen und ehemals bedeutsamer Gottesbilder, so auch das Scheitern mancher theologischer Theorien über das unverschuldete Leiden wurden erkannt und ausformuliert. Dies ging in Gestalt jüngerer Texte wiederum in das AT ein, erhöhte seine Komplexität und bewahrte seine Lebensnähe (52).

Die Bibel ist einerseits ein Buch, andererseits eine ganze Bibliothek. Das AT bildet keine Einheit, auch wenn es als eine einzige Größe, eben “die Schrift(en)“ bezeichnet wird. Die Einheit liegt eher in der Funktion als kanonisches Dokument von Judentum und Kirche denn in dem Inhalt. Die Texte widersetzen sich einer Systematisierung und vor allem der Reduktion auf ein Grundprinzip, einen Grundgedanken, einen roten Faden, eine Mitte (55).

J. D. Levenson: In ihren historischen Kontexten stellen die zahlreichen Abschnitte im AT eine Vielzahl von unterschiedlichen und sich widersprechenden Botschaften dar. Das fortbestehende Fehlen eines Konsenses über die Mitte der Theologie des AT ist ein Zeugnis für die Mannigfaltigkeit der Theologien in diesem Buch (55f).

Das Judentum befindet sich in einer besseren Situation, der Vielgestaltigkeit biblischer Theologie gerecht zu werden, als das Christentum. Während die Kirche dazu neigt, den heiligen Text als ein Wort (Singular) zu sehen, besteht im Judentum die Tendenz, den Text als Problem mit vielen Facetten zu sehen, von denen jede Betrachtung verdient. Der größte Teil des Talmud ist im Grunde eine Debatte mit Mehrheits- und Minderheitspositionen, die beide erhalten und oft nicht als solche gekennzeichnet sind. Eine Tradition, deren heilige Texte in sich selbst argumentativ sind, hat eine sehr viel höhere Toleranz für theologische Mannigfaltigkeit und ist sehr viel weniger motiviert, die Polyphonie der Quellen in eine Monotonie abzuflachen (Levenson, Zenger 57f).

Die Polyphonie des AT ist von seinen Komponisten gewollt. Die Vielschichtigkeit und Mehrstimmigkeit ist nicht einfach die (leider) unvermeidbare Folge der Tatsache, dass dieses Opus eine so komplexe und lange Entstehungsgeschichte hat. Die komplexe und kontrastive Gestalt des AT ist zum größten Teil ausdrücklich gewollt. Dass und wie hier die Töne, Motive und Melodien, ja sogar die einzelnen Sätze dieser polyphonen Sinfonie miteinander streiten und sich gegenseitig ins Wort fallen, sich ergänzen und bestätigen, sich widersprechen, sich wiederholen und sich variieren, das ist kein Makel und keine Unvollkommenheit dieses Opus, sondern seine intendierte Klanggestalt, die man hören muss, wenn man sie als Gotteszeugnis erleben will (57).

Es ist das Proprium der Bibel, dass eine solche Komplexität gezielt geschaffen und aus theologischem (!) Interesse beibehalten wurde (58).

E.-J. Waschke: Das AT lässt sich weder auf eine Mitte noch auf eine theologische Richtung festlegen. Was in ihm festgeschrieben wurde, das ist keine imaginäre Einheit, sondern die Vielfalt der Überlieferung. Von hier aus betrachtet ist das AT ein Plädoyer für die Vielgestaltigkeit der Theologie. Alle Traditionen und Überlieferungen sind unabhängig von ihrer Herkunft auf JHWH, den Gott Israels, bezogen. Das AT findet hierin keine Einheit, sondern seinen Zusammenhang. Wo es nicht um die Einheit geht, sondern um den Zusammenhang, da bedarf es der Vielgestaltigkeit und des Streitens. Wo gestritten wird, zeigt man Interesse aneinander, Interesse an einer gemeinsamen Sache (Waschke, Zenger, 58).

Was Waschke über das AT sagt, gilt analog für das NT. Dass alle Überlieferungen auf den einen und einzigen Gott Israels bezogen sind, konstituiert ihren Zusammenhang und provoziert den Streit um die Gotteswahrheit, die sich nur in der leidenschaftlichen Gott-Suche einstellt (58f).


2. Pluralität und Multiperpektivität der Gottesbilder


Die Bibel ist Gotteswort in Menschenwörtern. Das eine Gotteswort liegt nur in den vielen Ausformungen der menschlichen Wörter der Bibel vor, die ihrerseits wieder der Auslegung in menschlicher Sprache bedürfen (109).

H. Vorgrimler: Bei Thomas von Aquin findet sich die Rede von den Wahrheiten im Plural. Der Plural gibt sich von den Aspekten oder auch vom Betrachter her. Die Differenz liegt in der Fragestellung der Vernunft: anders fragt der Profanwissenschaftler, anders der Philosoph, anders der Theologe. Die Theologie fragt nicht nach Gott 'an sich'. Gott ist nicht der Gegenstand der Theologie. Die Theologie fragt auf der Basis der Offenbarung nach dem Heil des Menschen und insofern nach Gott als dem letzten Ziel des Menschen sowie nach den Wegen, die von Gott her zu diesem Ziel führen: Gott hat in seiner Selbstbekundung vom Heil des Menschen und von den Wegen dahin Kunde gegeben und dabei deutlich gemacht, dass alles, was auf ihn hingeordnet ist, auch seiner Herkunft nach von ihm stammt. Die Wahrheit der göttlichen Erkenntnis ist zwar nur eine, aus der sich jedoch im menschlichen Erkennen eine Mehrheit von Wahrheiten ergibt, so wie sich ein und dasselbe Menschenantlitz in einer Mehrheit von Spiegelbildern bricht (Vorgrimler, Zenger 110f).

Als sprachliche Spiegelbilder der einen Gotteswahrheit kann man die Gottesbilder und Gottesmetaphern der Bibel begreifen: (1) Sie ist nicht eine ein für allemal festliegende und festgelegte Idee, sondern konstituiert sich in der Geschichte Israels, der Kirche, der Geschichte insgesamt. Sie wird deshalb erst ihre Vollgestalt offenbaren und erhalten, wenn in der Vollendung Gott “alles in allem“ ist (111).

(2) Die biblische Gotteswahrheit ist in all ihrer geschichtlichen Bedingtheit und Offenheit daraufhin festgelegt, dass sie Wahrheit um des Heiles willen ist. Sie zielt auf das Heil der Welt und wahr ist, was zu diesem Heile geschieht. Diese Ausrichtung auf das Heil stiftet ihr die Dynamik der Verheißung ein, die in der Treue Gottes selbst gründet.

