4 b.

Christologische Entwürfe


Vorbemerkungen

I. Die Jungfrauengeburt - ein christologischer Entwurf neben anderen

1. Jungfrauengeburt - ein biologisches Faktum?
2. Historische Fragen zu Lk 1 - 2
    a. Zur Erzählung von Jesu Geburt in Bethlehem
    b. Zur Erzählung von Jesu jungfräulicher Empfängnis
3. Die Ankündigung der Empfängnis und Geburt Jesu (Lk 1,26-38; Mt 1,18-25)
    a. Die Lukas-Fassung
    b. Die Matthäus-Fassung
    c. Die Herkunft des Glaubensartikels
4. Anhang: Die Szenenfolge Mt 2

II. Was heißt: Gott hat einen Sohn?

III. Die nachösterliche Redeweise vom Menschensohn

1. Der Menschensohn (MS)
2. Reich Gottes und Menschensohn
3. Das Maranatha als Vorgabe zur Verwendung der MS-Bezeichnung
    a. Das erste die MS-Bezeichnung verwendende Parusiewort
    b. Die Ausweitung der Verwendung der MS-Bezeichnung
    c. Die erst nachösterliche Verwendung der MS-Bezeichnung



Vorbemerkungen
1. "geboren von der Jungfrau Maria" Apostolikum
Muss ich an die Jungfrauengeburt im biologischen Sinne glauben, nur weil ich an Jesus glaube?
2. Was fange ich mit einem Sohn Gottes an? Was heißt 'Sohn Gottes'? Auch der Pharao in Ägypten ist Sohn Gottes, jungfräulich gezeugt, ebenso der König in Israel.


I. Die Jungfrauengeburt - ein christologischer Entwurf neben anderen


1. Jungfrauengeburt - ein biologisches Faktum?


H. Küng: Die Jungfrauengeburt gehört nicht zur Mitte des Evangeliums. Wie Mk, Paulus und Joh, konnte man sich zu Jesus als Messias, Christus oder Gottessohn bekennen, auch wenn man nicht von einer Jungfrauengeburt wusste. Die Erzählung von der Jungfrauengeburt ist kein Bericht von einem biologischen Faktum, sondern ist Deutung von Wirklichkeit mit Hilfe eines Ursymbols (65f).

Eugen Drewermann schreibt: "Die Kirche ist in meinen Augen von allen guten Geistern verlassen, wenn sie so hochsensible Bilder immer noch in einer völlig fundamentalistischen, objektivistischen und radikal abergläubischen Weise interpretiert. Die Menschen zu zwingen, an die Jungfrauengeburt biologisch zu glauben, heisst nichts anderes, als sie in den Unglauben zu treiben.

W. Radl: Die Jungfrauengeburt ist eine "christologische Konzeption. Sie steht neben anderen, nach denen Jesus bei der Auferweckung (Röm, 1,4) bzw. bei der Taufe (Mk 1,11) in die Gottessohnschaft eingesetzt oder der präexistente Logos zum Menschen Jesus wurde (Joh 1,14).


2. Historische Fragen zu Lk 1 - 2
W. Radl (1996)


a. Zur Erzählung von Jesu Geburt in Bethlehem

Zur Zeit von Jesu Geburt hat es in Palästina keinen Zensus gegeben. Und selbst wenn es ihn gegeben hätte, wären Josef und Maria nicht verpflichtet gewesen, nach Bethlehem zu ziehen.

Lk gelingt es mit Hilfe des Zensus, die Geschichte Jesu tatsächlich in Nazaret beginnen zu lassen und über Bethlehem wieder dorthin zurückzuführen. Mt dagegen geht einfach von Bethlehem als Wohnort Josefs aus. Und als Grund dafür, dass sich dieser später in Galiläa, 'zufällig' in Nazareth, niederlässt, dient ihm die Gefährdung des Jesuskindes in Judäa, im Herschaftsgebiet des Archelaus (2,22f).

Beide Evangelisten versuchen nachträglich, das Nebeneinander von Bethlehem und Nazareth in der Jesusüberlieferung auszugleichen. Das sind rein literarische Erklärungen. Historisch sind sie wertlos.

Wenn die Juden nach Joh 7,42 daran erinnern, der Messias müsse entsprechend der Schriften 'aus dem Geschlecht Davids und aus dem Dorf Bethlehem' kommen, dann ist damit auch schon die Entstehung der Bethlehemtradition und deren Übernahme durch Mt und Lk erklärt. Es geht um eine schriftgemäße Darstellung der Herkunft der Person Jesu, also nicht um eine historische, sondern eine theologische, eine christologische Aussage mit Hilfe der Schrift.


b. Zur Erzählung von Jesu jungfräulicher Empfängnis

Es geht nicht nur um die geistgewirkte, sondern um die jungfräuliche Empfängnis Jesu. Unter der geistgewirkten Empfängnis Jesu könnte man auch eine Mitwirkung des Geistes bei seiner Zeugung durch Josef verstehen, insofern das Kind Marias kein gewöhnlicher Mensch, sondern Gottes Sohn ist. Gegenstand der Frage ist die jungfräuliche Empfängnis im biologischen Sinn, wie sie besonders deutlich Mt 1,18-25 erzählerisch voraussetzt.

Von der jungfräulichen Empfängnis Jesu sprechen nur die beiden relativ jungen Perikopen Mt 1,18-25 und Lk 1,26-38. Die dahinter stehende ältere Tradition ist so jung, dass Paulus und Mk sie noch nicht kennen. Diese setzen ohne Einschränkung eine natürliche Geburt Jesu voraus (Gal 4,4; Mk 6,3), ebenso das JohEv (1,14), das auch die Vaterschaft Josefs ausdrücklich erwähnt (1,45; 6,42), nicht anders als Lk an einigen traditionsgeschichtlich älteren Stellen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Lk 1,26-38 (2,27.33.43.48).

Wenn Gal 4,4 die natürliche Geburt Jesu und Joh 1,13 die übernatürliche Geburt der Glaubenden betont und wenn dies jeweils ohne den doch naheliegenden Hinweis auf Jesu geistgewirkte Empfängnis geschieht, dann schließt das deren Kenntnis bei den Verfassern aus.

Warum soll Maria ihr Wissen solange verschwiegen haben? Warum äußerste Zurückhaltung? Etwa weil der Gedanke der geistgewirkten Empfängnis des Messias für jüdisches Empfinden völlig befremdlich, ein nicht zumutbares Paradoxon war? Das 'Urdatum christlichen Glaubens', dass Gott einen Gestorbenen, ja, einen dem Verbrechertod des Kreuzes Ausgelieferten als Messias anerkannte, ihn durch die Auferweckung zu himmlischer Machtstellung erhöhte, war für jüdische Messiasvorstellungen doch auch ein unerhörtes Novum, ja geradezu ein Nonsens. Warum eine Zurückhaltung, obwohl die Urkirche nicht genug betonen konnte, dass in und an Jesus Gott am Werke war, und eine unerhörte göttliche Intervention wie die geistgewirkte Empfängnis ja nur als Hinweis auf seine göttliche Sendung verstanden werden konnte?

