8 b.

Forts. Judenchristliche Gemeinschaftsmahlzeiten und paulinisches Herrenmahl
Eschatologisches Freudenmahl oder Vergegenwärtigung des Todes Jesu?





4. Die Begründung der Eucharistie im nachösterlichen Offenbarungsgeschehen
H. Jorissen


Nicht schon der irdische Jesus ist die volle, abschließende und unüberbietbare Christusoffenbarung, sondern erst der auferweckte und erhöhte Herr (in Personidentität mit dem Irdischen und Gekreuzigten), insofern er sich selbst als der Auferweckte und Erhöhte in die Geschichte und menschliche Erfahrung hinein erschlossen hat (212).

Wir sehen uns heute genötigt, die Glaubenswahrheiten im Offenbarungsgeschehen selbst - und nicht in den theologischen Aussagen der ntl Schriftsteller zu verankern. Sie alle wissen sich als Dolmetscher und Interpreten einer Überlieferung, die ihren historischen und theologischen Grund in Jesus selber hat. So gewiss die nachösterliche Verkündigung in Kontinuität mit der Verkündigung Jesu stehen muss, um nicht in Mythologie abzusinken, so gewiss bedingt das Ostergeschehen auch inhaltlich einen Neuansatz der Verkündigung, weil in der Verkündigung des irdischen Jesus nicht schon ‘alles’ gesagt ist und auch noch nicht ‘alles’ gesagt werden konnte (212f).

Nach Ostern setzt die Gemeinde die Mahlgemeinschaft mit Jesus fort. Sie weiss ihn als den Lebendigen und Erhöhten. Sie feiert diese Mahle nicht nur als Erinnerung an frühere Lebensgewohnheiten des dahingegangenen Herrn, sondern als wirkliche Tischgemeinschaft mit ihm (216f).

Die ‘Einsetzungs’-Berichte sagen aus, wie die Gemeinde den Tod Jesu (als des Auferweckten und von der Auferweckung her) versteht, wie sie sich selbst aufgrund von Tod und Auferstehung Jesu versteht, wie sie ihren Kult versteht. Das geschieht dadurch, dass sie den Gehalt des Gemeindemahles interpretiert (die Gemeindemahle sind ja zugleich auch der urspüngliche Ort der Verkündigung). Die Gemeinde weiß und erfährt im Glauben den erhöhten Herrn nicht nur gegenwärtig als Mahlveranstalter, Tischherrn und Mahlgeber, sondern auch als Mahlgabe als den, der den Seinen Anteil gibt an dem bundesstiftenden Ereignis seines Todes und sie so zur Gemeinde des Neuen Bundes macht. Für solche Interpretation boten sich wie von selbst die Stellen an, die auch beim jüdischen Festmahl schon ‘liturgisch’ herausgehoben waren: der Segen über dem Brot zu Beginn und über dem Weinbecher am Ende des Mahles (217).

Zugleich wird in diesen ‘Einsetzungs’-Berichten auch gesagt, dass diese Interpretation des Mahles nicht bloße Deutung der Gemeinde, sondern dass ihr dieses Verständnis des Gehaltes der Mahlfeier vom Herrn selbst zugekommen ist. Das geschieht in der Form historischer Datierung. Es handelt sich hier um eine theologische, nicht um eine historische Aussage. Durch die Rückbindung an den irdischen Jesus bringt die Gemeinde zum Ausdruck, dass das eucharistische Mahl Stiftung des Herrn ist, in seinem Willen und Offenbarungshandeln gründet. Dass scheinbar historische Zeitangaben benutzt werden, um theologische Aussagen zu machen, ist von der Einsicht in die literarische Eigenart der Evangelien her nicht verwunderlich. Sie sind ihrer eigentlichen Intention nach keine historiographischen Darstellungen, sondern Glaubenszeugnisse, Verkündigung des in der Kirche gegenwärtigen Herrn, Auslegung des Christus-Ereignisses in der Form geschichtlicher Darstellungen. Solche ‘Historisierung’ theologischer Aussagen begegnet gerade auch im Zusammenhang mit dem Tode Jesu. Die unterschiedliche Datierung des Todes Jesu bei den Synoptikern und bei Johannes dürfte einer solchen theologischen Aussageabsicht entspringen. Ist das einmal erkannt und für die Evangeliums-Verkündigung allgemein zugegeben, dann bereitet auch die Datierung in der pln Formel historisch keine Schwierigkeit mehr. Die Gemeinde legitimiert ihren Kult von Jesus her, d.h. der Kult wird ätiologisch begründet. Die Rückbindung der Verkündung an den irdischen Jesus ist die offenbarungsmäßige Sicherung gegen jegliche Mythologisierung. Sie hat eine ausgesprochen antimythologische und antidoketische Tendenz (217f).

In der Rückbindung der Eucharistie an das letzte Mahl Jesu vor seinem Leiden hat die Gemeinde zugleich das Mittel gefunden, die innere Beziehung der Eucharistie zum Tode Jesu und damit die christologisch-soteriologische Interpretation dieses Mahles vom Tode Jesu her (als des auferweckten Gekreuzigten) auszusagen. Die Stiftung der Eucharistie durch Jesus Christus ist in dieser Sicht auf der Ebene des nachösterlichen Offenbarungsgeschehens gesehen (219).

Der sakramentale (eucharistische) Mahltyp ist eine Weiterentwicklung der ursprünglich nicht- sakramentalen Mahlfeiern. Wenn wir annehmen müssen, dass die nachösterlichen Selbstoffenbarungen (Erscheinungen) des gekreuzigten und auferweckten Herrn den Ursprungsort der Kirche und des Kerygmas fixieren und dass von Ostern her sich die Person Jesu und seine Heilsbedeutung erschließt, dann dürfen wir das sich entfaltende Verständnis des Herrenmahles als ein inneres Moment dieses christologisch-soteriologischen Explikationsvorganges verstehen. Das wird dadurch bestätigt, dass die Einsetzungsberichte ein Stück werdender Christiologie und Soteriologie darstellen (220).

Aus missionarisch-apologetischen Notwendigkeiten sieht sich die Gemeinde in der jüdischen Umwelt gezwungen, das Leiden des Messias als schriftgemäß und so als gottgewollt zu erweisen. Im Zuge des sich nun entwickelnden Schriftbeweises wird allmählich auch Jes 53 für die Deutung der Person und des Heilstodes Jesu neu entdeckt. In den Einsetzungsberichten ist der Bezug auf Jes 53 und damit die Deutung des Todes Jesu im Sinne universaler Soteriologie eindeutig erst im Kelchwort der mkn Überlieferung greifbar (225).


Ergebnis:

- Die Gottesknechts-Christologie steht nicht schon am Anfang der urkirchlichen Christologie.