(3) Dem Prozess der sich mitteilenden Gotteswahrheit korrespondiert auf Seiten der Menschen die Gott-Suche. Beides zusammen ist ein komplexes Geschehen, in dem der Mensch sich selbst transzendiert, indem er sich vom sich mitteilen-wollenden Gott ansprechen lässt. Deshalb kann diese biblische Gotteswahrheit auch nie gewusst oder besessen werden. Der Modus, in dem sie zuteil wird, ist die Sehnsucht und Faszination – beides sind Lebensvollzüge der Liebe (111f).

Dieser Weg vollzieht sich in Israel und in der Kirche im Hören auf das eine Gotteswort, das sich in der Polyphonie der Sprache der Bibel und der Bibelauslegung mitteilt – als die eine Wahrheit in der Pluralität und gemäß der Hierarchie der Wahrheiten. Wie die Bibel eine ist als der Zusammenhang der vielen Bücher, so ist die biblische Wahrheit eine Wahrheit im Zusammenhang und Zusammenklang der vielen biblischen Wahrheiten (112).

Der multiperspektive Aspekt der biblischen “Wahrheit um unseres Heiles willen“ zeigt sich besonders in der Art und Weise, wie die Bibel über Gott redet: Sie redet in Bildern und Bildgeschichten, die nicht Gott in sich, sondern den Gott Israels als Vater Jesu und als Gott der Kirche, ja aller Menschen – bezeugen und imaginieren, beschwören und herbeisehnen, feiern und anklagen. Gerade die biblische Rede von Gott macht uns bewusst, dass eigentlich alle wahre Rede von Gott Bildrede ist (113).

Die Namenstheologie hat in der Dornstraucherzählung Ex 3 ihre klassische Verdichtung erfahren: “Mein Name ist: Ich werde/will in/bei euch da sein als der ich in/bei euch da sein werde/will“. Wenn ein Kleinkind eine Kuh als 'Muh' oder einen Hund als 'Wauwau' bezeichnet, benennt es damit nicht das Wesen dieser Tiere, sondern das, was es am meisten beeindruckt hat, ihre Laute. An diesem Namensdenken partizipieren die biblischen Gott-Metaphern. Sie sprechen nicht das Wesen Gottes aus, sondern wie Gott in und auf uns wirkt (114f).

Metaphern kommen aus erlebten Geschichten und evozieren neue Geschichten. Das ist der Vorzug der biblischen Gott-Metaphern und Gottesbilder gegenüber den Gottesideen und den Gottesspekulationen mancher christlicher Dogmatiker (117f).

Es geht nicht ohne Intuition und Phantasie, aber zu allererst einmal wollen diese Bilder selbst zu Wort kommen – und zwar in ihrer Pluralität, Multiperspektivität und Multifunktionalität (119).

Wir müssen wieder lernen, die Gottmetaphern als multiperspektive Bildgeschichten zu lesen, die wir nicht auf einen Begriff und in eine Gestalt oder auf eine Wirkweise reduzieren dürfen (120).

Von unserer begrifflichen Theologie her sind wir versucht, die anthropomorphen Gott-Metaphern höher zu bewerten als die Metaphern aus der Erfahrung der Natur oder der Kultur. Dass Gott Quelle und Fluss ist, die das Land bewässern und dem Boden Wachstum geben, dass Gott Sonne ist, die das Dunkel/den Tod/das Unheil vertreibt und Licht/Leben/Gerechtigkeit schenkt, dass Gott schützende Stadt und Zufluchtsburg einer Gemeinschaft ist, dass Gott Vogel ist, der mit seinen Flügeln schützt, dass Gott ein Rundschild und ein Setzschild ist, die vor feindlichen Speeren schützen – dies sind Gott-Metaphern, die die Gotteswahrheit nicht weniger benennen als die von uns bevorzugten anthropomorphen Metaphern (120f).

Auch das farbige Spektrum der Handlungs- und Gemütsverben, die die Bibel mit Gott in Zusammenhang bringt, darf nicht nivelliert werden – auch wenn diese Aspekte der Gotteserfahrung und der Gotteshoffnung in unserer Dogmatik nicht vorkommen. Dass Gott sieht, hört, isst und trinkt, redet und denkt, kommt, hilft, rettet, erwählt, liebt, tröstet, zürnt, schafft, zerstört, pflanzt, lacht und weint, gütig und barmherzig ist, schlägt und heilt, einreißt und aufbaut, sammelt und zerstreut – all dies sind Aspekte einer Gottesrede, die Gott so mit den Lebenszusammenhängen verbinden, dass die Dialektik gewahrt bleibt, die in der Namenstheologie von Ex 3,14 festgeschrieben ist, deren Multiperspektivität sich so andeuten lässt (121):

(1) Aspekt der Geschichte: “Ich bin so bei euch da, dass ich meine eigene Geschichte an eure Geschichte gebunden habe und mein Leben mit euch zusammen lebe“.

(2) Aspekt der Treue: “Ich bin so bei euch da, dass allen Störungen und Gefährdungen unserer gemeinsamen Geschichte zum Trotz ich bei euch bleibe“.

(3) Aspekt der Lebendigkeit: “Ich bin so bei euch da, dass ich eure (positiven und negativen) Festlegungen transzendiere“.

Gerade den Aspekt der Transzendenz der Gottesbilder hat die jüdische Tradition mit der Vermeidung des Aussprechens des Gottesnamens JHWH noch verstärkt. Das Subjekt dieser Aussagen ist nicht nach Art der Aussagen, die von Lebewesen und Gegenständen unserer Welt gemacht werden können. Gott als Subjekt des Vater- und Mutter-Seins, des König- und Kämpferseins, als rettender, befreiender, drohender, tröstender und liebender Gott ist weder geschlechtlich (weder Mann noch Frau) noch biographisch (weder jung noch alt) noch soziologisch noch... bestimmt – Gott ist Name der uns umfassenden, belebenden, fordernden und heilenden Wirklichkeit, die sich für uns in der Geschichte Israels und in der Jesusbewegung so konkretisiert hat, dass die dabei entstandenen Hör-Bilder die Erlebnis-Vorgaben sind, die den Weg Israels und der Kirche als mitgehender Anfang begleitet haben und geleiten sollen (121f).


3. “Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn“ (Hebr 1,1f)
E. Zeger (1991)


Jedes einzelne Wort des langen und nicht immer leichten Gesprächs zwischen Gott, seinem Volk und 'uns' ist kostbar (188).