Bei der Aussage von Lk 1 und Mt 1 handelt es sich nicht um eine historische Tradition, sondern um ein Theologumenon, das sich der geistlichen Meditation und theologischen Reflexion der Urkirche verdankt.

Jes 7,14 in der LXX (griechische Übersetzung des AT) ist der entscheidende Brückenpfeiler zwischen dem altägyptischen Mythos und der ntl Christologie; denn die urkirchliche Vorstellung von Jesu Geburt aus der Jungfrau greift darauf zurück. Als religionsgeschichtlicher Hintergrund steht dem fraglichen Christologumenon die ägyptische Mythologie näher als vergleichbare Mythen der griechisch-römischen Antike. Diese kennen auch wunderbare Geburten großer Persönlichkeiten, aber kein Mythos kommt dem christlichen Bekenntnis so nahe wie der ägyptische von der Geburt des Pharao (360).

Für den Historiker ergibt sich der Verzicht auf die Annahme der jungfräulichen Empfängnis Jesu im biologischen Sinn. In der Urkirche ist die Vorstellung von Jesu geistgewirktem Ursprung ein christologischer Entwurf neben anderen. Sie ist ein theologischer Versuche, das Geheimnis der Person Jesu zu deuten. Aber der allergrößte Teil des NT kommt ohne sie aus, ganz zu schweigen von der Berufung auf ein entsprechendes historisches Faktum (361ff).


3. Die Ankündigung der Empfängnis und Geburt Jesu (Lk 1,26-38; Mt 1,18-25)
A. Vögtle (1998)


Das schon Paulus überkommene Christuslied Phil 2,6-11 sprach davon, dass Christus vor seiner Menschwerdung bei Gott existierte. Soll die Reflexion schon bald auf den Gedanken gekommen sein, die Präexistenzvorstellung zu konzipieren, obwohl man von Anfang an wusste, dass Jesus aufgrund geistgewirkter Empfängnis als der Sohn Gottes geboren wurde? Es wäre zu erwarten, dass man sich zunächst auf die geistgewirkte Empfängnis Jesu berief. Ob es in diesem Fall zur Konzipierung der Vorstellung von der Menschwerdung des vor seiner Geburt bei Gott präexistenten Sohnes gekommen wäre, die doch zugleich in stärkster Spannung zur geistgewirkten Empfängnis Jesu steht, ist fraglich. Während die durch Gottes schöpferische Kraft bewirkte Empfängnis die Menschwerdung Jesu als einen Höhepunkt sondergleichen konstituiert, kann die durch natürliche Empfängnis begründete Menschwerdung des Präexistenten doch nur als größtmöglicher Tiefpunkt der Entäußerung verstanden werden.

Älter als das jüdisch-hellenistische Konzept der Präexistenz- und Inkarnationschristologie ist die Herkunftsaussage der judenchristlichen Bekenntnistradition Röm 1,3f mit ihrem “geworden aus dem Samen Davids”. Diese Aussage ist zuerst eine theologische, keine genealogische Feststellung. Röm 1,3 besagt: Im Bereich der Sarx, des ‘Fleisches’, d.h. in der natürlichen, irdischen Ordnung, erfüllte Jesus die Bedingungen, die an den Messias zu stellen waren. Die Abstammung von David wird ausdrücklich als der Sphäre des ‘Fleisches’ zugehörig bezeichnet und dem Begriff ‘Sohn Gottes’ untergeordnet. Ungezwungen lässt die Formulierung nur an eine natürliche Herkunft Jesu aus davidischer Nachkommenschaft denken. Soll die nachösterliche Verkündigung entgegen ihres älteren und besseren Wissens um die geistgewirkte Empfängnis Jesu seine göttliche Sendung noch mit der natürlichen Abstammung aus davidischem Geschlecht begründet haben?

Die beiden Ankündigungserzählungen sind nach dem Modell der atl Gattung der Geburtsankündigung bedeutender Gottesmänner strukturiert. Die Verwendung dieser altbiblischen Gattung spricht dafür, dass die zur Konzipierung der geistgewirkten Empfängnis führende Reflexion von der später erfahrenen Bedeutung Jesu ausgegangen ist. D.h. die Geburtsankündigungen wollen nicht über ein Empfängniswunder historiographisch berichten. Sie sind im Rückblick auf das durch und an Jesus erfolgte Offenbarungsgeschehen gebildet worden, wobei die zukünftige Bedeutung Jesu die eigentliche Pointe darstellt. Art und Anlage dieser christlichen Glaubenserzählung versagen es, eine historische Szene anzunehmen, da solche Erzählungen, Darstellungsweisen für ein sonst unfassliches Offenbarungsgeschehen sind.


a. Die Lukas-Fassung

Lukas gehört zu den ntl Zeugen, die auf die Konkurrenzsituation zwischen Johannes- und Jesusjüngern ausdrücklich eingehen. Es war ein generelles urchristliches Anliegen, Jesus als den letzten, alle atl Gottesmänner überbietenden Gottesboten zu kennzeichnen. Lukas verwendet die Ankündigung der Empfängnis und Geburt Jesu, um Jesus als den letzten, Johannes weit überbietenden Gottesboten zu erweisen. Die natürliche Empfängnis Johannes wird durch die geistgewirkte Empfängnis Jesu weit überboten. Jesus ist nicht nur vom Mutterschoß an mit heiligem Geist erfüllt, sondern aus der Kraft des Geistes auf die Welt gekommen. Die Analyse der Perikope zeigt, dass es sich um eine konstruierte Erzählung handelt.