- Der Einsetzungsbericht des pln-lkn Überlieferungstyps ist noch nicht von der Gottesknechts-Christologie, noch nicht vom Sühnemotiv bestimmt.

- Aufgrund dieser (und anderer) Befunde scheint es kaum möglich, die Gottesknechtsidee (als Deutekategorie des Heilstodes Jesu) auf die Verkündigung bzw. Jüngerbelehrung des irdischen Jesus selbst zurückzuführen (225).

Das mkn Kelchwort spiegelt einen schon fortgeschritteneren theologischen Reflexionsstand wider - gerade im Rückgriff auf die Gottesknechtsvorstellung und die universal-soteriologische Deutung des Todes Jesu (227).

Die Einsetzungsberichte geben den Blick frei auf ein Stück werdender Christiologie, Soteriologie und Ekklesiologie im nachösterlichen Offenbarungsgeschehen (Jo 228).


5. Kein Abendmahl in Joh 6
K. Berger


Das Joh-Ev kennt weder ein Erinnerungsmahl an Jesu letztes Mahl, noch verbindet es dieses oder sonst irgendein gemeinsames Mahl mit Deuteworten zu Brot und Wein. Jesu letztes Mahl nach Johannes erwähnt davon schlechthin gar nichts, in Joh 6 geht es um wesentlich anderes (209).

Joh 6 deutet nicht ein Gemeinde-Mahl und dessen Elemente, sondern hier sucht Jesus Metaphern für sich und sein Wirken. Das Joh-Ev steht abseits der Gemeindepraxis wie sie in Gemeinden des pln und lkn Bereichs geübt wurde. Dort feierte man regelmäßig Abendmahl (210).

Fleisch und Blut sind nicht auf den Kreuzestod oder das Abendmahl zu beziehen, sondern umschreiben Jesus selbst. Das Fleisch Jesu, von dem 6,51b.53 sprechen, i st kein anderes als das, von dem Joh 1,15 spricht: der Mensch Jesus. Ihn essen und trinken bedeutet: ihn ganz in sich aufnehmen, ihn als das Wort im Fleisch annehmen. In 6,60-65 wird hervorgehoben, dass dieses Wort nichts anderes ist als heiliger Geist. Damit wird dem Irrtum vorgebeugt, als könne es um Haut und Knochen Jesu, um einen kannibalistischen Verzehr gehen. Andererseits muss Jesus von Fleisch und Blut sprechen, denn angenommen werden soll nicht irgendein freischwebender Geist, sondern Jesus selbst, seine historisch-individuelle Rede, die Ausdruck seiner eigensten Sendung ist. Das jüdisch-atl Gebot, kein Blut zu trinken, wird nicht verletzt. Das Ärgernis liegt darin, dass es nicht um Gottes Wort im Allgemeinen geht, um Wahrheit und Doktrin, die wie ein Lernstoff ablösbar waren von Mose und den Propheten, sondern dass die Wahrheit untrennbar mit einer Person verknüpft ist (212).

Die wahre Anstößigkeit liegt in dem Menschen Jesus als dem Träger des Logos. Gott wohnt nicht in einem System, sondern im Leib eines Menschen. Die Entfaltung ist nicht eine john Theorie sondern eine Jüngergemeinde (213).

“Fleisch und Blut“ ist nicht Abendmahlsterminologie. In Joh 6 werden nicht Elemente einer Mahlzeit gedeutet, die Jesus mit den Jüngern hält, sondern er deutet sich selbst als das Brot bei einer Mahlzeit. Vom Becher ist nirgends die Rede. Das Trinken wird nur assoziiert, weil zum Fleisch das Blut gehört (213).

Der Geist, den Jesus geben wird, und die Worte, die er bereits geredet hat (6,63) sind das Brot/Fleisch, das er gab und geben wird (213f).

Die Anstößigkeit im Sinne krasser Metaphorik (6,54: 'kauen') ist beabsichtigt, um auf der nicht-metaphorischen Ebene jedes Ausweichen gegenüber der konkreten Person Jesu zu vermeiden (214).

“Mein Fleisch für das Leben der Welt“ (6,51). Wie in 1,14 bezieht sich 'Fleisch' auf Jesu konkrete Existenz als Mensch. Es ist hier weder vom Sterben noch von Stellvertretung, Sühne, Sündenvergebung oder Blutvergießen am Kreuz die Rede.

Von Fleisch und Blut im Sinne der beiden Bestandteile des Menschen ist bei Paulus und den Synoptikern nicht die Rede. “Blut trinken“ ist für jüdisches Verstehen äußerst anstößig und verlangt schon aus diesem Grund eine metaphorische Deutung.

Das Adjektiv 'wahr' (6,55) weist nicht auf den kreatürlichen Bereich sondern auf den Bereich Gottes (vgl. 15,1: Jesus ist kein wirklicher Weinstock, sondern ein Weinstock, der das wahre, von Gott kommende Leben vermittelt) (214).

“Das Fleisch nützt gar nichts“ (6,63b) klärt die Jünger über ihr kannibalistisches Mißverständnis auf. Es geht um die Bindung des Wortes an die Person Jesu. Das Fleisch Jesu essen heißt nichts anderes als ihn selbst auf- und anzunehmen. Das geschieht, indem man Gottes heiligen Geist durch sein Wort annimmt (215).

Es besteht keine Beziehung zum Bund und zum gewaltsamen Tod Jesu, zum Wein und zum Wort über die bevorstehende Zeit, in der Jesus seine Mahlteilhabe unterbrechen wird. Alles dies fehlt in Joh 6 (216).

Eine Verwandtschaft besteht in der Brot-Metaphorik. Wie das Manna in der Wüste, so ist Jesus das wahre Himmelsbrot. Denn dieses Brot ist Brot zum ewigen Leben. Es geht um die selbstverständliche Beziehung Brot – Leben. Wie Brot vor dem Sterben bewahrt, so beschützt dieses Brot vor dem ewigen Tod. “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Munde kommt“ (Dtn 8,3; Mt 4,4). “Die mich essen, hungern nach mehr, und die mich trinken, dürsten nach mehr“ (Sir 24,17-22 LXX). “Kommt, esst von meinem Brot und trinkt von dem Wein, den ich gemischt habe“ (Spr 9,5).

In Joh 6 ist nur die Gleichsetzung von Jesus und Brot belegt ohne den Kontext eines Mahls, denn das Aufnehmen der Botschaft wird als Essen von Jesu Fleisch und als Trinken von Jesu Blut aufgefasst. In Joh 6 geht es nicht um ein Mahl, schon gar nicht um das letzte Mahl und eine Deutung des Todes Jesu. Zwischen Jesus und Brot ist eine metaphorische Beziehung installiert. Das Ziel von Joh 6 ist christologischer Art, nicht Sakramenttheologie. Bund und Jesu Tod stehen hier nicht zur Debatte (217).