Eine Systematik widerstrebt dem hebräischen Denken, das seinen Gegenstand immer neu umkreist, auf Grund neuer Erfahrungen in ein neues Licht stellt und insgesamt eine geschichtlich-narrative Dynamik hat, weshalb eine Theologie des AT nur ein Nacherzählen der vielen Theologien sein darf, eben ein Spiegel jener Lebendigkeit des sich selbst mitteilenden Gottes und der durch ihn ausgelösten Glaubenszeugnisse, die im Chor der atl Stimmen versammelt sind (186).

Die Rede von Christus als Mitte, Grund (1Kor 3,11) des NT ist problematisch: Der Grund ist Jesus Christus nicht aus sich selbst, sondern weil er gelegt ist von jenem Gott, dessen vielgestaltiges Handeln an Israel, an den Völkern, an der Schöpfung und an Jesus das AT und das NT bezeugen. Wenn es eine Mitte des AT und des NT gibt, dann ist es der in immer neuen Lebenskontexten sich als rettender und richtender Gott erweisende JHWH. Auch das NT ist in seiner Vielgestaltigkeit letztlich nicht christozentrisch, sondern theozentrisch (187).

Dass die Kirche die vielstimmige, aus AT und NT bestehende Bibel kanonisiert hat, bedeutet: Die Pluralität und Pluriformität dieses Kanons spiegelt den Reichtum des Handelns Gottes wider. Diese Pluralität weiß um die Vielgestaltigkeit des Lebens und bietet viele Identifikationsfiguren der Hoffnung und der Gott-Suche an (189).

Es gibt keinen Generalschlüssel, der alle Dimensionen des Lebens vor und mit Gott aufschließt, sondern nur die vielen Schlüssel der unterschiedlichen biblischen Zeugnisse, die durch den einigenden Schlüsselring des Kanons zusammengehalten und von der Hand des uns wohlwollenden Gottes angeboten werden (189).


II. Die Kirche - ein Chor mit vielen Dissonanzen
Christozentrische Pluralität - aus der gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus entsteht Kirche


H. Zahrnt: Das gemeinsame Grundbekenntnis lautet: Jesus ist der Messias, Jesus ist der Herr. Darüber hinaus gibt es keine einheitliche Theologie des NT, sondern nur einen Chor mit vielen Dissonanzen.

Die Vielfalt in der Einheit gehört zur christlichen Kirche von ihrem Ursprung her. Wie das Ganze vor den Teilen da ist, aber nur in den Teilen vorhanden ist, so ist auch die Einheit der Kirche vorgegeben, aber nur in ihrer Vielfalt gegenwärtig.

Die Vielfalt ergibt sich angesichts der Größe des Gottes, an den geglaubt wird, infolge der Verschiedenheit der Menschen, die glauben und in Anbetracht des Wandels der Welt, der der Glaube bezeugt werden soll. Der Kirche ist eine Vielfalt von Sprachen gegeben, wie dies schon vom ersten Pfingstfest in Jerusalem berichtet wird. Dieses steht symbolhaft für die Vielfalt der Glaubensäußerungen von Anfang an.

Schon der ntl Kanon bildet keine einheitliche Konkordienformel, sondern eine Sammlung von ’Konfessionen’. Jede dieser ’Glaubensrichtungen’ beging das Gedächtnis Jesu auf ihre Weise – Gottes Stimme in einem vielfachen Echo menschlicher Stimmen. Alle reden von derselben Offenbarung Gottes in Jesus Christus, aber sie reden alle verschieden davon. Der Judenchrist Matthäus redet anders davon als der Heidenchrist Lukas, und Johannes noch wieder ganz anders. Paulus blickt allein auf die Gnade und Jakobus vornehmlich auf die Werke. Judenchristen, Heidenchristen, Hellenisten, Samaritaner, johanneischer Kreis – jeder deutet die Überlieferung von Jesus gemäß seiner Herkunft und Hoffnung und bildet sie auf diese Weise weiter. Und so geht es in der Kirchengeschichte fort. In ihr gibt es keine Uniformität, sondern wiederum nur lauter Bruchstücke einer großen Konfession.

Welch bunte Gesellschaft, welch eine Fülle, Vielfalt, ja Widersprüchlichkeit der Namen und Gestalten! Und doch leben alle aus der Kraft desselben Geistes. Aber eben weil es der Geist ist, darum geht es in der Kirchengeschichte so nonkonformistische zu“.


1. Die Einheit der Kirche gibt es nie vorfindlich, sondern nur für den Glaubenden
E. Käsemann


Der Kanon bietet vier Evangelien statt eines einzigen.

Kein Evangelist hat den historischen Jesus selber gekannt. Für jeden von ihnen stand paradox ausgedrückt der erhöhte und geglaubte Kyrios vor dem incarnatus auf dem Plan und bestimmte den Aspekt, unter dem sie je auf ihre Weise den incarnatus sahen. Dabei gehören alle der hellenistischen Gemeinde an. Sie folgen sämtlich einer andern Tendenz: Markus zeigt mit seinen vielen Wundergeschichten die geheime Epiphanie dessen, der zu Ostern seine volle Glorie erhält. Matthäus schildert den Bringer der messianischen Tora, Johannes den Christus praesens. Lukas historisiert die Heilsgeschichte als Entwicklungsprozess und schreibt zum ersten Mal ein sog. Leben Jesu. Das allen gemeinsame Bekenntnis zur Gottessohnschaft Jesu wird mit Hilfe einer jeweils der Umwelt entnommenen Anschauung verschieden expliziert (214f).

Die Differenzen in unseren Evangelien und sogar die abweichende Auswahl des Überlieferungsstoffes erklären sich weithin aus der verschiedenen theologisch-dogmatischen Haltung der Evangelisten (216).


Der Versuch,

die echte Jesusüberlieferung aus dem NT zu eruieren, erscheint fast aussichtslos, nicht weil uns zu wenig, sondern weil uns zu viel überliefert wurde. Die urchristliche Gemeinde hat nicht wie wir zwischen dem historischen und dem erhöhten Herrn unterschieden. Palästinische wie hellenistische Propheten sprachen im Namen des Erhöhten. Diese z.T. im Ich-Stil gehaltenen Sprüche sind im Laufe der Tradition mit den Worten des historischen Jesus vermengt und diesem zugeschrieben worden, weil es der Urchristenheit nicht wie uns auf den Zeitpunkt ihrer Entstehung, sondern auf den sich hier wie dort offenbarenden Geist des Kyrios ankam (s. Text 8b.II.3).