b. Die Matthäus-Fassung

Hätte Maria nicht allen Grund gehabt, ihren Verlobten über die augenfällig gewordene Schwangerschaft aufzuklären? Hätte das Wunder der Empfängnis Jesu nicht beide Elternteile stärkstens bewegen müssen? Aus der Sicht des Erzählers muss Josef selbst vom Himmel über das unerhörte Wunder, das seine Verlobte betrifft, informiert werden, damit das Beweisziel, die Eingliederung des vom heiligen Geist empfangenen Sohnes in die davidische Generationenfolge, erreicht wird. Der Evangelist der sog. “Reflexionszitate” zitiert die Empfängnis- und Geburtsverheißung von Jes 7,14 LXX (1,22f). Er betont: Mit dem vom Engel Gesagten geht nur in Erfüllung, was vom Herrn selbst durch den Propheten vorausgesagt wurde. Dass das Geschehen so wörtlich mit der Schrift übereinstimmt, beglaubigt es als das Werk Gottes. Durch die Namengebung erkennt Josef den von Maria geborenen Sohn als seinen rechtlichen Sohn an (1,25), wodurch dieser in die davidische Generationenfolge eingegliedert wird - was zu beweisen war. Der dem Matthäus eigene, künstlich entworfene Stammbaum Jesu, mit dem er sein Evangelium eröffnet, und die anschließende Empfängnis- und Geburtsankündigung, die belegen soll, dass Jesus trotz der geistgewirkten Empfängnis Davids Nachkomme ist, bedingen sich gegenseitig. Die an Josef ergehende Ankündigung ist in der vorliegenden Fassung das Werk des Evangelisten.


c. Die Herkunft des Glaubensartikels

Fundamentale Voraussetzung war das der Ostererfahrung verdankte Bekenntnis, dass Jesus der Messias und darüber hinaus der Sohn Gottes ist, der der Träger der göttlichen Kraft des Geistes ist und zwar so unmittelbar und wesenhaft, wie bislang Gott allein der Träger seines Geistes gewesen ist: Ebendarin liegt der eigentliche Sinn der Aussage, dass Jesus Gottes Sohn ist. Wenn schon die spätere Bedeutung eines Isaak, Simson und Samuel durch die vom Himmel ausgehende Ankündigung ihrer Empfängnis, Geburt und ihres Namens signalisiert wurde, warum dann nicht erst recht die abschliessenden Gottes-boten?

Ein hellenistischer Judenchrist, der auf der Suche nach real- und verbalprophetischen Schrifttexten war, konnte den als “Gott mit uns” zu benennenden Sohn unbedenklich auf den verheißenen Messias Jesus beziehen, der in seiner Person selbst Gottes Sache betreibt, der mit Gott und Gott mit ihm eines ist. Weil dieser von Maria geboren wurde, konnte mit “der Jungfrau” (Jes 7,14) nur diese gemeint sein.

Es wird angenommen, dass der Gedanke der geistgewirkten Empfängnis von Haus aus in einer Ankündigungserzählung wie Lk 1, 26-38 beheimatet war und außerhalb der synoptischen Vorgeschichte Jesu keine Rolle spielte. Deshalb musste die geistgewirkte Empfängnis Jesu kaum als erklärungsbedürftige Konkurrenzvorstellung zur Präexistenz- und Inkarnationschristologie empfunden werden.

Selbst für den Fall, dass der Verfasser des Joh-Ev von der Ankündigung der geistgewirkten Empfängnis wusste, kann es nicht überraschen, dass er nicht den Versuch macht, seine Präexistenz- Menschwerdungschristologie mit dieser auszugleichen. Unüberhörbar will er doch die Paradoxie herausstellen, dass der ganz von göttlichem Leben erfüllte Logos und Schöpfungsmittler in die Sphäre des Irdisch-Menschlichen, des Stofflich-Vergänglichen eintrat, indem er Fleisch wurde. Durch den Hinweis auf das durch die schöpferische Kraft Gottes gewirkte “Fleisch”-werden hätte er jene gewollte Paradoxie geradezu aufgelöst (113ff).


L.M.: Trotz seiner gründlichen Nachforschungen (Lk 1,1-4) weiß der Evangelist Lukas nichts von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe schenken, nichts von einem Stern, der die Weisen nach Bethlehem führt, nichts von einer Flucht der heiligen Familie nach Ägypten und nichts von einem Kindermord in Bethlehem.


4. Anhang: Die Szenenfolge Mt 2
A. Vögtle (1966)


Eine Direktführung der Magier nach Bethlehem durch den Wunderstern hätte zur Folge gehabt, dass die mt Kindheitsgeschichte um wenigstens zwei als Schrifterfüllung gedeutete Ereignisse, nämlich die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr von dort (2,15) sowie den Kindermord (2,18), ärmer wäre, ja sogar um einen dritten Hinweis auf die Schrifterfüllung (2,5).

Im Zusammenhang mit einer fortschreitenden Erforschung der biblischen Welt beobachtete man frappante Parallelen aus der haggadisch weiterentwickelten Überlieferung über große Gestalten des Gottesvolkes, nämlich vor allem über Israel gleich Jakob und Moses. Des weiteren machte man sich bewusst, dass die judenchristlich orientierte Verkündigung sehr wohl die weiterbildende haggadische Verwendung der atl Geschichte in die Auseinandersetzung mit dem Judentum und damit in den reflektierenden Schriftbeweis einbeziehen konnte.

Die Hauptschwierigkeiten dieses Erzählkomplexes lösen sich von selbst, wenn Mt 2 nicht einfach ein tatsächliches Geschehen 'an sich' berichten, sondern das Schicksal des Messiaskindes auf dem Hintergrund der haggadisch ausgeformten Jakobs- und Mosesüberlieferung darstellen will. Dieser haggadisch weiterentwickelten Geschichte zufolge wurde Israel-Jakob verfolgt, konnte aber auf ein Gotteswort hin nach Ägypten entrinnen. Indem der Evangelist das Schicksal des Jesuskindes als Wiederholung der rettenden Flucht des Stammvaters nach Ägypten und seiner Exoduserfahrung verstanden haben will, erweist sich ihm, in dieser Wiederholung des einstigen ‘typischen’ also prophetisch vorausdarstellenden Schicksals des Stammvaters, Jesus als der ‘Israel’ der Erfüllung und somit als der messianische Begründer des endzeitlichen Gottesvolkes. Die gleichzeitige Einbeziehung von Zügen des vorbildlichen Mosesschicksals kennzeichnet Jesus als den zweiten und letzten Moses, als den errettenden Führer des Gottesvolkes, den Künder des ergänzenden, abschließenden, wahren Gotteswillens, der neuen ‘Gerechtigkeit’ und damit als den Mittler des endzeitlichen Gottesbundes. Schon jetzt erweist sich dem auf das Offenbarer Schicksal Jesu zurückblickenden Evangelisten Israel als die verlorene Herde, die keine rechte religiöse Führung hat. Das Verhalten der Hauptstadt und ‘aller’ Experten des Volkes gegenüber dem Begründer und Führer des endzeitlichen Gottesvolkes, des wahren Israel, dürfte so im Sinne von Mt 2 zugleich das Schicksal der Christusoffenbarung, die spätere schuldhafte Entscheidung Israels und die gnädige Annahme der Heiden, vorausweisend andeuten wollen.