Joh 6,51c-58 - ein Nachtrag
J. Becker

Die Verse 6,60ff greifen auf die Anstößigkeit der Selbstoffenbarung des Herabgekommenen und auf die Glaubensproblematik zurück ohne Bezug auf 6,51cff. Weil das Glaubensthema fehlt und die Thematik des Ärgernisses sich auf das Fleisch als Gabe des Menschensohnes bezieht, stört der Abschnitt den sinnvollen Zusammenhang. Wer 6,51c-58 der ursprünglichen Brotrede zuweist, muss die Verlagerung des Anstoßes von 6,22ff zu 6,51cff erklären und 6,60ff als mögliche Fortsetzung zu 6,51cff. Die letzte Schwierigkeit ist um so größer, als hier das “Fleisch zu nichts nütze ist“, dagegen im sakramentalen Teil Lebensträger ist. Ebenso erschwert das in 6,51c-58 fehlende Glaubensthema jeden Brückenschlag zum Kontext (264).

Ein anderes Argument ist der Verweis auf die Übermittlung des Lebens: Nach 6,33-35.47-51b.63.68 bringt die im Wort geschehene Selbstoffenbarung des Sohnes dort Leben, wo dieses Wort im Glauben angenommen wird. So ist die Glaubensbeziehung zum Sohn Leben. In 6,51c-58 ist dagegen die Lebensgabe jenseits der Glaubensrelation an den sakramentalen Genuss von Fleisch und Blut des Menschensohnes gebunden, so dass diese Substanzen Lebensträger sind und also das Leben substantiell gefasst ist. Entscheidend für seinen Empfang ist folgerichtig nicht mehr der Glaube sondern die Aufnahme der sakramentalen Gaben durch den Mund. Ein Autor, der so durchgängig auf den Glauben insistiert wie der Evangelist, hätte, falls er 6,51c-58 als Tradition aufgegriffen hätte, hier mit seinem Glaubensthema korrigiert. Ist hingegen 6,51c-58 ein Nachtrag eines Sakramentalisten, dann ist klar, warum dieser nach der letzten Erwähnung des Brotthemas in Joh 6 (in 6,60ff fehlen die Motive: Brot und Manna!) gleichsam mit Achtergewicht der Rede eine neue Ausrichtung gab. Damit hatte er das letzte und entscheidende Wort zu diesem Thema (264f).

In 6,48-51b hat 'essen' übertragene Bedeutung und ist Metapher für 'glauben', hingegen ist 6,51c-58 real gemeint. Ebenso redet die Brotrede nur vom Brot im übertragenen Sinn, 6,51-58 aber real und zugleich von des Menschensohnes 'Fleisch' essen und sein 'Blut' trinken, bzw. von seiner 'Speise' und seinem 'Trank'. Nach 6,35 reicht das Brot aus, um Hunger und Durst zu stillen, in 6,51cff bedarf es fester und flüssiger Nahrung (Brot und Blut), um den Menschen zu nähren. Entgegen der Brotrede, die Gott als Geber und Jesus als Gabe des Lebens darstellt, ist in dem sakramentalen Stück der Menschensohn der Geber und er selbst als Fleisch und Blut zugleich die Gabe. In der Brotrede ist Jesus als Irdischer Lebensbrot, d.h. das Leben präsent. In 6,61c-58 wird z.T. futurisch geredet (6,27.51c), denn es scheint noch als Problem bekannt zu sein, dass der Irdische noch nicht sakramentale Gabe sein kann, vielmehr erst der Erhöhte sich selbst im Sakrament geben wird. Demzufolge ist der Anstoß der Juden nicht die Unausweisbarkeit des Gesandten und sein christologisches Selbstzeugnis, sondern die Heilsnotwendigkeit des Sakramentes und eine bestimmte Anschauung von den sakramentalen Elementen, nach der diese mit Fleisch und Blut des Menschensohnes identisch sind (265).

Die literarische Art der Redaktion, schon vorliegende Stücke des Evangelisten neu aufzugreifen und umzuinterpretieren und dabei auf Aussagen des Evangelisten aufzubauen, zeigt sich auch bei anderen Zusätzen. Die Redaktion versteht die Rede Jesu in Joh 6 als Rede, die der irdische Jesus einst hielt (Rückschluss aus den Futura in 6,27.51c!) und fragt nun: Wie kann die Gemeinde an diesem Jesus bleibenden Anteil erhalten? Während der Evangelist diese Frage mit Hilfe des Parakleten löst (14,16f.25f), der die Jesusworte als Aufforderung zum Glauben lebendig erhält, verweist die Redaktion auf das immer wieder zu feiernde Herrenmahl: Es ist nun dauerhaft geistliche Lebensspeise für die, die geistlich von oben geboren sind (1,13; 3,3.5). Wer seinen neuen Ursprung von oben regelmäßig mit dem sakramentalen Fleisch und Blut des Menschensohnes nährt, darf erwarten, dass Christus ihn am Ende der Tage auferwecken wird (266).

In 6,35 besitzt das Lebensbrot übertragenen Sinn, der sich dem empfangenen Glauben erschließt. In 6,63 ist die Speise sakramentaldinglich der Menschensohn selbst und direkt. Ihn nimmt man über den Mund als Lebensnahrung auf. Beide Substanzen (Fleisch und Blut) sind Lebensträger, die der Essende real in sich aufnimmt, danach hat er Lebenssubstanz in sich. 6,53 wie 6,51c-58 überhaupt heben auf die heilskonstitutive Funktion des Sakraments ab und begründen diese mit einer sakramentalistischen Theologie (267f).

Kauen des Fleisches und Trinken des Blutes (des Menschensohnes) bedeutet 'ewiges Leben haben': Lebenssubstanz in sich haben (6,53). Darum kann solcher Mahlgenosse mit der Auferweckung am letzten Tag rechnen. Die sakramentale Speise ist 'wahrhaftig' Lebensspeise. Man kann sich auf sie verlassen. Das Mahl bewirkt aber nicht nur endzeitliche Auferweckung, sondern ebenso sakramental-mystische Vereinigung mit Jesus in diesem Leben (6,56f). Hatte der Evangelist vom Sakrament geschwiegen, so hat nun die Redaktion nachgewiesen, wie heilskonstitutiv es ist. Die Spitze der Ausführungen gehen auf die Unentbehrlichkeit des Sakraments, weil die Gemeinde auf diese Weise bleibenden Anteil an Jesus erhält (268f).


L.M.: Das Joh-Ev weiß nichts von einer Abendmahls-Einsetzung durch den historischen Jesus.

In den john Gemeinden konnte man m.E. kein Abendmahl feiern, denn wie sollte man Abendmahl feiern ohne einen Einsetzungsbericht, ohne zu sagen, warum man feiert und wer die Feier wie angeordnet hat?