Wir müssen unterscheiden, denn die Inspiration des Propheten hebt ja nicht auf, dass er jeweils in den Ausdrucksmöglichkeiten seiner Zeit und also auch in ihren theologischen Vorstellungen sprach (217).

Aus dem NT sprechen nur diejenigen zu uns, die zu schreiben vermochten und genötigt waren, und deren Schreiben aus irgendwelchen Gründen die spätere Kirche zu bewahren für gut befand. D.h. im Kanon sind uns nur Fetzen des in der Urchristenheit geführten Gesprächs erhalten geblieben. Die Variabilität des urchristlichen Kerygmas muss noch sehr viel größer gewesen sein, als die Beobachtung des im Kanon erhaltenen Tatbestandes wahrnehmen lässt (218).


Die Variabilität

im NT ist so groß, dass wir nicht nur erhebliche Spannungen, sondern nicht selten auch unvereinbare theologische Gegensätze zu konstatieren haben (218).

Die Aussagen der Apg über das pln Apostolat setzen ganz selbstverständlich das voraus, was Gal 1 mit höchster Leidenschaft bestreitet. Wie will man die Eschatologie des Joh-Ev mit der Offb ausgleichen (220)?

Aus der Variabilität des ntl Kerygmas, der Fülle theologischer Positionen in der Urchristenheit und ihrer teilweise zutage tretenden Unvereinbarkeit folgt: Der ntl Kanon begründet nicht die Einheit der Kirche, sondern die Vielzahl der Konfessionen. Die Variabilität des Kerygmas im NT ist Ausdruck des Tatbestandes, dass bereits in der Urchristenheit eine Fülle verschiedener Konfessionen nebeneinander vorhanden war (221).


Zusammengehörigkeit und Unterschied von Buchstaben und Geist

„Gott hat uns tüchtig gemacht zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2Kor 3,6). Geist und Fleisch sind nach Paulus Existenzweisen des Gott gehorsamen bzw. ungehorsamen Menschen. Die pln Lehre vom Gesetz beweist, dass es sich mit Geist und Buchstaben nicht anders verhält. Das zum Mittel unserer Selbstrechtfertigung verkehrte Gesetz nennt Paulus Buchstaben. Der Missbrauch des Gotteswillens besteht darin, dass Menschen das Gesetz faktisch an Gottes Stelle treten lassen. Aus der Schöpfung wird der Kosmos und aus dem Geschöpf das ‚Fleisch’, wenn man die Gabe vom Geber isoliert, um sie zum Mittel menschlicher Willkür werden zu lassen. Dass sich alle Gaben Gottes missbrauchen lassen, zeigt sich in Korinth. Die Enthusiasten gründen ihre Sicherheit und Selbstbehauptung auf die göttliche Gabe wie der Nomist auf das Gesetz. Paulus hat gegen beide angekämpft, indem er die Gabe als Vergegenwärtigung des Gebers, nicht als seinen Ersatz verstehen lehrte. Man hat Gott nicht dingfest in der Hand, weil er dann aufhörte, Gott und unser Herr zu sein. Man hat ihn nur, wenn und solange er uns hat. Insofern die Juden das dem Gesetz gegenüber meinen, spricht Paulus vom atl Kanon als dem Buchstaben, der tötet. Sofern wir das NT nicht anders verstehen, verhält es sich bei ihm nicht anders. In seiner bloßen Vorfindlichkeit ist der Kanon eben nicht mehr Gotteswort. Das kann er nur werden und sein, wo man nicht Gott in ihm dingfest zu haben meint und damit den Kanon zum Ersatz des uns ansprechenden Gottes macht. Wird die kirchliche Tradition mit der Wahrheit identifiziert, so wird von dem Geist abstrahiert, der nach Joh 16,13 immer neu und gegenwärtig in alle Wahrheit führt. Der Glaube steht nach Hebr 11 immer in der Kontinuität göttlichen Handelns. Aber zwischen dieser Kontinuität göttlichen Handelns und menschlicher, also auch kirchlicher Überlieferung, gilt es zu unterscheiden. Beides ist nicht identisch, so dürfen die Väter nicht dem Christus praesens gegenüber ausgespielt werden. Sie sind nur dessen Zeugen und sind es wie die Wolke von Zeugen Hebr 11, insofern sie in der Kontinuität der praesentia dei stehen. Der Geist widerstreitet nicht dem „Es steht geschrieben“, sondern manifestiert sich in der Schrift. Aber die Schrift kann jederzeit zum Buchstaben werden, wenn sie nicht mehr vom Geist autorisiert wird, sondern in ihrer Vorfindlichkeit Autorität sein und den Geist ersetzen soll. Die Spannung von Geist und Schrift ist konstitutiv. D.h. der Kanon ist nur insofern Gottes Wort als er Evangelium ist und wird. Allein das Evangelium begründet die eine Kirche in allen Zeiten und an allen Orten (223).


2. Zwei Arten der Evangeliumsverkündigung


Jakobus und seine Leute (Gal 2,11ff) haben dafür gesorgt, dass es - wie auf dem Apostelkonzil (Apg 15) vereinbart - nebeneinander ein judenchristliches und ein pln Evangelium gibt (s. Text 1a).


Es gibt zwei Wege zu Jesus Christus: Ein Jesus-Christentum, das am 'Irdischen' orientiert ist (die Evangelien), und ein kerygmatisches Christentum, das Jesu-Tod als Sühnetod interpretiert (Paulus).

Neben Paulus christologischer Soteriologie wird nach Ostern die theologische Soteriologie der Basileiaverkündigung Jesu weitergeführt. Zwei Heilskonzepte konkurrieren miteinander.

Paulus spricht von seinem Evangelium (Gal 2,2; Röm 2,16; 2Tim 2,8), d.h. sein Evangelium ist mit dem Evangelium des Petrus und des Jakobus nicht identisch. Nach Petrus haben die Heidenchristen einen gleich wertvollen (isotimon), gleich kostbaren, aber nicht den selben Glauben empfangen wie wir (die Judenchristen 2Ptr 1,1).

Beim Apostelkonzil legte Paulus den „Säulen“  s e i n  Evangelium vor: „Ich besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden..., damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre“ (Gal 2,2).

Die Urgemeinde unter Jakobus war in der Synagogen- und Tempelgemeinschaft mit orthodoxen Juden geblieben (deshalb konnte sie als christliche Gemeinde frühestens am 1. Tag der Woche, also am Abend nach dem Sabbat, zusammenkommen. D.h. der Sonntag war von Anfang an der Versammlungstag der Christen).