Sobald man den midraschartigen Charakter von Mt 2 erkennt und anerkennt, ist der hier beschriebene Verlauf der Geschichte zweifellos in allen Einzelheiten höchst sinnvoll. Die Aussagen, auf die es unserer midraschartigen Erzählung ankommt, geben unstreitbar Wahrheiten und Tatsachen der Geschichte Jesu, der durch und an Jesus erfolgten abschließenden Offenbarung wieder (78-82).



II. Was heißt: Gott hat einen Sohn?
H. Küng


Gerade nicht von Jesu Geburt, sondern von Jesu Tod ist auszugehen, wenn man verstehen will, warum Jesu Jünger dazu kamen, ihn als Gottes Sohn zu verkünden. Es war von Anfang an die felsenfeste Überzeugung der ersten Christengemeinde: Dieser Gekreuzigte ist nicht ins Nichts gefallen, sondern ist aus der vergänglichen Wirklichkeit in das wahre, ewige Leben Gottes eingegangen. Er lebt - wie auch immer das zu erklären ist. Es geht um das Hineinsterben und Aufgenommenwerden aus dem Tod in die eigentliche, wahre Wirklichkeit Gottes.

Jesus hat sich nie Gott genannt, im Gegenteil: “Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein” (Mk 10,18). Erst nach seinem Tod hat die glaubende Gemeinde angefangen, den Titel ‘Sohn’ oder ‘Sohn Gottes’ für Jesus zu gebrauchen:

- Man erinnert sich, aus welcher innigen Gottesverbundenheit heraus Jesus gelebt hatte. Es gab für Juden, die Jesus nachfolgten, eine innere Logik dafür, dass er, der Gott ‘Vater’ genannt hatte, von seinen gläubigen Anhängern dann auch ausdrücklich ‘der Sohn’ genannt wurde. Der erwartete und gekommene Messias war jetzt in einzigartiger Weise Gottes Sohn.

- Man begann die messianisch verstandenen Psalmen zu Ehren des vom Tode Erweckten zu singen, besonders die Thronbesteigungspsalmen. Die Erhöhung zu Gott konnte man sich als Jude damals leicht in Analogie zur Thronbesteigung des israelitischen Königs denken. Wie dieser im Moment seiner Thronbesteigung zum ‘Sohn Gottes’ eingesetzt wurde, so jetzt auch der Gekreuzigte durch seine Auferweckung und Erhöhung: “Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten” (Ps 110,1)! Dieser Vers beantwortete den jüdischen Anhängern Jesu die Frage nach dem Ort und der Funktion des Auferweckten. Der Auferweckte ist beim Vater, ‘zur Rechten des Vaters’ in einer Throngemeinschaft mit dem Vater. Die Einsetzung des gekreuzigten Messias Jesus als des ‘Sohnes’ beim Vater ‘durch die Auferweckung von den Toten’ gehört zur ältesten Botschaft, mit der die ‘Messiasboten’ ihr eigenes Volk zur Umkehr und zum Glauben an den gekreuzigten und von Gott auferweckt und zu seiner Rechten erhöhten ‘Messias Israels’ aufriefen.

In Psalm 2,7 wird der Messias-König sogar ausdrücklich als ‘Sohn’ angesprochen: “Mein Sohn bist du: heute habe ich dich gezeugt”. ‘Zeugung’ ist hier synonym für Inthronisierung, Erhöhung. Deshalb heißt es in einem alten vorpln Glaubensbekenntnis: Jesus Christus wurde “eingesetzt zum Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten” (Röm 1,4). Deshalb kann in der Apg dieser Thronbesteigerungspsalm aufgegriffen und auf Jesus angewendet werden: “Er (Gott) sprach zu mir (Jesus): Mein Sohn bist du; ich habe dich heute gezeugt” (Apg 13,33). Hier im NT wird noch gut jüdisch gedacht: ‘Gezeugt’ als König, ‘gezeugt’ als Gesalbter (=Messias, Christus) heißt nichts anderes als eingesetzt als Stellvertreter und Sohn. Mit dem ‘heute’ ist in der Apg nicht Weihnachten, sondern Ostern gemeint, der Tag der Auferweckung, der Erhöhung zu Gott.

Im NT ist nicht eine Abkunft, sondern die Einsetzung in eine Rechts- und Machtstellung im hebräisch-atl Sinne gemeint. Nicht eine physische Gottessohnschaft, sondern eine Erwählung und Bevollmächtigung Jesu durch Gott, ganz im Sinne der Hebräischen Bibel, wo bisweilen auch das Volk Israel kollektiv ‘Sohn Gottes’ genannt werden kann. Gegen ein solches Verständnis von Gottessohnschaft war vom jüdischen Ein-Gott-Glauben her nichts einzuwenden, sonst hätte es die jüdische Urgemeinde gewiss nicht vertreten.

Mit der Zeit trat neben die ursprüngliche von unten her gedachte Erhöhungschristologie eine von oben her kommende Inkarnationschristologie. Paulus spricht noch von einer ‘Sendung’ des Gottessohnes, Johannes von einer ‘Fleischwerdung’ des Gotteswortes.

Die pln Aussagen von der Sendung des Gottessohnes setzen keine Präexistenz Christi als mythologisch verstandenes Himmelswesen vorraus. Die Metapher ‘Sendung’ (der prophetischen Tradition entlehnt) bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass Jesu Person und Werk nicht innergeschichtlichen Ursprungs sind, sondern sich ganz Gottes Initiative verdanken.

Auch im Joh-Ev wird Gott und sein Gesandter klar unterschieden: “Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast” (Joh 17,3). “Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott” (Joh 20,17).

Das Joh-Ev vertritt eine mit der Welt des Judenchristentums noch durchaus verbundene Christologie, in der es um Sendung und Offenbarung geht, in der die Präexistenzaussage eine verstärkte Bedeutung bekommt. Der Mensch Jesus von Nazareth ist das Wort Gottes in Person. Er ist es gerade als sterblicher Mensch; er ist es aber nur für die, die bereit sind, in seinem Wort Gottes Wort, in seiner Praxis Gottes Taten, in seinem Weg Gottes Geschichte, in seinem Kreuz Gottes Mitleiden vertrauend zu glauben.