In Joh 6,51ff fehlen die notwendigen Elemente, die zu kauen und zu schlucken sind; es fehlen die Deuteworte, es fehlt das Opfermotiv: für euch/viele, es fehlt die Aufforderung zur Wiederholung und letztlich ist die feiernde Gemeinde unwesentlich (Individualisierung). Wenn wir nur das Joh-Ev besäßen, gäbe es in der Kirche kein Abendmahl (und keine Taufe).

Nach H. Strathmann ist Joh 6, 51-59 Bild für die persönliche Glaubensbeziehung. Die Rede vom Essen ist Gleichnis der innigsten persönlichen Glaubensverbundenheit. Wenn vom Essen und Trinken des Fleisches und des Blutes gesprochen wird, ist damit das ‘Ärgernis des Kreuzes’ gemeint (125).

A. Schlatter: Dass im Essen und Trinken ein Gleichnis liegt, ist ebenso offenbar, wie wenn er (Jesus) sich ein Brot nennt... Was wir mit seinem Fleisch und Blut zu tun haben, ist nicht Kauen und Schlucken, sondern das, dass wir in seinem gekreuzigten Leib und vergossenen Blut den Grund unseres Lebens erkennen... Geht das Verlangen des Menschen auf den Gekreuzigten, so wird ihm... die göttliche Gnade zuteil.. So geht sein Fleisch und Blut in uns ein, wird ‘gegessen’ und ‘getrunken’ und uns als das wahrhaftige Lebensmittel einverleibt (115f).

Selbst Luther sah in 6,51ff nicht das Herrenmahl bezeugt, sondern die Realität der Inkarnation.

Zum ersten ist das 6. Kapitel Joh ganz beiseite zu legen, da es nicht mit einer Silbe von diesem Sakrament redet. Christus hat da geredet von dem Glauben an das Wort, welches Fleisch geworden. Denn er spricht: ‘Meine Worte sind Geist und Leben’. Damit zeigt er, dass er von dem geistlichen Essen redet, durch welches lebet, der da isset, da die Juden darunter fleischliches Essen verstanden und deshalb mit ihm zankten. Aber kein Essen macht lebendig, denn nur allein das Essen des Glaubens. Denn dieses ist wahrhaftig ein geistliches und lebendiges Essen. Wie auch Augustinus sagt: ‘Was bereitest du den Bauch und die Zähne. Glaube, so hast du gegessen’. Denn das Essen des Sakramentes macht nicht lebendig, weil viele unwürdig essen. Also kann nicht verstanden werden, dass Christus am selben Ort von dem Sakrament geredet habe.

Da Christus spricht: (6,53): “Wenn ihr nicht eßt mein Fleisch und nicht trinkt mein Blut, so werdet ihr das Leben nicht haben”, würde er alle Kinder verdammen, alle Kranken, alle Abwesenden oder durch andere Wege Verhinderten von dem Essen des Sakramentes, wie stark sie auch sonst glaubten, wo er daselbst das Essen des Sakramentes geboten hätte. Darum soll fest bestehen diese Meinung: das 6. Kapitel Joh diene zu der Sache nicht (Lu 159).

S. Schulz: Die john Grundschrift ist an den Sakramenten der Taufe und des Abendmahls nicht interessiert. Johannes spricht nirgends von einem Taufbefehl des Erlösers und ersetzt den Einsetzungsbericht des Herrenmahls durch die Fußwaschung (13,1ff) und die Abschiedsrede (14,1ff). Alles wird von Johannes auf das freie Wirken des Geistes (3,8), auf den in der Gemeinde wirkenden Geist-Parakleten (14,17.26) und das „Ich bin“ des Offenbarers ausgerichtet (s. u. III.3).

L.M.: Wenn in den john Gemeinden Abendmahl gefeiert worden wäre, hätte es in der Gemeinde liturgische Formeln geben müssen. Wieso konnten die im Evangelium vollständig ignoriert werden? Und wenn 6,51ff die Korrektur eines späteren Redaktors wäre, wie konnte auch er solche Tradition übergehen, die doch in seinem Interesse hätte liegen müssen? Das ist m.E. nur dahin zu verstehen, dass es in den john Gemeinden keine Abendmahlsfeiern gab.


6. Anhang


L.M.: Hat Paulus aufgrund einer Offenbarung das Passionsgeschehen in einem Kultus verdichtet?


"Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe" (1Kor 11,23).

Nach Theissen/Merz beruft Paulus sich hier nicht auf Offenbarung, sondern auf menschliche Tradition (364).

Paulus ist in seiner Wortwahl sehr genau. Wenn er "vom Herrn" sagt, meint er vom Herrn nicht von Menschen.

In 1Kor 15,3 schreibt Paulus: "ich habe Euch weitergegeben, was ich auch (wie andere) empfangen habe". Hier geht es um menschliche Tradition. Paulus war 15 Tage bei Petrus gewesen (Gal 1,18). Von ihm hatte er wahrscheinlich erfahren, daß Christus "gesehen worden war (zuerst) von (ihm) Kephas, danach von..."

In Gal 1, 12ff schreibt Paulus: ”Ich habe das Evangelium nicht von einem Menschen empfangen, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.”. Diese Aussage belegt er in mehreren Versen. ”Gott weiß, ich lüge nicht!”.

In 1Kor 11, 23 mußte Paulus sich nicht rechtfertigen wie in Gal 1, 12ff, weil es das Abendmahl in dieser Form noch nicht gab.

Das Abendmahl war noch nicht in den Passionsbericht eingebunden, d.h. eine Datierung des Ursprungs dieses Mahles auf den Rüsttag vor dem Passa oder auf den Passaabend war noch nicht erfolgt.

Bei den Einheitsfaktoren Eph 4,4-6 wird das Abendmahl nicht genannt, weil es nicht überall praktiziert wurde.

In den Gemeinden, die die Traditionen ohne ein heilsmittlerisches Todesverständnis aufbewahrten, wird zu Lebzeiten des Paulus das pln Herrenmahl nicht gefeiert worden sein.


Nach Apg 11,25f hat Barnabas im Jahr 40 (M. Hengel) Paulus von Tarsus nach Antiochien geholt. In Antiochien konnte Paulus 12/13 Jahre wirken, bis er durch Petrus (Zwischenfall) verdrängt wurde.