Paulus ist Heidenapostel, er verhinderte, dass Heiden Juden werden mussten, um das Heil zu erlangen. Heiden dürfen nicht Juden werden, denn dann haben sie Christus verloren und sind aus der Gnade gefallen (Gal 5,4). Ebenso gilt für Paulus: Juden dürfen nicht ’Heiden’ werden! Paulus beschnitt Timotheus (Apg 16,3), weil er dessen Judesein achtete (jüdische Mutter). Wenn Paulus Timotheus nicht beschnitten hätte, dann hätte er das Unbeschnittensein zur Heilsbedingung gemacht. Weder Petrus noch Jakobus hätten dem Unbeschnittensein als Heilsbedingung zugestimmt. „Beschnitten sein ist nichts, und unbeschnitten sein ist nichts“ (1Kor 7,19; Gal 5,6; 6,15). Deshalb bleibe jeder in seiner Tradition. Es gibt nur eine Heilsbedingung: von Herzen glauben und mit dem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist (Röm 10,9f). „Jeder wandle so,... wie Gott einen jeden berufen hat“ (1Kor 7,17,24) (gegen Entwurzelung). „Jeder ist teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte“ (1Kor 7,23)! Jeder ist ’reichsunmittelbar’.

„Ihr seid alle einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28).

In Christus sind Juden und Heiden ’eins’, ’einer’, dennoch bleiben Juden und Heiden, nach Herkunft und Prägung zwei total verschiedene Typen. In Christus sind Mann und Frau ’einer’, dennoch werden sie in Christus nicht zu einem ’Mischwesen’. Die Sklaverei ist abgeschafft. Heute haben wir Arbeitgeber und Arbeitnehmer. In Christus sind sie ’einer’, dennoch bleibt der Arbeitgeber Arbeitgeber und der Arbeitnehmer bleibt Arbeitnehmer. Alle Glaubenden (Bekehrten, Wiedergeborenen) aller Zeiten und aller Orte sind ’einer’ in der Grundsituation des Menschen vor Gott: der gnädige und barmherzige Gott, dem Anbetung, Lob und Dank gebührt, und der hilfsbedürftige, elende Mensch, der der Bitte und der Fürbitte bedarf. Es entsteht keine Uniformierung. Die Glaubenden bleiben verschiedene Individuen auch in ihren Sprachen.

Für Paulus besteht die Kirche aus Juden und Heiden (Eph 2,14ff). Das gläubige Israel ist die bleibende Wurzel der Kirche. Die Heidenchristen sind in den Ölbaum Israel eingepfropfte wilde Ölzweige. Weil sie eingepfropft wurden, haben sie an der Wurzel und an dem Saft des Ölbaums teilbekommen. Nicht sie tragen die Wurzel, sondern die Wurzel trägt sie (Röm 11,17ff). Weil das jüdische Element in der Kirche keine Heimat mehr hat, ist die rein heidenchristliche Kirche von Paulus meilenweit entfernt.


Einheit trotz verschiedener Bekenntnisse

„Ob also ich [Paulus] oder aber jene [Petrus, Jakobus], so verkündigen wir, und so seid ihr gläubig geworden“ (1Kor 15,11).

Die Einheit mit der Urgemeinde (Jakobus) war Paulus zentral wichtig trotz verschiedener Bekenntnisse. Von den Gläubigen in Jerusalem, den „Heiligen“, haben die Heidenchristen geistliche Güter empfangen, deshalb sind die Heidenchristen verpflichtet, die „Armen in Jerusalem“ mit materiellen Gütern zu unterstützen (Röm 15,27). Paulus reiste trotz großer Gefahren für sein Leben nach Jerusalem, um die Kollekte zu übergeben. Wie er befürchtet hatte (Röm 15,31), hat die Urgemeinde seine Kollekte höchstwahrscheinlich nicht angenommen (Apg 24,17). In Jerusalem hätte man Paulus gelyncht, wenn römische Soldaten ihn nicht gerettet hätten (Paulus Verhaftung Apg 21,33).

Christ-sein ist Beziehung. Beziehungen lassen sich nicht uniformieren. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung bekehren sich. Sie sprechen in verschiedenen ’Sprachen’, weil sie von unterschiedlichen Standorten aus reden. Einheit der Verschiedenen ist ein Wunder, das immer neu dort geschieht, „wo zwei oder drei in Jesu Namen beisammen sind“ (Mt 18,20), weil Christus selbst die einende Mitte ist. Aus [theologisch] Verschiedenen wird in Christus „einer“, ohne die Unterschiedenheit aufzuheben (Gal 3,28). Eine liturgische Einheitssprache kann es nicht geben, weil das Bekennen des Glaubens mit Sprache, Denken, Vorstellungen und Bildern zu tun hat die sehr verschieden sind. Hinzu kommt der unterschiedliche Glaubensstand der Christen (’Starke’ und ’Schwache’ im Glauben).

Antipaulinismus zu Lebzeiten des Paulus (s. Text 1)


3. Der Apostolikumstreit


Ende des 19. Jh.s hatten viele Christen zum Ausdruck gebracht, dass sie das Apostolikum im Gottesdienst nicht mehr sprechen wollten, weil sie es so nicht mehr mitsprechen konnten. Warum soll der Glaubenssatz zur Jungfrauengeburt (und zur Wiederkunft Jesu) im Gottesdienst immer noch gemeinsam gesprochen werden, obwohl man seit über einhundert Jahren weiß, dass es in Bezug auf diese Sätze unter Christen keine gemeinsame Sprache mehr gibt? Aussagen, für die es keine gemeinsame Sprache gibt, können nicht gemeinsam gesprochen werden. Die Probleme mit diesen Sätzen lassen sich nicht beseitigen, weil man die Aufklärung und das neuzeitliche Denken nicht rückgängig machen kann.


Lehrgesetz oder Glaubenszeugnis?

H. Kasparick: »Der Apostolikumsstreit ist leidenschaftlich und heftig geführt worden, weil sich am Apostolikum die brennenden Fragen und Probleme der Gegenwart konzentrierten. Es geht um das Bedürfnis nach einem einheitlichen Verständnis der Wirklichkeit. Die Teilhabe an der wissenschaftlichen Methodik der Zeit, an der allgemeinen Voraussetzung eines prinzipiell gleichartigen Wirklichkeitskontinuums in den Natur- und Geschichtswissenschaften und die vehement verteidigte Freiheit der Forschung gehörten für alle liberalen Theologen zum notwendigen Ausgleich der Theologie mit dem vernünftigen Wissen der Moderne. Gerade wissenschaftlich gebildete Theologen und Laien vermochten es nicht einzusehen, weshalb es zum Bestand der Gemeinschaft notwendig sein soll, ein Bekenntnis oder ein Dogma hinzustellen, das wenigstens nach außen, mit dem bestimmten Anspruch auftritt, daß es im ganzen und in allen seinen Teilen den zutreffenden Ausdruck der religiösen Überzeugung aller Gemeindeglieder bildet (81f).«


Die Einheit der Kirche besteht in der Christusidentität, dem einen Geist, dem einen Herrn Jesus Christus und dem einen Gott und Vater.