Menschwerdung heißt: In diesem Mensch haben Gottes Wort, Wille, Liebe menschliche Gestalt angenommen. In all seinem Reden und Verkündigen, in seinem ganzen Verhalten, Geschick, in seiner ganzen Person hat der Mensch Jesus gerade nicht als Gottes ‘Nebenbuhler’ gewirkt. Vielmehr hat er des einen Gottes Wort und Willen verkündet, manifestiert, geoffenbart. Jesus ist in menschlicher Gestalt Gottes ‘Wort’, Gottes ‘Wille’, Gottes ‘Bild’, Gottes ‘Sohn’. Es geht um eine Einheit des ‘Thrones’, des Erkennens, des Wollens, des Handelns Jesu mit Gott, um eine Einheit des Offenbarens Gottes mit und durch Jesus. “Wer mich sieht, sieht den Vater” (Joh 14,9)
In diesem ursprünglichen Sinn ist Jesus von Nazareth das Fleisch gewordene Wort, Gottes Wort in Person, Gottes Weisheit in menschlicher Gestalt.

Ich glaube an den Sohn Gottes heißt: ich glaube an Gottes Offenbarung im Menschen Jesus von Nazareth, der so Gottes Wort, Bild und Sohn ist (81ff).


III. Die nachösterliche Redeweise vom Menschensohn (MS)


Reich Gottes (RG), Herrschaft Gottes (HG)


1. Der Menschensohn (MS)


Nach W. Marxsen ist die Vorstellung vom kommenden MS in der Apokalyptik entstanden und zwar in Weiterbildung von Motiven aus Dan 7. Der MS war kein Mensch, sondern eine jenseitige Gestalt, die erst bei der Äonenwende aus der Verborgenheit heraustreten würde. Bei seiner Parusie würde der MS sichtbar allen Menschen erkennbar erscheinen und dann beim Gericht beteiligt sein.
Von vier Ausnnahmen abgesehen (Apg 7,56; Offb 1,13; 14,14; Hebr 2,6), begegnet die Bezeichnung MS nur in den Evangelien und dort nur im Munde Jesu, sie erscheint in keiner urchristlichen Bekenntnisformel.

  • Die Rede vom leidenden, sterbenden und auferstehenden MS

Diese Gruppe begegnet bei Mt und Lk nur an Stellen, die auf eine Mk-Vorlage zurückgehen (Mk 8,31; 9,31; 10,33f). Wahrscheinlich handelt es sich um Bildungen des Markus, und damit um die jüngste Gruppe. Die vorgegebene Vorstellung kannte nicht den Gedanken eines leidenden, sterbenden und auferstehenden MS. Es ist deutlich: Zur Ausgestaltung sind Motive aus der Passionsgeschichte herangezogen worden.

  • Die Rede vom gegenwärtig wirkenden MS

In dieser Gruppe werden Motive aus dem Wirken Jesu mit dem MS in Beziehung gebracht. Die vorgegebene Vorstellung kannte kein Wirken des MS im alten Äon vor der Äonenwende. Auch in diesen MS-Worten ist Jesus gemeint, der nach Ostern mit dem MS identifiziert wurde (Mk 2,10.38; Mt 8,20; 11,19; Lk 7,34).

  • Die Rede vom kommenden MS

Nur in dieser Gruppe werden die Vorstellungen aus der Apokalyptik unmittelbar aufgenommen. (Mk 13,26; 14,62; Mt 24,27.39.44; Lk 12,40: 17,24.26). Würde nur diese Gruppe bestehen, käme man nicht auf den Gedanken, dass Jesus von sich selber redet und sein eigenes (Wieder-) Kommen ankündigt. Nach dieser Gruppe hätte er vielmehr (ganz im Sinne der Apokalyptik) das Kommen des MS angekündigt, der aber von ihm zu unterscheiden ist (Ma 83f).


2. Reich Gottes und Menschensohn
P. Vielhauer


Reich Gottes und MS haben ihrer Entstehung nach nichts miteinander zu tun und werden in der spätjüdischen Eschatologie auch nicht miteinander verbunden. Ihre Kombination legte sich für Jesus also auch von seinen religionsgeschichtlichen Voraussetzungen her nicht nahe. Jesus hat die “Königsherrschaft Gottes” zum zentralen Gegenstand seiner Verkündigung gemacht. Damit sagte er, dass Gott König ist und dass Gott sich selbst zum Herrn über alles macht. Wenn Jesus häufig vom “Eingehen in die HG” redet (Mk 9,47; 10,23ff) oder von “Söhnen des RG” (Mt 8,12) und vom “Erben des Reiches” (Mt 25,34) spricht, so verwendet er eine Terminologie, die in seiner jüdischen Umwelt mit dem Begriff des neuen Äons verbunden war. Damit wird aus der Erwartung des neuen Äons die strenge Ausrichtung auf Gottes Königsein. In solcher Eschatologie haben die Gestalten des MS und des Messias ben David keinen Platz. Vom strengen Begriff der HG her ist es unmöglich, dass Jesus den kommenden MS erwartet oder gar sich mit ihm identifiziert hat.

Jesus hat sich selbst in einer unauflösbaren Beziehung zum RG und seinem Kommen gesehen. Dieser Anspruch steht unausgesprochen hinter der selbstverständlichen Autorität, mit der er den neuen Äon als HG auslegt, dessen drängende Nähe verkündigt und zu sofortiger Umkehr ruft. Das Ineinander von Zukunfts- und Gegenwartsaussagen über die HG sprengt das Zeitschema der Äonenlehre. Besonders deutlich wird jener Anspruch Jesu in seinen Aussagen über die Gegenwart der Basileia und in seiner Stellung zum Gesetz (87f).

Jesus sieht in seinen Exorzismen wie in seinen anderen Machttaten Zeichen dafür, dass Satans Macht gestürzt ist und Gott die Herrschaft ergriffen hat (Lk 10,18). Darum preist er die Augenzeugen seiner Taten selig (Lk 10,23). Jesus sieht in seinem Wirken die HG zeichenhaft gegenwärtig und sich am einzelnen machtvoll verwirklichen. Wenn er dem eigentlichen Willen Gottes Geltung verschaffen will (“Ich aber sage euch”), so beansprucht er, besser als Mose Gottes Willen zu kennen. Jesus versteht seine Verkündigung in Heilsruf, Bußruf und Machttaten als das Nah-Sein und Da-Sein der HG und sich selbst als Gottes letztes Wort an die Menschen. In diesem Ausspruch Jesu, der mit keinen zeitgenössischen Kategorien zu deuten ist, liegt gerade der Ansatzpunkt für die Bildung der Christologie, d.h. dafür, dass aus dem Verkündiger der Verkündigte wurde.