III. Ursprung und Gestalten der frühen Mahlfeier
Der sakramentale Mahltyp - eine Weiterbildung der ursprünglich nicht-sakramentalen Mahlfeiern
B. Kollmann


1. Fortschreitende Christologisierung der Kultmahlkonzeption


a. Historischer Ursprung

des christlichen Abendmahls war nicht ein besonderes Abschiedsmahl Jesu, das dieser im engsten Kreise seiner Jünger am Vorabend seines Kreuzestodes abhielt, sondern die gesamte Mahlpraxis Jesu während seiner irdischen Wirksamkeit, die in Gestalt offener Mahlgemeinschaften Zöllner, Sünder, Jünger und beliebige weitere Personen einbezog. Unter Anknüpfung an die supranaturalen Bezüge, die jeder jüdischen Mahlzeit als einem unter ideeller Gastgeberschaft Gottes stattfindenden Verzehr von Speise und Trank innewohnen, eignete diesen Mahlgemeinschaften Jesu insbesondere der Charakter von Heilsmählern. Als maßgebliche Verständniskategorie griff Jesus das atl-prophetische Motiv eines heilszeitlichen Freudenmahls Gottes in seiner Verkündigung auf. Er bezog es präsentisch auf die Zeit seines Auftretens (Mk 2,19; Mt 22,1ff par) und konkretisierte es in Gestalt seiner offenen Mahlgemeinschaften (Mk 2,15-17; Mk 6,30-44/8,1ff; Lk 19,1ff; Joh 2,1ff). Für die Teilhabe am göttlichen Heil ist allein der Akt des gemeinsamen Mahlhaltens mit Jesus wesentlich. Den Mahlelementen selbst kommt keinerlei eigenständige Bedeutung zu – in der Regel Brot und Fisch (Mk 6,30-44; 8,1-10), falls vorhanden auch Wein (Mt 11,19 par; Joh 2,1ff) (251f).


b. Diese Mahlgemeinschaften

wurden in den nachösterlichen christlichen Gemeinden fortgesetzt. An die Stelle der leibhaftigen Anwesenheit Jesu trat nunmehr dessen ideelle Gegenwart unter Aufnahme des atl-jüdischen Traditionskomplexes vom endzeitlichen messianischen Heilsmahl. Der Speisungsbericht Joh 21,12f reflektiert eine solche nachösterliche Fortsetzung der Mahlgemeinschaft mit dem Irdischen. Sachlich sind diesem Komplex auch die in 'Jubel' von den ersten Jerusalemer Christen begangenen täglichen Mahlfeiern (Apg 2,42.46) zuzuordnen (252).


c.Im hellenistischen Judenchristentum

blieben die übernatürlichen Bezüge nicht mehr an den Akt des gemeinschaftlichen Mahlhaltens als solchen mit ideeller Gegenwart Jesu gebunden, sondern wurden nunmehr kraft besonderer Qualität den Mahlelementen übereignet.

Die göttlichen Heilsaspekte werden unter Aufnahme des Traditionsmotivs vom Manna als einer himmlischen Lebensspeise sowie unter Rückgriff auf ein substantielles Geistverständnis in hellenistische Deutekategorien umgesetzt, indem die Mahlelemente als Träger des lebenspendenden göttlichen Pneumas gelten (1Kor 10,3f; Did 10,3). Dabei ist Jesus als Offenbarer der Mahlelemente einbezogen aber noch nicht in Speise und Trank selbst präsent. „Alle haben dieselbe Speise gegessen und haben alle denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus“ (1Kor 10,3f). In diesem Stadium kann erstmals von einer sakramentalen Mahlkonzeption gesprochen werden, insofern als die göttlichen Heilsbezüge des gemeinsamen Mahlhaltens nunmehr quasi materialiter durch Speise und Trank übereignet werden. Jetzt konzentriert sich das Interesse zwangsläufig auf Brot und Kelchinhalt, während es zuvor gleichgültig war, was als Speise oder Trank genossen wurde, denn der Akzent lag allein auf dem Akt der Mahlgemeinschaft mit Jesus als solchem (252f).

Im Zuge fortschreitender Christologisierung der Kultmahlkonzeption wurde außerdem unter Einbeziehung von Kommunionopfer- und Mysterienvorstellungen als Frucht von Brot- und Kelchgenuss eine Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi als Zentralaspekt der kultischen Mahlfeier in dem Sinne benannt, dass der Genuss der Elemente eine Anteilhabe am Kreuzes- und Auferstehungsleib Christi dokumentiert: „Der gesegnete Kelch, den wir segen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi“ (1Kor 10,16) (253)?


d. Die nächste Etappe

dieser fortschreitenden Christologisierung ist durch die Formulierung von ‚Einsetzungsworten’ und eine mittels ‚ist’ vollzogene Identifikation von Brot und Kelchinhalt mit Leib bzw. Blut Jesu gekennzeichnet. Der bereits in der Koinonia-Tradition ansatzweise gegebene Bezug zum Tod Jesu wird dabei in Gestalt von ‚Für’-Applikationen entfaltet: „Dies ist mein Leib für euch“ (1Kor 11,24). In einem traditionsgeschichtlich weiterfortgeschrittenen Stadium, wie es Joh 6,51 bietet, erfolgt dann eine Identifikation des himmlischen Lebensbrotes mit „mein Fleisch für das Leben der Welt“. Als Äquivalent zu der ‚Für-Applikation’ beim Brotwort wächst dem Kelchwort, das anfangs ohne Bundesbezüge existierte, zunächst unter Rezeption des Ex 24,8 bezeugten Motivs vom Blutbund die Bundes-Vorstellung zu (in fortgeschrittener, weil zusätzlich Jer 31,31-34 einbeziehender Form 1Kor 11,25). In der Mk 14,24 vorliegenden Fassung des Kelchwortes begegnen – als Resultat des Wegfalls der Worte ‚nach dem Mahl’ – sowohl das Bundes – als auch das Sühnetodinterpretament beim Kelchwort. Dabei entstand aus dem an die Gemeinde gerichteten‚ für euch’ unter dem Einfluss von Jes 53 das universale, für viele’(253).

Darüber hinaus ist dem pln-lkn Überlieferungszweig entnehmbar, dass unter Adaption hellenistischer Totengedächtnistopik nunmehr eine den Bezug zum Tod Jesu verstärkende Zweckbestimmung der kultischen Mahlfeier als eines regelmäßig „zu meinem Gedächtnis“ zu wiederholenden Aktes erfolgte. In diesem Stadium der Traditionsbildung wurden somit bis dahin ‚neutral’ formulierte Kultmahlinterpretamente erstmals in direkte Formulierungen Jesu transponiert (durch das Personal- bzw. Posessivpronomen der 1.Pers. Sing.) (253f).

Durch die Historisierung der Einsetzungsworte im Rahmen eines Abschiedsmahls des Kyrios Jesus „in der Nacht der Dahingabe“ wird die bis dahin ohne Rekurs auf ein letztes Mahl Jesu stattfindende Mahlfeier (Apg 2,42.46; Did 9f; 14,1-3; Joh 6,30-58) erstmals auf ein von Jesus am Vorabend seines Todes gegebenes 'Vermächtnis' zurückgeführt.