Die Geschichte des Apostolikumstreits
W. Nigg

Der Fall Schrempf

1891 entschied Pfarrer Christoph Schrempf, zukünftig keine fragwürdigen Rücksichten mehr gelten zu lassen und nie mehr eine Glaubensäußerung zu tun, die er nicht vertreten könne. Bei der nächsten Taufe ließ er das Apostolikum weg, das in der Liturgie vorgesehen war. Die Anwesenden bemerkten die Weglassung des Apostolikums nicht, doch war Schrempfs Gewissen deshalb nicht weniger belastet. Er wünschte keine unerlaubten Heimlichkeiten und machte deshalb der Oberkirchenbehörde von seiner Handlungsweise sofort Mitteilung. In einem längeren Schreiben gab er der Behörde sehr ehrlich über seine Glaubenseinstellung Rechenschaft. Bei der nächsten Taufe ließ er sich nach dem Rat des Prälaten Walcher durch einen Kollegen vertreten. Um unkontrollierbaren Gerüchten die Spitze abzubrechen und die Gemeinde richtig zu orientieren, brachte Schrempf seine Stellung auf der Kanzel zur Sprache. Die Kirchenvorsteherschaft der Gemeinde beschwerte sich beim Konsistorium. Das Konsistorium beschuldigte hierauf Schrempf seine Gemeinde durch seine Mitteilung von der Kanzel aus in ihrem Glauben verletzt und verwirrt zu haben. Gegen diesen Vorwurf legte Schrempf sofort Protest ein, weil dies seine unbedingte, sittliche Pflicht gewesen sei. Die Behörde ordnete eine Vertretung Schrempfs durch einen anderen Pfarrer an und leitete das Disziplinarverfahren auf Entlassung ein. Als Antwort teilte Schrempf dem Konsistorium offen mit: „Die Lehr- und Gottesdienstordnung unsere Kirche ist unter den gegenwärtigen kirchlichen und theologischen Verhältnissen eine sittliche Unordnung. Das Verlangen an den einzelnen Geistlichen, sich ihr unbedingt zu fügen, ist eine sittlich sehr bedenkliche Zumutung. Die übliche Verpflichtung des evangelischen Geistlichen ist unter den gegenwärtigen kirchlichen und theologischen Verhältnissen eine Schlinge für das Gewissen“. Nach dieser kühnen Eingabe setzte das Konsortium Schrempf sofort frist- und pensionslos ab. Schrempf war darüber stark aufgebracht, dass die Kirchenbehörde mit Wissen einen ketzerischen Theologen gebraucht, solange er zu heucheln bereit ist, von dem Moment an aber, da ihm sein Gewissen schlägt, ihn aus dem Kirchendienst entläßt (264f).


Die ‘Fälle’

Es waren die verschiedensten Motive, die den Gegenstand der Konflikte bildeten. Bald war es der Nichtgebrauch des Apostolikums und dann wieder die sozialen Interessen oder die Insubordination gegen die kirchliche Behörde, was Anstoß erregte. Aber immer waren es liberale Momente, die die orthodoxe Kirchenleitung nicht zu dulden gewillt war, hinter deren Vorgehen die offenkundige Absicht lauerte, den religiösen Liberalismus aus Kirche und Universität hinauszudrängen (263).

Die Fälle beginnen als die Restaurationstheologie nicht mehr gewillt war, eine abweichende Lehrmeinung neben sich zu dulden, und liberale Pastoren ihres Amtes entsetzt wurden: um 1840 Rupp, Wislicenus, Uhlich, 1854 G.C. Bartholdi, 1857 A.E. Fritz, 1858 Michael Baumgarten, um 1862 Oberprediger Melcher, 1872 Adolf Sydow und E.G. Lisco, gegen die eine Disziplinaruntersuchung eingeleitet wurde, die aber ohne ernstliche Folgen blieb, 1878 Albert Kalthoffs. Wilhelm Benders entging einer Dienstentlassung weil er von der theologischen in die philosophische Fakultät wechselte, 1891 Klein, Kier und Ziegler, 1892 Schrempf, 1895 Heinrich Lisco, 1896 Friedrich Steudels, 1897 Wendeburg, Kötzschke, Weingart, 1898 Hillemanns, Blazejewski, Urbahrt und Neidhart. 1899 verlangten 193 Geistliche vom Kultusministerium die Absetzung von Prof. Otto Baumgarten in Kiel, dieses Ansinnen beantworteten die Universitätskollegen mit dessen spontaner Wahl zum Rektor, 1904 Max Fischer, 1911 Jatho, 1913 Traub, 1922, Leimbach, 1924 Pfarrer Knote (262f).

In all den Fällen hat nicht nur die Kirche, sondern auch der religiöse Liberalismus Deutschlands versagt. Wenn die liberalen Pastoren, die in diesen Fällen doch stets moralisch mitverurteilt worden waren, wie ein Mann geschlossen aufgestanden wären und unmissverständlich erklärt hätten: Wir denken und lehren das Gleiche wie der Angeklagte, wenn ihr ihn absetzt, so müsst ihr auch uns absetzen, hätten die Konflikte einen ganz anderen Verlauf genommen. Als sich im Fall Leimbach 54 Pfarrer mit ihm solidarisch erklärten, kam die Kirchenbehörde in fatale Verlegenheiten und hüllte sich aus Furcht vor einem großen Skandal in Schweigen (275).

Die Pfarrer sind moderne Menschen und haben als solche die neuzeitliche Bibelkritik und Dogmengeschichte in sich aufgenommen. Sie mußten sogar nach dem Willen der Kirche diese Wissenschaften durch ihr Studium in sich aufnehmen; denn die Kirche hat im Unterschied zu den Sekten auf die Universitätsausbildung ihrer Diener stets großen Wert gelegt. Nachdem sich diese Theologen diese wissenschaftlichen Ergebnisse zu eigen gemacht haben, werden sie in ihrer amtlichen Tätigkeit aber genötigt, eine geistige Welt zu vertreten, die so ziemlich im Gegenteil dessen besteht, was sie auf den Universitäten gehört haben. Daraus musste eine Gewissenskollision resultieren. Wenn eine protestantische Kirche spricht: „Wer sein Gewissen höher stellt als die Kirchenordnung, muss aus der Kirche entfernt werden“ spricht sie das Todesurteil über sich selbst. Denn wenn Luther in Worms dieser Verpflichtung nachgekommen wäre, hätte es nie eine Reformation gegeben (276f).