Die Jünger hatten verstanden, dass Jesus Gottes eschatologischer Ruf ist und dass an der Entscheidung gegenüber diesem Ruf sich das ewige Heil oder Unheil entscheidet. Als sie nach der Kreuzigung ihres Meisters durch die Erscheinungen des Auferstandenen die Überzeugung gewannen, dass Jesus lebt und in die Herrlichkeit Gottes erhöht sei, und sie diese Erfahrung mit jener Erinnerung aussagen mußten, konnten sie dies nur in der geläufigen Vorstellungen der jüdischen Eschatologie tun. Denn Jesu Reichsverkündigung konnte nicht unverändert tradiert werden, da sie wesenhaft mit seiner Person verbunden war und da mit Jesu Tod und Auferstehung das Eschaton angebrochen war. Die Vorstellung vom MS war geeignet die Identität des Irdischen mit dem Erhöhten und seine Bedeutsamkeit klarzumachen. War Jesus, an dem sich das ewige Heil oder Unheil entschied, in Gottes Herrlichkeit, so musste er der MS sein, der am Ende der Tage als Richter und Erlöser erscheinen sollte. Die traditionelle Erwartung des MS wurde nun zur Erwartung der Wiederkunft Jesu eben als MS. Diese Erwartung ersetzte die Hoffnung auf den baldigen Anbruch des RG, wie Jesus es verkündigt hatte (89f).

Die Gemeinde machte keinen Unterschied zwischen den Worten des historischen Jesus und den Worten des Erhöhten, die durch urchristliche Propheten geoffenbart wurden. Sie hörte in beiden die Stimme ihres Herrn (66).

Der Doppelspruch vom Bekennen und Verleugnen (Lk 12,8f par) weist in eine Situation, in der vor menschlichen Gerichten eine Entscheidung für oder gegen Jesus gefordert wird. Eine solche Situation war zu Jesu Lebzeiten nur in seiner Passion gegeben und wurde nur für Petrus akut. Das Bekenntnis zu Jesus und die Verleugnung ‘vor den Menschen’ setzt die Verfolgung der Jünger um Jesu willen voraus (Lk 6,22f par). Dieser Spruch ist in der Gemeinde entstanden, die von Propheten geleitet wird (Vi 79).


3. Das Maranatha als Vorgabe zur Verwendung der MS-Bezeichnung
A. Vögtle


Die nachösterliche Redeweise vom MS ist durch urchristliche Propheten aufgekommen, die den im “Maranatha” bekundeten Parusieglauben in Anknüpfung an die henochsche MS-Erwartung mittels der Bezeichnung “der MS” artikulierten (173).

Der Ursprung von Maranatha (“Unser Herr komm”! und “Unser Herr ist da, ist gegenwärtig”) liegt in der palästinischen Urgemeinde. Von dort ging dieser Ausdruck als fest geprägte Formel, unübersetzt auch in den Gottesdienst der griechischen Christenheit über. Der Ausruf ist zugleich Imperativ und indikativische Bekenntnisaussage. (Nach Thüsing ist das Maranatha der typische Ausdruck für die Zusammenschau des erhöhten gegenwärtigen mit dem kommenden Herrn 91f).

Bei seinem Abschiedsmahl hatte Jesus die Jünger seiner bleibenden Gemeinschaft vergewissert, durch sein gewaltsames Ende werde seine Botschaft von der kommenden HG nicht widerlegt werden, vielmehr werde er das nächste Mahl im RG feiern (Mk 14,25). Mit dem Flehruf konnte sich die Urgemeinde nur unter der Voraussetzung an den erhöhten Jesus wenden, dass dieser nach ihrer Überzeugung zu eschatologischem Handeln befähigt ist. Als ältester fassbarer Ausdruck der Parusieerwartung darf das “Maranatha” als zuverlässige Vorgabe zur Verwendung der MS-Bezeichnung gelten (129f).

Die Zeugen des Wirkens Jesu kannten Gleichnisse und Einzelworte, die denen, die sich dem Heilsangebot der anbrechenden HG verweigern, das von der Heilserlangung ausschliessende Gericht ankündigten. Mit der Erwartung der Heilserlangung durch den erhöhten Herrn dürfte sich schon früh die Erwartung verbunden haben, dieser werde zum Vollzug des über Heil und Unheil entscheidenden Gerichtes kommen (131). Um die Identität des Irdischen mit dem Erhöhten und seine eschatologische Bedeutsamkeit klarzumachen, bedurfte es nicht der Vorstellung von der Erhöhung Henochs zum MS. Der Bittruf: “Unser Herr, komm”! dürfte dem Einfall, das erwartete Kommen des Herrn mittels der MS-Bezeichnung zu artikulieren, vorausgegangen sein. Der erhöhte Herr, dessen Kommen die Gläubigen erflehten, war für diese selbstverständlich identisch mit dem einst auf Erden wirkenden und in Jerusalem hingerichteten Jesus. Das Maranatha sprach von dem erhöhten Herrn als einer bekannten personalen Gestalt, deren Kommen als Erlöser und Richter erfleht wurde. Wollte die Verkündigung zum Ausdruck bringen durch die Verwendung der MS-Bezeichnung, dass der im Himmel weilende Herr - und kein anderer der zu erwartende Repräsentant des Heils- und Gerichtshandelns Gottes ist, kam nur die absolute Bezeichnung ‘der MS’ in Frage (133f).

Die MS-Erwartung von 1 Hen war durch die reale Person des transzendenten Christus überholt worden. Einem urchristlichen Propheten, der als erster eine Parusieansage mittels der MS-Bezeichnung artikulierte, mußte deshalb nicht so sehr daran gelegen haben, den Parusieglauben durch eine in apokalyptischen Kreisen vorhandene eschatologische Erwartung zu rechtfertigen, als vielmehr an der Versicherung, dass ein anderer als der erhöhte Christus als Erlöser und Richter nicht zu erwarten ist. Die Schwierigkeit des Nachweises, dass Jesus selbst seine Entrückung oder seine Erhöhung in den Himmel mit MS-Worten oder/und gar mit Ich-Worten voraussagte, entfällt nach Ostern, weil Jesus aufgrund des Osterglaubens als im Himmel existent und von dort als “kommend” vorgestellt wurde, ehe dieser Parusieglaube auch mittels der MS-Bezeichnung proklamiert wurde (135f).


a. Das erste die MS-Bezeichnung verwendende Parusiewort?

Lk 17,24 par Mt 24,27 (der Vergleich des MS mit dem aufleuchtenden Blitz) könnte die erste Artikulierung des Parusieglaubens gewesen sein, die “der MS” als Bezeichnung für den Parusie-Christus gebrauchte (144).

Die Gläubigen wissen aufgrund des offenbarenden Ostergeschehens um die himmlische Existenz des erhöhten Herrn. Bis zur Wahrnehmung seiner Funktion als Heilsvollender und Richter ist dieser aber ihren Blicken entzogen. Er ist im Himmel verborgen, wie der MS der apokalyptischen Erwartung bis zum Ende der Tage in der Gegenwart Gottes verborgen und nur den Auserwählten offenbart ist: “Denn zuvor [bevor die Könige und Mächtigen den auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzenden MS erschreckt sehen werden] ist der MS verborgen gewesen, und der Höchste hat ihn angesichts seiner Macht bewahrt und ihn den Auserwählten offenbart” (1Hen 62,7; 48,6; 4Esra 13,52).