Die Historisierung der von einer 'Für'-Formel geprägten Kultmahltradition „in der Nacht der Dahingabe“ (nämlich durch Judas) konnte den Anlass gegeben haben, das Kultmahl nunmehr als von Jesus selbst eingesetzt zu betrachten und bis dahin ‚neutral’ formulierte Kultmahlinterpretamente demgemäß in 'Ich-Stil' zu fassen (254).

„Der Herr Jesus, in der Nacht der Dahingabe, nahm das Brot, (24) dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. (25) Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. (26) Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1Kor 11,23-26).


e. Die Historisierung

durch „in der Nacht der Dahingabe“ motivierte dann ihrerseits zu einer Einverleibung der zunächst isoliert umlaufenden Einsetzungsüberlieferung (1Kor 11,23-25) in den Rahmen des Passionsberichts, der seinerseits bereits die Tradition von einer Entlarvung des Verräters während eines letzten Mahles Jesu beinhaltete (Mk 14,18-21 parr; Joh 13,21-30). Erst durch das im syn Passionsbericht bereits beheimatete Passahmotiv wird die Einsetzungsüberlieferung nunmehr zu einem integrativen Bestandteil dieses letzten Passahmahles Jesu. Entsprechende Bezüge sind erstmals im Mk-Ev greifbar, wo Jesu letztes Mahl zugleich als Passahmahl gilt. Sie wurden von Mt übernommen und von Lukas durch eine formale Angleichung seiner Darstellung des Abschiedsmahls Jesu an den rituellen Ablauf des Passahmahls ausgebaut (254).


2. Drei unterschiedliche Mahltypen nebeneinander um 100 n. Chr.


a. Die Mahlgebete der Did

weisen keinen Bezug zum Tod Jesu auf. Die Eucharistie der Did versteht sich nirgendwo erkennbar als Fortführung eines von Jesus vor seinem Tode begangenen Abschiedsmahls und die Mahlelemente sind nicht christologisch als Leib bzw. Blut Jesu qualifiziert. Vielmehr gelten hier Brot und Wein als pneumatische Gaben, die Gott durch seinen ‚Knecht’ Jesus offenbar gemacht hat. Eine Beeinflussung der Didache durch die ntl ‚Einsetzungsberichte’ ist nicht erkennbar (255).


b. „Ich bin das lebendige Brot,

das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt... Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, ...Denn mein Fleisch ist die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh 6,51-55). Im john Gemeindeverbund wurde eine sakramentale Mahlfeier begangen, in der Speise und Trank als Fleisch und Blut Jesu galten. Dabei war die Gewährung ewigen Lebens kraft Inkorporation der mit Jesu 'Fleisch' identifizierten Lebensspeise und des als sein ‚Blut’ geltenden Lebenstranks impliziert. Die Qualität der eucharistischen Speise als Lebensbrot wird primär durch Jesu präexistente Seinsweise in der Sphäre göttlichen Lebens konstituiert (Joh 6,33.50). Bundes- und Todesgedächtnisvorstellungen fehlen ebenso gänzlich wie eine Mk 14,25 parr vergleichbare eschatologische Perspektive. Diesem Befund korrespondiert der Sachverhalt, dass dem Joh-Ev keine Historisierung der kultischen Mahlfeier im Kontext der Passion Jesu oder gar eines letzten (Passah-) Mahles entnehmbar ist. Eine Verbindung zu dem Motiv vom Abschiedsmahl Jesu wird nicht hergestellt, da die lediglich innerhalb des traditionellen Brotwortes Joh 6,51 durch die 'Für'-Formulierung vorgegebenen Bezüge zum Tod Jesu dem Vf des Joh-Ev offenbar keinen hinreichenden Anlass zu einer derartigen Vorgehensweise boten (256).


c. Die pln Gemeinden

sowie die von den syn Evangelien repräsentierten christlichen Gemeinden begingen ein sakramentales 'Abendmahl', das als Fortführung eines letzten Mahles (Pls) bzw. letzten Passahmahls (Syn) Jesu galt. Mit dieser Mahlkonzeption, bei der die Mahlelemente Brot und Wein christologisch als Leib und Blut Jesu qualifiziert sind, verbinden sich vielfältige Heilsvorstellungen. Grundlegendes soteriologisches Implikat ist dabei die sakramentale communio mit dem Kreuzes- und Auferstehungsleib Jesu, angereichert mit Sühnetod-, Totengedächtnis- und Bundesbezügen (256f).


3. Exkurs: Sekundäre Bildung von Jesuslogien im Ich-Stil


Mt 28, 18-20: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes... Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. In dem ausdrücklich vom Auferstandenen formulierten Tauf- und Missionsbefehl gilt - nach dem 'Abendmahl' - nunmehr auch die Taufe als von Jesus selbst 'eingesetzt'. Bei dem Bemühen, die eigene Taufpraxis sowie die universalistische Mission zu Legitimationszwecken auf entsprechende Anordnungen des Auferstandenen zurückzuführen, werden ebenfalls Formulierungen im Ich-Stil verwendet. (Lk 24,49: „Und siehe, ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch ...“) (259f).

Joh 21, 15-23: Dieser Komplex (und Mt 16, 17-19) setzt nicht nur eine Anerkenntnis des Petrus als kirchlicher Autorität voraus, vielmehr ist darüber hinausgehend Joh 21,18 als vaticinium ex eventu zu beurteilen, das den Märtyrertod des Petrus von Jesus angekündigt sein lässt. Die Korrektur der Auffassung, der Lieblingsjünger werde nicht vor Eintreffen der Parusie Jesu sterben (21,23), weist dessen Tod als bereits der Vergangenheit zugehöriges Ereignis aus. Folglich handelt es sich hier ebenfalls um nicht auf Jesus zurückführbare, sondern ihm sekundär zugeschriebene Logien, die sowohl Verben als auch Personalpronomina der 1. Pers. Sing. verwenden: „Weide meine Lämmer“ 21, 15-17, „wahrlich wahrlich, ich sage dir“ V 18, „folge du mir nach“ V 22.

Die john Ich-bin-Worte: Diese Worte sind das prägnanteste ntl Beispiel dafür, dass nicht allein Ich-Aussagen des Auferstandenen, sondern auch des Irdischen sekundär gebildet wurden. Diese Worte gehen keinesfalls auf Jesus selbst zurück. Durch sie wird der Überzeugung Ausdruck verliehen, dass die Heilsgaben ('Brot des Lebens', 'die Auferstehung und das Leben', 'der Weg, die Wahrheit und das Leben' sowie ursprüngliche Gottesprädikationen wie der 'gute Hirte') mit dem Kommen Jesu realisiert wurden. Diese Ich-bin-Worte wurden dem irdischen Jesus zugeschrieben (260).