Der eigentlichen Apostolikumstreit 1892/93

Die historische Forschung zeitigte das eindeutige Resultat, dass das Apostolikum nachapostolischen Ursprungs ist, verschiedene Wandlungen durchgemacht hat und in seiner heutigen Form das Taufsymbol der südgallischen Kirche in der zweiten Hälfte des 5. Jhs. war. Dieses Apostolikum als verpflichtendes Bekenntnis war seit dem Erwachen der neuzeitlichen Religiosität für viele Theologen ein Gegenstand ernster Bedenken. Mit dem Aufkommen der historisch-kritischen Forschung, die genau feststellte, was jeder dieser Sätze wirklich sagen wollte, war eine Selbsttäuschung unmöglich geworden. Man konnte sich nicht mehr der Einsicht verschließen, dass zwischen Apostolikum und moderner Christlichkeit eine tiefe Kluft besteht (279f).

Die Orthodoxie vermochte damals die, den Wahrheitsgehalt des Apostolikums bezweifelnden, liberalen Pastoren nicht aus der Kirche hinauszudrängen, und der religiöse Liberalismus Deutschlands vermochte nicht sich von seinem Gebrauch zu dispensieren. Der Gewissenskonflikt blieb bestehen, und viele liberale Pfarrer versuchten, ihn durch Anbringung einer ihre Vorbehalte andeutenden Einleitungsformel zu umgehen (280).

Der eigentliche Apostolikumstreit war aus Schrempfs ‘Fall’ als Folge einer Gewissensnot erwachsen. Er war eine Auflehnung der Wahrheit gegen ein nicht mehr als wahr empfundenes Bekenntnis. Es ging in dieser Frage um die Ehrlichkeit und Echtheit der intellektuellen Existenz des Theologen. Adolf Harnack, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Berlin, war mit seinen Studenten einig, dass durch den ‘Fall Schrempf’ der gebotene Anlass entstanden sei, die Frage über die Geltung und den Gebrauch des Apostolikums neu aufzuwerfen. In einem Artikel in der ‘Christlichen Welt’ führte Harnack aus, er „teile mit seinen Studenten die Ansicht, dass es der evangelischen Kirche ziemen würde, an die Stelle des Apostolikums oder neben dasselbe ein kurzes Bekenntnis zu setzen, das das in der Reformation und in der ihr folgenden Zeit gewonnene Verständnis des Evangeliums deutlicher und sicherer ausdrückte und zugleich die Anstöße beseitigte, die jenes Symbol in seinem Wortlaut vielen ernsten und aufrichtigen Christen bietet“. Seine geschichtliche Würdigung des Symbols schließt mit den Worten: „Allein man vermisst den Hinweis auf die Predigt Jesu, auf die Züge des Heilandes der Armen und Kranken, der Zöllner und Sünder, auf die Persönlichkeit, wie sie in dem Evangelium leuchtet. Das Symbol enthält eigentlich nur Überschriften. In diesem Sinne ist es unvollkommen; denn kein Bekenntnis ist vollkommen, das nicht den Heiland vor die Augen malt und dem Herzen einprägt“ (280f).

In seiner Erwiderung auf Cremers Streitschrift schrieb Harnack: „Wenn die geschichtliche Untersuchung feststellt, dass die Zeugnisse unsicher und unzureichend sind, kann keine Dogmatik und kein Glaube sie sicher und zureichend machen“.

Die Erklärung der Freunde und Mitarbeiter Harnacks in der ‘Christlichen Welt’ trat den kirchlichen Protestkundgebungen gegen Harnack entgegen: „Wir denken nicht daran, der evangelischen Kirche das sog. apostolische Glaubensbekenntnis nehmen zu wollen, aber wir bestreiten, dass die Geltung dieses Symbols in der Kirche und sein kirchlicher Gebrauch, Geistliche und Laien in juridischer Weise zur Anerkennung aller seiner einzelnen Sätze verpflichte. Ein evangelischer Christ ist jeder, der im Leben und Sterben sein Vertrauen allein auf Jesus Christus setzt, und wir wünschen, dass anstatt unevangelischen Pochens auf einzelne Lehrsätze dieser unzweifelhafte Grundgedanke evangelischen Christentums offen als solcher anerkannt werde (282f).

Dem religiösen Liberalismus war es in Deutschland nicht beschieden, jene Freiheit zu erringen, die er sich in der Schweiz schon um 1860 erobert hatte. In Deutschland blieb der ganze Apostolikumstreit ohne Resultate (284).

4. Einheit in Christus ist zugleich Einheit in Verschiedenheit


Wesentliche Unterschiede bleiben erhalten, aber in Christus haben sie keine Priorität. Die Einheit in Christus ist vorgegeben, sie ist nicht machbar. Die Verschiedenheit ist Ausdruck des inneren Reichtums des sehr unterschiedlich inkulturierten christlichen Lebens.

In der natürlichen Einheit ist Vielfalt ein Störfaktor, der durch Uniformierung beseitigt wird: alle sprechen die selben Worte und das immer wieder, das wird zur Gewohnheit, Tradition. Es entsteht eine Gruppenzugehörigkeit. In der geistlichen Einheit in Christus ist Vielfalt Reichtum. In Christus sind Jude und Grieche (Sklave und Freier, Mann und Frau) eins/einer (Gal 3,28), obwohl sie nach Herkunft und Prägung total verschiedene Typen bleiben. Das In-Christus-gegründet-Sein ist das Zentrum der Glaubenden. Deshalb ist Vielfalt kein Störfaktor, sondern Reichtum.

In einem naturwissenschaftlichen Zeitalter, 2000 Jahre nach der Entstehung des NT, gibt es   d i e   christliche Einheitssprache nicht. Die Sprachgestalt der alten Texte muss neu werden, während der jeweilige Inhalt bleibt. Es soll nichts anderes gesagt werden als das, was das NT sagt, aber es muss anders gesagt werden, als es um das Jahr 50 n.Chr. geschehen ist.