Ein urchristlicher Prophet, der die (für die henochschen Bilderreden) fundamentale Vorstellung von dem bis zum Ende der Tage in der Gegenwart Gottes verborgenen MS kannte, konnte auf den Gedanken kommen, durch den Vergleich des MS mit dem unübersehbar aufleuchtenden Blitz den erhöhten Christus als den realen MS zu verkünden, der aus der verborgenen Himmelswelt aller Welt sichtbar, offenbar werden wird. Schon die futurische Formulierung “so wird der MS sein” mußte die Identifizierung des MS mit dem am Firmament sichtbar werdenden Christus nahe legen, zumal das zukünftige Erscheinen eines anderen als des im Himmel befindlichen Herrn für den nachösterlichen Glauben nicht in Betracht kam (141f).

Zur Erklärung des Leitbegriffs des ‘Kommens’ einer vom Himmel ausgehenden und der Menschenwelt zugewandten Bewegung ist man weder auf die Bilderreden angewiesen, die die Redeweise vom ‘Kommen’ des MS aus dem Himmel nicht erwarten lassen, da der im Himmel befindliche MS auf dem Gottesthron Gericht hält, noch auf die Prophetie Dan 7,13, die die entgegengesetzte Bewegungsrichtung voraussetzt. Der Begriff des ‘Kommens’ war mit dem im ‘Maranatha’ erflehten “Kommen” des erhöhten Herrn als Erlöser und Richter vorgegeben und hatte sich den Gläubigen fest eingeprägt (144).


b. Die Ausweitung der Verwendung der Menschensohn-Bezeichnung

Sobald die Verkündigung wenigstens eine Artikulierung der Parusie Christi kannte, in der “der MS” als Bezeichnung des zu Gericht und Heilsvollendung erwarteten Herrn verständlich war, konnte den Hörern weitere, die MS-Bezeichnung verwendende Parusieansagen zugemutet werden (145).


Lk 12,8f (Q)

“Wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der MS bekennen vor den Engeln Gottes. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes”. Unterschieden werden hier, wie später in Mt 19,28, nicht zwei Personen, sondern zwei status derselben Person, zwei Epochen des Wirkens derselben Person. Es ist nicht von zwei Personen die Rede, sondern es werden die irdische Wirksamkeit Jesu (= Ich) und sein Kommen in messianischer Herrlichkeit (= MS) einander gegenübergestellt. Der für den Spruch verantwortliche Sprecher hat mit dem “Ich”, zu dem man sich bekennen oder den man verleugnen kann, nicht nur den einst auf Erden verkündenden, sondern primär, den nachösterlich verkündigten, somit den irdischen und den erhöhten Jesus Christus in Blick. Insofern wird unterschieden zwischen dem durch die Erhöhung begründeten status und Wirken Christi und seiner künftigen Funktion als Heilsvollendender und strafender Richter (148).


Lk 11,30

“Wie Jona ein Zeichen war für die Niniviten, so wird es auch der MS sein für diese Generation”. Mit “diese Generation” (Lk7,31f par; 11,31f par; 11,50 par) bezeichnet Q das Jesus und die Christus-Botschaft ablehnende Israel und identifiziert dieses mit der letzten bösen Generation, die die endgerichtliche Verurteilung erfahren wird (Lk 11,31f par).
Nachdem die Gläubigen seit der Frühzeit das Kommen des erhöhten Herrn zu Gericht und Heilsvollendung erflehten und diese Erwartung sicher schon relativ bald auch mittels der MS-Bezeichnung verkündet wurde, hätte ein judenchristlicher Prophet mit dem Vergleich des MS mit Jona zum Ausdruck bringen können: diese Generation, die sich dem Christusglauben verweigert, wird ein Beglaubigungswunder erleben, indem sie den MS = Jesus als wunderbar aus dem Tod Erretteten erfahren wird (152f).
Das Überleben des Jona galt auch nach damaliger Erfahrung als unmöglich. Der Psalm Jona 2 deutet den Bauch des Fisches mit Hilfe von mystischen Todesbildern: “Ich schrie aus dem Rachen des Todes und du hörtest meine Stimme. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott”!

Jonas Errettung aus dem Fisch ist eine Errettung aus dem Tod. Der maßgebende Kanon für die Beanspruchung der Schrift als Verbal- und Realprophetie war der nachösterliche Christusglaube als solcher. Die Urgemeinde hatte nicht auf mögliche schriftgelehrte Einwände Rücksicht zu nehmen, sondern zu bezeugen, dass die Parusie des vom Tode auferstandenen Jesus das erfahrbare messianische Beglaubigungszeichen sein wird (155f).

Nach Ostern war die Auferweckung und Erhöhung Jesu das entscheidende Zeichen von Gott her, das ein Weiterverkündigen der Jünger in und vor Israel überhaupt erst möglich machte. Eine Beglaubigung der göttlichen Sendung Jesu stellt der Deutespruch in Aussicht: diese ungläubige Generation werde den MS bei der Parusie als wunderbar aus dem Tod Erretteten erfahren. Auch die (nachösterliche) Verkündigung der Auferweckung des MS impliziert Gerichtsverkündigung: bei erneuter Ablehnung des nachösterlichen Heilsangebote verschärft sich die Gefährdung für Israel (und auch für die Christen) (157f).


Mt 12,40

“Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der MS drei Tage und drei Nächte im Schoss der Erde sein”. Schon die Q-Fassung des Deutespruchs hatte die MS-Bezeichnung nicht nur auf den Parusie-Christus, sondern auch auf den den Tod erleidenden und aufzuerweckenden Jesus bezogen. Matthäus liegt an der Aussage, dass Jona, “der Prophet”, in seinem Geschick den Tod und die Auferstehung Jesu vorausabbildet, deshalb muss er die Zeitangabe des Jonabuches “drei Tage und drei Nächte lang” (3,1) in Kauf nehmen. Es geht ihm darum, die ungläubigen Schriftgelehrten und Pharisäer mit dem Hinweis auf ein Geschehen der Schrift zu widerlegen: Wenn Gott schon an Jona so gehandelt hat, warum sollte er nicht auch am MS so handeln können, der doch mehr ist als Jona (V41) (160)?