Mt 16,18f: „Ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein“. Aus der Vielzahl syn Jesuslogien im Ich-Stil sei zunächst auf diese Petrusverheißung verwiesen, die im Unterschied zu Mt 28,18ff im Erdenleben Jesu angesiedelt ist. Skepsis gegenüber einer Authentizität dieses Doppellogiens erweckt nicht allein der Sachverhalt, dass 'Ekklesia' (Kirche) nur hier im Munde Jesu begegnet, sondern es ist auch äußerst fraglich, ob sich die Gründung einer eigenen Kirche ('meine Kirche') mit Jesu Verkündigung der Königsherrschaft Gottes vereinbaren lässt. Zudem weisen die Futura „ich werde bauen“ und „ich werde dir geben“ auf eine erst nachösterliche Entstehung von Mt 16,18f hin. Die Petrusverheißung setzt somit die Existenz einer organisierten christlichen Kirche voraus, in der Petrus als Autorität mit Lehr- und Disziplinargewalt anerkannt wird. Diese Gegebenheiten werden Mt 16,18f in das Erdenleben Jesu zurückprojiziert, indem die Konstituierung einer christlichen Kirche mit Petrus an der Spitze als von Jesus selbst angekündigt gilt. In diesem Zusammenhang finden wiederum Ich-Formulierungen Verwendung (261).

Die syn 'elthon'-Worte („Ich bin gekommen“): Diese Worte nehmen aus nachösterlicher Perspektive das gesamte Wirken Jesu unter bestimmten Aspekten in den Blick z.B., Mk 2,17: „Ich bin nicht gekommen die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder“ diente vermutlich ursprünglich einer Rechtfertigung der Mission von Heiden: „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte! Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist“ (Lk 12,49f). Dieses Wort ist als eine Leidensankündigung Jesu zu beurteilen, die erst in der christlichen Gemeinde als vaticinium ex eventu entstand (261f).

Im frühesten Christentum setzte auf breiter Basis eine sekundäre Bildung von Jesus-Worten im Ich-Stil ein. Daher ist es denkbar, dass die gleichermaßen in Formulierungen der 1. Pers. Sing. gefassten Einsetzungsworte nicht auf Jesus selbst zurückgehen. Der Ich-Stil im Munde Jesu verbürgt nicht prinzipiell Authentizität, sondern wird von zahlreichen syn und john Befunden als Mittel zur Gestaltung fiktiver Jesusworte ausgewiesen (262).

Die ntl Einsetzungsberichte standen nicht am Anfang der Entwicklung, sondern sie markieren den Höhepunkt einer komplexen Entwicklungsgeschichte nachösterlich fortgesetzter Mahlgemeinschaften der Erdenzeit Jesu. Neben der von den Einsetzungsberichten repräsentierten Mahlkonzeption ist die Existenz solcher kultischen Mahlfeiern nachweisbar, die sich z.T. erheblich von dem ‚Herrenmahl’ pln-syn Prägung unterscheiden (266).


4. Unverzichtbare Elemente frühchristlicher Mahlfeiern


a. Theologische Aspekte

Historische Grundlage des 'Abendmahls' sind die Mahlgemeinschaften Jesu. Er nahm die atl-prophetische Verkündigung eines endzeitlichen Freudenmahls unter der Gastgeberschaft Gottes auf, bezog sie präsentisch auf die Zeit seines Auftretens und konkretisierte entsprechende Heilsaspekte in Form von Mahlgemeinschaften. Diese spezifisch theologischen Bezüge des Mahlhaltens prägen auch die in Gestalt von 'messianischen Heilsmählern' erfolgte nachösterliche Fortsetzung der Mahlgemeinschaften Jesu sowie die Mahlgebete der Did, die sich unmittelbar an Gott wenden – diesen als Gastgeber der Eucharistie und Gewährer der Heilsgaben betrachten. Dieser theologische Aspekt wird in der sonstigen frühchristlichen Mahlüberlieferung stellvertretend wahrgenommen zunächst von dem Pneuma als Instrument des Erdenwirkens Gottes – so in der Beschaffenheit der Mahlelemente als 'geistlicher Speise und Trank' (1Kor 10,3f) – dann durch Christus als Repräsentant Gottes, der in einem Teil der Überlieferung personal in Speise und Trank präsent ist und nach Auffassung der Einsetzungsüberlieferung das christliche Gemeindemahl stiftete (266f).


b. Christologische Aspekte

Die Leibhaftige Anwesenheit Jesu bei den Mahlgemeinschaften zu seinen Lebzeiten wurde nachösterlich zunächst in seine ideelle Repräsentanz als 'Bräutigam' (Mk 2,19), 'Hirte' (Mk 6,34) u.ä. transponiert. In diesen Konzeptionen ist die Anwesenheit Jesu an den gesamten Mahlvollzug als solchen gebunden.

Eine massivere Einbeziehung der Person Christi bietet dann die Koinonia-Tradition 1Kor 10,16, die unter Rezeption von Mysterienvorstellungen im Brot- bzw. Kelchgenuss eine Anteilhabe an Leib und Blut Christi dokumentiert sieht. Diese Befunde setzen eine personale Repräsentanz Jesu in den Mahlelementen selbst voraus.

Ausschließlich in diesem, von einer Präsenz Jesu in den Mahlelementen geprägten Zweig der Überlieferung ist ein massiver Bezug zum Tod Jesu gegeben, denn bei dem – mit dem eucharistischen Brot identifizierten – 'Leib' handelt es sich um den Kreuzes – und Auferstehungsleib Jesu und bei dem 'Blut' um Jesu soteriologisch relevantes Kreuzesblut. Entsprechend wird dieser Bezug zum Tod Jesu in Teilen der Überlieferung in Form von 'Für'-Wendungen, Blutbundvorstellungen und Totengedächnistopik ausgestaltet.

Neben der Präsenz Jesu im Mahlgeschehen begegnet in Teilen der Überlieferung die eschatologisch orientierte Hoffnung auf die Parusie des Herrn (1Kor 11,26; 16,22; Did 10,6).

Noch zu Begin des zweiten Jh.s ist mit der Eucharistie der Did die Begehung einer Mahlfeier belegt, die sich ohne eine kultisch-technische Rezitation von Einsetzungsworten vollzog und dabei den 'Gottesknecht' Jesus als Gewährer der pneumatischen Gaben betrachtete, ohne dass er selbst in diesen präsent wäre (267f).


c. Heilsaspekte

Die Mahlgemeinschaften Jesu waren durch die präsentische Vorwegnahme endzeitlichen Heils gekennzeichnet. Diese Heilsimplikationen wurden in der Folgezeit unter Aufnahme des Traditionsmotivs vom Manna als supranaturaler Lebensspeise und unter Adaption eines substantiellen Geistverständnisses in hellenistische Deutekategorien transponiert. Die Mahlelemente galten nunmehr als Träger des lebenspendenden göttlichen Pneumas (1Kor 10,3f; Did 10,3). In diesem Zusammenhang kann erstmals von einem sakramentalen Mahlverständnis gesprochen werden, da die soteriologischen Bezüge materialiter an eine bestimmte Beschaffenheit von Speise und Trank gebunden sind. Nach 1Kor 10,16 dokumentiert der Genuss von Speise und Trank Anteilhabe an Christi Todes- und Auferstehungsleib.