Das Apostolikum

Gotteserkenntnis gibt es nach Paulus nur in Christus.
Paulus ‘glaubt nicht an’ Jesus Christus, er ist Sklave Jesu Christi. Christus ist sein Leben, nun lebt nicht mehr er, sondern Christus lebt in ihm.
Paulus glaubt nicht an die Jungfrauengeburt.
Paulus ‘glaubt nicht an’ den heiligen Geist, er  h a t  den Geist Gottes (1Kor 7,40), der Geist Gottes wohnt in ihm (1Kor 3,16), er wird vom Geist Gottes getrieben, deshalb ist er ein Kind Gottes (Röm 8,14).
Paulus glaubt nicht an die Kirche, die Kirche ist kein Glaubensgegenstand.
Paulus ‘glaubt nicht an’ die Vergebung der Sünden, in Christus  h a t  er die Vergebung der Sünden.
Für Paulus gibt es nur eine einzige Bedingung für das Heil: Von Herzen glauben und mit dem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist (Röm 10,10).

Ein Bekenntnis entsteht in einer konkreten geschichtlichen Situation, einem status confessionis. Kann es da übergeschichtliche, zeitlose Formulierungen geben?


Das Nicänum

“Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater...”.
Für wen ist diese hoch-philosophische Sprache gut?

“Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden”. Nach Paulus kann die Taufe dem Glaubenden nichts geben, was er in Christus, in dem a l l e i n  alles Heil beschlossen liegt, nicht schon längst hat.


“Christe, du Lamm Gottes,

der du trägst die Sünd’ der Welt, erbarm’ dich unser”! Das Bittgebet, die Vergebungsbitte und der Gebetsruf: “Herr, erbarme dich”! ist z e n t r a l e  Gebetssprache, die pervertiert wird, wenn sie situationsunabhängig regelmäßig gemeinsam gesprochen wird.

“Christe... erbarme dich unser”!

War Jesu Erlösungswerk unvollständig, muss es laufend nachgebessert werden? Im Munde des Paulus ist dieser ständig wiederholte Gebetsruf undenkbar.

Wenn die Bitte: "Herr, erbarme dich"! verfeierlicht und in eine 'heilige' Liturgie eingebunden wird, wird der Name des Herrn missbraucht. Jesus Christus wird angerufen, weil ein Ritual es erfordert. Eine Liturgie bestimmt, wann ich diese Bitte zu sprechen habe.


Christsein ist ein Bezugsverhältnis.
Weil die Menschen verschieden sind, lässt sich das Christusgeschehen nur in theologischer Vielfalt aussagen. Deshalb gibt es im NT nicht nur ein Evangelien-Buch, sondern vier theologisch unterschiedliche Evv-Bücher und die Apg, die Paulus-Briefe, den Hebr usw.

Jesus fragt seine Jünger: Für wen haltet ihr mich, genauer: für wen hältst  D u  mich? Es geht um den einzelnen, der glaubt. Weil die Glaubenden nach Herkunft und Prägung sehr verschieden sind, muss es unterschiedliche Antworten geben.

Weil das Christusgeschehen vielfältig ist, lässt es sich nicht in ein DIN-Maß pressen und wie ein Gedicht durch die Jahrhunderte hindurch chorisch aufsagen. Und weil die Glaubenden verschieden sind, ist die Praxis des chorischen Aufsagens eine Bevormundung. Diese Bevormundung wird kaum wahrgenommen, weil die liturgiischen Texte mitgesprochen werden, bevor sie verstanden werden. Durch das regelmäßige gemeinsame Sprechen werden die Texte so vertraut und selbstverständlich, dass das ‘Fremde’ an ihnen übersehen wird.


Christlicher Glaube ist nicht manipulierbar.

"Es ist der Geist, der (durch Predigt und Schrift) in alle Wahrheit leitet" (Joh 16,13). Weder in "Rom" und noch aufgrund von Tradition kann angeordnet werden, was zu denken und zu glauben ist.

Durch die Praxis des chorischen Aufsagens werden Menschen verleitet, Texte mitzusprechen, die weder ihrer Sprache, ihrem Denken, noch ihrem jeweiligen Glaubensstand entsprechen. Diese Überrumpelungstaktik ist unverantwortlich. Später nachgereichte theologische Interpretationen können diese dem Glauben unangemessene Praxis nicht verbessern.
Texte, die nicht Ausdruck lebendigen Glaubens sind, werden zu "heiligen" Texten, zu (heiligen) Mantras, die regelmäßig chorisch rezitiert werden. Das ist nicht im Sinne Jesu. Liturgie ist religiöse Fremdbestimmung. Eine verbale Pseudo-Einheit wird an die Stelle des Einsseins in Christus in Verschiedenheit gesetzt.


Alle Erkenntnis ist Stückwerk (1Kor 13,9).

Solange wir im Glauben und noch nicht im Schauen leben, muss es theologische Vielfalt geben: Einheit in Verschiedenheit. Im NT gibt es eine auffallende Vielfalt in der Ausrichtung des einen Evangeliums. Diese Mannigfaltigkeit, dieser Pluralismus, ist unverzichtbar, weil es um lebendigen Glauben geht. Die Einheit der Kirche gründet sich auf das eine Evangelium in der Vielfalt seiner Bezeugungen: "Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen" (1Kor 15,11). Es gilt nichts anderes zu predigen als Jesus Christus den Herrn (2Kor 4,5). Ungeachtet der Mannigfaltigkeit, in der sich christlicher Glaube ausdrückte, wußten Paulus, Petrus und Jakobus, dass sie vergeblich laufen würden (Gal 2,2), wenn sie nicht imstande sein würden, ihre gemeinsame Überzeugung von der Einheit der Christenheit im Glauben an den einen Herrn zu bewahren.




Internationale Theologenkommission, Die Einheit des Glaubens und der theologische Pluralismus, Einsiedeln 1973


Käsemann, Ernst, Begründet der ntl Kanon die Einheit der Kirche? in: Exegetische Versuche und Besinnungen Bd I, 1960


Kasparick, Hanna, Lehrgesetz oder Glaubenszeugnis? 1996, 81f


Levenson, J.D., Warum Juden sich nicht für biblische Theologie interessieren, in EvTh 51,1991, 425f


Nigg, Walter, Geschichte des religiösen Liberalismus, 1954 (referiert in wörtl. Anlehnung)


Waschke, Ernst-Joachim, Die Einheit der Theologie heute als Anfrage an das AT – ein Plädoyer für die Vielfalt, in: FS H.D. Preuß, 1992, 339-41


Zahrnt, Heinz, Von müder Toleranz zum Wettstreit um die Wahrheit, Leitartikel zum Katholikentag in Düsseldorf, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 5.9.1982, S.1


Zenger, Erich, Das erste Testament, 1991
—, Am Fuß des Sinai, 1998