Mt 24,30 a b

“Und dann wird das Zeichen des MS am Himmel erscheinen und dann werden heftig trauern alle Stämme der Erde”. (Sach 12,10 LXX: “Sie werden hinblicken auf den, den sie durchbohrt haben, und es werden heftig trauern um ihn alle Stämme, die übrig geblieben sind”). Nach den kosmischen Katastrophen (24,29), die die göttliche Macht des MS-Richters anzeigen und vor dem ebenfalls aus Mk 13 übernommenen Satz “und [sie] werden kommen sehen den MS auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit” (24,30c) fügt Matthäus obigen Text ein. Alle Menschen werden heftig trauern, weil der für tot und erledigt Gehaltene am Firmament sichtbar werden wird und sie sich dadurch ihres Irrtums und ihres Unglaubens überführt sehen werden (161f).

Wenn der Q-Spruch Lk 11,30 besagen will dass “diese Generation” den MS als wunderbar aus dem Tod Erretteten zu sehen bekommt, nämlich bei der Parusie, dann bezeugt der Sprecher die Ausweitung des anfänglich den Parusie-Christus bezeichnenden Ausdrucks “der MS” auf den dem Tod ausgelieferten und auferweckten Jesus. In diesem Fall würde Lk 11,30 belegen, dass der Parusie-Christus mittels der MS-Bezeichnung mit dem durch das Todesleiden zur Auferweckung gelangenden Jesus identifiziert wurde. Lk 11,30 stünde hinsichtlich der Verwendung der MS-Bezeichnung sozusagen in der Mitte zwischen Parusieansagen und den Worten vom gegenwärtigen MS. Noch direkter als in Lk 11,30 kommt die Identifizierung des Parusie-MS mit dem vorösterlichen Jesus in dem von Lukas stammenden Einschub 17,25 zum Ausdruck (163): “Z u v o r [vor dem unübersehbaren Erscheinen des MS] muss er [der Parusie-MS] vieles leiden und von dieser Generation verworfen werden”.


c. Die erst nachösterliche Verwendung der MS-Bezeichnung

Hätte Jesus sich selbst mit dem Parusie-MS identifiziert, müsste man annehmen, Jesus hätte die Erwartung seines Todes und seiner Auferstehung bzw. seiner Entrückung in den Himmel mit der Ankündigung seiner Wiederkunft zum Gericht verbunden. Wie für Juden der Gedanke unvorstellbar war, dass der Messias die Sünden der Welt auf sich nehmen und sterben sollte, so war auch eine Verbindung des MS mit dem Leiden für die eschatologische Erwartung des Judentums ausgeschlossen. Wenn die Verknüpfung zwischen der MS-Vorstellung und der Gestalt des leidenden Gottesknechts von Jes 53 auf Jesus zurückgehen sollte, so müßte sich in der synoptischen Tradition ein fester Zusammenhang zwischen den Worten vom kommenden MS und den Sprüchen finden, die von seinem Leiden handeln. Beide Spruchgruppen stehen unverbunden nebeneinander. Somit müssen die Logien, die von Tod und Auferstehung des MS reden, in der Gemeinde entstanden sein (171f).

Angesichts seines gewaltsamen Todes versichert Jesus, seine RG-Botschaft werde durch dieses Ende keineswegs widerlegt werden; er werde vielmehr das eschatologische Mahl in der volloffenbaren HG feiern (Mk 14,25). Diese Versicherung Jesu setzt seinen Glauben an eine wie auch immer geartete postmortale Existenz voraus. Doch spricht Jesus hier weder von sich als “dem MS”, noch impliziert er die von ihm erwartete Postexistenz als Erhöhung in eine transzendente Existenzweise und Machtstellung, die ihn zur Parusie befähigen würde, noch etabliert er das RG, in dem er erneut von der Frucht des Weinstocks trinken werde, in der transzendenten Himmelswelt (172).

Nachdem das Ostergeschehen als Erhöhung Jesu in den Himmel und als Einsetzung in die messianische Machtstellung verstanden wurde, war diese nur sinnvoll, wenn sie auf die Heraufführung des Endheils und des Endgerichts ausgerichtet war. Dem Nebeneinander der Rede vom Gericht Gottes und vom Gericht Christi lag die Überzeugung zu Grunde, dass die richterliche Vollmacht Gottes dem erhöhten Herrn übertragen ist, weshalb aus dem atl “Tag des Herrn” “der Tag unseres Herrn Jesus Christus” werden konnte (173).

Der Glaube an die Erhöhung Jesu in den Himmel sowie sein Kommen zu Gericht und Heilsvollendung ging der Verwendung der MS-Bezeichnung voraus. Die Frage, wie Jesus in den Himmel kommt, war mit dem Osterglauben entschieden. Für den Maranathaglauben gab es nur eine im Himmel existente reale Person, nämlich den erhöhten Herrn, der zum Richter und Heilsvollender bestimmt ist. Durch seine Erhöhung in den Himmel wurde Jesus der transzendente Christus, weshalb die henochsche Erwartung des himmlischen, transzendenten MS durch den transzendenten Christus überholt und damit gegenstandslos wurde.

Der Begriff “Kommen” war mit dem “Maranatha” vorgegeben. Die am Anfang stehende Redeweise vom “Kommen” des MS hatte sich so verfestigt, dass sie sich durchhielt, obwohl Jesus als “der MS” für die Jesusüberlieferung von Q und der Evangelien schon dagewesen ist, und die Gläubigen insofern die Wiederkunft des MS erwarteten. Bei Paulus und in den Evangelien ist nie vom “Wieder”-Kommen, “Wieder”-Erscheinen die Rede, obwohl er doch schon da war, “gekommen ist” (174f).




Drewermann, Eugen / Biser, Eugen, Welches Credo?, 1993, 215


Küng, Hans, Credo, 1992 (referiert in wörtl. Anlehnung).


Marxsen,Willi, Ethik im NT, 1989, 83f


Radl, Walter, Art. Jungfrauengeburt, in: RGG4 IV, 2001, 706f
—, Der Ursprung Jesu, 1996, Anhang: Historische Fragen zu Lk 1-2 (referiert in wörtl. Anlehnung).


Vielhauer,Philipp, Gottesreich und MS in der Verkündigung Jesu, in: Aufsätze zum NT, 1965, 55-91 (auch in: FS Günther Dehn) (referiert in wörtl. Anlehnung)


Vögtle, Anton, Unnötige Glaubensbarrieren, 1998, 113ff (referiert in wörtl. Anlehnung)
—, Was heißt “Auslegung der Schrift”? in Wilfried Joest u.a., Was heißt Auslegung der Heiligen Schrift? 1966, 78-82
—, Die ‘Gretchenfrage’ des MS-Problems, 1994, 129ff (referiert in wörtl. Anlehnung)