Bei Joh und Ign dominiert die Vorstellung der sakramentalen communio mit dem Auferstandenen bzw. Erhöhten, indem das mit Jesu 'Fleisch' identifizierte eucharistische Brot als 'Brot des Lebens' bzw. als 'Pharmakon der Unsterblichkeit' bereits in der Gegenwart ewiges Leben und Unsterblichkeit verbürgt (269).

Den Einsetzungsberichten wohnt als Grundvorstellung ebenfalls der Gedanke der sakramentalen communio inne, angereichert durch eine Interpretation des Kreuzesgeschehens als eines Sterbens 'für uns' bzw. 'für viele' sowie durch eine Entfaltung der Bedeutung des Todes Jesu in Bundeskategorien. Diese setzen im pln-lkn Kelchwort das Bewusstsein voraus, der durch Jesu Blut konstituierten neuen Heilsgemeinde zuzugehören. Als neuer Aspekt begegnet dann Mt 26,28 erstmals die Vorstellung, die Teilnahme am Kultmahl bewirke die fortlaufende Vergebung der Sünden (269f).


d. Gemeinschaftsaspekte

Für die Mahlgemeinschaften Jesu war die jüdische Vorstellung bestimmend, dass gemeinsames Essen und Trinken einen Ausdruck innigster Gemeinschaft unter ideeller Gastgeberschaft Gottes darstellt. Diese Gemeinschaft gewährte Jesus in Vorausnahme des endzeitlichen Freudenmahls Gottes denjenigen Personen, die gegenwärtig dem Ruf in die Königsherrschaft Gottes zu folgen bereit waren. Für Paulus dokumentiert das Herrenmahl eine Teilhabe am Leib des Christus. Dieser gemeinschaftliche Aspekt fordert nach pln Verständnis eine ethische Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Christusleib als ganzem (270).


5. Ergebnis


a. Bei sämtlichen Mahlkonzeptionen handelt es sich um eine Feier unter ideeller Gastgeberschaft Gottes. Jesus oder das Pneuma fungieren als Repräsentanten Gottes.

b. Für jegliche Art von ‚Abendmahl’ erweist sich eine Einbeziehung der Person Jesu als wesentlicher Bestandteil. Diese kann sich in Form ideeller Repräsentanz vollziehen, indem die Anwesenheit Jesu an den gesamten Mahlvollzug an sich gebunden ist. Ein grosser Teil der Überlieferung setzt eine Gegenwart Jesu in den sakramentalen Gaben von Speise und Trank voraus.

c. Das christliche Kultmahl dokumentiert einen jenseits dieser Wirklichkeit liegenden Heilsstatus, sei es durch das Mahlhalten als solches oder durch eine bestimmte sakramentale Qualität der Mahlelemente. Soteriologische Aspekte wie 'ewiges Leben', Teilhabe an Kreuzestod und Auferstehung Jesu etc. werden von einem Teil der Überlieferung als schon gegenwärtig wirksam betrachtet (272).

d. Die im frühen Christentum begangene Mahlfeier war stets ein gemeinschaftliches Essen, das einen bestimmten gemeinsamen Heilsstatus dokumentierte und die sakramentalen Inhalte des Mahles nicht losgelöst von einer sachgemäßen Gestaltung der sozialen Bezüge in der jeweiligen Gemeinde betrachten konnte. Dieser Gemeinschaftsaspekt prägte bereits die Mahlgemeinschaften der Erdenzeit Jesu. Eine Beteiligung besonderer Amtsträger war zur sachgemäßen Durchführung der sakramentalen Mahlfeier nicht vorausgesetzt.

e. Bei jeder Art frühchristlicher Mahlfeier handelt es sich um ein Mahl, das eine in Gott bzw. Christus gründende Gemeinschaft aller Beteiligten dokumentiert, dabei mit theologischen, christologischen und soteriologischen Bezügen verbunden ist und in jedem Falle einen jenseits der gegenwärtigen Wirklichkeit liegenden Heilsbereich bekundet (273).


J. Bolyki: Zusammenfassung

1. Der historische Ausgangspunkt des christlichen Herrenmahles war nicht das letzte Abendbrot Jesu, sondern seine Tischgemeinschaftspraxis. Dort war Gott der Hausherr, das Speisen hatte den Charakter eines messianischen Heilsmahles. Eines seiner Merkmale war die Offenheit, ein anderes das Gemeinschaftserlebnis. Die Speiseelemente waren nicht wichtig.

2. In der nachösterlichen Gemeinde führte man Jesu Tischgemeinschaft so weiter, dass Jesus nicht leiblich, sondern idealiter anwesend war und damit das Ganze im Zeichen des endzeitlichen messianischen Heilsmahles geschah. Die eschatologische Freude erfüllte diese Mahlzeiten.

3. Im hellenistischen Judenschristentum erscheinen supranaturale Elemente nicht nur in der Handlung selbst, sondern auch in den Zeichen des Herrenmahles. Durch den Einfluss der Vorstellungen der Mysterienreligionen entstand der Gedanke, die Teilnehmer bekämen durch das Verzehren der Elemente Anteil am gekreuzigten und auferstandenen Leib Christi.

4. Das kleine Wort ‚ist’ der Einsetzungsworte gab Brot und Wein die Identifikation mit dem Leib und Blut Christi.

5. Der Gedanke von (Blut-)Bund und die testamentarischen Anweisungen wurden 'historisiert' und in die Passionsgeschichte eingegliedert.


Anhang

L.M.: 37 Jahre lang habe ich beim Abendmahl Brot und Wein zu mir genommen, obwohl mir jedes Verständnis, jede Antenne dafür fehlt,
(1) weil in einer Freikirche alle am Abendmahl teilnehmen,
(2) weil Jesus sagt: "Dies tut zu meinem Gedächtnis"! und
(3) weil ich eine Nicht-Teilnahme nicht begründen konnte.

Dieser Zwiespalt war die Ursache meiner Beschäftigung mit dem Thema 'Abendmahl'

Nach Ansicht verschiedener Theologen (s.o.) hat der historische Jesus das Abendmahl nicht eingesetzt. Mit dieser Erkenntnis war mein innerer Zwiespalt beseitigt, denn wenn der historische Jesus das Abendmahl nicht eingesetzt hat, dann muss ich nicht daran teilnehmen.




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